Aus: Brief Fröbels über die Funktion des Kindergartens, in Albert Reble (Hrsg.): Friedrich Fröbel. Kleine pädagogische Schriften. Heilbrunn 1965, S. 115-132

Funktion des Kindergartens

Friedrich Fröbel

 

Marienthal, am 25. Mai 1852

Wertgeschätzte, liebe Emma!

Sie wünschen von mir einen Nachweis über die Führung der Vermittlungs- oder Vorschule, der Verknüpfung zwischen dem Kindergarten und der reinen eigentlichen Lernschule...

An die Bildung des Kindes und Menschen in der Haus-, Familien- und Kinderstube schließt sich nun die des Kindergartens als die zweite Hauptstufe des Kindheitslebens, wenn man die Säuglings- und Kinderstubenstufe zusammen als erste Hauptstufe des Kindheitslebens betrachtet. Durch den Eintritt in den Kindergarten tritt das Kind in ein vielfach neues Lebensverhältnis, und dies soll von der Kindergärtnerin so sorgsam als sinnig betrachtet werden. Indem das Kind in den Kindergarten tritt, tritt es zuerst in Verhältnis zu einer Mehrheit von Lebensgenossen und diesen einmal als einzelnes einer Vielheit gegenüber; zugleich wird es aber auch Glied dieses Ganzen, und wie es so von dem Ganzen Gewinn oder Vorteil hat, so hat es aber auch gegen dieses Ganze Verpflichtungen. Und hierin liegt zunächst das menschlich Bildende des Kindergartens, was sich die Kindergärtnerin recht klar zum Bewußtsein zu bringen hat, um das Kind selbst recht sorgsam in dieses neue Verhältnis einzuführen und solches für dasselbe recht fruchtbar zu machen.

Zweitens aber tritt das Kind, wenn es in den Kindergarten kommt, zu einer Mehrheit von Gegenständen, Sachen, Dingen, die es zum vergleichenden Anschauen, somit zum vergleichenden Nachdenken, zur Ausbildung des Verstandes und so durch ihr Erscheinen und ihre Verhältnisse unbeachtet und ungeahnet zu mannigfachen Erkenntnissen führen...

In dem Garten handelt es sich bloß um das Anschauen - Auffassen - um das Tun - das richtige Bezeichnen durchs Wort - wie um das richtige Bezeichnen des durch das Tun Hervorgebrachten, doch nicht um die von dem Gegenstande gleichsam losgerissene Erkenntnis und Kenntnis.

Gegenstand und Kenntnis, Anschauung und Worte sind noch vielfach ein innig Einiges wie am Menschen Leib und Seele. Diese Bildungsstufe des Kindergartens muß als eine sehr scharf begrenzte von der Kindergärtnerin festgehalten werden; sie schließt die abgezogene, reine Erkenntnis, das abgezogene, selbständige Denken noch völlig aus; dazu führt erst die vierte Hauptstufe, die der "Vermittlungsschule"!...

Das bestimmte und klare in sich geschlossene Ergebnis des Kindergartens ist also: scharfe bestimmte und klare Auffassung und Anschauung des Gegenstandes, seiner Eigenschaften, seiner Verhältnisse, seiner Entstehung, seiner Fortentwicklung, seines mehrfachen Zusammenhanges mit dem Leben. Und alles dieses geknüpft an das genau bezeichnete Wort, so zunächst durch die freischaffende Tätigkeit hervorgerufene Formen und Gebilde, als Lebensformen, als Formen der Erkenntnis und Einsicht und als Formen des Fühlens, als Schönheitsformen. Hier erscheint das innerlich Einige und Seiende in äußerer Mannigfaltigkeit, und so kommt das Kind zur wahren Erkenntnis, besonders Anschauung der Mannigfaltigkeit, welche in der inneren Einheit ruht und durch gesetzmäßige Entfaltung hervortritt...

Ihr treugesinnter, väterlicher Freund

Fr. Fr.