Aus: Jugendhilfe, Dezember-Ausgabe 2002, Luchterhand-Verlag (http://www.jugendhilfe-netz.de).

Von der Kindergartentante zur "women economy". Perspektiven für Erzieherinnen

Bernhard Eibeck

 

Arbeitslosigkeit beseitigt man am besten dadurch, dass man neue Produkte auf den Markt bringt und Kunden gewinnt. Die Ökobranche scheint auf diesem Weg erfolgreich zu werden. Auch im Bildungs- und Erziehungswesen kann man neue Arbeitsplätze schaffen, indem man die Leistungen und Angebote verbessert. Dabei sind Investitionen in Tageseinrichtungen für Kinder volkswirtschaftlich besonders rentabel. Der Ausbau wird allerdings nur gelingen, wenn man sich der scharfen Konkurrenz mit anderen Dienstleistungsbranchen um hochqualifizierte Fachkräfte stellt. Die "women economy" braucht ein neues Berufsbild, eine andere Ausbildung und bessere Bezahlung.

Berufsbild

In der Datenbank für Ausbildungs- und Tätigkeitsbeschreibungen der Bundesanstalt für Arbeit findet man den folgenden Text:

"Erzieher/innen sind in der vorschulischen Erziehung, in der Heimerziehung sowie in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit tätig. Im Kindergarten betreuen sie die Kinder in Gruppen, fördern das soziale Verhalten und helfen dem einzelnen Kind bei seiner Entwicklung. Sie regen die Kinder zu körperlich, geistig und musisch ausgerichteten Betätigungen an. Dabei malen, spielen, basteln und singen sie mit den Kindern, erzählen ihnen Geschichten und machen Ausflüge. In der Heimerziehung sind sie wichtige Bezugspersonen für die Kinder und Jugendlichen und nehmen soweit wie möglich die Elternstelle ein. Sie sorgen für Körperpflege, Essen und Bekleidung, regen zu Freizeitbeschäftigungen an und organisieren Ferienaufenthalte. Darüber hinaus halten sie Kontakt zu Schulen und Ausbildungsbetrieben und begleiten die Kinder und Jugendlichen bei Arztbesuchen und zu Behörden. Im Hort betreuen sie Kinder nach Schulschluss oder auch vor Beginn des Unterrichts. In anderen Einrichtungen der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit geben sie Hilfen zur Planung und Organisation der Freizeit und helfen bei persönlichen Problemen. Zu den sozialpädagogischen Aufgaben der Erzieher/innen kommen meist noch organisatorische und verwaltungstechnische Arbeiten hinzu. Erzieher/innen sind in sozialpädagogischen Einrichtungen aller Art tätig, zum Beispiel in Tageseinrichtungen für Kinder, in Jugendzentren, Internaten, Erziehungsheimen. Sie betreuen Behinderte in speziellen Einrichtungen ebenso wie therapeutische Kinder- und Jugendwohngruppen im Rahmen der Jugendhilfe."

Man wird wohl davon ausgehen müssen, dass diese Beschreibung die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung an den Beruf der Erzieherin widerspiegelt: die Erzieherin in der Tradition der Kindergartentante. Mit der Wirklichkeit hat dies wenig zu tun, auch nicht mit den Erfahrungen der Eltern, die die Arbeit von Erzieherinnen kennen und sie Wert schätzen und mit dem gesetzlichen Auftrag schon ganz und gar nichts. In Tageseinrichtungen für Kinder soll - so ist es in § 22 Abs. 1 Sozialgesetzbuch VIII, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, formuliert -, "die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gefördert werden". Und weiter heißt es in § 22 Abs. 2 SGB VIII: "Die Aufgabe umfasst die Betreuung, Bildung und Erziehung des Kindes." Über Hilfen zur Erziehung - und dazu gehört u.a. die Heimerziehung - ist in § 27 Abs. 3 SGB VIII gesagt: "Hilfe zur Erziehung umfasst insbesondere die Gewährung pädagogischer und damit verbundener therapeutischer Leistungen". Heimerziehung soll "Jugendliche durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung fördern" (§ 34 SGB VIII). Da steht nichts von Malen und Singen und auch nichts von Elternersatz und Körperpflege, aber sehr viel von Pädagogik und Therapie, von Erziehung und Bildung.

