Vom Bewegungskindergarten in einen traditionellen Kindergarten - der bewusste Weg zurück...

Barbara Perras

 

Im Sept. 2002 wechselte ich nach 10jähriger Tätigkeit vom kommunalen Bewegungskindergarten in einen traditionell geführten evangelischen Kindergarten. Die von mir erarbeitete Konzeption mit motopädagogischem Schwerpunkt im Kopf, verlegte ich meine Hauptaktivität zunächst auf die Beobachtung.

In den darauf folgenden Wochen fiel mir auf:

  • Jungen kommen tatsächlich in konservativen Kindergärten zu kurz (was ich mir bis dahin nicht vorstellen konnte).
  • Viele Alltagsprobleme sind "hausgemacht", weil Erzieherinnen das Problem, die Ursachen und die Möglichkeiten zur Verbesserung nicht kennen.
  • Durch sehr enge Strukturen fallen Bewegungsdefizite nicht auf.
  • Die Kinder verhalten sich in beiden pädagogischen Ansätzen in Wellenbewegungen laut und leise. Bei erwünschtem und geplantem Bewegungsverhalten fehlen jedoch die schrillen, unangenehmen Töne.

Jungen brauchen andere Bewegungsanreize in Gruppenräumen

In der traditionellen Gruppenraumeinteilung (nach Schmaus-Schörl) haben Kuschelecke, Puppenecke, Bauecke, Leseecke, Maltisch, Basteltisch, Spieltisch, Puzzletisch und Brotzeittisch große Bedeutung und somit Vorrang. Damit sind die Räume voll, meist zu voll für Bewegung im Allgemeinen und für zusätzliches Bewegungsmaterial im Besonderen. In meinem bisherigen Kindergarten hatte ich das Glück, dass für vier Gruppen über 700 Quadratmeter zur Verfügung standen; zwei der Gruppenräumen waren je 70 Quadratmeter groß. Deshalb bekam ich oft als Gegenargument zu hören: "Ja - aber unsere Räume sind zu klein..."

Nun stand ich also seit September vor derselben Aufgabe wie viele meiner Kolleginnen in "normalen" Kindergärten: Ein Bewegungskonzept auf engem oder engerem Raum umzusetzen. Ich denke, ich habe es jetzt - nach genau sechs Monaten - bereits geschafft. Dabei hatte ich sehr viel Glück und Unterstützung:

  • Meine Mitarbeiterinnen sind sehr aufgeschlossen.
  • Der Bau und die bereits vorhandene Einrichtung kamen mir sehr entgegen (Alle drei Gruppenräume sind gleich aufgeteilt und eingerichtet!).
  • Der Flur ist knapp 40 Meter lang und 3 Meter breit mit großen Fensternischen für die Garderoben.
  • Im großzügigen naturbelassenen Garten wurde ein Bewegungskonzept der Erfahrungen mit Rollern, Dreirädern und anderen Fahrzeugen bereits umgesetzt. Besonderen Spaß macht vor allem das Befahren der steilen Kinderwagen- bzw. Rollstuhlzufahrt.

In unseren Gruppenräumen sind die sichtbaren Deckenbalken tatsächlich auch massive Tragbalken und damit für die Aufhängung von Hängematten geeignet, was wir als erstes nutzten.

Die so genannten "zweiten Ebenen" mit Podesten, die mit Teppichen belegt sind, nehmen knapp den halben Gruppenraum ein und schaffen somit viel Raum und verschiedene Nischen. Gleich im September nutzten wir das begrenzte Zwischenpodest für ein Luftballonkissen, welches so gut wie nichts kostete: Ein großer Bettbezug lag auf dem Dachboden, und ein Teil der Ballone kam aus Werbemitteln von Firmen. Das Kissen wurde von den Kindern sofort sehr aktiv eingebaut. Interessanterweise war es gerade für Kinder wichtig, welche Angst davor hatten, dass die Luftballone platzen: Sie setzten sich immer mutiger und gezielter auf die einzelnen Ballone unter dem Stoff und hatte zunehmend weniger Furcht vor dem Knall. Ich vermute, dass sie so viel mehr das Gefühl dafür entwickeln konnten, das Platzen selbst zu bestimmen und zu kontrollieren. Jetzt sind auf dem Zwischenpodest der Bewegungskreisel, das Therapiefass und ein Sitzball mit 60 cm Durchmesser.

Unter dem ca. 50 cm hohen Zwischenpodest hat unsere Dino-Gruppe bereits vor Jahren eine Höhle einbauen lassen. Diese Idee setzten bzw. setzen wir auch in den anderen Gruppenräumen um.

Die Nische unter der größeren Treppe schlossen wir mit einer einfachen Verkleidung zu einem Kugelbad. Es ist zwar nicht sehr groß, dafür können wir uns aber genügend Bälle leisten, damit die Kinder darin untertauchen können. Und die Bauecke davor bleibt - zwar etwas verkleinert - erhalten.

