Veränderte Kindheit - andere Kinder - andere Räume - andere Möglichkeiten

Susanna Conrad

 

Das Thema "Veränderte Kindheit" bestimmt nicht erst seit der Bildungsreform der 70er Jahre maßgeblich die Elementarpädagogik. Sie hat in allen Zeiten ihre Ausprägungen beeinflusst. Die Grundfragen zur institutionalisierten vorschulischen Erziehung von Kindern ranken seit Beginn der Etablierung der Pädagogik als Wissenschaft um die Frage, welche Erziehungsformen und Inhalte angemessen sind, zur Bildung und Erziehung junger Menschen beizutragen. Diese Frage ist nicht einmalig und endgültig zu beantworten. Denn die Anforderungen an die Pädagogik sind über grundsätzliche Leitlinien, die auf dem Hintergrund unserer kulturellen Prägung die Richtung der Pädagogik weisen (z.B. die Prinzipien der Humanität, der Toleranz und der Nächstenliebe), abhängig von stets starken Veränderungen unterworfenen und sich fortlaufend wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnissen.

Welche Strukturveränderungen bedingen heutige Kindheit?

Soziostrukturelle Bedingungen für heutige Kindheit

Kindheit wird vor allem durch soziostrukturelle Bedingungen geprägt. Zu ihnen zählen einschneidende demographische und familienstrukturelle Veränderungen, die in den letzten Jahren das Bild unserer Gesellschaft kennzeichnen. Da wären zum Beispiel der ungewöhnlich starke Geburtenrückgang seit den 50er Jahren und die Pluralisierung der Lebensformen zu nennen (Grundmann & Huinink, 1991). Außerdem bestimmen heute beispielsweise nicht mehr überwiegend wirtschaftliche und versorgungsbezogene Kriterien den Kinderwunsch, sondern eher emotionale Beweggründe (vgl. Bründel & Hurrelmann, 1996). Gestiegene gesellschaftliche Erwartungen an eine verantwortungsvolle Elternschaft, der Wunsch nach unabhängiger Lebensgestaltung sowie existentielle Unsicherheiten erschweren heutigen Paaren ihre Entscheidung zu eigenen Kindern und bedingen eine Reduzierung der Familiengrößen. Andererseits erfordert eine gleichzeitige Liberalisierung der innerfamiliären Beziehungen auch eine Rollenänderung der Familienmitglieder, die eine Änderung der Interaktionsstile und sozialen Bindungen der Familienmitglieder untereinander mit sich bringt. Es kommt zu einer Intensivierung und Emotionalisierung der innerfamilialen Beziehungen.

Neben einer zunehmenden Bildung von Stieffamilien zeigt sich in den letzten Jahren ein Trend hin zu Familienformen, die es früher nicht bzw. selten gab, wie zum Beispiel Einelternfamilien, nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern und Scheidungsfamilien. Durch eine steigende Berufstätigkeit beider Elternteile ist die gemeinsame Familienfreizeit reduziert. Kinder wachsen heute also oft in Familien auf, die nicht mehr dem traditionell bürgerlichen Familienideal entsprechen. Die Kernfamilie nach bürgerlichem Familienideal verliert in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung.

Veränderungen der Erziehungsvorstellungen

Im Zuge dieser Entwicklung trat ein Wertewandel ein, der u.a. eine Veränderung der Erziehungsvorstellungen nach sich zog. Durch den Zivilisationsschub veränderte sich die bedarfsorientierte Gesellschaft der 50er zu einer konsumorientierten Wohlstands- und Überflussgesellschaft der 60er und 70er Jahre. Es folgte ein Bedeutungsverlust der traditionellen Berufs-, Aufstiegs- und Leistungsorientierung. Das traditionelle Rollenverständnis änderte sich zugunsten einer Orientierung hin zur Privatsphäre und stärkerer Betonung partnerschaftlicher Werte (Büchner, 1985; Schütze, 1988).

