Fördern zwischen Erziehung und Therapie - am Beispiel Sensorische Integration (SI)

Norbert Kühne

 

Interview mit Manuela Freitag und Nicole Hendriks, Erzieherinnen in den städtischen Kitas Partendieckstraße und Steeler Straße, Essen

Norbert Kühne: Könnten Sie unseren Lesern an einem konkreten Beispiel erläutern, was eine Erzieherin heutzutage mit dem Thema Sensorische Integration zu tun hat? Ich weiß inzwischen, dass Sie sich intensiv damit beschäftigen mussten, weil es die Situation in Ihrer Kita erforderte.

Manuela Freitag: Nehmen wir das Beispiel Toni. Er besucht unsere Einrichtung seit Mai 2002. Er wird im Juni 2003 zwei Jahre alt. Toni wächst mit seiner Mutter, seinem Vater und seiner älteren Schwester (4 Jahre) auf, die auch unsere Einrichtung - in einer anderen Gruppe - besucht. Beide Eltern sind berufstätig, die Mutter ist teilzeitbeschäftigt.

Toni konnte mit 15 Monaten laufen, jedoch sind seine Bewegungen dabei bis heute noch nicht flüssig. Er gleicht sein Gleichgewicht beim Laufen noch stark mit den Armen aus und hat dabei einen sehr konzentrierten Gesichtsausdruck. Dies lässt darauf folgen, dass er viele Bewegungen noch nicht automatisiert hat; er ist in solchen Phasen noch in der Bewegungsplanung. Er hat zudem stark ausgeprägte O-Beine und seine Füße gehen nach innen. Auch ist er in seiner Grundhaltung eher schlaff; in seiner Bewegungsausführung ist er verkrampft. Er ertastet alle Gegenstände und Materialien zuerst mit dem Mund und hatte dabei lange Zeit viel Speichelfluss.

Toni spricht nur vereinzelte Worte. Bis vor kurzem hat er lediglich harte abgehackte Laute geäußert, er hat nie melodische Lallmonologe von sich gegeben. Sein Sprachverständnis ist gut entwickelt, er versteht Aufforderungen und kann diese auch umsetzen und ausführen. Dies lässt darauf schließen, dass Toni kognitiv gut entwickelt ist.

Bei der Kontaktaufnahme zu anderen Kindern geht er sehr grob vor, er tritt, schubst, haut und beißt und kann dabei seine Kraft nicht dosieren. Er konnte lange Zeit ein "Nein" nicht akzeptieren und schmiss sich dabei auf den Boden oder er warf mit Gegenständen um sich.

Viele Materialien, die er mit den Fingern ertasten muss, lehnt er ab (z.B. Watte, Knete, Fingerfarbe). Mit Materialien, die er mag, beschäftigt er sich sehr konzentriert und experimentiert sehr lange mit ihnen (z.B. Matsche, Wasser, Erde). Diese Konzentration ist in der Einzelförderung gut zu erkennen. Innerhalb des Gruppengeschehens hat er oft Schwierigkeiten, seine Reize zu selektieren; er lässt sich dann sehr schnell über das auditive oder auch über das visuelle System ablenken.

Aufgrund unserer Beobachtungen wurden bei ihm durch eine Ergotherapeutin Störungen im kinästhtischen/ propriozeptiven System festgestellt.

Norbert Kühne: Beginnen wir am besten mit der Frage, wie Sie denn bei diesem Kind Störungen erkennen. Welcher Art sind diese Störungen?

Manuela Freitag: Als erstes fiel uns Toni mit seiner stark ausgeprägten oralen Phase auf. Er nahm seine Umwelt nicht, wie es in diesem Alter normal ist, über seine Hände und über Hautkontakt auf, sondern ausschließlich über den Mund. Sicherlich nehmen Kinder in seinem Alter noch viel über den Mund wahr, da die Wahrnehmungsreize im Mundbereich im frühen Alter am stärksten ausgeprägt sind, jedoch sollte das taktile Empfinden die Wahrnehmung durch den Mund bald überlagern.

