Mehr Chancengleichheit durch ein besseres Bildungsangebot für alle in Kindertagesstätten

Michael Köditz

 

In der Diskussion um die PISA-Ergebnisse ist ein verbessertes Bildungsangebot auch in Kindertagesstätten gefordert worden. Das vergleichsweise gute Abschneiden von deutschen Grundschülerinnen und -schülern in der IGLU-Studie zeigt allerdings auf, dass im vorschulischen Bereich bereits mit Erfolg gearbeitet wird. Diese Arbeit muss weiter ausgebaut und unterstützt werden. Durch ein Bildungsangebot für alle in Kindertagesstätten kann ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Chancengleichheit geleistet werden. Dies kann sich auch beim derzeitigen Stand der Staatsverschuldung bezahlt machen, weil einer Verelendung größerer Teile der Bevölkerung entgegen gewirkt wird. Schließlich hätte diese hohe volkswirtschaftliche Kosten zur Folge. Hohe Arbeitslosigkeit und ein Mangel an Perspektiven müssen Gesellschaften teuer bezahlen: Depressive und überhaupt negative Haltungen verstärken eine Ausbreitung devianter Verhaltensweisen, die sich etwa in Kriminalität und Drogenmissbrauch, aber auch in psychiatrischen Auffälligkeiten niederschlagen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen zusätzliche Mittel auch in einer Zeit gefordert werden, in der es vorgeblich an Geld für Bildung mangelt.

Eine Ausweitung der Angebote von Kindertagesstätten wird derzeit besonders im Bereich der Sprachförderung und des naturwissenschaftlichen Experimentierens gefordert. Untersuchungen machen darüber hinaus einen großen Entwicklungsbedarf von Kindern im Bereich ihrer Motorik, ihrer Wahrnehmung und ihrer sozialen und musischen Kompetenzen deutlich. Der Beziehungsaspekt spielt beim Lernen in dieser Altersstufe eine zentrale Rolle. Grundsätzlich sind Förderangebote in Kindertagesstätten ganzheitlich anzulegen. Dies verlangt eine hohe Qualifikation der Erzieherinnen und Erzieher.

Weil die Entwicklung in dieser Altersstufe so grundlegend ist, müssen die Fachkräfte, die mit den Kleinsten arbeiten, auch die beste Ausbildung erhalten. Fachlich ist nicht zu begründen, warum sie schlechter als schulische Lehrkräfte auf ihre Tätigkeit vorbereitet werden. Die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern sollte in einem ersten Schritt auf Fachhochschulniveau heraufgestuft werden. Dies ist mit einer angemessenen Entlohnung zu verbinden.

Zwischenzeitlich sind Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Erzieherinnen und Erzieher verstärkt anzubieten, um sie für eine Ausweitung ihrer Angebote zusätzlich zu qualifizieren. Außerdem sollten speziell ausgebildete Fachkräfte - etwa für Ergotherapie, Motopädagogik und musikalische Früherziehung - in Kindertagesstätten mitarbeiten.

Ein intensives Experimentieren und Fördern ist in dieser Altersstufe nur in kleinen Gruppen möglich. Viele Aktivitäten lassen sich nur in Kleingruppen von 8 Kindern durchführen. Sind die Gruppen zu groß, kippt die Situation von einer Lern- in eine Aufbewahrungssituation. Um temporäres Lernen in Kleingruppen zu ermöglichen, müssen mindestens 2 Fachkräfte pro Gruppe eingesetzt werden. Als optimal auch zur Herstellung förderlicher sozialer Beziehungen kann eine Gruppenobergrenze von etwa 15 gelten; dabei sind die regionalen Bedingungen und die spezifischen Entwicklungsbedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen.

Elternarbeit spielt im vorschulischen Bereich eine zentrale Rolle. Der Wert von Hausbesuchen und regelmäßigen Angeboten für Eltern kann nicht hoch genug angesetzt werden. Kursangebote zu pädagogischen Fragen sowie zur Förderung der kulturellen Begegnung und Kommunikationsfähigkeit (einschl. Sprachkurse) sind hier ebenso zu erwähnen wie Elterntreffs. Eltern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und/oder einzelnen Aspekten unserer Kultur mit Misstrauen begegnen, müssen in besonderem Maße zur Mitarbeit gewonnen werden. Hierzu ist auch der Einsatz von Dolmetscherinnen und Dolmetschern erforderlich.

Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Grundschulen ist zu intensivieren, um den Kindern den Übergang zu erleichtern. Ein regelmäßiger Austausch auch unterhalb der Leitungsebene, verbunden mit gegenseitigen Hospitationen, wird von vielen Kindertagesstätten angestrebt. Dies kann - abhängig auch von der jeweiligen örtlichen Situation - langfristig zu einem Zusammenwachsen beider Institutionen führen.

Auch mit anderen Einrichtungen vor Ort, die Angebote für Kinder und ihre Eltern machen, sind intensive Kontakte erforderlich. In einer engen Zusammenarbeit von Kindertagesstätten, Schulen, Beratungseinrichtungen, jugendärztlichen Diensten, Kinderärzten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten können Beratungs- und Hilfeangebote gezielt vernetzt werden. In einigen Städten arbeiten bereits Stadtteilkonferenzen erfolgreich, Synergieefekte treten auf.

Die Kompetenzen der Erzieherinnen und Erzieher sollten darüber hinaus verstärkt zur Gestaltung und Weiterentwicklung ihres Stadtteils oder ihrer Ortschaft genutzt werden. Es reicht nicht aus, Kindern Betätigungsfelder lediglich in Institutionen einzuräumen, ihre Umgebung aber so zu konzipieren, dass sie sich in ihr kaum ohne Gefährdung bewegen können. Bei der Einrichtung von Plätzen für kindliche Aktivität und Mitgestaltung können sozialpädagogische Fachkräfte wertvolle Hilfestellung leisten.

Für alle diese Tätigkeiten ist natürlich die Bereitstellung der erforderlichen sächlichen und personellen Ressourcen erforderlich. Dies bedeutet vor allem, die für Kooperation, Konzeptionsentwicklung, Koordination, die Zusammenarbeit im Team, Elternarbeit und die Vor- und Nachbereitung der Gruppenarbeit erforderliche Arbeitszeit in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sollte Supervision in allen Einrichtungen Standard werden.

Die Kosten, die eine derartige Unterstützung der Arbeit von Kindertagesstätten mit sich bringt, sollten wir bereitwillig aufbringen. Denn wenn es gelingt, der Ausbreitung von Mut- und Perspektivlosigkeit unter Kindern und Jugendlichen entgegen zu wirken, ihnen berufliche Chancen zu eröffnen und sie zu motivieren, sich am sozialen Leben zu beteiligen und sich in unserer Gesellschaft zu engagieren, haben wir einen wichtigen Schritt zur Sicherung einer menschlichen Zukunft getan.

Anmerkung

Weitere Informationen: http://www.gew-hessen.de

Autor

Michael Köditz, Referat Sozialpädagogik der GEW Hessen. Kontakt: m.koeditz@gew-offenbach.de