Auch die Bedeutung des Kindes für die Familie erfuhr einen Wertewandel. Das Kind entwickelte sich von einem materiellen Wert für die Familie (als Altersversorgung, Mitverdiener, Unterstützer im elterlichen Betrieb oder Geschäft usw.) hin zu einem immateriellen Wert für die Familie. Nun werden mit dem Kind Sinngebung, Glück und Lebenserfüllung verbunden. Die Folge ist häufig eine überaus starke Kindzentrierung innerhalb der Familie, unter der unter Umständen die Partnerschaft leidet (Schütze, 1988). In Fällen einer gescheiterten Paarbeziehung muss nicht selten das Kind den Verlust des Partners ersetzen.

In der leistungsorientierten Gegenwartsgesellschaft macht ein Perfektionismusdenken auch vor der innerfamilialen Erziehungspraxis nicht halt. Hier liegt eine Gefahr der Leistungsüberforderung für Eltern und Kinder sehr nahe. Die Angst vor Versagen in der Erziehung ist permanent präsent, Sozialisationsdefizite werden häufig den Eltern angelastet.

So entwickelten sich folgende Erziehungsvorstellungen: Gute Eltern sind pädagogisch motiviert, informiert, liberal und haben Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes. Autoritäre Erziehungspraktiken verlieren ihre soziale Legitimität. Während früher eine Elternbestimmtheit der Kinder vorherrschte, gibt es heute eine starke Kindbestimmtheit der Eltern (Schütze, 1988). Erziehungsziel ist ein partnerschaftliches Verhältnis zum Kind. Die Familie wird als gleichrangige Gefährtenschaft ihrer Mitglieder angesehen.

Der steigende Trend zur Emotionalisierung des Eltern-Kind-Verhältnisses seit den 50er Jahren zog aber auch das Phänomen der Überbehütung nach sich. So bringt die Sonderstellung des Kindes innerhalb der Familie u.a. mit sich, dass Kinder immer seltener familiäre Pflichten, wie die Mithilfe im Haushalt, übernehmen müssen.

Veränderte räumliche und zeitliche Lebensbedingungen

Auch die räumlichen und zeitlichen Lebensbedingungen haben sich gewandelt (Büchner, 1985). Im Bereich kindlicher Außenräume führt ein zunehmendes Verkehrsaufkommen zu Nahverkehrsproblemen in Städten und Gemeinden. Von diesen sind insbesondere die Kinder betroffen, da ihr Bewegungsradius dadurch unweigerlich eingeschränkt wird und sie selbst stark gefährdet sind. Verkehrsunfälle sind die häufigste Todesursache im Kindesalter (Bründel & Hurrelmann, 1996).

Die städteplanerischen Entwicklungen führen zu einer zunehmenden Zersiedelung der Wohnräume. Natürlich gewachsene Wohnbereiche finden sich häufig nur mehr in kleinen Landgemeinden. Diese Zersiedelung bringt eine Verinselung der Menschen mit sich, die einen Zwang zu permanenter Mobilität nach sich zieht. Man benötigt das Auto, den Bus, die Straßenbahn, um den Arbeitsplatz, den Kindergarten, die Schule oder Geschäfte und Praxen zu erreichen. Auch die prinzipielle Dauer der Wohnansässigkeit an einem Ort sinkt, und dies hat Auswirkungen auf die sozialen Kontakte.

Diese Kennzeichen führen zu einer Verinselung des kindlichen Lebensraumes, denn auch Kinder sind zu permanenter Mobilität gezwungen. Da Kinder aber abhängig von Erwachsenen sind, die sie zu entfernt wohnenden Freunden bringen, hat dies auch Auswirkungen auf kindliche Gruppenbildungen. Es herrscht zunehmend eine von Erwachsenen gebildete Gleichaltrigengruppe vor. Kinder sind unbeweglicher, stärker auf Erwachsene angewiesen. Spielen wird zum Termingeschäft. Feste soziale Bindungen werden durch häufig wechselnde funktionsbezogene ersetzt.

