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Zitiervorschlag

Rezension

Anne Hassel, Eva Künzel: Amelie streikt. Aschaffenburg: Alibri 2019, 32 Seiten, EUR 15,00 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Die bekannte Autorin Anne Hassel schreibt in ihrem neuen Bilderbuch über Amelie - eine Ameise, die in der Schule gelernt hat, dass alle Ameisen bestimmte Aufgaben haben und ganz fleißig sein müssen, um diese zufriedenstellend zu erfüllen. Und schon läuft Amelie brav in der Ameisenkolonne mit, sammelt Honigtau, tote Insekten und Pflanzenteile. Eines Tages bleibt sie stehen, um einem Schmetterling zuzuschauen, der auf einer Blume schaukelt. Aber schon wird sie von den anderen Ameisen weitergeschubst: „Auf, auf! Wir haben keine Zeit!“ Dasselbe passiert an den folgenden beiden Tagen, als Amelie einen faulenzenden Hasen beobachtet bzw. einen Igel einen Hang herunter kugeln sieht. Sie will auch so viel Zeit für sich selbst haben und beschließt zu streiken.

Am nächsten Tag schreibt Amelie „Ich streike“ auf ein Ahornblatt und zieht zur Verwunderung der anderen Ameisen alleine los. Sie klettert den Stil einer Blume herauf und trifft dort den Schmetterling, hoppelt wie ein Hase, probiert eine Möhre, kugelt wie der Igel einen Hang herunter - und ist ausgelassen und glücklich. Dann wird es dunkel. Amelie hat Angst, denn sie war noch nie nachts draußen. Das Schreien eines Kauzes und ein sonderbares Klopfen lassen sie zittern. Aber dann trifft sie auf den Igel und darf zu ihm in den Laubhügel kriechen. Am nächsten Tag macht Amelie wieder das, was sie will. Sie fühlt sich nicht allein, da sie neue Freunde gefunden hat...

Das Bilderbuch wurde von Eva Künzel, die schon viele Kinderbücher und -spiele gestaltet hat, plakativ mit Deckfarben illustriert. Besonders gut gefällt mir, dass die letzten doppelseitigen Bilder ohne Text sind: Hier sieht man zunächst Ameisen - Pflanzenteile haltend - auf dem Hasen und dem Igel sitzen. Dann folgt ein Bild, wo sich Hase und Igel in den Ameisenzug eingeordnet haben und Zweige tragen.

Somit motiviert das Bilderbuch dazu, mit Kindern über den weiteren Verlauf der Geschichte zu fantasieren: Haben die anderen Ameisen am Beispiel von Amelie gelernt, arbeiten nun etwas weniger und haben mehr Spaß? Oder hat das Vorbild der hart arbeitenden Ameisen dazu geführt, dass Hase und Igel nun auch „etwas Nützliches“ machen und in der Ameisenkolonne mit marschieren?

Oder könnte die Geschichte nicht ein ganz anderes Ende haben? Könnte es nicht sein, dass sich Amelie - vor allem nachts - so einsam fühlt, dass sie in den Ameisenhaufen zurückkehrt? Oder was würde geschehen, wenn es Winter wird, Amelie friert und nichts mehr zu fressen findet? Nehmen sie dann die anderen Ameisen wieder auf? Obwohl Amelie sich nicht am Sammeln von Vorräten beteiligt hat?

Und damit lädt das Bilderbuch auch zum Philosophieren mit Kindern ein: Wie wichtig ist der Beruf? Arbeiten Vater und Mutter auch so viel wie die Ameisen? Was ist überhaupt (Haus-) Arbeit? Und wie wichtig ist die Freizeit? Ist diese verplant oder wird sie auch als Muße erlebt (so wie von Amelie)? Ein empfehlenswertes Bilderbuch!

Martin R. Textor

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