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Zitiervorschlag

Kreativität ist mehr als Basteln

Susanne Günsch

 

Wann geht eigentlich die Kreativität verloren?

Diese Frage stellte sich hier im Rahmen einer Fortbildung. Erleben wir doch Krippenkinder und auch Kitakinder unglaublich kreativ – und einige Erzieherinnen sagten von sich selbst, sie seien überhaupt nicht kreativ. Das heißt irgendwo auf dem Weg des Erwachsenwerdens geht sie verloren – bei vielen oder manchen…

Aber was ist eigentlich Kreativität? Was macht sie aus? Was begünstigt, was behindert sie?

Kreativität hat von der Bedeutung den Ursprung im lateinischen creare: etwas neu schöpfen, entwerfen, erfinden. Sie wird auch als Fähigkeit Probleme zu lösen bezeichnet.

Kreativität hat also keineswegs nur etwas damit zu tun, im Atelier schöne Bilder zu malen oder Objekte herzustellen. Denn der schöpferische Akt kommt ja noch ganz woanders vor. Hier hilft es in anderen Berufen zu forschen: Zum Beispiel der Architekt – er entwirft Bauten. Nicht anhand einer Schablone, sondern anhand der Vorstellungen des Bauherrn, dem Zuschnitt des Grundstücks, des aktuellen Baustils, unter Berücksichtigung statischer, rechtlicher und sonstiger Erfordernisse, seiner eigenen Fähigkeiten usw. Hier kommen viele Faktoren zusammen, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Hier gibt es niemanden, der ihm sagt, was er tun soll. Es ist ein interaktiver und kommunikativer Prozess.

Er braucht Handwerker, die seinen Entwurf realisieren. Diese setzen dann seinen Plan um, benutzen also eine „Schablone“ bzw. eine Anleitung. Ihr Spielraum ist begrenzt.

Weitere kreative Berufe sind z. B. Komponist, Schriftsteller, Bildhauer, Designer etc.

Vielleicht hilft dieses Bild ein wenig weiter in der Betrachtung der Prozesse. Wer macht den Plan, wer führt aus?  Wieviel Abweichung/Kreativität darf sein?

Alle Beteiligten in diesem Bauentwurfs- und Realisierungsprozess haben jedoch eine Ausbildung, ein Studium, in dem sie ihren Beruf erlernen. Sie lernen Techniken und bringen diese zum Einsatz. Und sie lernen im Laufe ihrer Erfahrungen, Techniken und Materialien in unterschiedlicher Weise zu verknüpfen und neu zu kombinieren. Die Akteure sind wahrscheinlich auch in unterschiedlicher Weise mutig oder ängstlich.

Bloßes Ausprobieren ist aber noch keine Kreativität – es ist eine Voraussetzung, dass Menschen kreativ werden können. Und es braucht Zeit und Raum, Begleitung und Unterstützung ohne Bewertung sowie Aufmerksamkeit und Neugier. Kinder brauchen die Erwachsenen als Spiegel. Sie möchten lernen, wie etwas geht. Die Erwachsenen müssen den Kindern also Techniken zeigen und ihnen Gelegenheiten bieten, diese auszuprobieren und auch zu variieren und kombinieren. Dann muss man sich mal ein „dazu ist das nicht da“ verkneifen und staunend zusehen, was die Kinder Neues machen. Im bloßen Erfüllen von Erwartungen entfaltet sich keine Kreativität. In der Bewertung „das ist aber nicht schön“ oder „dafür gibt es höchstens eine drei minus“ auch nicht. Kreativität entfaltet sich in der Spielerei und über die Kunst hinaus auch mit Worten in Bezug auf Literatur, mit Tönen für die Musik, in der Bewegung, dem Bauen und Konstruieren usw. 

Langeweile ist häufig ein guter Motor für Kreativität, aber die darf man ja gar nicht haben.

Im Austausch mit anderen also in sozialen und kommunikativen Prozessen potenziert sich Kreativität oftmals. Fantasie, Imagination und Kreativität sind ein grandioses Trio. Sie beflügeln sich gegenseitig. Sie gedeihen aber nicht auf den Brachen des Alltags, sondern in den wilden Gärten des Müßiggangs. Dann wenn sich Geist und Körper entspannen können und die Seele baumelt. Lust und Vergnügen, aber auch Zufriedenheit sind ihr Dünger.

Kreativität ist eine Schlüsselkompetenz, wie Eigeninitiative auch. Fähigkeiten, die über Fachkenntnisse hinausgehen und lebenswichtig sind – sowohl im Beruf als auch im gesellschaftlichen Miteinander.

Lt. Sir Ken Robinson, brit. Autor und international geachteter Berater in der Gesellschaftsentwicklung (Kreativität und Bildung), beschreibt Indizien dafür, dass die Schule Kreativität zerstört. Im Film „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer u. a. verweist er auf eine Langzeitstudie.

Kreativität wiederum ist eine Voraussetzung für unkonventionelles Denken, also unangepasstes, nichtlineares Denken, ein Denken das mehr Fragen als Antworten findet.

Die Kreativität wird also immer da bedroht, wo es keinen Spielraum für die Fantasie gibt, wo die Seele zwischen Stress, Zeitdruck und Ansagen straffgezogen ist – und eben nicht baumeln oder gar flattern kann. Das kann die Schule mit ihren teils starken Strukturen begünstigen oder der eintönige Job genauso wie persönliche Belastungen. Manches kann man vielleicht zeitweilig nicht ändern – aber in der Kita gibt es Handlungsmöglichkeiten den Kindern und sich selbst Spielräume zu eröffnen: Zeit geben für die eigenen Interessen statt vorgedachter Programme. Zuhören – offen werden für die vielleicht auf den ersten Eindruck absurden Vorstellungen der Kinder, der anderen… und dann mit ihnen wieder kreativ werden!

Das gelingt auch in der Auseinandersetzung mit den bedeutungsoffenen Materialien der Remida – das kreative Recycling Centro (mehr dort), wo auch Erwachsene auf Dinge stoßen, die sie nicht kennen.

 

Literatur:

Wagenhofer, Erwin; Kriechbaum, Sabine; Stern, André (2013): alphabet: Angst oder Liebe. Salzburg: Ecowin Verlag.

Holm-Hadulla, Rainer Matthias (2005): Kreativität: Konzept und Lebensstil. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Csikszentmihalyi, Mihaly (1997): Kreativität, Stuttgart. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

 

Autorin:

Susanne Günsch ist ausgebildete Erzieherin, Diplom Sozialpädagogin, Fortbildnerin und Gründerin der ersten deutschen Remida in Hamburg.

 

Weitere Informationen:

Susanne Günsch: Neuland entdecken - Fortbildung weit über die Kita hinaus

www.susanne-guensch.de

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