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Zitiervorschlag

Das Trauben-Dilemma: Essay über die Notwendigkeit des freien Gestaltens in der Kita

Madeleine Charlet

 

Stellen Sie sich vor, Sie wollten eine Weintraube malen. Vielleicht als Dekoration, oder auch als Kritzelei. Wie würden Sie es angehen? Nehmen Sie doch einmal Zettel und Stift und probieren Sie es aus.

Es lässt sich vermuten, dass der Großteil von Ihnen eine ähnliche Herangehensweise wählt: Blaue Farbe, erst fünf Kugeln, sauber nebeneinander, dann drei darunter, pyramidenförmig, dann zwei, dann eine und zum Schluss ein paar Blätter. So zumindest habe ich es gemacht, als ich das Kinderzimmerfenster meiner Tochter verzieren wollte. Doch beim Malen hatte ich plötzlich eine Epiphanie: Wieso hatte ich mir niemals auch nur einmal Gedanken darüber gemacht die Traube vielleicht anders darzustellen? Vielleicht realistischer, vielleicht abstrakter, vielleicht glitzernd, weil mich das an die wunderbaren Glastrauben erinnerte, die mich als Kind so fasziniert hatten? Jeder würde erkennen was ich gerade gemalt hatte, aber letztlich war es eben nur eines: ein Piktogramm.

Ich kann mich noch an die Wand in meinem Kindergarten erinnern, an der 25 ziemlich gleiche Trauben hingen und ich sehe sie heute noch an den Fenstern der Kindergärten: Etwa 25 ziemlich gleiche Papiervögel, oder Marienkäfer, oder Igel... Wurden sie wirklich von Kindern fabriziert? Und falls ja, welchen Nutzen konnten die Kinder aus der Herstellung ziehen? Ich stelle mir, in der Konsequenz all dieser Beobachtungen, inzwischen eine zentrale Frage: Sollte man Schablonen gänzlich abschaffen und Kinder völlig frei und ohne Vorgaben gestalten lassen?

Um diese Kernfrage beantworten zu können, sollte zunächst eruiert werden, welcher Nutzen sich für Kinder durch künstlerisches Gestalten, speziell die bildende Kunst ergeben kannˡ. Insbesondere in den ersten Lebensjahren werden Kinder nicht zu einem bestimmten Zweck künstlerisch aktiv. Die bloße Freude an der Kritzel-Bewegung entwickelt sich bald zu Darstellungen von eigenen, ganz subjektiven Wahrnehmungen der Welt. Dann nutzen Kinder die Kunst zur Verarbeitung ihrer Erinnerungen und um ihrer Umwelt Bedeutungen beizumessen. „Kunst ist die größtmögliche Entblößung und gleichzeitig die größtmögliche Distanz“ (Binder 2017, o.A.), meint Bildhauerin Kiki Smith und trifft hiermit exakt den Nagel auf den Kopf: Kunst ist ein Ausdruck der Persönlichkeit und des inneren Selbst. Jedoch um die Bedeutung des Dargestellten, weiß zunächst allein dessen Schöpfer. Kunst ist ein Geflecht, hergestellt aus Erlebnissen, Erkenntnissen und Emotionen, dem Neuen und dem Alten. Kunst ist Bildung. Diese Bildung kann das Piktogramm einer Traube nicht ermöglichen. Ein Piktogramm ist keine Kunst (vgl. Jaszus et al. 2008, S. 439-441; Rettkowski-Felten 2005, S. 34-36).

Bildung wird differenzierter auch als Persönlichkeitsbildung bezeichnet. Schablonen und Bastelvorlagen sind das Thema, aber kann ein Kind beim Befolgen einer Arbeitsanweisung seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen?

