Maria auf Herbergssuche - auch im Kindergarten

Michael Schnabel


"Warum ist da der heilige Josef nicht dabei?" "Der gehört hier nicht dazu!" "Aber es fehlt doch bei der Maria der heilige Josef!", lässt ein Fünfjähriger nicht locker. "Wir alle begleiten Maria durch die Adventszeit und sind somit die Begleiter von Maria, wie der heilige Josef." Im Gruppenraum sitzen die Kinder im Stuhlkreis und eine Marienstatue steht in der Mitte. Kinder und Pädagoginnen begehen eine adventliche Marienfeier.

Der Verlauf der Herbergssuche

Der Kindergarten St. Georg in Ast ( bei Landshut/Niederbayern) schloss sich vor mehreren Jahren den in der Pfarrei praktizierten Brauch der Herbergssuche an.

Dieser alte christliche Brauch erinnert an die biblische Erzählung der Herbergssuche von Josef und Maria. Er wird auch "Maria in der Herberge", "Unserer lieben Frau Wanderschaft" oder "Frauentragen" bezeichnet. In einigen Gegenden Bayerns hat diese Andachtsform Tradition und manche Pfarreien führen sie neu ein. Die Herbergssuche in der Adventszeit ist eine Form der Marienverehrung und stimmt auf das Weihnachtsfest ein.

In den Pfarreien, in denen die Herbergssuche praktiziert wird, liegt Anfang November eine Liste auf, in die sich Familien eintragen. Somit wird die Reihefolge der Besuche festgelegt. Am ersten Adventsonntag wird eine Marienstatue im Gemeindegottesdienst feierlich auf die Reise geschickt. Sie wird in der Adventszeit von Familie zu Familie weitergegeben. Maria verbleibt in jeder Familie einen Tag. Am Abend wird sie von der Gastfamilie zur nächsten Familie gebracht. Dort findet eine Adventsandacht statt. Tags darauf wird die Marienstatue an die nächste Familie weitergegeben. Am 24. Dezember wird die Mutter Gottes feierlich in der Kinderchristmette in Empfang genommen.

In der Mitte der Adventszeit reiht sich auch der Kindergarten in die adventlichen Marienfeiern ein.

Maria besucht den Kindergarten

Auf die Herbergssuche bereiten sich die Kindergruppen im Kindergarten vor. Am festgelegten Tag bringt eine Mutter im Korb abgedeckt die Marienstatue in den Kindergarten. Sie wartet vor dem Gruppenraum, bis sie hineingerufen wird. Dort warten bereits die Kinder und Pädagoginnen auf die Ankunft Mariens. Brennende Kerzen geben dem Raum eine anheimelnde Atmosphäre. Alle sitzen im Stuhlkreis und blicken erwartungsvoll zur eintretenden Mutter. Mit folgenden Vers erbittet sie um Aufenthalt für Maria:

Die Gruppenleiterin fragt die Kinderrunde: "Darf Maria bei uns bleiben?" Ein zustimmendes Nicken kommt von allen Seiten. Die Mutter nimmt die Marienstatue aus dem Korb und stellt sie in die Mitte des Stuhlkreises.

Die Gruppenleiterin spricht einige erklärende Worte zur Herbergssuche. Kinder und Pädagoginnen singen Advents- und Weihnachtslieder, sprechen ein Gebet, tanzen, betrachten die Marienstatue und reden miteinander. Am Ende der Andacht wird Maria verabschiedet. Die Gruppenleiterin und einige Kinder bringen sie zur nächsten Gruppe. Ein kurzes Warten vor der Tür und dann der Empfang in der Gruppe. Mit obigen Vers bittet die Erzieherin, ob Maria bleiben dürfe. Jede Gruppe feiert die Rast Mariens individuell. In einer Gruppe wird beispielsweise die Marienstatue herumgereicht. Jedes Kind darf sie bestaunen und sein Empfinden mitteilen. "Die ist schön .." "Sie lacht zu mir.." "Sie macht ganz warm..." Vorsichtig und behutsam reichen die Kinder die Mutter Gottes weiter. Sie streicheln ihr übers Gesicht oder drücken sie an sich. Alle geschieht in Andacht und Würde.

Am nächsten Tag wird die Herbergssuche bei den Familien fortgesetzt. Die Kindergartenleiterin zusammen mit einer Gruppe von Kindern trägt die Statue zur ausgewählten Familie. Beim Haus angekommen, wird geläutet und die Mutter öffnet die Tür. Die Gruppe bittet um Einlass und um Herberge für Maria. Alle zusammen begeben sich ins Wohnzimmer und die Marienstatue wird auf einen vorbereiteten Platz gestellt. Die Gruppe singt zwei Weihnachtslieder und nimmt am Tisch Platz. Alle werden mit Weihnachtstee und Plätzchen bewirtet. Abschließend bedanken sich Kindergartenleiterin und Kinder für die freundliche Aufnahme und singen zusammen ein Abschiedslied. Dann geht es wieder zurück in den Kindergarten.

Vernetzung im Gemeindeleben

"Der kirchliche Kindergarten soll zum Strukturelement der Pfarrgemeinde werden." Diese Forderung nach Vernetzung des Kindergartens mit dem Leben in der Gemeinde wird im geschilderten Projekt in mehrfacher Form erlebbar: Der Kindergarten ist Glied in der adventlichen Andachtskette. Diese nimmt ihren Anfang im Gottesdienst der Pfarrgemeinde, verbindet die Familien und den Kindergarten und schließt sich wieder in der Kinderchristmette. Die Kinder können in der Christmette sehen und erleben, wie auch der Kindergarten dazu beigetragen hat, dass Maria ihre Reise durch die Gemeinde vollenden konnte. Weiterhin wurde den Kindern transparent: Genauso wie in ihrer Familie wird auch im Kindergarten die Herbergssuche gefeiert.

Die Pfarrgemeinde bietet durch diesen Brauch den Kindern im Kindergarten eine adventliche Andachtsform, die anschaulich, erlebnisreich und spielerisch vollzogen werden kann. Ein besinnliches und meditatives Angebot in der Vorweihnachtszeit!