Nicole Hendriks: Wie aus dem Beispiel schon hervorgeht, konnten wir beobachten, dass Toni in seinem tiefensensiblen Bereich unterinformiert ist. Das bedeutet: Er erhält zu wenige Informationen und Rückmeldungen von seinem Körper. Sein Spürsinn meldet ihm z.B. nicht, mit wie viel Kraft und Druck er agiert und wie er seine Körperteile in Stellung bringt, um sein Gleichgewicht zu halten und um sich gezielt zu bewegen. Auffällig war ebenso, dass er taktil eine große Abwehrhaltung bestimmten Materialien gegenüber hat und dass er Reize von außen nur schwer selektieren kann.

Norbert Kühne: Nun könnte man vermuten, dass es doch nahe liegend ist, Kinder mit diesen Problemen zu fördern. Aber Sie beide sind ja nicht therapeutisch tätig sondern pädagogisch. Da geht es doch zuerst einmal darum, ob Sie als Erzieherinnen mit der dazu gehörenden Ausbildung diesen "diagnostischen Blick" haben. Oder wodurch sind Sie denn in der Lage, die Probleme z.B. dieses Kindes zu erkennen und Fördermaßnahmen ins Auge zu fassen?

Manuela Freitag: Es geht hier in keinem Falle darum, eine Diagnostik zu erstellen oder in therapeutischer Art und Weise zu arbeiten, denn wir haben uns bewusst für die Arbeit als Erzieherin entschieden. Die Therapie ist für ausgebildete Fachkräfte unserer Einrichtung. Wichtig ist uns jedoch, die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen und zu fördern.

Nicole Hendriks: Dazu gehört für uns nicht nur die allgemeine Förderung wie z.B. das Einüben der Sozialkompetenzen oder der kognitiven Entwicklung, sondern auch der Bereich der sensorischen Integration. Wir sind der Lage, diese Probleme oder - sagen wir lieber - diese Handicaps zu erkennen, weil wir Fortbildungen und Seminare zur SI besucht haben und aufgrund der tollen Zusammenarbeit mit einigen Ergotherapeuten, die uns zu Anfang viel unterstützt haben.

Manuela Freitag: Während unserer Ausbildung hatten wir leider nicht die Gelegenheit, Erfahrungen im Bereich der sensorischen Integration zu sammeln. In der Schule beschränkte man sich auf Informationen über die Fernsinne Hören, Riechen etc. Die typischen Angebote wie Kimspiele und dergleichen wurden uns nahe gebracht.

Nicole Hendriks: Als wir im Laufe der Zeit bemerkten, dass es immer mehr Kinder mit Wahrnehmungsdefiziten gibt, haben wir uns auf den Weg gemacht, um uns Wissen anzueignen, das uns befähigt, innerhalb der Gruppe mit diesen Kindern zu arbeiten.

Norbert Kühne: Geht man vom gängigen Kindergarten mit ca. 25 - 27 Kindern aus, kann man die Erzieherinnen nur bedauern, wenn sie Kinder wie Toni gezielt fördern sollen - womöglich auch noch in Einzelförderung. Wie kriegen Sie das denn auf die Reihe in Ihrer Einrichtung? Sie haben mit Sicherheit viele Kinder, die intensiv gefördert werden müssten.

Nicole Hendriks: Ja, es gibt mittlerweile, aufgrund der heutigen Lebensbedingungen, eine Vielzahl von Kindern, die Auffälligkeiten im Bereich der Wahrnehmung aufweisen. Deshalb gestalten wir unseren Alltag in der Kita und unser Raumkonzept beispielsweise so, dass wir die Entwicklung und Förderung der Wahrnehmung als einen wichtigen Bestandteil in unsere pädagogische Arbeit mit aufnehmen. Das Zeitkontingent einer jeden Kollegin muss natürlich bedacht eingesetzt werden.

