Theresia Gräfin Brunsvik von Korompa (1775-1861). Eine ungarische Adelige als Wegbereiterin der öffentlichen Vorschulerziehung in München

Manfred Berger

 

Theresia Josepha Anna Johanna Aloysia Gräfin Brunsvik von Korompa (geb. 27.07.1775), deren Vorfahren mit Heinrich des Löwen (gründete 1158 München) verwandt waren, ging als vermeintlich "unsterbliche Geliebte" Ludwig van Beethovens in die Musikgeschichte ein. Doch nicht sie war die Adressantin der geheimnisvollen Liebesbriefe des großen Musikers, sondern ihre jüngere Schwester Josephine. Weniger bekannt ist der ernorme Einsatz der Gräfin um die Errichtung von sog. Kleinkinderschulen (Bewahranstalten) - nicht nur in ihrer ungarischen Heimat, sondern auch in der Schweiz, Italien, Frankreich, England und im Königreich Bayern (hier neben München noch in Augsburg).

Am 1. Juni 1828 rief die Aristokratin in Ofen (heute zu Budapest gehörend) die erste Kleinkinderschule Ungarns ins Leben. Sie gab ihrer Anstalt den Namen "Angyalkert"; d.h. Engelsgarten. Bald folgten im Jahre 1828 die Gründung des "National-Vereins zur Beförderung frühester Erziehung kleiner Kinder in Bewahr- und Bildungsanstalten". Der Erfolg und Ruhm der Gräfin mit ihren Kleinkinderanstalten in Ungarn, drangen auch bis in die Residenzstadt des Königreiches Bayern. Dort stand man ja in höchsten Kreisen der öffentlichen Kleinkindererziehung wohlwollend gegenüber: "Die Sache finde ich gut, nur soll in dieser Schule noch gar kein Unterricht, sondern bloß Erziehung zur Frömmigkeit, zur Reinlichkeit etc. sein, auch keine Arbeit, sondern jugendlicher Frohsinn..." urteilte seine Majestät König Ludwig I. von Bayern am 4. August 1833 in einem Genehmigungsverfahren die Errichtung einer "Kinderbewahr-Anstalt zu München betreffend". Dieses königliche Wohlwollen hat maßgebend den raschen Ausbau von Kleinkinderschulen allgemein im Königreich Bayern befördert.

Doch schon Anfang des Jahres 1833 wandte sich Amélie Gräfin Montgelas, geb. Gräfin Seinsheim, an Theresia Gräfin Brunsvik und erbat sich Ratschläge für die Gründung "eines Asyles für die unschuldige Kindheit". Die Ungarin schrieb u.a. an Gräfin Montgelas:

"Liebe Amélie Montgelas!
Sie wünschen eine schriftliche Weisung, wie es mit dem Beitritt zu Gründung eines Asyles für die unschuldige Kindheit, ehe sie Schuld wird, möglich werde. Hier folgen meine unmassgeblichen Andeutungen und ich wünsche nur, dass sie zweckmäßig sind und Ihren Beifall gewinnen. Das erste, was die Gründung eines Asyles für hundert kleine Kinder von 1½ Jahren bis 4 oder 5 Jahren braucht, ist ein Stifter, nämlich eine Familie, welche mittels 100 Fl. sich das Recht erwirbt, Einfluss zu nehmen, für welche 100 Fl. die kleinen Beschäftigungsmittel angeschafft werden. Das zweite sind Erhalter...".

Allem Anschein nach wurden mehrere Briefe zwischen den beiden Gräfinnen gewechselt. Jedenfalls entschied sich die Ungarin für eine Übersiedlung nach München. Dort traf sie am 14. November 1833 ein und setzte sich sofort mit bedeutenden Persönlichkeiten in Verbindung. Ende des Jahres 1833 schrieb sie an die Königin von Bayern folgende Zeilen:

"Erlauben E. M., dass ich nämliche Frage hier mache, welche ich der Kaiserin machte. Was, glauben Sie, ist die Hauptschuld der Verarmung, der Hilflosigkeit der Familien? Muss es denn Bettler geben? Soll in dem mässigen, arbeitsamen, geschickten Menschen die Jugendkraft nicht, das Ehrgefühl zu erwecken sein? Für sich und die Seinigen etwas zurückzulegen für das Alter? für Krankheit? Mir sagte ein würdiger Geistlicher, welcher den Armen sich ganz widmete: die Ursache der Verarmung ist stets Unwissenheit, aus welcher erst Faulheit, Muthlosigkeit und aus dieser Unsittlichkeit und Krankheit entstehen. Erkundigen wir uns nach der Lebensgeschichte der meisten Verarmten - wenn nicht außerordentliche Dinge: Krieg, etc. mitwirken - meist wird Unwissenheit die Quelle sein. Lasst uns diese ausseichen, verstopfen. Es ist ebenso gut, wenn das Kind nicht schreiben, nicht lesen lernte - aber gesund, mässig, folgsam, reinlich und arbeitsliebend soll es werden, himmlischer auch, denn die Seele ist mehr denn der Leib... ".

