Aus: Welt des Kindes 1997, Heft 6, S. 1-2

Kraftvolle Muster, leuchtende Farben

Margarete Mix und Michael Schnabel


Von einem ungewöhnlichen Projekt ist hier die Rede. Was Sie brauchen: Phantasie, Beziehungen, gute Leute und natürlich Kinder.

Ein Kindergarten macht von sich reden:

"Noch nie war Design authentischer: ausdrucksstarke Entwürfe, kraftvolle Muster, leuchtende Farben, erlebnisträchtige Gestaltung", ist der häufig gehörte Kommentar bei den Rollos, die von Kindergartenkindern bemalt wurden. Überrascht und beeindruckt bleiben viele Fachleute aus Architektur und Design bei den Kreationen der Kinder stehen. Und immer wieder überschwängliches Lob für den mutigen Schritt der Firma Vossloh und des Hamburger Kindergartens St. Bernhard: die Kreativität der Kinder für neue Kreationen zu nutzen.

So die Szenen bei der Pressekonferenz im Lichtwerk, Hamburg: Der Rollohersteller Vossloh präsentiert in einer früheren Fabrik seine neue Rollo-Kollektion. Neben einer größeren Anzahl von Journalisten sind dreihundert Gäste aus der Wirtschaft geladen: Designer, Innenarchitekten, Raumausstatter, Geschäftsleute.

Aber nicht nur das Echo der Hamburger Presse über das Projekt des Kindergartens St. Bernhard ist beachtlich, auch Fachzeitschriften der Raumausstatter berichten darüber und zeigen eindrucksvolle Bilder aus der Kreativ-Werkstatt des Kindergartens.

Am Anfang steht ein ungewöhnlicher Einfall

Wie kommt es zur Kooperation zwischen einem Unternehmen und einem Kindergarten? Wie können Erwartungen von Designern und Kinderträume auf einen Nenner gebracht werden? Brain-Storming für eine neue Kollektion bei Vossloh. Schnell ist eine große Idee angedacht: Was wäre etwa für Kinder besser als das, was aus ihrer eigenen, unverstellten Perspektive geschaffen wird - mit großen Kinderaugen wahrgenommen und von kleinen Kinderhänden zu Papier gebracht? Denn es ist ja kein Geheimnis: Rollos hängen häufig in Kinderzimmern, zur Abdunkelung an langen hellen Sommerabenden oder für den geruhsamen und notwendigen Mittagsschlaf.

Die Umsetzung der Idee verlief für alle Beteiligten im Neuland. Ein Vater aus dem Designerteam vermittelte die Kontakte zum Kindergarten, den sein Sohn besuchte. Die Kindergartenleiterin war von der Idee begeistert und half das Projekt vorzubereiten. Eine Grafikerin entwickelte ein eigenes Briefing für dieses Projekt: Kinder sollten ihre Zeichnungen über die ganze Fläche verteilen, daher wurden die Kinder aufgefordert, den Zeichenbogen immer wieder zu drehen, um sich von allen Seiten durch die ganze Fläche zu arbeiten.

Die Kinder perfektionierten ihre Techniken und Musterideen immer mehr und hatten eine derart große Freude an diesem Projekt, so dass nach vier Arbeitswochen noch eine Verlängerung vorgenommen wurde. Die große Anzahl der Bilder machte es den Verantwortlichen schwer, nur einige Entwürfe für die Kollektion auszuwählen. Diese Kollektion war es, die das Erstaunen der Fachleute bei der eingangs beschriebenen Präsentation auslöste.

Kindergartenarbeit in der Öffentlichkeit - der Ausnahmefall?

Ja, natürlich! Müsste jedoch nicht so sein und sollte sich in Zukunft ändern! Gewöhnlich haben es die Kindergärten schwer, ihre Arbeit einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn schon mal die lokale Presse über einen Kindergarten berichtet, so handelt es sich meist um seine Einweihung oder um einen finanzielle Zuwendung durch die Kommune.

Genuine Arbeit aus dem Kindergarten scheint für die schreibende Zunft der Journalisten nicht interessant genug zu sein. Das Fatale daran: In unserer Informationsgesellschaft multipliziert sich Anerkennung und Beachtung direkt mit der Präsenz in den Medien. Somit geht das Bemühen um Präsentation der Kindergartenarbeit einher mit einem höheren Status an Anerkennung in der Öffentlichkeit. Zumal die Kindergartenpädagogik eine Palette von Chancen bereit hält für einen Zugang zur Öffentlichkeit.

Es möglicher Weg? Pädagoginnen aus dem Kindergarten versuchen, von ihrer Arbeit zu berichten. Jedoch ist es meist nicht leicht, in die entsprechenden Redaktionsstuben zu gelangen. Aber häufig wird der viel näher liegende Weg über vorhandene Kontakte des Kindergartens zur breiten Öffentlichkeit übersehen. Eltern der Kindergartenkinder sind zum Teil an wichtigen Schaltstellen der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse tätig. Ein gezielter Hinweis, ein ansprechender Vorschlag, ein mutiger Vorstoß und eine Mutter oder ein Vater stellt durch seine Beziehungen die Kindergartenarbeit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

In Zukunft sollten häufiger die vielen außergewöhnlichen Leistungen der Kindergärten herausgestellt und in der Fachdebatte zur Kindergartenpädagogik ernst genommen werden, so dass die Kindergartenarbeit die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfährt.

Autor/in

Margarete Mix: Leiterin eines Kindergartens; Diplom für Sozial- und Gesundheitsmanagement (Zusatzstudium berufsbegleitend)

Michael Schnabel: Dipl.Theologe, Projektleiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik, München