Literatur, die die Vorteile eines solchen Bastel-Angebots erläutert, gibt es kaum. Dies wäre ein Grund zur Annahme, dass das Basteltanten-Trauma, welches nicht nur Erzieher/innen bezüglich ihres Jobbildes in der Gesellschaft, sondern auch Kinder aufgrund des Verlustes von Freiheit zur Entfaltung quält, endlich überstanden ist. Dennoch stehen die Regale der Kitas voller Bastelbücher und die Regale der Eltern quellen über vor lauter Webteppichen, Faltmappen und Papiernikoläusen. Ein gängiges Argument der Schablonen-Front ist, dass das Produkt am Ende schön aussehen soll und schließlich wollen Eltern stolz sein und auch erkennen können, was ihr Kind geschaffen hat. Susanne Günsch konstatiert jedoch, völlig zurecht: „(…) dass die Kita keinen Deko-Auftrag, sondern einen Erziehungs- und Bildungsauftrag hat“ (Günsch 2017, o.A.). ‚Schön‘ liegt außerdem gänzlich im Auge des Betrachters und so stellt sich die Frage, wem die Kunst nützen soll: Dem Künstler, oder dem Betrachter? Die Antwort liegt auf der Hand, da bereits festgestellt werden konnte, dass Kunst dem Ausdruck der Persönlichkeit und der eigenen (Welt-)Bildung dient. Dass sie jemand als schön empfindet, ist letztlich nur nettes Beiwerk.

Wie jedoch sollen Kinder sich künstlerisch ausdrücken, wenn sie nicht wissen, wie man einen Stift hält, oder etwas ausschneidet, wie man Farben mischen kann, oder welche Beschaffenheit Ton hat? Das Erlernen von Techniken ist tatsächlich ein Argument, welches für die Anwendung von Bastelvorlagen spricht. Auch die Fraktion „freies Gestalten“ kommt nicht umhin, dass das Erlernen von Techniken den Gestaltungsspielraum von Kindern enorm ausdehnt. So gewinnen Prickelbilder und Ausmal-Mandalas plötzlich eine Daseinsberechtigung. Doch Heyl und Schäfer stellen fest: „Wenn die Erzieherin oder der Erzieher Materialien gezielt bereitstellt und Verfahrensweisen kleinschrittig vorgibt, dann steht ihr / sein Plan im Mittelpunkt“ (Heyl / Schäfer 2016, S. 32). Kreativität bedarf der Freiheit. Auch Brügel stellt „goldene Regeln“ auf, die den Umgang mit Kinderzeichnungen betreffen. Hierunter fällt auch, dass dem Kind „keine fest formulierten Aufgaben oder Aufträge“(Brügel 1993, S.10) gegeben werden sollten. Wie jedoch kann das Kind die nötigen Techniken erlernen, ohne dass man ihm die Freiheit zum eigenen Ausdruck nimmt? Die Lösung liegt im ehrlichen Interesse am Werk des Kindes, ohne es dabei jedoch in Erklärungsnot zu bringen. Ein einfaches „Kann ich dir helfen?“ genügt zumeist. Steht das Kind vor einem Problem, das es mit seinen bisherigen Fähigkeiten nicht bewältigen kann, so eröffnet sich hier für die Fachkraft die Möglichkeit dem Kind eine neue Technik zur Lösung des Problems zu vermitteln. In diesem Fall verknüpft sich das Erlernte mit einem Thema, das für das Kind Bedeutung hat und manifestiert sich hierdurch langfristig im Gehirn. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die Technik künftig oft und mit großem Engagement einsetzen und folglich verfeinern wird, potenziert sich erheblich, gegenüber einer Technik die ihm in einer Bastelstunde vermittelt wurde (vgl. Spitzer 2002, o.A.).

Es wird häufig argumentiert, dass Kinder durch die Arbeit nach Vorlage ihre Feinmotorik verbessern können, dass sie Erfolgserlebnisse haben. Dies führe zu Motivation. Doch welche Motivation führt zu schöneren Erfolgserlebnissen, als die intrinsische? Wann lernt der Mensch denn am besten? Wenn er Spaß an seinem Tun hat. Und so wird auch das Kind seine feinmotorischen Fähigkeiten insbesondere dann entwickeln können, wenn seine Tätigkeit eine persönliche Bedeutung hat und es daran Spaß empfindet. Kinder, die ihre Erinnerung an Trauben, an Reben und Weinberge gestalten dürfen statt eines Piktogramms, werden großes Interesse daran haben, die Traube möglichst rund zu zeichnen und sie kräftig auszumalen. Sie werden sie vielleicht außerdem mit Glitzer bestreuen, oder echte Blätter sammeln und aufkleben, sie werden die Farbe für die Traube vielleicht aus echten Trauben anmischen, weil Kinder unendlich kreativ sind. Sie sind intrinsisch motiviert ihre Feinmotorik zu verbessern, um die Ideen in ihrem Kopf auch umsetzen zu können. Es braucht allerdings den Raum, die Zeit, die Freiheit und das Material hierzu.

