Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Kaiserin Caroline Auguste

Manfred Berger

 

Prinzessin Charlota Augusta erblickte am 8. Februar 1792 in Mannheim das Licht der Welt. Sie war das vierte von fünf Kindern des aus einer Nebenlinie der Wittelsbacher stammenden Pfalzgrafen Maximilian Joseph von Birkenfeld-Zweibrücken, den nachmaligen König Max I. von Bayern, und dessen Ehefrau Prinzessin Auguste Wilhelmine von Hessen-Darmstadt. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Mutter im Alter von 31 Jahren an einem Lungenleiden. Ein Jahr später heiratete der Vater 1797 die 20-jährige Prinzessin Caroline von Baden und Hochberg. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor; ein Prinz wurde tot geboren und zwei Kinder starben in jungen Jahren.

Entsprechend ihrer vornehmen Herkunft erhielt die Prinzessin, die in Zeichnen und Malen sehr talentiert war, eine sorgfältige Erziehung und Bildung durch Gouvernanten und Privatlehrer. Sie wurde u.a. in Französisch und Italienisch, in Musik und Tanz unterrichtet. Ihre religiöse Erziehung übernahm der ehemalige Hofprediger Joseph Anton Sambuga, später Hofkaplan Sebastian Job.

Auf Wunsch des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte musste die katholische Prinzessin aus Bayern im Alter von 16 Jahren den evangelischen Kronprinzen Wilhelm von Württemberg heiraten. Wohlerzogen und fromm willigte sie in die durch die Staatsraison begründete Heirat ein. Die Ehe verlief äußerst unglücklich. Kennzeichnend für die Einstellung des Kronprinzen seiner Ehefrau gegenüber ist sein Ausspruch unmittelbar nach der Hochzeit: "Wir sind Opfer der Politik" (Weissensteiner 2003, S. 75), meinte er lapidar.

Die Ehe, die nie vollzogen wurde, erklärte ein evangelisches Konsistorium 1814 für ungültig. Januar 1816 folgte die päpstliche Nichtigkeitserklärung. Bereits neun Monate später heiratete die gedemütigte Prinzessin Kaiser Franz I. von Österreich, dessen vierte Ehefrau sie war. Fortan nannte sich die Kaiserin, als Zeichen des Neubeginns, Caroline Auguste. Das Ehepaar führte eine glückliche Ehe, die jedoch kinderlos blieb.

Die Monarchin ging ganz in der Fürsorge für ihren kränkelnden Mann auf. Grundsätzlich hielt sie sich von der Politik fern. Vielmehr galt ihr ganzes Interesse einzig und allein der sozialen Wohltätigkeit, die ihr den Beinamen "Mutter der Armen" eintrug. Dabei lagen ihr besonders die "Kleinkinderbewahranstalten" (oder "Kinderbewahranstalten") am Herzen, auch nach dem Tod ihres Ehemannes (1835). Es war sicherlich einer ihrer großen Verdienste, dass sich in der Donaumonarchie die Idee der "Kleinkinderbewahranstalten" verbreiten konnte.

Es verwundert schon, dass Kaiserin Caroline Auguste in Österreich von der einschlägigen Fachliteratur bis heute so gut wie nicht beachtet wurde. So erwähnen beispielsweise Gisela M. Gary (1995) und Maria Waltraud Kellner (2004) in ihren Arbeiten, die sich speziell auf die Geschichte des Kindergartens in Österreich beziehen, Kaiserin Caroline Auguste mit keinem Wort.

Dabei wirkte sich der Einsatz der hohen Aristokratin auch bis in das Königreich Bayern und ihre Residenzstadt aus. Ihr Bruder, König Ludwig I. von Bayern, unterstützte die Errichtung von "Kleinkinderbewahranstalten" in seinem Königreich, wobei sich dafür vor allem die ungarische Gräfin Theresia Brunsvik von Korompa, auf Empfehlung der österreichischen Kaiserin, einsetzte. Die Ungarin hatte am 1. Juni 1828 in der Christinenstadt zu Ofen (heute zu Budapest gehörend) die erste "Kleinkinderbewahranstalt" von Österreich-Ungarn ins Leben gerufen (vgl. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1089.html).