Ausbildung

Die Ausbildung von Erzieherinnen erfolgt an Fachschulen für Sozialpädagogik, die meist als kleine Abteilungen Fachschulzentren für Gesundheits-, Pflege- und Hauswirtschaftsberufe zugeordnet sind. Nach der "Rahmenvereinbarung zur Ausbildung und Prüfung von Erzieherinnen/ Erziehern der Kultusministerkonferenz" vom 28. Januar 2000 sollen Kompetenzen in sechs Lernbereichen vermittelt werden: Kommunikation und Gesellschaft, Sozialpädagogische Theorie und Praxis, Musisch-kreative Gestaltung, Ökologie und Gesundheit, Organisation, Recht und Verwaltung, Religion/ Ethik. Der Unterricht wird zumeist in den Fächern Pädagogik, Psychologie, Religion, Deutsch, Soziologie, Didaktik, Recht, Biologie, Kunst, Musik und Sport erteilt.

Nicht dass die Ausbildung schlecht wäre, weil sich die Lehrerinnen und Lehrer keine Mühe gäben, aber das Niveau der Ausbildung wird den Anforderungen des Berufes nicht mehr gerecht. Niemand kann sich heute noch vorstellen, dass man mit der Ausbildung und dem Berufsbild des Dorfschulmeisters sinnvolle Grundschulpädagogik machen kann. In den 60er Jahren gelangte man im Zuge der fortschreitenden Technisierung, der Vermehrung wissenschaftlicher Kenntnisse, des Strebens nach Ausschöpfung aller Begabungsreserven und der Zunahme gesellschaftlicher Probleme zu der Einsicht, dass die Unterrichtstätigkeit auf ein solideres inhaltliches und didaktisches Fundament gestellt werden müsste. Zu Beginn der 70er Jahre wurden deshalb aus den pädagogischen Akademien wissenschaftliche Hochschulen. Lehrerinnen und Lehrer für die Grundschule erhalten seitdem eine wissenschaftliche Ausbildung.

Parallel wurden Mitte der 60er Jahre die Ausbildungsgänge der Kindergärtnerin und Hortnerin mit der Jugend- und Heimerzieherin zusammengefasst und der Beruf der "staatlich anerkannten Erzieherin" als Fachschulberuf geboren. Die Zuordnung zur Fachschule ist im Grunde genommen falsch, denn die Fachschule ist im System der berufsbildenden Schulen ein Ort, an dem zu Weiterbildungsberufen ausgebildet wird, also Meister oder Techniker. Der Grund dafür ist wohl eher darin zu suchen, dass man an der Berufsfachschule die Ausbildung zur Kinderpflegerin angesiedelt hatte und die Hierarchie wahren musste. Ein weiterer Grund ist, dass man eine Konstruktion finden wollte, die gewährleistet, dass angehende Erzieherinnen selbst die Phase der Jugendlichen hinter sich gebracht haben und junge Erwachsene geworden sind. So machte man, um Zeit zu gewinnen, das Vorpraktikum zur Eingangsvoraussetzung. Wahrscheinlich aber nicht nur deshalb, sondern auch, weil man mit den Vorpraktikantinnen billige Arbeitskräfte in den Kindergärten zur Verfügung hat. In der DDR war die Ausbildung nach den Einrichtungsarten getrennt. Krippenerzieherinnen wurden drei Jahre an medizinischen Fachschulen ausgebildet, Kindergärtnerinnen ebenfalls drei Jahre an pädagogischen Fachschulen und Horterzieherinnen an den Instituten für Lehrerbildung. Nach 1990 mussten alle einen Fortbildungskurs besuchen, der sie berechtigte, den Titel "staatlich anerkannte Erzieherin" zu führen.