Zu Beginn des Kindergartenjahres bestand vor allem bei den Jungen ein großes Bedürfnis, in den Turnraum zu gehen, den sie zwischen den angeleiteten Stunden frei nutzen durften. Aber die Zeiten waren oft zu kurz und die Kinder zu viel. Dazu kam, dass vor allem sehr bewegungsbedürftige Kinder aufeinander trafen. In den vergangenen Monaten fiel uns auf, dass immer mehr Jungen ihr Bewegungsbedürfnis in unserem Gruppenraum befriedigen (können und wollen). Die Freispielsituation im Turnraum ist entspannter.

Grundlegende Bedürfnisse und deren einfache Behebung sind oft nicht bekannt

Natürlich weiß jede Erzieherin, wie wichtig Schaukeln für die Entwicklung ist. Dazu gibt es doch die Schaukel im Außenbereich! Doch wie wenig diese genutzt werden kann, wenn das Wetter schlecht ist oder zu viele Kinder aus allen Gruppen im Garten sind oder..., wird oft nicht bewusst.

Grenzen spüren die Kinder vor allem in engen Nischen und Höhlen. Wenn sie sich aus Mangel an entsprechenden Räumen zwischen Regalböden zwängen, ist dies kein gesellschaftlich angemessenes Verhalten. Es zeigt jedoch, wie wichtig dies für das Kind ist - das in Kauf nimmt, dafür getadelt zu werden.

Rollen um die Körperlängsachse auf dem Boden zwischen den Tischen empfinden Erwachsene oft als störend und ermahnen diese "Bodenputzer", sich eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen. Doch diese Bewegung hat Sinn, sogar viele "Sinne", die angesprochen werden. Erkennt die Erzieherin das Bedürfnis an und gibt Gelegenheit dazu, dass die Kinder diese Aktivitäten ausführen, ändert sie ihre eigene Einstellung. Sie akzeptiert das Kind und seine Handlung und findet diese somit nicht mehr störend. Das Kind wiederum findet sich und seine Bedürfnisse akzeptiert und fühlt nicht mehr den Widerspruch zwischen der angenehmen Bewegung und der Nicht-Anerkennung durch den Erwachsenen.

Freiräume schaffen größere Beobachtungsräume

Pädagogen, die zulassen können, dass Kinder eigene Bedürfnisse zeigen und befriedigen, haben bessere Gelegenheiten, Defizite zu erkennen. Wir haben Kinder im Kindergarten, welche landläufig sehr fit in ihren Bewegungen sind und dabei doch vermeiden, den sicheren Erdboden zu verlassen. Ihr Motorik-Quotient liegt weit über 100! Diese Kinder fallen erst auf, wenn sie sich zur Hängematte hingezogen fühlen und trotzdem einen großen Bogen um sie machen oder so steif schaukeln, dass sie herausfallen. Diese Kinder können häufig keine Dinge in höhere Regal legen, weil sie nicht wissen, dass sie z.B. auf einen Stuhl steigen oder auf niedrige Unterschränke aufhocken können. Erst wenn Bewegungsansätze im pädagogischen Alltag Bedeutung gewinnen, richtet sich der Beobachtungsfokus darauf.

Bewegungsangebote erhöhen nicht zwangsläufig den Lärmpegel im Gruppenraum

Wir Erwachsenen haben eine andere Vorstellung von Stille und Ruhe. Für uns sind sie häufig gleichzusetzen mit Nichtstun oder Entspannen. Kinder sind ständig in Bewegung. Das müssen sie auch sein, weil sie nur durch Bewegung ihren Körper, ihre Persönlichkeit und ihr Wissen aufbauen können. Jungen bauen etwa 1/5 mehr Muskeln auf als Mädchen. Diese Entwicklung wird vor allem durch das Hormon Testosteron gesteuert. Deshalb erscheinen sie uns im Kindergarten anstrengender als Mädchen.

Bei einer Hängematte denken Erwachsene an sanft schwingende Bewegungen in leiser Umgebung. Kinder mit Hängematte sind lauter, sehr schwungvoll und sehr angespannt. Am liebsten drehen sie sich mit dem Stoff bis zum Anschlag um die Körperachse ein, um dann bei gleichzeitiger Schaukelbewegung ausgedreht zu werden. Diese Aktion ist nicht zwangläufig unangenehm lauter und störender als traditionelle Spiele, welche gelegentlich überschwappen. Wie bei jeder kindlichen Betätigung wechselt Anspannung mit Entspannung ab, und Kinder, die immer unter Spannung stehen, können nur durch diese Angebote wieder Entspannung finden. Tadeln, Einengen und Zurechtweisen können nicht zur Entspannung führen.

Kinder, deren Bewegungswünsche positiv beachtet werden, finden doppelte Befriedigung durch Hormone, welche durch die Aktivität ausgeschüttet werden, und Hormone, welche aufgrund sozialer Anerkennung produziert werden. Und die Erzieher machen sich selbst das Leben leichter, indem sie die Ergebnisse modernster Hirnforschung in die Arbeit einbeziehen!

Autorin

Barbara Perras, Erzieherin, Motopädagogin, ist seit 1. Sept. 2002 Leiterin des Evang. Kindergartens Loderhof in Sulzbach-Rosenberg. Kontakt: birkhof-mit7sinnen@t-online.de