Dieser Brief blieb nicht unerhört, denn seine Majestät der König "geruhte in den huldvollsten Ausdrücken sein Wohlgefallen auszudrücken... und die königliche Polizei-Direktion, die königliche Regierung des Isarkreises (Oberbayern) und das königliche Staatsministerium des Inneren bewilligten die Errichtung einer solchen Anstalt". Nachdem im März 1834 endlich unter Beteiligung der ungarischen Gräfin der "Frauenverein für Kleinkinderbewahr-Anstalten" ins Leben gerufen wurde, erfolgte bald die "Gründung der Kleinkinderschulen in der Louisenstrasse, der Müllerstrasse und der Theresienstrasse, den ersten Anstalten dieser Art in München". Für diese öffentlichen Einrichtungen suchte sie selbst die passenden "Wartefrauen" und "Lehrer" aus, ebenso beeinflusste sie deren "pädagogisches Konzept".

Bis an die 80 Kinder und mehr wurden in einer "Abtheilung" betreut. Ein Bild davon geben nachstehende "Instructionen" für die "Wartefrauen" und "Lehrer":

"Haben sich die Kinder Morgens und Nachmittags im Spielzimmer versammelt, so gibt er (der Lehrer; M.B.) mit der Glocke ein Zeichen, worauf sämmtliche Kinder abtheilungsweise aufgestellt, in Beziehung auf Reinlichkeit und Gesundheit untersucht und dann in den Lehrsaal geführt werden. Dort lässt er sie stehend beten und ein kleines Lied singen, und nach dem Gesange gehen die kleinsten Kinder mit der Pflegerin in den Speisesaal. - Nachdem der auf die Tages-Ordnung vorgeschriebene Unterricht beendigt ist, gehen die Kinder abtheilungsweise mit den kleinen Aufsehern (sog. "Monitors"; 5-jährige Kinder wurden als Gehilfen eingesetzt, die mit ihren Altersgefährten oder jüngeren Kindern die Lektionen übten und den Lehrer in jeder Beziehung unterstützten; M.B.) an der Spitze... bei günstiger Witterung und Jahreszeit in den Garten, bei ungünstiger in den Speisesaal, wobei die aufmerksamsten Kinder die Fahnen tragen dürfen... Ist die Spielstunde vorüber, so gehen sie wieder in derselben Ordnung, die kleineren ausgenommen, in den Lehrsaal, und am Schlusse der Tages-Ordnung wird der Unterricht mit einem kleinen Gebete und Liede geschlossen, nachdem vorher der Pfleger Alles, was in den Morgen- oder Abendstunden die Kinder Gutes gehört oder erlernt haben, kurz wiederholt hat."

Bei einer solchen Reglementierung blieb natürlich für freie Beschäftigungen der Kinder nicht viel Zeit übrig. Selbst die Spielstunden wurden von Pflegepersonen geleitet, damit es ja keine "Verwahrlosung" gäbe.

Aus heutiger Sicht verwundert, dass die sonst so warmherzige Ungarin den Drill der Kinder nicht ablehnte. Doch sie sah darin die einzige Möglichkeit, durch Zucht, Ordnung und Disziplin der drohenden kindlichen Verwahrlosung vorzubeugen. Dazu entsprach diese Einstellung durchaus dem damaligen pädagogischen Zeitgeist. Trotz aller Strenge sollten dennoch "kindliche Unbefangenheit und jugendlicher Frohsinn den Kleinen erhalten bleiben".

