Quelle: Bericht der Arbeitsgruppe Jugendhilfe und Schule, Stand: 29.04.2002, http://www.agj.de/pdfs/BerichtArbeitsgruppeJMK-KMK.pdf, S. 6-9

Förderung von Kindern in Kindergärten und beim Übergang zur Grundschule

Arbeitsgruppe Jugendhilfe/Schule der Jugendministerkonferenz und der Kultusministerkonferenz

 

1. Ausgangslage

Die Tagesbetreuung für Kinder stellt für die Länder und Kommunen bezüglich der Größe der Zielgruppe und Ausgabenvolumina inzwischen den größten Leistungsbereich dar. Der Kindergarten als öffentliche Betreuungs- und Bildungsstätte für 3- bis 6-jährige Kinder entwickelt sich immer mehr zu einem Vollversorgungssystem, bei Versorgungsquoten selbst in den alten Ländern von 95%. Zwar entspricht der Betreuungsumfang in den alten Ländern nicht immer dem, was Eltern wünschen; der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hat jedoch zu einer enormen Expansion an Plätzen in den alten Ländern geführt, und ein Kind, das vor Eintritt in die Grundschule keinen Kindergarten besucht hat, ist heute zunehmend eine Ausnahme. Im Hinblick auf die Schule handelt es sich - anders als in anderen Bereichen - bei den Kindergartenkindern und den Grundschulkindern quantitativ und in der Zusammensetzung um eine fast identische Gruppe. Hier eine enge Verzahnung der Systeme zu suchen, liegt auf der Hand.

2. Entwicklungsschwerpunkte

Für die Einrichtungen der Jugendhilfe zur Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern (Kindertagesstätten/Kindergärten) lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt eine neue Schwerpunktsetzung und Entwicklungstendenz ausweisen: die Einrichtungen der Kindertagesbetreuung verstehen sich noch mehr als bisher als Angebote frühkindlicher Bildung. Vor dem Hintergrund einer öffentlichen Debatte über den Stellenwert von Bildung in einer kindgerechten "Kultur des Aufwachsens" beschäftigt sich der Jugendhilfebereich erneut (nach 30-jährigen Moratorium in den alten Ländern) mit der Frage von Bildungsinhalten und Aneignungsformen im frühkindlichen Alter (vor Eintritt in das Schulsystem). In den neuen Ländern kann dabei an andere Diskussionsstränge angeknüpft werden, da der Kindergarten zur DDR-Zeit Teil der Volksbildung war und einen klaren, wenn auch in wesentlichen Teilen ideologisch geprägten und z.T. instrumentell verkürzten Bildungsauftrag hatte.

Die große Lernfähigkeit der Kinder in diesem Alter, ihr Entwicklungspotential, ihre Neugier und Entdeckungsfreude, ihr Spaß am funktionellen Training und Üben prädestinieren die Einrichtungen der Tagesbetreuung von Kindern auch zu Bildungseinrichtungen. Das gilt gleichermaßen für kognitive Leistungen, musisch/ künstlerische Aktivitäten, motorische Entwicklung und Sozialkompetenzen.

Das Alter der Kinder schließt weder systematische Bildungsangebote noch Leistung aus, sondern fordert dies vielmehr im hohen Maße ein. Hier besteht ein Entwicklungsbedarf für die Jugendhilfe. In einer dynamischen Wechselbeziehung zwischen den inhaltlichen und methodischen Entwicklungen des Kindergartens und der Grundschule können folgende beispielhafte Themenbereiche Schwerpunkte werden:

a) Sprachentwicklungsförderung

Die Möglichkeiten für die Auseinandersetzung mit der Realität basieren ebenso wie die zur Entwicklung sozialer Kompetenz auf dem Vermögen, sich angemessen sprachlich auszudrücken. Zugleich ist Spracherwerb Resultat des Bildungsprozesses in den ersten Lebensjahren. Angesichts der zentralen Bedeutung von Sprachkompetenz für alle weiteren Bildungsprozesse und angesichts der zunehmenden Rolle sprachlicher Interaktionen in der Wissensgesellschaft ist es erforderlich, dass Kindertagesstätten der Sprachkompetenz eine größere Bedeutung zumessen. Dies gilt insbesondere für die Kinder, die aus Migrantenfamilien stammen, in denen sie keine oder nicht ausreichende Möglichkeiten haben, die deutsche Sprache zu erlernen sowie für Kinder aus Familien, die durch sprachliche "Mangelmilieus" gekennzeichnet sind.

Die Einrichtungen der Jugendhilfe übernehmen hier eine hohe Verantwortung. Die zunehmende Verwendung von speziellen Förderprogrammen, die insbesondere die familiäre Unterstützung einbezieht, macht deutlich, dass diese Anforderung ernst genommen wird und nicht mehr davon ausgegangen wird, dass Kinder allein durch Assimilation in den Kindergartenalltag eine entwicklungsadäquate Kompetenz in der deutschen Sprache erlangen. Für die Grundschule stellt sich dies in ähnlicher Weise dar. Obwohl die Anzahl der Kinder ausländischer Herkunft, die einen Kindergarten besuchen, stetig ansteigt, kann Grundschule nicht davon ausgehen, dass die Mehrheit der Kinder ausländischer Herkunft über adäquate Deutschkenntnisse verfügt, die ihnen erlauben, am Unterrichtsgeschehen produktiv teilzunehmen. Hier ist eine Zusammenarbeit des Elementarbereiches bzw. der vorschulischen Einrichtungen und der Grundschule dringend erforderlich, insbesondere bei den 5-jährigen Kindern (letztes Jahr vor Eintritt in die Grundschule) unter Einbeziehung ihrer Eltern.