Es gibt gleichwohl immer auch Kinder, die kein Interesse an künstlerischem Gestalten zeigen. Doch ohne gewisse Fähigkeiten erlangt das Kind keine Schulfähigkeit2. Es ist ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft, dass die Schulfähigkeit eines Kindes daran bemessen wird, ob es auf einem Bein hüpfen oder gerade schneiden kann. Es sind jedoch ausschließlich Literaturen, die auf das Grundschulalter abzielen, die die Vorteile der Schablonenarbeit proklamieren. Natürlich, denn Ziel der „alten“ Schule ist es, Gleichheit zu erreichen. Nur in der Gleichheit lässt sich vergleichen. 25 ziemlich gleiche Trauben lassen sich einfacher bewerten, oder lassen im Kindergarten den vermeintlichen Entwicklungsstand des Kindes besser beurteilen, als 25 Bilder, die entfernt etwas mit Trauben zu tun haben könnten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auch künstlerisch liberal denkende Erzieher/innen genötigt fühlen, desinteressierte Kinder an einen Tisch zu setzen und mit ihnen schneiden zu üben. Das ist eine Dilemma-Situation. Doch nicht jedes Kind drückt sich durch bildnerisches Gestalten aus. Kunst ist ein weit gefasster Begriff und kann auch die Verarbeitung durch Theater, durch Rollenspiel bedeuten. Auch architektonische Meisterwerke aus Bausteinen zu erschaffen, erfordert feinmotorische Fähigkeiten. Die Ressourcen der Kinder unterscheiden sich und Stärken sollten ausgebaut werden, statt des Versuchs vermeintliche Schwächen auszugleichen. Das heißt in der Konsequenz: „Nieder mit dem System!“ ‚Gerade schneiden‘ ist kein angemessener Indikator für Schulfähigkeit.

Denn die Frage ist doch: Welche Fähigkeiten könnten unseren erwachsenen Kindern in der Zukunft nutzen? Wir sind dem Zeitalter der Industrialisierung entwachsen und es bedarf heute nicht mehr des Gehorsams, der stumpfen Ausführung von Aufträgen in möglichst großer Perfektion, sondern der Innovation, der Autonomie, des Selbstbewusstseins und eben der Kreativität. Klar ist, dass nicht alle Menschen die gleichen Fähigkeiten brauchen, jedoch sollten alle Menschen ihre Umwelt begreifen und unsere Welt verstehen können, um sie weiterzuentwickeln (vgl. Dreier 2012, S. 1-15; Heyl / Schäfer 2016, S. 32-36; Smidt 2013, S. 69-82).

Doch muss ein Kind sich nicht auch einmal konzentriert, über einen längeren Zeitraum und vor allem ruhig mit etwas beschäftigen können? Nicht umsonst ist auch die Fähigkeit der Konzentration ein Faktor, der Schulfähigkeit ausmacht. Ein Kind an einen Tisch zu setzen und es zum Basteln zu nötigen ist allerdings keine Konzentrationsübung. Das ist Schikane. Es hat nicht im Geringsten mit ästhetischer Bildung zu tun. Kunst ist nicht der Moment des Stillsitzens, davon gibt es genug. Es ist der Moment von Prozessen, von Ideen und von Schöpfung. Ein Moment des Ausprobierens, des Scheiterns, der Freude und des Erfolgs. Und wieder: Wann kann der Mensch am konzentriertesten arbeiten? Wenn seine Tätigkeit für ihn bedeutsam ist und besonders wenn sie ihm Spaß macht (Philipp 2013, S. 12 ff.).

Die eingangs gestellte Frage, ob Schablonen und infolgedessen auch Bastelbücher gänzlich in Kindertagesstätten abgeschafft werden sollten, wird abschließend dennoch verneint. Durch die Argumentationskette stellt sich heraus, dass das Basteln nach Vorlage nicht in den Bereich der ästhetischen Bildung fällt. Jedoch können gerade Bastelbücher eine Quelle der Inspiration sein und das Herstellen und Nutzen einer Schablone ist eine Technik, die es sich lohnt zu erlernen. So können diese Hilfsmittel Kinder in ihrem künstlerisch-gestalterischen Prozess unterstützen, ihn jedoch nicht ersetzen. Möglicherweise gibt es in einer Kindergarten-Gruppe ein Kind, das keine Idee hat, wie es seine Erfahrungen mit der Weintraube zum Ausdruck bringen kann. Dann kann man diesem Kind zeigen wie man ein Piktogramm einer Traube malt, ohne dabei den anderen Kindern die Chance auf einen freien Schaffensprozess zu nehmen.

