Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Lotte Geppert

Manfred Berger

 

Charlotte (genannt Lotte) Gepperts Wiege stand in Berlin. Dort erblickte sie am 21. Juni 1883 das Licht der Welt. Nach dem Besuch der "Höheren Töchterschule" absolvierte sie am renommierten Berliner "Pestalozzi-Fröbel-Haus" die Kindergärtnerinnenausbildung und folgend in München eine Ausbildung für "Buchbinderei und hauswirtschaftliche Tätigkeit". Anschließend arbeitete sie u.a. als Kindergärtnerin und Hortnerin im Charlottenburger "Jugendheim", als Lehrkraft für "Kindergarten-Pädagogik" an der "Sprengel'schen Frauenschule" in Berlin, als Leiterin von "Handfertigkeitskursen im Institut für Soziale Arbeit" in München, als Lehrerin für "theoretische und praktische Kindergartenlehre" am Münchener Kindergärtnerinnenseminar sowie als Lehrkraft für "angewandte Pädagogik und Sozialpädagogik" an der Sozialen Frauenschule in München. Im Jahre 1922 kehrte Charlotte Geppert nach Berlin zurück. Dort ließ sie sich im "Sozialpädagogischen Seminar" des "Charlottenburger Jugendheims" zur Jugendleiterin ausbilden. Nach ihrer einjährigen Ausbildung übernahm sie die Leitung des Nürnberger Sonderkindergartens.

"Der Sonderkindergarten Nürnberg nimmt Kinder auf, die seelisch und körperlich besonders pflegebedürftig sind und deren Aufnahme vom leitenden Arzt (San. Dr. Mainzer) befürwortet ist. Es sind vor allem Kinder, die in ihrer allgemeinen Entwicklung stark gehemmt, überregt, apathisch, sprachgestört, überängstlich und schwererziehbar sind. Leicht debile Kinder sind in beschränkter Zahl untermischt. Über jedes Kind wird während seiner Kindergartenzeit ein Entwicklungsbogen geführt, der mit der ärztlichen Aufnahmeuntersuchung beginnt und von der Leiterin fortgeführt wird. Sprachgestörte Kinder haben Einzelunterricht, ebenso wird speziell eigens konstruierte orthopädische Apparatgymnastik mit den dafür in Frage kommenden Kindern geübt... Der Nürnberger Sonderkindergarten hatte in Deutschland kein Vorbild und ist heute noch der einzige dieser Art. Die Leiterin war deshalb gezwungen, die für diese Sondereinrichtung passende Methodik selbst zusammenzustellen und in Zusammenarbeit mit dem Arzt selbst herauszuarbeiten" (Ida-Seele-Archiv; Akte: Charlotte Geppert, Nr. 1/2/3).

Nur wenige Minuten vom Sonderkindergarten entfernt befand sich ein großer Garten, mit drei Wiesen, einem Waldteil, verwilderten Gebüschgruppen, Obstbäumen und Beerensträuchern sowie einem Sandhügel. So oft wie nur möglich, verbrachte man die meiste Zeit im "Sonnengarten", um den Kindern völlige Spielfreiheit und ein "natürliches Kindersein" zu ermöglichen. Ihre Mithilfe bei den üblichen Tagespflichten war eine Selbstverständlichkeit: "Sie helfen z.B. beim Einkaufen für die Küche, beim Aufstellen von Tischen und Stühlen, beim Aufdecken und beim Herrichten ihrer Liegestätten und Decken... Im übrigen tummeln sie sich den ganzen Tag über völlig nach eigenem Geschmack herum, spielen allein, zu zweit oder in Gruppen; die einen verbringen ihre Zeit mehr beschaulich mit Blumenpflücken oder mit dem Bau von Käferwohnungen oder mit glücklichem Faulenzen in der Sonne; die anderen bevorzugen Spiele mit lebhafter Bewegung und mit viel Geschrei, das draußen endlich einmal nicht verboten werden muß" (Geppert 1929, S. 92 ff.).

Bereits 1924 gliederte Charlotte Geppert dem Sonderkindergarten regelmäßige "Mütterlehrgänge" an. Diese dienten einer Vertiefung der Kindergartenarbeit: "Fröbelsche Gedankenwelt weist uns den Weg, die Aufgabe anzupacken. Sein Motto: 'Treib mit dem Kinde nichts beziehungslos' läßt uns auch für unsere Mütterlehrgänge den natürlichen Mittelpunkt finden. Es ist uns in unseren Kindern gegeben. Als Stoffverteilung, die Eindringlichkeit verspricht, verwenden wir den Gedanken des Einheitsstoffes zur Gruppierung der Erziehungsfragen. Damit legt sich uns der Arbeitsplan ganz von selbst in die Hand und bleibt jederzeit ungesucht natürlich. Brennende Fragen des Augenblicks drängen zur Vertiefung, die Klippe der Oberfläche läßt sich auf diese Weise leicht umschiffen. Immer wieder fragen wir uns: Was steht für uns in diesem Moment im Vordergrund, was macht uns am meisten Mühe, was die größte Freude? So machen wir es möglich, daß sich unser Unterricht ganz an die Praxis anschließt, ich möchte fast sagen, anlebt... Wir sind jetzt so weit in unseren Mütterkursen, alle unsere Mütter regelmäßig zu erfassen; die arbeitenden Frauen im Abendkurs, die anderen im Nachmittagskurs. Da fast alle unsere Kinder drei Jahre im Kindergarten sind, haben wir auch für unsere Mütter einen dreijährigen Lehrgang" (Geppert 1928, S. 10).