Manuela Freitag: Und bedauern muss man solche Erzieherinnen sicherlich nicht, denn jede pädagogische Mitarbeiterin, die die Chance erhält, ein Kind effektiv fördern zu können, sollte sich glücklich schätzen. Wir haben festgestellt, dass es viele Möglichkeiten gibt. Es kommt nicht immer darauf an, stundenlange Einzelförderungen durchzuführen, manchmal reichen kleine Impulse aus. Bei uns verbringen die Kinder einen großen Teil ihrer Zeit; wir denken, dass man diese Zeit nutzen muss.

Norbert Kühne: Könnten Sie uns denn ein paar Details Ihrer Fördermaßnahmen bei Toni erläutern?

Manuela Freitag: Toni muss die Gelegenheit bekommen, Informationen aufzunehmen, diese zu selektieren, sie zu verarbeiten, einzuordnen und mit einer darauf abgestimmten Handlung zu reagieren. So bekommt er z.B. die Möglichkeit, innerhalb der Gruppe unterschiedlich schwere Kanister zu transportieren und seine Kraft zu dosieren, indem er Tätigkeiten ausüben kann, bei denen er Druck und Zug anwendet, wie es z.B. beim Stempeln, beim Papierreißen, Backen, Kneten etc. notwendig ist. Massage mit unterschiedlichen, ihm angenehmen Materialien, Fingerspiele mit ganzem Körpereinsatz und ein mit Kissen ausgestopfter Schlafsack, aber auch der gezielte Einsatz von Rollbrett und Trampolin verschaffen ihm Impulse, die ihm helfen, sich mit seiner Tiefensensibilität auseinander zu setzen.

Nicole Hendriks: Sehr beliebt ist auch das Sandwichspiel, in dem ein Kind mit einer tollen Geschichte, die das Geschehen begleitet, vorsichtig zwischen zwei Matten gelegt wird. Hier kann Toni Druck am ganzen Körper erfahren. Sein Gleichgewicht kann man fördern, indem man ihm das regelmäßige Spiel in einer Hängematte sowie das Rutschen und Schaukeln auf unterschiedlichen Geräten und Untergründen ermöglicht. Im taktilen Bereich benötigt er viele Materialerfahrungen. Angefangen bei bekannten Materialien und solchen, die er mag und annimmt. Laufen und Krabbeln auf verschiedenen Bodenbelägen vermitteln unterschiedliche Reizwahrnehmungen, da der Körper sich dem Belag mit Hilfe der wechselnden Gleichgewichtsreaktion anpassen muss. Wie Sie sehen, sind es Fördermaßnahmen, die meistens mit wenig Material und Zeitaufwand zu realisieren sind, und viele dieser Materialien haben wir in unseren Kindertagesstätten.

Norbert Kühne: Nun ist das Thema "Sensorische Integration" ja sehr komplex. Wie schaffen Sie es, all diese Informationen parat zu haben, die Sie im Alltag Ihrer Kita brauchen? Verwenden Sie Nachschlagewerke - gibt es überhaupt welche, die überschaubar sind?

Nicole Hendriks: Es gibt sehr viel gute und anschauliche Fachliteratur. "Bausteine der kindlichen Entwicklung" von A. Jean Ayres und "Geschickte Hände, wacher Verstand" sind Bücher, die die Wahrnehmungsentwicklung und die sensorische Integration auf einfache und dennoch fachlich präzise Weise erläutern.

Manuela Freitag: "Sinn- voll und alltäglich" von C. Meier und J. Richle und "Spielerisch im Gleichgewicht" von Monika Murphy-Witt sind Praxisbücher, die eine Fülle guter Angebote und Fördermaßnahmen darstellen. Auch das Buch "Was ist los mit meinem Kind?" ist, wie die anderen Bücher, ein interessantes Fachbuch, das in keiner Kita fehlen sollte. Diese sind zumindest unsere Lieblingsbücher, die wir gerne weiterempfehlen.

Norbert Kühne: Frau Freitag und Frau Hendriks, haben Sie ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Autor

Norbert Kühne ist Lehrer in der Erzieherinnen-Ausbildung und Koordinator für Schullaufbahnberatung am Hans-Böckler-Berufskolleg, Marl.