Angesichts der schwieriger gewordenen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, der Probleme der Integration der Kulturen, der Anforderungen der Wissens- und Informationsgesellschaft und - wie schon in den 60er Jahren - der Förderung der Bildungspotentiale aller Kinder ist es heute an der Zeit, die Ausbildung zum Beruf der Erzieherin auf wissenschaftliches Niveau zu heben. Wissenschaftlich bedeutet nicht eine Überbetonung der Theorie, sondern die Befähigung zu Planung, Organisation und Reflexion ganzheitlicher Bildungsprozesse. Kindertagesstätten sind nicht mehr nur Orte, an denen Kinder behütet werden. Sie sind Lern- und Lebensräume für Kinder und müssen sich darüber hinaus auch zu Bildungsstätten für Eltern entwickeln. Wer ernsthaft vorhat, die Bildungspotentiale kleiner Kinder systematisch zu entfalten, kann dies nicht mit Personal tun, dem eine wissenschaftliche Ausbildung vorenthalten wird.

Ohne eine wissenschaftliche Ausbildung von Erzieherinnen wird es nicht gelingen, die universitäre Forschung im Bereich frühkindlicher Pädagogik für die Praxis zu nutzen. Für einen Wissenschaftstransfer von der Universität zur Fachschule ist der Niveauunterschied zu groß. Perspektivisch ist daran zu denken, Pädagoginnen und Pädagogen für Bildung und Erziehung kleiner Kinder in Kindertagesstätten und Grundschulen gemeinsam an einem Ort auszubilden. Dafür gibt es Beispiele, nicht nur in anderen europäischen Ländern - siehe Schweden - sondern auch in der deutschen Geschichte. So war schon die 1844 von Johannes Fölsing eingerichtete Ausbildungsstätte in Darmstadt auf eine umfassendere Ausbildung der "Kleinkinderlehrerinnen" ausgerichtet.

Arbeitsmarkt

Ohne anspruchsvolle wissenschaftliche Ausrichtung wird der Beruf im Wettbewerb mit anderen, neuen Berufen auch an Attraktivität verlieren, was zu ernsthaften Nachwuchsproblemen führt.

Zum 31. Dezember 2001 waren nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit 347.419 Männer und Frauen als "Erzieherinnen" sozialversicherungspflichtig beschäftigt registriert. Wie viele davon tatsächlich "staatlich anerkannte Erzieherinnen" waren, lässt sich nur schätzen, denn unter die "Berufsordnung 864" fallen auch Kinderpflegerinnen und Kindergärtnerinnen (was immer das ist) u.a., mithin alle, die in Kindertagesstätten arbeiten. 90 Prozent haben eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Nimmt man die letzten 12 Jahre, so war die Entwicklung in West und Ost dramatisch unterschiedlich. Gegenüber 1990 hat sich die Zahl der Beschäftigten im Westen von 112.767 auf 272.872 mehr als verdoppelt. Im Osten ist sie von 1991 bis 2001 von 176.591 auf 74.547 abgesackt, mehr als 100.000 Menschen wurden entlassen. In den nächsten Jahren wird sich der Trend aufgrund der Geburtenentwicklung umkehren. Weil in den neuen Ländern wieder mehr Kinder zur Welt kommen, müssen bis zum Jahr 2010 30.000 neue Arbeitsplätze für Erzieherinnen geschaffen werden. In den alten Ländern werden bis zum Jahr 2015 550.000 Kindergartenplätze weniger gebraucht als 1998 (11. Kinder- und Jugendbericht, S. 119). Ob das auch zu einem entsprechenden Personalabbau um ca. 25 Prozent führt, hängt davon ab, ob die Politik ihr Versprechen hält und neue Plätze für Kinder unter drei Jahren, für Hortkinder und im Ganztagsbereich schafft und die Träger dies umsetzen. Dann können nicht nur Entlassung vermieden werden, sondern es würden zusätzliche Erzieherinnen gebraucht.