Am 4. Mai 1830 konnte durch die Unterstützung der Kaiserin die erste "Kleinkinderbewahranstalt" in Wien am Rennweg und am Carolinentag die zweite in Margarethen seiner Bestimmung übergeben werden. Nachfolgend blühten nicht nur in Wien, "sondern in vielen der stärker bevölkerten Orte Österreichs solche Anstalten auf und preisen heute Caroline Auguste als ihre Stifterin und nie müde Förderin" (Dederichs 1962, S. 34).

Hier einige Daten, die die rasche Entwicklung von "Kleinkinderbewahranstalten" im großen Habsburger-Reich verdeutlichen: "1871 gab es in Niederösterreich 18 solcher Einrichtungen, in Oberösterreich 32, Böhmen 42, Triest, Görz und Istrien 43, Salzburg 3, Steiermark 5, Kärnten 2, Krain 1, Galizien 5, Schlesien 2 sowie Dalmatien 2. In der gesamten Donau-Monarchie wurden 1871 20.774 Kleinkinder betreut" (Berger 2004, S. 3).

Große Unterstützung gewährte die Landesmutter den "Halleiner Schulschwestern" sowie den "Barmherzigen Schwestern": "Ihre liebste Stiftung, die Erziehungsanstalt für Soldatentöchter in Erdberg bei Wien, ließ sie mit Hilfe der leitenden Schulschwestern mit einer Kleinkinder-Bewahranstalt verbinden. In dieselbe wurden verwahrloste Kinder aufgenommen und erzogen und in dieser Anstalt verweilte die hohe Frau besonders häufig, vergaß alle Majestät als Kaiserin und war den Kindern nur mehr liebende und helfende Mutter, und sie erlebten manches Beispiel ihrer besonderen Wohltätigkeit und ganz persönlichen Fürsorge.
Die Leitung der Erziehungsanstalt und zugleich der Kinderbewahranstalt in Erdberg bei Wien übernahmen die Halleiner Schulschwestern... Noch zu Lebezeiten der Kaiserin Caroline Auguste betreuten die Halleiner Schulschwestern allein im Wiener Kirchensprengel 16 Kinder-Bewahranstalten und Lehr- und Erziehungsanstalten. Die Kinder-Bewahranstalt im Kurort Baden bei Wien erfuhr in besonderer Weise die großzügige Hilfe der Kaiserin und konnte schon, geleitet von den Halleiner Schulschwestern, im Jahre 1846 eröffnet und mit Erfolg weitergeführt werden.
Noch früher als die Salzburger Bewahranstalten (gegr. 1846; M.B.) entstanden jene in Hallein. Sie wird als eine der guten Früchte des ersten Besuches der hohen Frau im Regelhause der Schulschwestern in Hallein bezeichnet. Sie besuchte die Schwestern am 12. September 1844, und schon am 4. November 1844, am Namenstag der Kaiserin, konnte die Anstalt eröffnet werden. Die Anregung und Hilfe der Kaiserin, aber auch die willige Bereitschaft der Regelschwestern, ließen schnell das gute Werk entstehen!... Aber auch die Barmherzigen Schwestern des Mutterhauses in Mülln standen in ganz besonderer Gunst der Kaiserin, und bei der Gründung der ersten Bewahranstalt durch die Barmherzigen Schwestern kann wiederum ihr Name genannt werden. Es betrifft die Gründung in Oberdorndorf a. d. Salzach. Schon 1853 gab sie hiezu Anregungen, jedoch zunächst wurde ein Schifferspital errichtet und im Jahre 1870 konnte als 6. Filiale vom neuen Mutterhause in Mülln und unter Mithilfe der Kaiserin in einem kleinen Hause in der Nähe der Stille-Nacht-Kapelle, 'St.-Vinzenz-Haus' genannt, die erste Bewahranstalt der Barmherzigen Schwestern eröffnet werden" (Dederichs 1962, S. 34).

