Fremdsprachenlernen im Kindergarten - am Bespiel Ägyptens

Ali Etman

 

Kindergärten sind in Ägypten, ebenso wie in Deutschland, eine freiwillige Einrichtung und daher nicht gebührenfrei, während der Staat einen gebührenfreien Schul- und Universitätsbesuch gewährleistet. Gleichzeitig ist der Staat auch für die Qualität des Kindergartens verantwortlich.

Die Vorschulerziehung gilt als die wichtigste Phase in der Entwicklung des Kindes. Pädagogen wie Psychologen sprechen dieser Phase eine besonders positive Auswirkung auf die Entwicklung und die Persönlichkeitsbildung der Kinder zu, weil in dieser Phase Traditionen vermittelt, Interessen erkannt und Fähigkeiten gefördert werden (Nationaler Bund, 1981, S.145).

In Ägypten bestehen verschiedene Einrichtungen für Vorschulerziehung. Dabei stellen Fremdsprachenangebote für diese Altersstufe (4 bis 6 Jahren Kindergartenalter) einen Aspekt dar, durch den sich die Einrichtungen unterscheiden.

Die Vorschulerziehung in Ägypten untersteht der Aufsicht entweder des Erziehungsministeriums, des Religionsministeriums oder des Sozialministeriums. Ziel der Arbeit im Kindergarten ist die Vorbereitung der Kinder auf den Besuch der Grundschule. Einige Grundschulen haben ihre eigene vorbereitende Vorschulerziehung, die daher der Aufsicht des Erziehungsministeriums bzw. des Religionsministeriums untersteht. Die Lernbereiche dieser Vorschulerziehung werden in enger Zusammenarbeit von Schul- und Sozialbehörden entwickelt.

Unterschiede bestehen im Zugang zu vorschulischen Einrichtungen: In Deutschland haben Eltern einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz, in Ägypten können nur wenige Kinder (rd. 11%) einen Kindergarten besuchen. Der Besuch ist abhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern und der Anzahl der Kindergärten und Kindergartenplätze. Der Besuch der staatlichen Grundschule ist obligatorisch; vorschulische Bildung wird jedoch der privaten Initiative überlassen.

Kinder besitzen eine elementare Sprachfähigkeit und Denkfähigkeit, wie das Interesse an Sprachförderung zeigt. Das heißt, die Sprachförderung und Fremdsprachen können in dieser Phase noch gefühlsmäßig und automatisch erlernt werden, weil Kinder freiwillig ohne Hausaufgaben lernen und sie nicht durch Wortstellung oder Sätze in der Muttersprache beeinflusst werden. Durch das spielerische Lernen erwerben sie die Fremdsprache ohne Zuhilfenahme der Muttersprache. Allgemein besteht die Auffassung, dass der Kindergarten eine optimale Phase für das Erlernen einer Fremdsprache sein kann.

Zur Förderung von Fremdsprachen und für begabte Kinder in Vorschulalter werden in vorschulischen Einrichtungen in Ägypten Fremdsprachen in Abstimmung mit der Grundschule angeboten. Zunächst wurde ausschließlich Englisch im Kindergarten angeboten; inzwischen wurde dieses Angebot um weitere Sprachen ergänzt. So werden zur Zeit mehrere Sprachen in Kindergärten angeboten.

Dieses Angebot wird besonders von besser gebildeten Eltern begrüßt, da es durch akademisch ausgebildete Erzieherinnen vermittelt wird. Elternbefragungen zeigen, dass sie solche Reformen, wie Englisch im Kindergarten, unterstützen. Sie akzeptieren Englisch besonders dann, wenn die Erzieherinnen eine Ausbildung an Hochschulen abgeschlossen haben.