Wollte man statt 8,3 Prozent künftig 30 Prozent der Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz geben, müsste man die Zahl der Plätze vom 166.927 (im Jahr 1998) auf 603.350 erhöhen. Und wollte man den Anteil von 8,2 Prozent der Schulkinder, für die es einen Hortplatz gibt, auf ebenfalls 30 Prozent erhöhen, müsste man statt 450.734 Plätzen (im Jahr 1998) künftig 1.649.026 Plätze zur Verfügung haben. Im Kindergartenbereich würde im Westen eine Erhöhung der Zahl der Ganztagsplätze von 16,5 Prozent auf ebenfalls 30 Prozent zu ca. 330.000 zusätzlichen Plätzen führen.

Den größten Beschäftigungsschub würde allerdings eine Qualifizierung der Arbeit mit sich bringen. Wenn man es ernst meint mit dem gesetzlichen Auftrag der "Betreuung, Bildung und Erziehung" kann man schlechterdings die Gruppengröße von durchschnittlich 25 Kindern bei einem Personalschlüssel von 1,5 Kräften (wobei nur eine Erzieherin sein muss) nicht aufrecht erhalten. Erforderlich sind zwei sozialpädagogische Fachkräfte pro Gruppe mit 15 Kindern, wobei ein Drittel der Arbeitszeit für Vor- und Nachbereitung, Elterngespräche, Teamkoordination und Fortbildung einzuplanen sind.

Konkurrenz

Der Arbeitsmarkt befindet sich in einem dramatischen Wandel von der Erwerbstätigkeit in Produktion, Fertigung (Industrie, Bergbau und Landwirtschaft) zu Dienstleistungen (Büro, Handel, Forschung, Pflege, Erziehung, Bildung, Kultur). Dieser Wandel wird nach einer Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit weiterhin anhalten. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 werden in den Bereichen Produktion und Fertigung weitere 1,1 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen, während in den Dienstleistungsbranchen 1,6 Millionen neue Arbeitplätze entstehen. Zu den Dienstleistungstätigkeiten, in denen großen Zugewinne erwartet werden, zählen Betreuen, Beraten, Lehren mit 580.000, Handel mit 570.000 und Organisation/ Management mit 400.000 neuen Arbeitplätzen. Auch in Forschung und Entwicklung werden 100.000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Ebenso dramatisch wie der Wandel der Branchen sind die Veränderungen im Qualifikationsbedarf. Eindeutige Gewinner werden in der Jahren zwischen 2000 und 2010 die hoch- und höchstqualifizierten Berufe mit einem Zugewinn von 860.000 Erwerbstätigen sein. Für Fachtätigkeiten und Führungsaufgaben wird ein Zuwachs von 480.000 Personen erwartet. Verlierer hingegen sind die Hilfstätigkeiten mit einem Minus von 540.000 und die einfachen Fachtätigkeiten mit minus 450.000 Personen.

Wenn man also daran denkt, den Bereich der Tageseinrichtungen für Kinder quantitativ und qualitativ auszubauen und dafür zusätzliches, qualifiziertes Personal braucht, steht man in einer scharfen Konkurrenz mit anderen Dienstleistungsbranchen um hochqualifizierte Fachkräfte.

Women Economy

Der Zusammenbruch der "new economy", auf die so große Hoffnungen für gesellschaftlichen Fortschritt und Wohlstand gesetzt wurde und in der Tausende neue Arbeitsplätze entstehen sollten, zeigt, dass man neue Produkte und Dienstleistungen sehr genau an den Erwartungen und Bedürfnissen der Menschen orientieren muss. Künstlich mit hohem Werbeaufwand erzeugte Märkte brechen nach kurzer Zeit wieder zusammen. Von großer Stabilität sind hingegen die Branchen, die an Grundbedürfnissen der Menschen ansetzen.