Auch die natürlichen Spielräume der Kinder verändern sich. Es gibt kaum mehr innerstädtische Bereiche, in denen Kinder natürliche Spielräume vorfinden. Wie oft sind nicht gerade die wenigen Grünflächen in den Innenstädten für Kinder gesperrt. Wir alle kennen Schilder wie "Rasen betreten verboten". Statt dessen organisieren Erwachsene eine künstlich ausgestattete Spielwelt für Kinder. Dies sind vor allem funktionsbezogene Spielplätze, die durch ihre Strukturierung häufig gerade nicht kindliche Phantasie und kreative Tätigkeit anregen. Während Kinder früherer Generationen noch einen engeren Bezug zur Natur hatten und schon in jüngeren Jahren die Namen der einheimischen Singvögel aufzählen konnten, sind gleichaltrige Kinder heute dazu kaum in der Lage. Dafür kennen sie sich häufig besser als ihre Eltern mit der Bedienung von elektronischen Spielen, des Computers oder des Fernsehers aus.

Der Alltag der Kinder verlagerte sich von außen nach innen. Wurde früher die nähere und weitere Umgebung der elterlichen Wohnung, die Straße als Spiel- und Erlebnisraum genutzt, ist es für die heutigen Kinder die elterliche Wohnung. Damit sind kindliche Erlebnisräume stark abhängig von der Art der Wohnverhältnisse. Auch diese werden oft durch Erwachsene bestimmt und kontrolliert.

Wie sieht es mit der Zeiterfahrung aus?

Kindliche Zeiterfahrung und Zeiterleben und das entsprechende Erziehungsgeschehen unterliegen einer zunehmenden Beschleunigung, die schon im Kleinkindalter beginnt. Spielvereinbarungen beruhen auf terminlichen Absprachen zwischen Erwachsenen, die in nicht wenigen Fällen durch die eigene Berufstätigkeit unter Zeitdruck stehen. Im Zuge einer steigenden Kinderfreizeitkultur, die sich seit den 70er Jahren allmählich entwickelte, wird die Freizeit der Kinder neben Kindergarten und Schule häufig für mehrere Tage in der Woche fest verplant. Im Rhythmus von Sportaktivitäten, anderen Kinderbeschäftigungen wie Baby- und Kinderturnen, Musikalische Früherziehung, Malkurse, Ballett usw. wird Kindern schon früh das Gefühl vertraut, keine Zeit zu haben.

Spielen und Spielzeug im Wandel

Aber auch in der gegenständlichen Ausstattung hat sich einiges gewandelt, denken wir einmal an unsere eigene Kindheit oder aber die unserer Eltern zurück. Kindern steht heute eine große Palette von Spielgegenständen zur Verfügung. In unserer durch Konsumorientierung geprägten Gesellschaft erfährt heute kaum ein Kind mehr materielle Armut bezüglich der Ausstattung. Im Gegenteil, Kinder werden häufig durch die Anzahl ihrer Spielmaterialien im wahrsten Sinne des Wortes erdrückt - dies zeigt sich besonders deutlich an der Anzahl von Kuscheltieren in Kinderzimmern.

Die kommerzialisierte Kinderkultur prägt so die kindliche Lebenswelt entscheidend. Zu denken ist hier etwa an die Art und das Angebot der Spielwaren, die Vermarktung der Kinderkleidung und Kinderausstattung sowie die kulturellen Angebote für Kinder.

Nicht nur die Spielumwelt, auch das Spielverhalten der Kinder hat sich gewandelt. Es erfolgt eine Abwendung von traditionellen Spielen. Eine wachsende Dominanz erfahren Spiele, bei denen es um Leistung und Konkurrenz geht, und Spiele, in denen Geschichten aus Fernsehen und Video nachgespielt werden. Die Spielzeuge prägen das kindliche Spielverhalten entscheidend. Spielen wird so durch Spielzeug und Medienkonsum standardisiert, es unterliegt Modeerscheinungen (z.B.: Tamagotchi, Diddl, Barbiepuppen, Polly Pocket, Power Rangers).

