Kindergärten des Ägyptischen Erziehungsministeriums

Ali Etman

 

In Ägypten werden Kindergärten von Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren besucht. Das Erziehungsministerium unterhält die meisten Einrichtungen. Es hat eine eigene Abteilung für Kindergärten, deren Beamte regelmäßig alle Kindergärten in ganz Ägypten kontrollieren, die dem Ministerium gehören. Das Erziehungsministerium überwacht auch Kindergärten mit einem privaten Träger, weil ihm alle Kindergärten in Privatschulen unterstehen. Daneben gibt es in allen Provinzen Beamte, die Kindergärten kontrollieren können, die sich in ihrer Provinz befinden.

Eine Vorschrift betrifft die Pflicht zu regelmäßigen Elternabenden in den Kindergärten. Der Elternabend wird nur von den Müttern der Kinder besucht. Nur wenn es in einer Familie keine Mutter mehr gibt, darf der Elternabend auch vom Vater besucht werden (nach einem Gespräch mit der Leiterin des Kindergartens). Der Grund für diese Regelung liegt darin, dass die Mütter ihren Kindern näher sind als die Väter. Zudem werden Mütter schneller auf Probleme ihrer Kinder aufmerksam und reagieren entsprechend.

Die Kindergärten des Erziehungsministeriums haben die Möglichkeit, entweder nur die arabische Sprache (Regeleinrichtungen) oder daneben noch die englische, deutsche oder eine andere Sprache zu vermitteln (Modellversuchs-Einrichtungen).

Die Räumlichkeiten

Kindergärten befinden sich in den Großstädten, in kleineren Städten sowie in den Dörfern. Sie haben kein eigenes Gebäude, sondern sind in der Grundschule untergebracht. Das heißt, wenn es eine Grundschule in einer Stadt oder in einem Dorf gibt, dann befindet sich dort der Kindergarten in der Grundschule. Nach meiner Beobachtung von Kindergärten des Erziehungsministeriums, von privaten Kindergärten, die demselben unterstehen und anderen Kindergärten gibt es hier zwei Möglichkeiten:

  1. Wenn eine Grundschule über mehrere Gebäude verfügt, dann wird ein Gebäude dem Kindergarten zugewiesen, das über einen Spielplatz, einen Außenspielbereich usw. mit der Grundschule verbunden ist.
  2. In den meisten Grundschulen sind die jeweiligen Kindergärten jedoch auf einer Etage der Schule untergebracht.

Die Unterbringung im Schulgebäude führt nach Auffassung vieler Leiterinnen von Kindergärten zu Beeinträchtigungen der pädagogischen Arbeit, da die Möglichkeiten für ein selbst geleitetes und eigenständiges Spiel behindert werden (Interview mit einem Beamten der Abteilung für Kindergärten des Erziehungsministeriums in Kairo, Januar 2001).

Das Personal

Zum Team eines Kindergartens des Erziehungsministeriums gehören:

  1. Der Leiter des Kindergartens, der zugleich auch Leiter der Grundschule ist. Der Leiter hat einen großen Einfluss und Weisungsbefugnis. Er kann auch Mitarbeiter/innen maßregeln, aber er muss in solchen Fällen das Erziehungsministerium informieren und dieses muss mit der Maßnahme einverstanden sein.
  2. Der Vertreter der Leitung. Ihm werden Befugnisse vom Leiter übertragen, die er dann verantwortlich ausführt.
  3. Fachkräfte für Sozialarbeit - ebenfalls Beamte, die vier Jahre lang an der Universität ausgebildet wurden. Sie unternehmen auch Reisen mit den Kinder (z.B. zu Museen).
  4. Die Mitarbeiterinnen (z.B. Sekretärinnen), die organisatorische und Verwaltungsaufgaben erledigen (Aktenführung über die Kinder) und auch besondere Treffen zwischen Mitarbeitern und Eltern organisieren. Sie wissen über die Kinder Bescheid und arbeiten mit den Erzieherinnen zusammen.
  5. Die Erzieherinnen mit fester Anstellung. Mehr als 90 Prozent verfügen über eine Ausbildung an einer Universität.
  6. Die Aushilfen helfen den Erzieherinnen z.B. dann, wenn ein Kind zur Toilette gehen will. Des Weiteren sind sie für die Hygiene in der Einrichtung zuständig.

Die Ausbildung

Die meisten Erzieherinnen in Kindergärten verfügen über den Erzieherausbildungsabschluss, der an der Universität erworben wird. Während die weitaus meisten Erzieherinnen den (neuen) Hochschulabschluss erworben haben, weisen einige noch andere Qualifikationen auf. Dazu gehört z.B. das Studiendiplom der Pädagogischen Fakultät, das nach dem ersten Universitätsabschluss erworben wird. Das Diplomstudium dauert ein bis zwei Jahre und gilt als höherwertig. Viele Erzieherinnen streben diesen Abschluss an.

Die Erzieherinnen müssen zusätzlich einen Kurs des Erziehungsministeriums zum Thema "Entwicklung des Kindes" und zu aktuellen Problemen von Kindern besuchen. In manchen Einrichtungen verfügen einige Erzieherinnen jedoch noch nicht über eine Universitätsausbildung.

Jedoch gibt es keine Gleichstellung der Fachkräfte in normalen öffentlichen Kindergärten (nur arabische Sprache) und in den Modelversuchs-Kindergärten (mit zweiter Sprache). Letztere haben nicht nur ein bessere Erzieher-Kind-Relation, sondern erhalten auch rund 50% mehr Grundgehalt (Erziehungsministerium, Kindergartenabteilung, S. 20). Erzieherinnen in einem Regelkindergarten sind jedoch Beamtinnen mit einem sicherem Einkommen.