Die Fortschritte der Kinder sind beobachtbar, die Kinder lernen Fremdsprachen gerne. Durch Aktivitäten, Texte, Lesen, Schreiben und Singen fördern die Erzieherinnen die Kinder. In Ägypten ist Englisch die anerkannte Zweitsprache. Daher fordern Eltern, dass ihre Kinder auch in der Grundschule als erste Fremdsprache nach Arabisch die englischen Sprache lernen sollen; dabei können Erfahrungen im Vorschulalter helfen (Interviews mit Eltern in Ägypten).

Vor allem die Eltern, deren Kinder Kindergärten des Religionsministeriums besuchen, betonen, dass sie ein großes Interesse an der Zusammenarbeit mit den Kindergärten haben. Ihr Interesse an den Kindergärten des Religionsministeriums wird bestimmt durch ihre Interesse an:

  1. Traditionen der Gesellschaft
  2. Religionsunterricht
  3. Fremdsprachenerwerb
  4. Erlernen von Lesen und Schreiben
  5. Unabhängigkeit von den Vorgaben des Erziehungsministeriums

Grundsätzlich erfolgt den Unterricht in ägyptischen Kindergärten in der Muttersprache und ist dadurch dem Lernen in der Familie so ähnlich wie möglich. In der Grundschule wird dies zunehmend schwieriger, weil bestimmte Einrichtungen sich auf Unterricht in einer Fremdsprache konzentrieren (Interviews mit Eltern in verschiedenen Einrichtungen).

Eine wichtige Aufgabe des Kindergartens ist die sprachliche Förderung der Kinder. Die Kinder sprechen zu Hause Arabisch. Bereits im Kindergaren lernen die Kinder neben der Muttersprache spielerisch auch eine Fremdsprache, um auf die Schule vorbereitet zu sein. Eltern erwähnten im Interview, sie wünschten sich, dass ihre Kinder eine Fremdsprache erlernen, um sich für die Zukunft besser qualifizieren zu können.

Inzwischen sehen sich die Einrichtungen, Erzieherinnen und Leitungen von Kindergärten in Ägypten durch die Eltern unter Druck gesetzt, Fremdsprachen einzuführen. Dabei geht es um Lernerfolg in der Fremdsprache in der Altersgruppe der 4- bis 6-Jährigen.

Englisch im Kindergarten soll nicht auf Druck der Eltern durchgeführt werden, sondern eine freiwillige und spielerische Angelegenheit sein (nach Interview mit Leiterin des Kindergarten in Ägypten). Die Vermittlung der Fremdsprachen in ägyptischen Kindergärten geschieht auf vielfältige Weise, wie durch Sprechen, Schreiben auf Tafeln und Vorlesen, Spiele, Lieder und Audio- oder auch Videokassetten.

In den meisten Kindergärten stehen Tische und Bänke wie in den normalen Klassenräumen frontal zur Tafel bzw. zur Erzieherin. Erzieherinnen arbeiten nach zentralen Lehrplänen, ohne die Möglichkeit der Eigeninitiative, weil ihnen bereits im Kindergarten Bücher zum Lernen vorgegeben sind. Dies ist nicht besonders hilfreich, denn sie müssen jeweils entscheiden, in welcher Phase und in welchen Bereichen das Kinder Förderung braucht.

Auch der Tagesablauf im Kindergarten in Ägypten entspricht dem an einer Schule: Die Kinder sitzen wie in einer Klasse. Es gibt sehr wenig freies und eigenständiges Spielen (nach Beobachtung im Erziehungsministerium, Religionsministerium und privaten Kindergärten, die unter der Kontorelle des Erziehungsministeriums stehen). Als weiterer Nachteil ist die große Gruppenstärke anzusehen. So konnte während einer zweimonatigen Beobachtung in verschiedenen Einrichtungen festgestellt werden, dass die Räume häufig sehr klein sind und einige Gruppen mehr als 35 Kinder umfassen.

Es zeigt sich, dass in fast allen Einrichtungen weitere Sprachen neben der Muttersprache unterrichtet werden. Meine Untersuchungen haben gezeigt, dass alle Kindergärten des Religionsministeriums weitere Sprachen unterrichten. "Die Kinder lernen auch Mathematik, Arabisch, English, Koran" (laut Interview mit Leiterin des Religionsministeriums Kindergarten).