Die Rolle der Medien

Das Fernsehen und Video sind als elektronische Großmutter zur konkurrierenden Sozialisationsinstanz bzw. zu einem vollwertigen Familienmitglied geworden. Kinder verbringen heute einen großen Teil ihrer Freizeit vor dem Fernseher. Mehr als ein Drittel der Neun- bis Zehnjährigen haben bereits ein eigenes Fernsehgerät (Bründel & Hurrelmann, 1996). Durch diese domestizierende Funktion zwingt der Fernseher die Kinder dazu, in der Wohnung zu bleiben und andere Aktivitäten zurückzustellen. Das Fernsehen bindet so die Zeit, die Kindern zum Spielen zur Verfügung steht, und reduziert die Möglichkeiten des sozialen Umgangs mit anderen Kindern sowie mit Erwachsenen. Bei den Vier- bis Sechsjährigen liegt die durchschnittliche tägliche Fernsehzeit bei ca. 1,5 Stunden, bei den Sieben-Neunjährigen liegt sie bei durchschnittlich 2,5 Stunden (Bründel & Hurrelmann, 1996, S. 226). Auch der Computer bzw. Computerspiele prägen immer stärker kindliche Erlebniswelten. Durch die Medien Fernsehen, Video und Computer erfahren die Kinder nicht selten eine Überstimulierung der entsprechenden Sinneseindrücke. Dagegen fehlen zusehends Stimulierungen in emotionalen, sozialen und motorischen Bereichen.

Welche Sozialisationswirkungen lassen sich aufgrund der vorgestellten Veränderungen resümieren (Büchner, 1985)?

  • Kinder sind weniger selbsttätig, sie konsumieren zunehmend. So werden Drachen nicht mehr selbst gebaut, sondern gekauft.
  • Kindliche Erfahrungen werden durch die Medien geprägt. Dies sind Erfahrungen aus "zweiter Hand", die die Kinder nicht selbst erlebt haben und die ihnen Sinngebungen und Bedeutungen vorfabriziert vermitteln.
  • Es ist eine zunehmende Institutionalisierung, Standardisierung und Expertisierung der Erziehung zu verzeichnen. Kindheit wird zunehmend normiert. Eltern sind heute unsicher, wie sie die Erziehung ihrer Kinder im Rahmen ihrer familiären Bedingungen bewerkstelligen können. Eine Fülle von Erziehungsratgebern (auch schon für werdende Eltern) deutet auf dieses Phänomen hin. Vielfältige Beratungsstellen für alle Lebens- und Erziehungsfragen erleben einen nachhaltigen Boom.

Wie reagieren die Kinder auf die Veränderungen?

Die genannten Merkmale der Lebenswelt heutiger Kinder prägen die Entwicklung der Kinder entscheidend. Es soll hier aber kein falscher Eindruck entstehen. Die geänderten modernen Lebensbedingungen können Kindern in einem entsprechenden Umfeld viele Entfaltungs- und Kreativitätschancen ermöglichen, den Kindern viel mehr Selbständigkeit und Persönlichkeitsentfaltung eröffnen als in früheren Generationen. Sie bergen aber gleichzeitig auch neue Formen von Belastungen, die die Bewältigungsmöglichkeiten von Kindern überfordern können (Bründel & Hurrelmann, 1996).

Im günstigsten Fall kann ein Kind in einem behütenden, fördernden Umfeld aufwachsen. Dies liegt vor, wenn Eltern und Erziehungsinstitutionen es meistern können, trotz der veränderten Lebensumstände den Kindern einen natürlichen Erlebnisraum zu erhalten, der es ihnen ermöglicht, ohne Zeit- und Leistungsdruck ihre Möglichkeiten in einem natürlichen Lebensumfeld zu erkunden.

