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Zitiervorschlag

Rezension

Andrea Hendrich, Monika Bacher, Ulrich Koprek: Yunis und Aziza. Ein Kinderfachbuch über Flucht und Trauma. Frankfurt/Main: Mabuse-Verlag, 2. Aufl. 2018, 47 Seiten, EUR 16,95 – direkt bestellen durch Anklicken

 

Dieses mit vielen kolorierten Grafiken ausgestattete „Kinderfachbuch“ besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil werden die ersten acht Tage nach Aufnahme der Flüchtlingskinder Yunis und Aziza in die „Löwengruppe“ einer Kita geschildert. Trotz einer liebevollen Begrüßung stehen sie am ersten Tag nur herum, ganz dicht beisammen. Als sie am zweiten Tag von ihrer Mutter gebracht werden und diese gehen will, weinen sie herzzerreißend, obwohl sie bereits fünf bzw. sechs Jahre alt sind. Am Nachmittag wiegt Aziza die ganze Zeit eine Babypuppe, will nicht mit anderen Kindern spielen. Am dritten Tag spielt Yunis ganz alleine in der Bauecke, baut Türme und wirft sie gleich wieder um. Am vierten Tag verstecken sich Yunis und Aziza unter einem Tisch, als ein Hubschrauber vorbei fliegt. Am fünften Tag schreit Yunis laut und schrill, als andere Jungen mit Stöcken auf ihn zulaufen, „entwaffnet“ sie, sackt dann in sich zusammen und ist nicht mehr ansprechbar.

Die anderen Kinder wundern sich über diese sonderbaren Verhaltensweisen. Als zu Beginn der zweiten Woche Yunis und Aziza fehlen, erzählt die Erzieherin den übrigen Kindern der Löwengruppe, dass Yunis und Aziza aus einem fernen Land kommen, dort den Krieg miterlebt haben, sich verstecken und flüchten mussten. Obwohl sie in Deutschland sicher seien, hätten sie immer noch viel Angst. Dann sagt die Erzieherin: „Und irgendwann hat sich jedes dieser schweren Gefühle in ein Monster verwandelt. Ihr kennt Monster?“ (S. 30). Als die Kinder bejahen, lässt sie sie Monster malen. Die Bilder werden am nächsten Tag aufgehängt und besprochen. Am achten Tag wird gemeinsam überlegt, wie Erzieherinnen und Kinder Yunis und Aziza helfen können, „dass den Monstern die Luft ausgeht“ (S. 32).

Im zweiten Teil des Buches wird aus pädagogisch-psychologischer Perspektive Wissenswertes über Traumata, auslösende Faktoren, begleitende Hirnprozesse, psychische Reaktionen und Langzeitfolgen berichtet. Dann wird dargestellt, wie Pädagog/innen, Lehrer/innen und Eltern traumatisierten Kindern helfen können, wie anderen Kindern ihr Verhalten erklärt werden kann und wie sie in angemessener Weise darauf reagieren können. Am Ende des Buches stehen noch Literaturtipps und Adressen von Beratungsstellen für traumatisierte Flüchtlinge.

Mit dem sensibel geschriebenen Kinderfachbuch können somit mehrere Ziele erreicht werden: Eine Kita-Gruppe kann mit ihm behutsam auf die Aufnahme von Flüchtlingskindern vorbereitet werden; es kann verständlich deren Verhalten erklärt werden; die anderen Kinder werden motiviert, gemeinsam nach Unterstützungsmöglichkeiten zu suchen. Gleichzeitig erhalten Erzieher/innen Fachwissen und Verhaltenstipps in komprimierter Form.

Martin R. Textor

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