Der Sonderkindergarten avancierte bald zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen im In- und Ausland. So wurde z.B. von Charlotte Geppert 1928 in Wien ein Kindergarten in Verbindung mit einer Mütterschule nach dem Nürnberger Vorbild errichtet.

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, entließ man Januar 1939 Charlotte Geppert mit Inkrafttreten des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in den vorzeitigen Ruhestand. Der Grund: ihre Großmutter väterlicherseits hatte dem jüdischen Glauben angehört. Folgend begann für die Pädagogin eine schwere Zeit. Sie weilte oft in der Schweiz, wo sie den Spuren Friedrich Fröbels nachging. Dadurch konnte sich die Pädagogin auch dem Zugriff der Nazis entziehen.

Nach 1945 betätigte sich die inzwischen 62-jährige als Dozentin an der Münchener Städt. Sozialen Frauenschule und am Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar. Sie unterrichtete die Fächer Heilpädagogik und Geschichte der Pädagogik. Ferner gründete sie die "Münchener Mütterschule", die sie noch bis 1961 leitete. Zusätzlich engagierte sich Charlotte Geppert im Unterausschuss "Frühkindliche Erziehung" in der "Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe" und im "Pestalozzi-Fröbel-Verband", für dessen Verbandszeitschrift sie viele Artikel verfasste. Ihr Beitrag über metaphysische Empfindungen des Kleinkindes, die sich u.a. im kindlichen Spiel, seinen Zeichnungen oder im Umgang mit gestaltbaren Material widerspiegeln, fand seinerzeit hohe Anerkennung. Diesbezüglich formulierte die Pädagogin:

"Dem Kleinkind ist der Ausdruck durch die Sprache nur unvollkommen gegeben. Hin und wieder vermag es uns mit einem selbstgeprägten Wort oder mit einer originellen Silbenverkuppelung sehr treffend sein Bild der Vorgänge illustrieren; aber im allgemeinen lernen wir von seiner inneren Welt mehr durch seine Darstellungen. Sein Spiel, sofern es wirklich freies Spiel ist, sein Schaffen mit Stift, Farbe, Ton, Sand und Bausteinen und der ganzen Fülle gestaltbaren Materials verraten uns das dahinter stehende individuelle Erleben. Beobachtendes Vergleichen läßt daraus auf das für diese Entwicklungsphase Typische schließen. Je nach der Eigenart des Kindes erklärt es uns von sich aus bereits in der Extase des Schaffens den Sinn des Ganzen, oder aber der Erwachsene muß sich durch feinfühliges Fragen das Gebilde erklären lassen. Da steigt dann die Welt herauf, in der das Hier die Grenzen des Transzendenten unbedenklich durchstößt und umgekehrt das Drüben zur greifbaren Realität formt. Man erstaunt teils über den Wirklichkeitssinn, mit dem das Kleinkind erlebt, teils über die Kräfte der Phantasie, mit denen es 'den ganzen Kreis der Schöpfung' ausschreitet 'von Himmel durch die Welt der Hölle' (Geppert 1957, S. 74).

Im Alter von 78 Jahren verstärkte Charlotte Geppert nochmals ihre bereits in den Jahren des Nationalsozialismus begonnenen Forschungsarbeiten über Fröbels Wirksamkeit in der Schweiz nach 1830, niedergelegt in der Publikation "Friedrich Fröbels Wirken für den Kanton Bern". Die Veröffentlichung gleichnamiger Schrift erlebte Charlotte Geppert nicht mehr. Sie starb am 24. Januar 1968 in München.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt/Main 1995

Geppert, L.: Fröbelsche Gedankengänge in unserer heutigen Mütter- und Elternausbildung, in: Kindergarten 1928/H. 7

Dies./Mainzer, J.: Das Leben im Sonderkindergarten. Psychologisches und Pädagogisches zur Methodik freier Kindergartenarbeit, München 1929

Dies.: Das Kleinkind in der Wunderwelt seiner metaphysischen Offenbarungen, in: Blätter des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes 1957/H. 2

Dies.: Friedrich Fröbels Wirken für den Karton Bern, Bern/ München 1976