Aber nicht alle Kinder können die Chancen auf eine Lebensbewältigung nutzen. Nicht selten zeigen heutige Kinder Verhaltensauffälligkeiten, deren Ursache in sozialen Problemen, psychischen Störungen oder körperlichen Erkrankungen und Beeinträchtigungen als Folge der veränderten Lebensumstände liegen. Es handelt sich vor allem um

  • Auffälligkeiten im emotionalen Bereich wie Stresssymptome, Angst, Unsicherheit, Ersatzbefriedigungen,
  • Auffälligkeiten im sozialen Verhalten von Kindern wie Distanzlosigkeit, Kontaktarmut,
  • Auffälligkeiten und Störungen im Wahrnehmungs- und Leistungsbereich wie Konzentrationsschwächen,
  • körperliche Auffälligkeiten wie Bewegungsarmut und Bewegungsstörungen, die zu einer körperlichen Unsicherheit bis hin zu erhöhter Unfallgefährdung führen können,
  • psychosomatische Störungen wie Schlafstörungen, Nervosität, Einnässen und
  • Sprachauffälligkeiten.

Wir sollten uns dabei fragen, ob kindliche Verhaltensauffälligkeiten nicht "gesunde" Reaktionen auf eine "krankmachende" Umwelt sind.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Erziehung der Kinder?

Die strukturellen und ideellen Veränderungen von Familien und Kindheit erfordern heute Reaktionen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.

Kindern muss die Chance eröffnet werden, primäre Lebenserfahrungen selbst zu sammeln, durch eigenes Tun. Sie brauchen die Möglichkeit, einen Einblick in gesellschaftliche Lebensformen und das Sozialgefüge zu erhalten, entsprechend ihren eigenen kindlichen Erfahrungsmöglichkeiten. Sie brauchen eine Verbindung von praktischen spielerischen und theoretischen Lernerfahrungen, denn Kinder lernen durch das Tun. Spielräume und Spielmöglichkeiten sollten zusammen mit Kindern zu Erfahrungs- und Erlebnisräumen umgestaltet werden. Dabei sollte Kindern eine kindgemäße Verantwortung zugemutet werden, d.h. eine ausgewogene Mischung aus verantwortlicher Teilnahme und Unterstützung, Anregung und Hilfestellung durch Erwachsene.

Damit Kindern die Chance gegeben werden kann, Ichkompetenz (also die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung, Frustrationstoleranz, Einfühlungsvermögen und Selbstvertrauen), Sozialkompetenz (wie die Rücksichtnahme und die Toleranz gegenüber Anderen sowie soziale Stabilität) und Sachkompetenz (nämlich Sinneserfahrungen, Umgang mit Materialien, Sprachkompetenz, Wissensaneignung) zu entwickeln, muss ihr unmittelbarer und ihr weiterer Erfahrungsraum ihnen Anregungen dazu geben. Denn nur in Verbindung von Ich-, Sozial- und Sachkompetenzen sind Kinder in der Lage, sich ihre Umwelt anzueignen und zu meistern.

Kindereinrichtungen müssen heute zunehmend komplexere Aufgaben übernehmen. Dies bedeutet beispielsweise, dass sie den Kindern Handlungsräume anbieten müssen, die außerhalb der Einrichtungen nur noch eingeschränkt vorhanden sind (Roßbach, 1996). Die inhaltlich-konzeptionelle Ausrichtung vieler Kindereinrichtungen folgt dieser veränderten gesellschaftlichen Entwicklung.