Die Kleinkinderbetreuung in Salzburg, die von der armen Bevölkerung bereitwillig angenommen wurde, unterstützte die Kaiserin ebenfalls sehr kräftig, nicht nur finanziell: "Wurde in den beiden Anstalten 1846 noch für 120 Kinder gesorgt, so erhöhte sich die Zahl bis 1852 bereits auf 219 Kinder. Die steigende Kinderzahl führte, insbesondere bei Caroline Auguste, zu dem Wunsch, geeignete Betreuerinnen der Kleinen zu finden. Wieder einmal gelang es ihr, die Halleiner Schulschwestern mit der Arbeit in einer Kleinkinderbewahranstalt zu beauftragen. Durch eine Spende von 2.000 Gulden schuf sie ab 1853 die Voraussetzung zur Übergabe der Anstaltsbetreuung an anfänglich zwei Schwestern. Den festlichen Einzug der Schwestern feierte man am 4. Oktober 1853 in Anwesenheit der Kaiserin-Mutter" (Rath 1993, S. 123).

Viele "Kleinkinderbewahranstalten" unterstützte die Kaiserin bzw. Kaiserin-Witwe zeitlebens aus ihrem Privatvermögen. Als Beispiel mögen hier nur aus einem Jahr die Aufzeichnungen ihrer Spenden angegeben werden: "Es erhielten im Jahr 1871 die Kinderbewahranstalten in Schörfling am Attersee 100 fl; in Mondsee: 500 fl; in Hainburg: 1000 fl; in Kitzbühl: 100 fl; in Altbunzlau und in Hradeck je 100 fl" (Dederichs 1961, S. 35).

Kaiserin Caroline Auguste starb am 9. Februar 1873 in Wien und wurde in der kaiserlichen Gruft der Kapuzinerkirche beigesetzt. Im Testament der Wohltäterin fanden sich mehrere Kleinkinderbewahranstalten, die mit einem Legat bedacht wurden. So erhielt beispielsweise die Salzburger "Kleinkinderbewahranstalt" 1.000 Gulden.

Literatur

Berger, M.: Theresia Gräfin Brunsvik von Korompa (1775-1861). Eine ungarische Adelige als Wegbereiterin der öffentlichen Vorschulerziehung in Bayern; http://www.kindergartenpaedagogik.de/1089.html

Berger, M.: Von der Kleinkinder-Bewahranstalt zum Kindergarten als Bildungsinstitution. Ausgewählte Aspekte zur Entwicklung des Kindergartens in Österreich. In: Unsere Kinder. Sonderausgabe Herbst 2004. Tagesdokumentation, Linz 2004, S. 1 ff.

Berger, M.. Caroline Charlota Auguste, Kaiserin von Österreich,. In: Bautz, T. (Hrsg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. XXIV. Band, Nordhausen 2005, S. 392 ff.

Dederichs, C.: Von der Bewahranstalt zum Kindergarten, Salzburg 1962

Gary, G.M.: Geschichte der Kindergärtnerin von 1779 bis 1918, Wien 1995

Kellner, M.W.: Geschichte des Kindergartens. Von der Mütterlichkeit zur Professionalität eines Berufsbildes, Graz 2004 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Rath, E.: Betreuung der Kleinsten in der Kleinkinderbewahranstalt. In: Salzburger Museum Carolino Augusteum (Hrsg.): Caroline Auguste (1792-1873), Salzburg 1993, S. 114 ff.

Weissensteiner, F.: Liebeshimmel und Ehehöllen. Heiraten zwischen Habsburgern und Wittelsbachern, München 2003