In den Kindergärten des Religionsministeriums arbeiten immer zwei Erzieherinnen in einer Kindergruppe. Eine von beiden verfügt über eine Erzieherausbildung an der Universität von 8 Semestern oder einen anderen akademischen Abschluss, während die andere als Englischlehrerin ausgebildet sein muss. In dem Interview mit der Leiterin des Religionsministeriums ergab sich, dass bewusst Erzieherinnen mit einer Ausbildung in Englisch eingestellt werden, da der Kindergarten den Fremdsprachenunterricht sehr stark fördert.

Dem Erziehungsministerium steht auch die Kontrolle über die privaten Kindergärten zu, da diese mit dem Schulsystem verbunden sind. Auch dort lernen die Kinder Fremdsprachen (Englisch, Deutsch oder Französisch) neben ihrer Muttersprache - und dies, obwohl ein Erlass des Ministeriums den regulären Unterricht im Kindergarten untersagt und Kindergartenarbeit sich auf freie Aktivitäten mit den Kindern beschränken soll. In Interviews mit Erziehrinnen in verschiedenen Einrichtungen wurde dies damit begründet, dass die Eltern ein sehr großes Interesse haben und sie sich Fremdsprachenunterricht für ihre Kinder im Kindergarten wünschen. Die Kinder werden in mehr oder weniger spielerischer Weise mit der arabischen Sprache und mit Fremdsprachen konfrontiert. Insgesamt lässt sich feststellen, dass in dem meisten Einrichtungen (95,4%) andere Sprachen neben Arabisch gelehrt werden, und nur ganz wenige Kindergärten keine anderen Sprachen im Programm haben.

Der Autor hält es für notwendig, dass Fremdsprachen im Kindergarten gefördert werden sollten, um die Sprachkompetenz der Kinder zu entwickeln, weil Kinder in frühen Jahren die Fremdsprache besonderes leicht erlernen können. Aber man darf nicht vergessen, dass die Erzieherinnen in Kindergärten über sehr gute Kenntnisse in der Fremdsprache verfügen müssen und auch geeignetes Lernmaterial zur Verfügung stehen muss, soll dieser Unterricht erfolgreich sein. Dann kann Fremdsprachenlernen auch zu Völkerverständigung und Frieden beitragen.

Es ist festzuhalten, dass diese Diskussion um die Fremdsprache nur einen kleinen Teil der ägyptischen Eltern betrifft, denn nur 11% aller Kinder im Alter zwischen 4 und 6 Jahren besuchen überhaupt einen Kindergarten (zitiert nach Almessa Zeitung vom 26.12.1999).

Literatur

Etman, A. Ali: Vorschulische Erziehung: Ägypten und Deutschland. Vergleichsstudie unter besonderer Berücksichtigung der Erzieherausbildung. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2004

National Bund: Bildungssystem. Prinzip, Forschung und Empfehlung. Kairo, Ägypten, 1981

Autor

Dr. Ali Abdeltwap Etman, Universität Münster, Institut III Sozialpädagogik und Empirische Pädagogik. Seit 1996 als Assistent in der Abteilung Pädagogik der Fakultät für Geisteswissenschaften (Frauenzweig) an der Universität Al-Azhar (Nasr City) in Kairo, Ägypten angestellt. Im Juli 1997 Erhalt des Magistergrads mit einer Magisterarbeit zum Thema "Gesellschaftliche und Pädagogische Wirkungen der Kinderarbeit in Ägypten". Im Februar 2004 Promotion an der Philosophischen Fakultät der Universität Münster. Seit Mai 2004 wissenschaftliche Hilfskraft am Institut III Sozialpädagogik und Empirische Pädagogik der Universität Münster.

Kontakt

Email: alietman1@yahoo.com
Website: http://egora.uni-muenster.de/ew/ew_personen/etman.shtml