Die spezielle Anforderung, Kinder mit nicht-deutschem Sprachhintergrund in Kindergarten und Grundschule zu einem altersadäquaten Sprachkompetenzniveau in Deutsch zu führen, macht zwei Entwicklungsaufgaben deutlich: gemeinsame Fort- und Ausbildungen für Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer und den Ausbau der inneren Differenzierung und Funktionsteilungen der Fachkräfte in Tagesbetreuungseinrichtungen und Grundschulen. Eine notwendige innere Differenzierung mit speziellen Aufgabenstellungen, wie z.B. die Sprachentwicklungsförderung von Kindern und Schülern aus Migrantenfamilien, macht auch die Hinzuziehung von Spezialkräften erforderlich, die im Bereich Deutsch als Zweitsprache über besondere Kompetenzen verfügen.

Für Kinder aus deutschsprachigen Familien mit unzureichender Sprachentwicklungsförderung ergeben sich ähnliche Anforderungen. Auch für diese Kinder ist die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften aus Kindergärten und Schulen notwendig.

b) Gemeinsame Förderung behinderter und nichtbehinderter Kinder

Die zunehmende Normalität der gemeinsamen Förderung von behinderten und nichtbehinderten Kindern im Kindergarten führt zu einem hohen Erwartungsdruck der Fortsetzung dieser Ansätze in der Grundschule und darüber hinaus. Die in vielen Grundschulen entwickelten Formen der Binnendifferenzierung ohne Verweisung der Kinder auf andere Schulformen sind weiterzuentwickeln, wobei gerade hier das Schulsystem auf sozialpädagogische Kompetenzen angewiesen ist und interdisziplinäre Arbeitsansätze stärker Anwendung finden müssen. Die Auswahl des richtigen Förderortes (Grundschule, Förderzentrum, Sonderschule etc.) ist in Abstimmung mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf des jeweiligen Kindes zu treffen. Einzubeziehen sind die entsprechenden Bestimmungen zu Teilhabe und zur integrativen Erziehung des SGB IX.

Die Gestaltung der Übergangssituation vom Kindergarten in die Grundschule nimmt gerade für Kinder mit einem zusätzlichen Hilfe- und Förderbedarf und deren Eltern einen großen Stellenwert ein. Dies gilt auch für Kinder, die zwar keine Behinderung im sozialrechtlichen Sinne aufweisen, die aber aufgrund nicht ausreichender familiärer Förderung erhebliche Entwicklungsdefizite und damit verbunden Verhaltensprobleme aufweisen.

c) Größere Altersmischung in den Kindergartengruppen und die Folgen

Insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, aber auch auf der Basis pädagogischer Zielsetzungen hat die Altersmischung von 3 bis 6 Jahren in den Kindergartengruppen Einzug gehalten. Zu beobachten ist darüber hinaus, dass die Kinder beim Eintritt in den Kindergarten zunehmend jünger sind, häufig erst knapp 3 Jahre oder darunter. Für die Weiterentwicklung der Grundschule ist dies hinsichtlich des Einschulungstermins relevant, da es für eine Anzahl von Kindern von Vorteil sein kann, zu einem früheren Zeitpunkt als bisher eingeschult zu werden. Im Hinblick auf das Entwicklungsalter des jeweiligen Kindes soll der Termin der Aufnahme in die Grundschule flexibel gestaltet werden. Entwicklungsgemäß sind sie nicht nur in der Lage, in ein neues Lern- und Bildungssystem zu wechseln, sondern bedürfen auch neuer Anforderungsmilieus.

Schulmodelle mit jahrgangsübergreifenden Klassen sollten weiterentwickelt werden. In solchen Modellen sind auch gleitende Übergänge möglich, in denen Kinder eine Anzahl von Stunden pro Woche in der Schule verbringen, aber noch Kindergartenkinder sind. Perspektivisch soll dies in die Wahrnehmung einer gemeinsamen Verantwortung gegenüber den 5-jährigen Kindern durch Kindergarten und Schule münden.

d) Elternarbeit

Im Wissen, welche wichtige Rolle Eltern durch ihre Unterstützung der Kinder in den ersten Schuljahren für den Schulerfolg einnehmen, lohnt es sich an der Weiterentwicklung von Inhalten und Formen der Elternarbeit in Kindergarten und Grundschule zu arbeiten. Schulen können von der in der Regel gut funktionierenden Elternarbeit und Elternbeteiligung in Kindergärten profitieren. Eltern von Kindergartenkindern stehen vielen Fragen bezüglich der Entwicklung und Förderung ihrer Kinder offener und interessierter gegenüber als die gleichen Eltern später. Schulen könnten dies u.a. nutzen, indem sie Angebote für Eltern und Kinder (Kindergartenkinder) in der Schule machen. Dabei sollten sie insbesondere bei Migranteneltern und bei Eltern, deren Erziehungskompetenz erheblich eingeschränkt ist, mit den Erzieherinnen und Erziehern der Einrichtungen zusammenarbeiten.

Die Entwicklung von Elternbegleit- und Unterstützungsprogrammen an Grundschulen ist dringend anzustreben. Grundschulen können - wie Kindergärten - sich auf den Weg machen über ihre Funktion als Bildungsstätte hinaus ein Ort für Familien zu sein, an dem Kinder und Eltern sich gerne, über die Unterrichtszeiten hinaus, aufhalten, um andere Kinder und Familien zu treffen.