Zu diesen Grundbedürfnissen der Menschen gehört, Kinder gut zu versorgen, sie anständig zu erziehen und ordentlich auszubilden. Das ist nicht nur der individuelle Wunsch der Mütter und Väter, sondern auch die Erwartung der Gesellschaft. Die Bedingungen dafür, dass dieses Grundbedürfnis erfüllt werden kann, haben sich stark verändert. Beziehungen werden instabil, Mobilität ist wichtiger als Verlässlichkeit. Die Lebensräume, in denen Kinder sich frei bewegen und die sie eigenständig gestalten können, werden immer enger. Die Ökonomie, die auf Flexibilität, Dynamik und Kommerzialisierung setzt, greift in alle Lebensbereiche ein: was kostet es - was habe ich davon? Auch Freizeit, Kultur, Erziehung und Bildung bleiben davon nicht verschont. Kinder brauchen mehr denn je Tageseinrichtungen, sie brauchen "Bildungsinseln", auf denen sie jenseits der ökonomischen Logik der Gewinnmaximierung das lernen können, was sie für ein "gutes Leben" brauchen. Kinder haben ein Recht auf Bildung und das ist mehr als ein Recht auf verwertbares Wissen und Qualifikation. Bildungseinrichtungen, ganz besonders Tageseinrichtungen für Kinder, sind auch als Lobby für Kinder gefordert. Sie sind Interessenvertretung für Kinderrechte und müssen sich in die Gestaltung der Lebenswelt der Kinder einmischen. "Positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen" ist nicht zuletzt auch ihr gesetzlicher Auftrag (§ 1 Abs. 3 SGB VIII). So bekommen Tageseinrichtungen für Kinder zunehmende Bedeutung, und Erzieherinnen wachsen neue Aufgaben zu. Vor allem die ganztägige, verlässliche Präsenz und die Qualifizierung der Bildungsarbeit führen zu einer weiteren Expansion des Berufsfeldes.

Dieser qualitative Ausbau wird nicht gelingen, wenn sich der Beruf nicht aus der Tradition der weiblichen Fürsorge emanzipiert und sich zu einer modernen Wirtschaftsbranche, zu einer "women economy" entwickelt. Dazu gehören drei Elemente: ein attraktives Berufsbild mit qualifizierter Ausbildung und Karrieremöglichkeiten, eine angemessene Bezahlung mit tariflicher Absicherung sowie volle Arbeitnehmerrechte.

Das Berufsbild muss weg kommen vom Leitmotiv der Kindergartentante. Die Erzieherin ist Fachfrau für Elementarpädagogik. Sie trägt Verantwortung dafür, dass Kinder in den frühen Jahren ihrer Entwicklung die entscheidenden Lernschritte gehen können. Gute frühkindliche Pädagogik bewirkt nach einer Studie von Wolfgang Tietze (1998) einen Entwicklungsvorsprung von bis zu einem Jahr. Kinder, die nicht in den Genuss einer optimalen Förderung kommen, verlieren schon zu Beginn der Grundschulzeit den Anschluss. Wie das Schicksal kranker Menschen vom Arzt abhängt, so hängt die Entwicklung von Bildung und Erziehung kleiner Kinder von der Erzieherin ab. Dies gilt es, in aller Deutlichkeit bewusst zu machen.