Kosten des Kindergartens

Für die Tagespflege müssen die Eltern ein sogenanntes Pflegegeld zahlen, das privat ausgehandelt wird.

Bei den Regelkindergärten müssen die Eltern Beiträge für die Betreuung ihres Kindes an das Erziehungsministerium zahlen. Die Rechtsgrundlage für die Zahlung dieser Beiträge ist das Gesetz für Tageseinrichtungen.

Die Kosten für Kindergärten des Erziehungsministeriums liegen niedriger als diejenigen für Einrichtungen anderer Träger, weil das Erziehungsministerium seine Einrichtungen finanziell unterstützt. Es gibt keine Abstufung der Beiträge nach Einkommen der Eltern: Alle Eltern bezahlen das Gleiche. In der Regel liegen die Jahresbeiträge für Vierjährige bei 140 L.E (entsprechen 40 Euro) und für Fünfjährige 150 L.E (45 Euro) (Stand 2001). Enthalten in den Kosten sind die Bücher für die Kinder, Elternabende im Kindergarten, Hilfe für behinderte Kinder, Krankenversicherung, Bibliothek, Betreuung, Aktivitäten für die Kinder usw. (Erziehungsministerium, Kindergartenabteilung, Kairo, Stand 2001 und auch Interview mit Leiterinnen im Kindergarten).

Die Kosten in den Modellkindergärten werden in allen Provinzen von Beamten kontrolliert. Die Elternbeiträge werden an das Erziehungsministerium abgeführt. Dieses unterstützt die Kindergärten mit einem Grundbeitrag sowie durch die Finanzierung besonderer Aktivitäten und der Ausstattung (Erziehungsministerium, Interview mit den Beamten im Jahr 2001).

Der Tagesablauf im Kindergarten

Ein Tag im Kindergarteb läuft laut dem Erziehungsministerium (Grundschulverwaltung in Kairo, veröffentlicht unter der Nummer 76 an 10.09.1983, S. 27-28) folgendermaßen ab:

08.00-08.30 Uhr

Öffnung des Kindergartens, Aufnahme der Kinder, Gesundheitsuntersuchung für Kinder, Zuweisung der Kinder zu den einzelnen Kindergruppen

08.30-09.30 Uhr

Freispielphase. Die Kinder spielen außerhalb des Gruppenraums. Es können alle Spielbereiche von den Kindern genutzt werden, auch der Spielplatz. Während der Freispielzeit ordnen die Erzieherinnen gezielte Angebote in den verschiedenen Bereichen an. Dort lernen Kinder in Kleingruppen neue Materialien oder Techniken kennen, erhalten neue Anregungen, erfahren neue Handlungsmöglichkeiten etc.

09.30-10.30 Uhr

Die Kinder spielen im Garten (Freispiel), es gibt Spiele auf dem Spielplatz oder einen Spaziergang. Beobachtung der Kinder durch die Erzieherinnen.

10.30-11.00 Uhr

Mittagsessen und Toilettengang

11.00-11.30 Uhr

Sprachförderung, auch in Verbindung mit der Vermittlung von Bildungsinhalten. Ferner lernen die Kinder, leichte Wörter zu lesen und zu schreiben.

11.30-12.30 Uhr

Erzählen von Märchen und Geschichten für Kinder

12.30-13.30 Uhr

Singen (Musikbegleitung) und Musizieren, Erzählen von Märchen

13.30-14.00 Uhr

Abholzeit

Der Tagesablauf weist viel Freiraum für Spiele und Aktivitäten sowie für Singen und das Erzählen von Märchen auf. Aber nach Beobachtung des Autors in verschiedenen Einrichtungen stehen das Lernen von Lesen und Schreiben an oberster Stelle.

Literatur

Abdelnaby, Saad: Probleme in ägyptischen Kindergärten im Vergleich mit den USA und Russland. Magisterarbeit an der Pädagogischen Fakultät, Einschams Universität, Kairo

Abied, Ahmed: Geschichte des Kindergartens. Kairo

Aboud, Abdelgahny: Bildungswesen. Kairo: Verlag Alfekr Alarabei

Abouschahba, Hanna: Tendenzen der Kindererziehung seitens der Eltern (Islamische Erziehung). Band 2. Kaito: Al-Azhar Universität 1990

Abousossa, Saaidia: Tendenzen der Eltern bei der Erziehung des Kindes nach dem Koran. Kaito: Al-Azhar Universität, Zentrum für besondere Kinder, Mai 1996

Ägyptische Regierung, Zentrum für Fachstudium, Abteilung für Allgemeine Erziehung: Konzepte für das Vorschulalter, 1989-1990 (arabisch)

Autor

Dr. Ali Etman
Al-Azhar University, Women's Branch
Faculty of Humanities
Kindergarten Department
Madinat Naser, Cairo, Egypt
Email: alietman1@yahoo.com

Veröffentlichungen

Etman, A. Ali: Vorschulische Erziehung: Ägypten und Deutschland. Vergleichsstudie unter besonderer Berücksichtigung der Erzieherausbildung. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2004

Etman, A. Ali: Gemeinsam lernen. Eine empirische Untersuchung zur gemeinsamen Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder im Regel-Kindergarten aus der Sicht von Eltern und Leitungspersonal. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2005

Etman, A. Ali: Fremdsprachenlernen im Kindergarten - am Bespiel Ägyptens. www.kindergartenpaedagogik.de/1135.html

Etman, A. Ali: Lesenlernen in ägyptischen Kindergärten. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1405.html