Aus: UNSERE KINDER. Österreichische Fachzeitschrift für Kindergarten- und Kleinkindpädagogik, Heft 3/2003

Von der Einschätzung zur Beobachtung. Interview zum "Salzburger Beobachtungskonzept für Kindergärten"

 

Das "Salzburger Beobachtungskonzept für Kindergärten" (kurz: SBKKG) wurde 2002 von Mag. Andreas Paschon, Assistent am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg, und von Dr. Maria Zeilinger, Leiterin des Zentrums für Kindergartenpädagogik des Landes Salzburg, entwickelt. Derzeit wird das SBKKG an mehreren Orten erprobt.

Das Konzept sieht in der Dokumentation der Entwicklung jedes Kindes ein zentrales Anliegen und versteht sich nicht primär defizitorientiert. Das SBKKG ist zeitökonomisch angelegt, da es in einer ersten Stufe von für den Kindergarten relevanten Einschätzungen ausgeht (kurzer Standardbogen für jedes Kind) und auf der zweiten Stufe die ausführlichere Beobachtung nur auf bestimmte Kinder und bestimmte Bedarfsfelder beschränkt. Im Gespräch mit UNSERE KINDER-Redakteur Martin Kranzl-Greinecker erläutern Andreas Paschon (AP) und Maria Zeilinger (MZ) das SBKKG.

UNSERE KINDER: Welche Rolle spielt für Sie Beobachtung im Kindergarten?

Maria Zeilinger: Für kindorientiertes Arbeiten ist Beobachtung wesentlich. Sie vermittelt gute Kenntnis über die Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse der Kinder. Das sind wertvolle Ansatzpunkte zur Gestaltung der Arbeit im Kindergarten. Weil Beobachten aber schwierig ist, haben wir ein eigenes Konzept und Fortbildungsangebote erarbeitet.

Andreas Paschon: Im praktischen pädagogischen Handeln geht es darum, die Wahrnehmungen von PädagogInnen zu kultivieren und sie in einen professionellen Rahmen zu stellen. Beobachtung muss in der Praxis so umsetzbar sein, dass nicht die ganze Energie dafür aufgeht. Sie soll handhabbar sein, dem professionellen Beobachtungsanspruch entsprechen und trotzdem genügend Raum für die eigentliche pädagogische Arbeit mit den Kindern lassen. Wer mit zu komplexen Bögen oder Konzepten arbeitet, läuft Gefahr, zu viel Zeit dafür aufzuwenden und uferlos Daten zu sammeln, die meist nur wenig genutzt werden. Andererseits haben auch spontane Notizen nichts mit Beobachtung zu tun.

UNSERE KINDER: Wie könnte eine richtige, nicht zufällige Form aussehen, zumal oft mehr als 20 Kinder gerecht zu werden ist?

Maria Zeilinger: Wir haben in unserem Konzept dazu eine mehrstufige Vorgangsweise entwickelt, die von einer primären Einschätzung aller Kinder zu differenzierter Beobachtung im Bedarfsfall führt. Wenn also bei der generellen Betrachtung eines Kindes spezifische Beobachtungsinteressen auftauchen, setzt die abgegrenzte Beobachtung einzelner Bereiche mit klaren Zielsetzungen ein. Die erste Stufe bezieht wirklich alle Kinder ein, nicht nur die auffälligen. Jedes Kind hat das Recht, gesehen zu werden. Für die Anwendung in der Praxis ist uns wichtig, das Konzept mit den PädagogInnen zu trainieren, sie zu begleiten und die Erfahrungen zu teilen. Vor allem, um die Vermischung von Beobachtung, Interpretation und Wertung zu vermeiden, bedarf es kontinuierlicher Schulung und Übung.

Andreas Paschon: Wissenschaftliche Beobachtungsinstrumente sind so anzulegen, dass sie möglichst zuverlässige, stabile und überprüfbare Ergebnisse liefern. Fundierte Beobachtungen sind Revisionsstellen unserer Vorurteile, "ersten Eindrücke" und möglicher Falscheinschätzungen sowie (vor-) schneller intuitiver Handlungen. Auch die Tagesverfassung der Beobachtenden und der Kinder ist zu berücksichtigen, weshalb das SBKKG als Einschätzzeitraum eine Woche für jedes Kind vorsieht. Diese von uns entwickelte Form erscheint uns kindgerecht sowie für die Kindergärtnerin praktikabel und zeitökonomisch, denn sie fokussiert jede Woche einige Kinder, meist drei bis fünf, und notiert die Einschätzungen für jedes Kind auf einem DIN A4-Blatt. Natürlich bedarf es auch bei dieser ersten Stufe möglichst zuverlässiger Ergebnisse. Im Idealfall sollte jedes Kind mehrmals und von verschiedenen KollegInnen "betrachtet" oder eingeschätzt werden. So entsteht ein Profil von Fähigkeiten, Interessen, Schwächen, Bedürfnissen und "Normbereichs-Verhalten". Da die Einschätzungen zu zehn "globalen Themenbereichen" dreimal im Jahr bei jedem Kind vorgesehen sind, lassen sich die Profile unterschiedlicher Zeiten gegenüberstellen. Veränderungen, Reifungsprozesse ebenso wie Wirkungen von Interventionsmaßnahmen sind somit dokumentierbar.

Realistischerweise kann beim Zeitbudget in der Kindergartenarbeit eine gezielte Einzelbeobachtung aber erst auf der Ebene 2 ansetzen und ist deutlich von den Einschätzungen auf der Ebene 1 abzugrenzen. Die Ebene 1 muss zuverlässig jene Daten liefern, bei wem und in welchen Bereichen eine "Fokussierung der Wahrnehmung" auf Ebene 2 zweckmäßig ist. Das SBKKG hilft, die begrenzte Ressource "Zeit" bestmöglich für die dokumentierte Beobachtung zu nützen.