Zu einer Steigerung der Attraktivität des Berufs gehört, wie bereits ausgeführt, eine anspruchsvolle, wissenschaftliche Ausrichtung des Berufs mit entsprechender Ausbildung. Gute Schülerinnen und Schüler werden vom Erzieherberuf abgeschreckt, wenn er in der Hierarchie der Berufe an unterer Stelle angesiedelt ist. Ein Beruf, der für Frauen mit Hochschulreife unattraktiv ist, weil die Ausbildung unter Niveau angesiedelt ist, kann sich nicht entwickeln. Nur mir dem Angebot einer qualifizierten Ausbildung, einem anspruchsvollen Berufsbild und Karrieremöglichkeiten wird man den Wettbewerb gegenüber z.B. den IT-Berufen gewinnen. Das Argument, man wolle den Beruf für Schulversagerinnen offen halten, kann man nur zynisch nennen. Kleine Kinder haben die besten Erzieherinnen verdient, die man bekommen kann, und nicht diejenigen, die sonst keiner haben will.

Ein attraktiver Beruf kann nicht schon nach der Ausbildung in der Sackgasse enden. Für die Mehrzahl der Erzieherinnen gibt es im Beruf kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Eine fachliche Differenzierung, die Zusammenfassung kleiner Einrichtungen zu Trägerverbünden und die Durchlässigkeit zu anderen Berufsfeldern sind einige, hier nur angedeutete Möglichkeiten, Erzieherinnen eine lebendige, variable Berufsperspektive zu eröffnen.

"Women economy" heißt auch, das typische Merkmal von Frauenberufen zu überwinden, die schlechte Bezahlung.

Dass der Beruf der Erzieherin ein Frauenberuf ist, ist historisch bedingt. Schon in den ersten Einrichtungen der öffentlichen Kleinkindererziehung übernahmen (zumeist unausgebildete) Frauen als "Wartefrauen", "Kindermägde", "Haus-" oder "Pflegemütter" die Betreuung der Kinder. Mit Beginn der Ausbildung von pädagogisch geschultem Personal für die professionelle öffentliche Kleinkinderbetreuung wurde zunächst versucht, mehr Männer anzuwerben. Fröbel stellte jedoch bald fest, dass vor allem Frauen aufgrund ihres "weiblich mütterlichen Sinnes" und ihrer "mütterlichen Liebe" für die Kleinkinderpflege besonders prädestiniert waren. Mit seiner Konzeption des Kindergartens und seinem Rollenentwurf der Kindergärtnerin als "professionelle Mutterschaft", das der Kindergärtnerinnenausbildung zugrunde lag, verfolgte er nicht nur die Gewinnung hochqualifizierter Fachkräfte für den Bereich der Kleinkindererziehung. Er wollte damit auch eine neue Frauenbildung fördern, die es den Frauen ermöglichte, ihre "mütterlichen" Fähigkeiten in den öffentlichen Bereich einzubringen.

Nur honoriert wurde das den Frauen nie und so ist es bis heute geblieben. Betrachtet man Männerberufe, die auf gleichem Ausbildungsniveau angesiedelt sind, so kommt man zu Gehältern, die beträchtlich über denen der Frauenberufe liegen. So liegt das Jahresgehalt nach der Ausbildung etwa eines Bautechnikers bei 34.600 Euro, eines Fahrzeugtechnikers bei 36.000 Euro, eines Elektrotechnikers 38.100 Euro, eines Fachinformatikers bei 38.400 Euro und eines Softwaretechnikers bei 38.600 Euro. Mehr als zehntausend Euro darunter kommt dann die Krankenschwester mit 27.000 Euro, dann, wiederum mit einigem Abstand, die Altenpflegerin mit 24.000 Euro und schließlich die Erzieherin mit 23.000 Euro (nach http://www.gehalts-check.de). Damit keiner auf die Idee kommt, anzunehmen, dies sei auch in Wirklichkeit das tatsächliche Gehalt einer Erzieherin, muss man anmerken, dass es sich um das West-Gehalt handelt. Im Osten werden davon nach BAT-O nur 90 Prozent bezahlt und nur 49,4 Prozent der Beschäftigten kommen in dessen Genuss, denn 51,4 Prozent arbeiten gar nicht Vollzeit. Im Westen liegt die Quote derer, die Teilzeit arbeiten bei 43,1 Prozent.

