Rezension einer früheren Auflage

Rainer Schandry: Biologische Psychologie - ein Lehrbuch. Mit CD-ROM. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union, 4. Aufl. 2016, 608 Seiten, EUR 59,00 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Die Pädagogik scheint noch nicht unmittelbar erfasst von dem neuen Trend in Psychologie und Psycholinguistik, der sich darin manifestiert, dass Forschungsergebnisse aus Biologie, Neurobiologie und Neurologie wenig respektvoll importiert werden, um alte psychologische Weisheiten (z.B. "kritische Phase" in der Entwicklungspsychologie) neu zu bestätigen und mit beeindruckenden Ergebnissen anders zu belegen oder in Frage zu stellen.

Die Diskussion über naturwissenschaftliche Konzepte im Rahmen pädagogischer Disziplinen steht aber unmittelbar bevor. Was auch immer man davon halten mag, es ist nicht zu leugnen, dass naturwissenschaftliche Theorien und Ergebnisse z.Z. die "Geisteswissenschaften" in Atem beraubender Weise aufmischen, als erhielten die Lehrer etwa Nachhilfe. Der Neurobiologe Ernst Pöppel schreibt den Pädagogen ins Stammbuch: Sie haben 20 Jahre die Ergebnisse seiner Wissenschaft ignoriert (FOCUS vom 17.12.2001). Die Zustände in deutschen Kindergärten etwa werden als "katastrophal" bewertet. Die Empfehlung an die Erziehenden ist so nahe liegend wie banal: Öffnet Eure Augen - vielleicht auch Eure Herzen!

Exakt zu dieser Diskussion passt das umfangreiche Werk von Rainer Schandry, Professor für biologische Psychologie an der Universität München. Schandry hat wohl für Vorlesungen eine große Anzahl von relevanten Themen zusammengestellt. Eben dieser Umstand macht das Buch auch interessant für Lehrer/innen, die den einen oder anderen Sachverhalt nachschlagen oder für Schüler/innen aufbereiten müssen. Der Band kommt vor allem dem Leser entgegen, der sich vorher noch nicht mit Biologischer Psychologie befasst hat. Einmal ist die textliche Gestaltung wie geschaffen für Einsteiger, d.h. direkt und gut verständlich. Es gibt zudem unglaublich viele und gute Abbildungen sowie Zusammenfassungen und vertiefende und definitorische Anmerkungen in separaten Kästchen - wie man es eben von guten amerikanischen Lehrbüchern gewohnt ist. Ein Glossar vervollständigt diesen Eindruck (was z.B. der Hogrefe-Verlag in seinen wissenschaftlichen Publikationen nicht mehr nötig zu haben scheint). Dazu kommt eine Übersicht über Abbildungen; das Stichwortverzeichnis ist natürlich selbstverständlich.

Die Inhalte sind an vielen Stellen erstaunlich - gelegentlich überraschend. So bietet der Autor gleich zu beginn eine umfangreiche Übersicht über die "Geschichte der Neurowissenschaften in Daten" - eine Übersicht, nach der man in anderen Publikationen lange suchen wird. Die Gestaltung der Kapitel ist so sorgfältig und übersichtlich gemacht, die Texte sind auch vorsichtig, sensibel und klar formuliert, dass es sehr leicht ist, einzelne Aspekte psychobiologischer Themen aufzusuchen und nachzulesen - für SEK II-Schüler übrigens gut verständlich. Ob es um die Erläuterung sexueller Reaktionen (S. 356ff.), um die Neurobiologie der Abhängigkeit (Drogensucht, S. 456ff.) oder um die neuronalen Grundlagen des Spracherwerbs (S. 536ff.) geht, Schandry ist stets klar und verständlich, um die strukturellen Zusammenhänge und die historischen Hintergründe bemüht. Ein umsichtiges und freundliches Buch für Einsteiger. Ebenfalls für eine Schulbücherei phantastisch geeignet - sowie für Berufskollegs, die Bildungsgänge zu Gesundheitswissenschaften fahren.

Für Rezensionen nicht selbstverständlich, doch hier reizvoll: eine Zusammenstellung der zentralen Themen, damit Leser/innen der Rezension wissen, worauf sie sich bei einem Kauf freuen können: Gene und Verhalten, Bausteine des Nervensystems, die zelluläre Basis der Informationsverarbeitung im Nervensystem usw., Steuerung vegetativer Funktionen, das Hormonsystem, Bewegung (z.B. die motorische Steuerung auf der Ebene des Gehirns), Allgemeine Sinnesphysiologie, Sonatosensorik (Tastsinn, Temperatursinn, Tiefensensibilität), visuelles System, Gehör, Gleichgewicht, Riechen usw., Schmerz, Stress, Sexualität, Rhythmen des Verhaltens, Schlaf und Traum, psychische Störungen (Transmitterprozesse, Psychopharmatherapie), Drogenabhängigkeit (vom Alkohol bis zu Cannabis), Emotionen, Lernen und Gedächtnis (hier werden z.B. Gedächtnisleistungen auf dem Hintergrund von Gehirnstrukturen oder die neuronale Grundlage für operantes Konditionieren [!] erläutert), Sprache und Lateralisierung der Gehirnfunktionen (sauber und exakt erläutert), Methoden der biologischen Psychologie.

Norbert Kühne