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Zitiervorschlag

Rezension

Nelia Schmid König: Vom Verschwinden der Kindheit. Jugend im Wandel der Zeit. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2019, 239 Seiten, EUR 22,95 – direkt bestellen durch Anklicken

 

Es ist von Nelia Schmid König schon mutig, ein Buch mit dem Titel „Vom Verschwinden der Kindheit“ zu veröffentlichen. Jede Fachfrau bzw. jeder Fachmann denkt da gleich an Neil Postman‘s Buch „Das Verschwinden der Kindheit“ aus dem Jahr 1983. Es war Pflichtlektüre in vielen sozialwissenschaftlichen Studiengängen und wurde auch in den Medien intensiv diskutiert. Eine der deutschen Ausgaben ist in 18. Auflage im Fischer Taschenbuchverlag erhältlich. Sie – und erst recht die amerikanische Ausgabe – wurden mehrere Tausend Mal in der Fachliteratur zitiert. Wollte Nelia Schmid König eine aktuelle Fortsetzung dieses Bestsellers schreiben? Wohl kaum, denn er taucht in ihrem Buch überhaupt nicht auf – noch nicht einmal im Literaturverzeichnis. Das ist schon verwunderlich!

Ob der Untertitel „Jugend im Wandel der Zeit“ wohl besser den Inhalt des Buches erklärt? Mit diesem Thema beschäftigt sich seit Jahrzehnten die Kindheitsforschung. Ihre Vertreter/innen haben viele empirische Studien durchgeführt sowie eine Reihe von Büchern und Unmengen an Fachartikeln veröffentlich. Leider wird diese wissenschaftliche Literatur von Nelia Schmid König schlichtweg ignoriert. Stattdessen beruht ihr Buch auf eigenen Beobachtungen und Reflexionen, die sie größtenteils als Psychoanalytikerin in München gesammelt hat.

Im ersten Teil ihres Buches beschreibt Nelia Schmid König das (erzieherische) Verhalten gebildeter Eltern und die Symptome der Kinder und Jugendlichen, die sie als Psychoanalytikerin behandelt. In diesem Kontext werden „Modediagnosen“ wie ADHS und Essstörungen problematisiert.

Im zweiten Teil, der fast zwei Fünftel des Buches einnimmt, folgen sieben Biografien, die sich mit einer Ausnahme auf Senior/innen beziehen. Sie werden von Nelia Schmid König ausführlich kommentiert und mit Fällen aus ihrer kinder- und jugendtherapeutischen Praxis verglichen.

Im dritten Teil wird beschrieben, wie sich Kindheit und Jugend gewandelt haben und was das Leben heutiger Jugendlicher charakterisiert. In diesem Teil schildern auch sieben junge Menschen ihre Zukunftspläne. Schließlich wird noch auf die Probleme von Eltern mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mit Lehrer/innen bzw. dem Schulsystem und innerhalb ihrer Familien eingegangen. Die Lösungsvorschläge – z.B. Elternstreiks zum Durchsetzen von „Spaß an der Schule“, zur Abschaffung von Hausaufgaben und zur Verbesserung der Partnerschaft zwischen Lehrern und Eltern, ein Grundeinkommen, sodass nicht beide Elternteile arbeiten müssen, „Menschenmütter“, die „wieder zu einem beschützenden Brutverhalten“ zurückfinden (S. 220) – sind recht unrealistisch.

Immer wieder verdeutlicht Nelia Schmid König die Individualität und Einzigartigkeit eines jeden Kindes, Jugendlichen oder Elternteils. Dementsprechend kann es keine allgemeinen Charakterisierungen der heutigen Kindheit oder keine auf die meisten Kinder anwendbaren Erziehungstipps geben. Vielmehr müssen Eltern für jedes Kind einen eigenen Weg finden – auf der Basis von Bindung, Zuwendung und Vertrauen. Auch psychotherapeutische Behandlungen müssen auf den Einzelfall zugeschnitten werden.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Nur wer an den persönlichen Erfahrungen von Nelia Schmid König mit (beratungs- oder therapiebedürftigen) Kindern und Eltern, an ihrer Meinung über die heutige Jugend und über die Gesellschaft, an ihren Erziehungsvorstellungen oder an ihren Verbesserungsvorschlägen zu Schule, Beruf und Familie interessiert ist, sollte dieses Buch lesen.

Martin R. Textor

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