Die Anstellung von Erzieherinnen auf ABM-Stellen und mit befristeten oder geringfügigen Verträgen sind gängige Varianten von Beschäftigungsverhältnissen. Immer mehr versuchen Arbeitgeber, sich aus dem BAT oder verwandten Tarifverträgen zu lösen. Es wird behauptet, der BAT sei unmodern und zu unflexibel, um auf Veränderungen des Berufsfeldes reagieren zu können. In der Tat, so wird auch von den Gewerkschaften eingeräumt, gibt es im Tarifwerk an einigen Stellen Reformbedarf. Die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat einen 100 Punkte umfassenden Katalog mit Themen und Fragen vorgelegt, die in den nächsten Monaten intern diskutiert werden sollen. Auch die GEW beteiligt sich an diesen Diskussionen und wird in den Bereichen, in denen es um die Gestaltung von Tarifverträgen in Erziehung und Bildung geht, Vorschläge machen.

Bei aller Bereitschaft zu Veränderungen sind allerdings einige Punkte nicht verhandelbar: Die tarifliche Bezahlung muss zu einem regelmäßigen und sicheren Einkommen führen, das sich in seiner Höhe an der Qualifikation, dem Arbeitsinhalt und dem Arbeitsumfang bemisst. Leistungsbezogene Bestandteile sind nur insofern zu akzeptieren als sie eine zusätzliche, das Grundgehalt aufstockende Vergütung sind. In Tarifverhandlungen ist derzeit festzustellen, dass Arbeitgeber versuchen, den Beschäftigten erst das Grundgehalt zu kürzen und denjenigen, von denen sie meinen, dass sie besonders gut arbeiten, eine zeitlich befristete Leistungszulage gewähren wollen. Alle bekommen weniger, damit einige dann wieder auf das frühere Gehalt kommen, ist keine Strategie, die die Gewerkschaften mitmachen. Die Gestaltung der Arbeitzeit muss es möglich machen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Flexibilität kann nicht dazu führen, dass Familien nicht mehr planen können und die Kinder auf der Straße stehen. Familienfreundlichkeit ist nicht nur ein Kriterium z.B. für die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten und Schulen, sondern auch für Arbeitgeber.

Die Identifizierung des gesamten Jugendhilfebereichs und Wohlfahrtssektors als Branche wird nur dann gelingen, wenn in allen Bereichen die vollen Arbeitnehmerrechte uneingeschränkt gelten. Cirka zwei Drittel der Trägerschaft von Angeboten und Leistungen sind bei den Kirchen angesiedelt. Das bedeutet arbeits- und tarifrechtlich, dass bei ihnen weder das Betriebsverfassungsgesetz noch Tarifverträge gelten. Bei allen Konflikten entscheidet letztlich der Arbeitgeber. Dieser Bruch des Grundrechts auf Koalitionsfreiheit und freie Tätigkeit der Gewerkschaften ist nicht länger hinzunehmen.

Eine Investition, die sich lohnt

Internationale Studien haben belegt: Ausgaben für Kindertagesstätten rechnen sich. Sowohl eine Untersuchung in den USA als auch eine Erhebung der Stadt Zürich ergeben den gleichen Gewinnfaktor. Ein Dollar bzw. ein Schweizer Franke, der für Kindereinrichtungen ausgegeben wird, bewirkt einen volkswirtschaftlichen Gewinn von drei Dollar bzw. drei Schweizer Franken. Eine neuere Studie, die Kathrin Bock-Famulla (Universität Bielefeld) im Auftrag der GEW im Jahr 2002 durchgeführt hat, belegt, das man auch in Deutschland mit dem Einsatz von 4.100 Euro, die ein Kita-Platz kostet, eine volkswirtschaftliche Wertschöpfung von 15.850 Euro erzielt. Die drei wichtigsten Faktoren sind: Müttern ist es möglich, durch Arbeit ein eigenes Einkommen zu erzielen. Sie sind nicht auf Arbeitslosenunterstützung oder Sozialleistungen angewiesen, sondern werden selbst Steuerzahlerinnen. Kinder haben zeigen schulische Leistungen, bleiben weniger sitzen, sind sozial besser integriert und weniger häufig krank. Sie erwerben höhere Schulabschlüsse und Lebenseinkommen. Erzieherinnen selbst tragen durch Steuerzahlungen zum volkswirtschaftlichen Gewinn bei.