Das Thema Schulfähigkeit ist und bleibt ein schlagkräftiges Argument und die Frage, ob Kinder nicht auch lernen müssten sich mit etwas konzentriert zu beschäftigen, was ihnen keinen Spaß macht, bleibt schwer zu beantworten. Die Gegenposition, die „Nieder mit dem System“ –Devise könnte fragen:

Sollten wir weiterhin Kinder dem System anpassen? Oder wird es nicht Zeit, dass das System sich an unsere Kinder anpasst?

Doch egal wie sehr sie das System missbilligt, keine Fachkraft möchte dem Kind den Schuleinstieg erschweren und so sollten Schneideübungen, wenn sich gar keine intrinsische Motivation finden lässt, vielleicht doch ihren Platz in der Kita haben. Dennoch ist es auch die Aufgabe von Fachkräften, in der Kooperation mit Grundschulen, darauf aufmerksam zu machen, dass dem Kind andere Ressourcen als das Schneiden zur Verfügung stehen. Es ist vor allem das Bewusstsein dafür, welchen Wert Kinder aus ihrer eigenen Kunst ziehen können, die Kreativität fördert und erhält.

Malen Sie doch noch einmal eine Weintraube. Wie würden Sie es jetzt angehen?

 

Anmerkungen

ˡ Oftmals wird Kunst auch mit Kreativität im Allgemeinen gleichgesetzt. Kreativität umfasst jedoch viel mehr Bereiche. Wenn im Folgenden also von Kreativität die Rede ist, dann ist ausschließlich künstlerische Kreativität gemeint.

2 Wobei hier auf den Unterschied zwischen den Schulfähigkeiten und der Schulreife, die sich am Alter des Kindes orientiert, hingewiesen werden soll.

 

Literaturverzeichnis

Binder, A. (2017): Kiki Smith im Haus der Kunst. Kulturzeit vom 06.02.2018. Min. 34:40 -34:50. Verfügbar unter: URL: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=71538 (hier Minute 05:12- 05:22), eingesehen am 09.02.2018, 12:43 Uhr MEZ.
Brügel, E. (1993): Wirklichkeiten in Bildern. Über Aneignungsformen von Kindern: Remscheid.
Dreier, A. (2012): Die Bedeutung ästhetischer Bildung in der Kindheit. FH Potsdam. Potsdam, 2012. Verfügbar unter. URL: http://www.netzwerk-fruehe-bildung.de/pdf/2012_11_28_dreier_vortrag_KiKuZ.pdf, eingesehen am 09.02.2018, 11:37 Uhr MEZ.
Günsch, S. (2017): Wann stirbt endlich die Schablonenarbeit aus? Kinder können mehr als Malen nach Zahlen. Verfügbar unter: URL: https://www.susanne-guensch.de/blog-leser/wann-stirbt-endlich-die-schablonenarbeit-aus.html, eingesehen am 10.02.2018, 9:32 Uhr MEZ.
Heyl, T. / Schäfer, L. (2016): Freies Basteln - ein Unwort? In: Kindergarten heute 46 (10), S. 32–36.
Jaszus, R. / Büchin-Wilhelm, I. / Mäder-Berg, M. / Gutmann, W. (2008): Sozialpädagogische Lernfelder für Erzieherinnen. 1. Aufl. Stuttgart: Holland + Josenhans. S. 429-453.
Philipp, M. (2013): Gestalten mit Papier - mehr als Basteln. Feinmotorik trainieren und Techniken kennenlernen (1. und 2. Klasse). 1. Aufl. Hamburg: Auer Verlag.
Rettkowski-Felten, M. (2005): Weg von der Schablonenarbeit - hin zum freien Gestalten. In: Klein & groß (12), S. 34–37.
Smidt, W. (2013): Vorschulische Förderung im Kindergartenalltag. In: Faust-Siehl, G. (Hg.) (2013): Einschulung. Ergebnisse aus der Studie "Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschul- und Schulalter (BiKS)". Münster, New York, München, Berlin: Waxmann. S. 69-82.
Spitzer, M. (2002): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Lizenzausg. Darmstadt: Wiss. Buchges.

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