Zu Beginn der Reformphase im Bildungswesen waren noch stark funktionsorientierte Förderprogramme für die Einrichtungen gestaltend, die im weitesten Sinne auf Intelligenzförderung abzielten. Mit der fortschreitenden Bildungsreform erhielten vor allem Curricula zur Sozialerziehung, die die unmittelbare reale Lebenswelt der Kinder ins Zentrum ihrer Bemühungen stellen, eine beachtliche Bedeutung bis Mitte der 80er Jahre. Die 90er Jahre sind geprägt von einer Schwerpunktverlagerung über bestimmte Aspekte pädagogischer Inhalte wie Kreative Erziehung, Interkulturelle Erziehung, Umweltpädagogik, Gesundheitserziehung und Sinnes- und Erlebnisschulung hin zu einer Vielfalt curricularer Neukonzepte, die auch einschneidende inhaltlich-organisatorische Veränderungen in den traditionellen Einrichtungen nicht scheuen. Hier sind pädagogische Neukonzeptionen und Projekte wie das Projekt zur Suchtprävention "Spielzeugfreier Kindergarten", so genannte "Offene Kindergärten", "Gemeinwesenorientierte Kindergärten", aber auch "naturnah gestaltete Kindergärten" bis hin zu den "Waldkindergärten" zu nennen. Trotz struktureller Unterschiede haben diese Konzepte alle gemeinsam, dass sie den Kindern neue Lebens- und Gestaltungsräume ermöglichen wollen, die den zeitgemäßen kindlichen Bedürfnissen angemessen sind.

Kinder brauchen Erlebnisbereiche, die anregend sind, ihre Neugierde wecken und ihre Phantasie herausfordern. Diese Bereiche müssen vielfältige Spielmöglichkeiten zulassen und Kinder ganzheitlich fordern und fördern im Sinne der Einheit von Kopf (Wissen), Herz (Seele/ Psyche) und Hand (Körper/ Bewegung), die auch schon Pestalozzi als grundlegend für die Erziehung junger Kinder erkannte. Je funktionsorientierter bestimmte Ausstattungsgeräte sind, desto mehr grenzen sie aber gerade diesen Freiraum ein.

Die Kinder müssen die Möglichkeit haben, in ihrer Lebenswelt vielfältige Wahrnehmungen und Aktivitäten realisieren zu können, denn mit dem Verlust äußerer Spiel- und Bewegungsräume schwinden auch die persönlichen inneren Bewegungen, die Erinnerungen an sinnlich vermittelte Erlebnisse und Erfahrungen. Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang der Natur, der natürlichen Lebensumwelt des Menschen, zu. Wir sollten uns darüber bewusst sein, dass Erziehung nicht ausschließlich im unmittelbaren Kontakt zwischen Erwachsenen und Kinder stattfindet, denn die räumliche Umgebung beeinflusst erheblich mit (Bort-Gsella, 1992). So können Räume und ihre Ausstattung behindern und fördern, entspannen, anregen usw. Schließlich ist es oft viel wirksamer, die Umwelt des Kindes zu verändern, als zu versuchen, das Kind zu ändern.

Quelle

Gekürzte Fassung des Vortrags anlässlich der Abschlusstagung des Pilotprojektes Waldkindergarten des Landes Rheinland-Pfalz am 8. Mai 1998 in Speyer/ Rhein.

Literatur

Bort-Gsella, W. (1992). Räume gestalten - Spielräume schaffen. München.

Bründel, H. & Hurrelmann, K. (1996). Einführung in die Kindheitsforschung. Weinheim: Beltz.

Büchner, P. (1985). Einführung in die Soziologie der Erziehung und des Bildungswesens. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Grundmann, M. & Huinink, J. (1991). Der Wandel der Familienentwicklung und der Sozialisationsbedingungen von Kindern. Zeitschrift für Pädagogik, 4, 529-554.

Roßbach, H.-G. (1996). Bildungsökonomische Aspekte in der Weiterentwicklung des Früherziehungssystems. In W. Tietze (Hrsg.), Früherziehung: Trends, internationale Forschungsergebnisse, Praxisorientierungen (S. 279-293). Neuwied: Luchterhand.

Schütze, Y. (1988). Zur Veränderung im Eltern-Kind-Verhältnis seit der Nachkriegszeit. In R. Nave-Herz (Hrsg.), Wandel und Kontinuität der Familie in der Bundesrepublik Deutschland (S. 95-114). Stuttgart: Enke.

Autorin

Dr. Susanna Roux
Universität Koblenz-Landau
Campus Landau
Institut für Pädagogik
August-Croissant-Str. 5
76829 Landau
Email: roux@uni-landau.de
Website: http://www.uni-landau.de/~infopaed/