UNSERE KINDER: Was ist Ihr Ziel beim Beobachten? Und: Was tun mit den Ergebnissen?

Maria Zeilinger: Mir geht es nicht darum, in die Kinder bis auf den Grund hineinzuschauen, sondern ich möchte, dass wir genau und strukturiert auf die Kinder hinschauen. Für den Kontakt mit Eltern sind Beobachtungen sehr hilfreich. Eltern haben das Recht und ein Interesse, nicht mit Interpretationen und Vermutungen konfrontiert zu werden. Entwicklungsverläufe können seriös beschrieben werden. Die Kindergartenpädagogin sollte bestrebt sein, eine bewusste - und nicht zufällige - Augenzeugin von erwarteten oder erhofften individuellen Entwicklungsschritten zu werden.

Andreas Paschon: Es ist im Interesse der Kinder und vor allem der Eltern, dass die ErzieherInnen im Kindergarten ihre Rückmeldungen nicht nur aus dem Gefühl heraus sondern mit Hilfe fundierter Beobachtungen geben. Davon ausgehend kann eine entwicklungsorientierte und möglichst individuelle Entwicklungsarbeit geplant, durchgeführt und festgehalten werden. Von Veränderung der Kinder, im Sinn von Manipulation, kann keine Rede sein. Jeder Mensch ist - in voller Komplexität - so, wie er ist. Diese Erkenntnis schließt aber weder Abweichungen von altersgemäßen Normbereichen noch individuelle Weiterentwicklungen aus. Über Beobachtungen gelange ich zur Erkenntnis, ob etwas und was konkret (z.B. im Förderbereich) zu tun ist.

UNSERE KINDER: Ihr Konzept fußt auf der primären Einschätzung in den Bereichen Grob-/ Feinmotorik, Sozialkontakte, Kreativität, Sprache, Emotionalität, Spiel/ Arbeitsverhalten, Wahrnehmung und Musik/ Rhythmik. Wie kommen Sie zu diesen Kategorien?

Andreas Paschon: Beobachtungskriterien müssen für die Arbeit im Kindergarten relevant, zielgerichtet, eindeutig kommunizierbar und überprüfbar sein. Konkrete Ziele (z.B. die nächsten erwünschten Entwicklungsschritte) sind zu formulieren und zu dokumentieren. In den weiteren Stufen, jenen der Beobachtung, arbeitet unser Konzept mit objektiv beobachtbaren Merkmalen, die auf enge Bereiche eingegrenzt und entsprechend der altersgemäßen Entwicklung formuliert sind. Sie müssen konkret und auf das Kind bezogen (als Erreichung des nächsten individuellen "Entwicklungsschritts") beobachtbar sein.

Maria Zeilinger: Bei der Auswahl der globalen Einschätzungskategorien haben wir uns an die Ansprüche des Gesetzgebers gehalten, was der Kindergarten leisten soll. Der detaillierte Beobachtungsraster hingegen wird von der Pädagogin eigenverantwortlich von Fall zu Fall angepasst. So wird die Kindergärtnerin nicht zum Ausfüllen eines allgemeinen, irgendwo entstandenen Bogens genötigt, sondern sie geht auf ein konkretes Kind angemessen ein.

UNSERE KINDER: Beobachtungsbedarf entsteht, wenn ein Kind außerhalb des Normbereichs eingeschätzt wird. Ist es zulässig, Norm und Normalität so zu betonen? Stehen dann nicht doch die Defizite oder Schwächen im Vordergrund?

Andreas Paschon: Im SBKKG kommen drei Normsysteme zum Tragen, was jedoch eine Einschulung und Einarbeitung voraussetzt. Denn die drei "Normen" können sehr unterschiedlich sein: die kriterielle Norm (die sich v.a. an altersbezogenen und entwicklungspsychologischen Normen orientiert), die soziale Norm (die je nach Bezugs-Gruppe unterschiedlich ausfallen kann) oder die individuelle Norm (die stärker die Talente und Schwachpunkte des einzelnen Kindes betont). Auch ein Kind, das überall in der "Norm" ist, hat relative Stärken und Schwächen, die es zu erkennen gilt. Erst die wiederholte Einschätzung des Kindes über die Kindergartenjahre macht es möglich, die individuellen Entwicklungsprofile zu interpretieren.

Maria Zeilinger: Es ist nötig, auch darauf zu schauen, was ein Kind nicht oder noch nicht kann. Um nicht defizitorientiert zu werden, ist gut darauf zu achten, was Kinder in schwächeren Bereichen schon können und wo davon ausgehend die nächsten kleinen Schritte zu setzen sind. Als PädagogIn kann ich nach gutem Hinschauen und einer abwartenden Zeitspanne auch aufgerufen sein, Fördermaßnahmen einzuleiten oder Unterstützung anzufordern. Das SBKKG sieht explizit vor, Aufzeichnungen über Stärken ebenso zu machen wie über Schwächen, über "Hobbys" der Kinder ebenso wie über ihre bevorzugten "Interaktionspartner". Das Kind wird so im Kontext des Kindergartenalltags bewusst wahrgenommen, beobachtet und erlebt.

Anmerkungen

Aktuelle Informationen zum SBKKG finden Sie auf der Website http://www.uni-salzburg.at/sbk

Informationen und Anfragen zum SBKKG bitte an Mag. Andreas Paschon, Email: andreas.paschon@sbg.ac.at, oder an Dr. Maria Zeilinger, Email: maria.zeilinger@salzburg.gv.at

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