Bereits im Sommer 1834, als die Gräfin "in München ein glückliches Aufblühen und Wirken mit Freuden gesehen hatte", bat man sie, die Kleinkinderschulbewegung in Augsburg zu unterstützen. Drei Jahre später kehrte sie erneut, nach Aufenthalten in Italien und Ungarn, in die bayerische Residenzstadt zurück, um in der Vorstadt Au den hiesigen Frauenverein bei den unmittelbaren Vorbereitungsmaßnahmen zur Errichtung von zwei Kleinkinderschulen zu beraten. Von dem Engagement des Frauenvereins war die Gräfin sichtlich erfreut. Diesbezüglich vertaute sie ihrem Tagebuch an:

"Wie viel schöner und tiefer mussten dieses (die Not der Bevölkerung; M.B.) und ähnliches Frauen bedacht haben, von denen ich soeben komme, von denen und durch die meine Seele noch voll ist und seelig erquicket und auferbauet. Wie viel inniger und frommer mussten alles obige Frauen bedacht und empfunden haben als ich, denn - sie handelten. Sie sind Frauen, die mitten in dieser Vorstadt wohnen: zu denen ihre Bewohner tausendmal und voll liebenden Vertrauens in ihren seeligsten Stunden um liebende Freude, erhörende Theilnahme, um den Segen der Freude, zu denen sie in ihren kummervollsten Augenblicken, wo der Schmerz laut aufschreiet um den Schmerz stillenden Tropfen, um die höhere Weihe des Schmerzes kommen. Nicht vermögend auch nur dem 20-ten Theile der armen Kinder durch ihre Mittel zu helfen, betrachten sie doch alle diese lieben Hunderte als die Seinigen. Sie kennen sie alle: sie wissen sie alle zu nennen. Der Anblick der immer zunehmenden Verderbnis und Gefahr dieser Kinder schlug mit stets zunehmender schmerzlicher Gewalt an ihr frommes Herz, und somit entschlossen sie sich mit Gottes Hilfe Menschenhilfe zu bringen."

Unterstützt wurde der Frauenverein in der Au von der Königin, die das Protektorat für die Anstalten übernahm":

"Ihre Majestät die regierende Königin von Bayern, die erhabene Protektorin des Vereins für Kleinkinderbewahranstalten in der Au, geruhen stets, der guten Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was bei den Vereinsmitgliedern nacheifernde Theilnahme erregt."

Die erste Kleinkinderschule wurde im ehemaligen Haus für Cholerakranke (nach einigen Umbauten) untergebracht, der bald eine zweite Gründung folgte. In wenigen Wochen zählte die öffentliche Einrichtung in der "oberen Au 100 Kinder, in der unteren sogar 120".

Im Herbst 1837 verließ die adelige Ungarin München und reiste weiter nach Genf. In der Stadt der französischen Schweiz galt ihr Interesse ebenfalls den Kleinkinderschulen. Während ihres einjährigen Aufenthaltes gelangte sie zu der Ansicht, dass die "schulmässige Unterrichtung der kleinen Kinder mehr ein Fehler als ein Verdienst sei." Zu dieser neuen pädagogischen Anschauung gelangte die Gräfin durch die Auseinandersetzung mit den zwei führenden Pädagogen der Genfer Kleinkinderschulen, die die Pädagogik des großen Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi vorbildlich vertraten: Louis Marc Francois Naville und Jean Baptist Girad.

Von ihren neu gewonnen Erkenntnissen unterrichtete Gräfin Brunsvik brieflich die Verantwortlichen der Kleinkinderschulen in München und forderte diese auf, sich von der "mechanischen Lehrart zu befreien" und mehr die "fröhliche Selbstbetätigung der Kinder in den Mittelpunkt" der Arbeit zu stellen.

Bis zu ihrem Tode (21.09.1861) galt das Interesse der in Ungarn lebenden Gräfin den Münchener Kleinkinderschulen. Bei Bedarf gab sie weiterhin aus ihrem Heimatland briefliche Ratschläge zur Erziehung der Kinder und Errichtung von Kleinkinderschulen sowie zur Einstellung von geeignetem Personal etc..

Quellen

Bayerisches Hauptstaatsarchiv, 80501 München

Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens und der Sozialpädagogik/ -arbeit, 89407 Dillingen

Stadtarchiv München, 80797 München

Literatur

Beichler, Ch.: Therese von Brunsvik und ihr Lebensauftrag zwischen Beethoven und Pestalozzi, Marburg 1933

Benes, P.: Gräfin Therese Brunsvik und die Kleinkindererziehung ihrer Zeit, Szeged 1932

La Mara: Beethovens unsterbliche Geliebte. Das Geheimnis der Gräfin Brunsvik und ihre Memoiren, Leipzig 1909