Die Finanzierung von Tageseinrichtungen für Kinder ist kein verlorener Zuschuss oder eine großherzige Spende, sondern eine handfeste Investition.

Damit Kindertagesstätten in Deutschland so qualifiziert arbeiten können, dass sie diesen Ertrag auch tatsächlich erbringen, muss ihre Finanzausstattung deutlich verbessert werden. Nach internationalen Maßstäben ist davon auszugehen, dass 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für den Betreich Kindertagesstätten vorzusehen ist. Das bedeutet für Deutschland bei derzeit 0,4 Prozent des BIP mehr als eine Verdopplung. Deutschland hat insgesamt Nachholbedarf in der Finanzausstattung des Bildungswesens. So werden im OECD-Durchschnitt 5 Prozent des BIP für Schulen ausgegeben, in Schweden 6,6 Prozent, in Finnland 5,8 Prozent, in Deutschland aber nur 4,4 Prozent. Zudem ist die Finanzausstattung der einzelnen Bildungsbereiche höchst unterschiedlich: So werden pro Schüler an der Grundschule 3.500 Euro investiert, an der Hauptschule 4.700 Euro und am Gymnasium 5.100 Euro. Ein Hochschulplatz kostet 9.100 Euro. Für Kindertagesstätten belaufen sich die Ausgaben pro Platz aber nur auf 3.200 Euro. Angesichts der enormen Bedeutung der frühen Förderung von Kindern für deren weiteren Bildungs- und Lebensweg ist es dringend erforderlich, den Bereich der Kindertagesstätten finanziell besser auszustatten.

Kindertagesstätten sind nicht die "armen Verwandten" des Bildungswesens, sondern die Bank, von der man, wenn man früh genug einzahlt, später eine Menge Profit herausholen kann. Ausgaben für Kinder sind keine verlorenen Zuschüsse in marode Unternehmungen, sondern Investitionen in die Zukunft.

Literatur

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit: http://www.abis.iab.de/bisds/data/seite_864_BO_a.htm

Manfred Berger: Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Eine Einführung in: http://www.kindergartenpaedagogik.de/170.html

Hans Muthesius: Alice Salomon. Die Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland, Schriften des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, 1958

Bundesanstalt für Arbeit, BERUFEnet: die Datenbank für Ausbildungs- und Tätigkeitsbeschreibungen: http://berufenet.arbeitsamt.de/bnet2/E/kurz_B8641101.html

Inge Weidig, Peter Hofer, Heimfried Wolff: Arbeitslandschaft 2010 nach Tätigkeiten und Tätigkeitsniveaus, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, 1999

Wolfgang Tietze (Hrsg.): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten, 1998

Karin Müller Kucera, Tobias Bauer: Volkswirtschaftlicher Nutzen von Kindertagesstätten, Untersuchung im Auftrag des Sozialdepartements der Stadt Zürich, 2000: http://www.stadt-zuerich.ch/kap10/kindertagesstaetten/

Manfred Weiß: Ökonomische Bildungsgesamtrechnungen, 1994

Kathrin Bock-Famulla: Volkswirtschaftlicher Ertrag von Kindertagesstätten, 2002, Kurzfassung vorab zu beziehen bei: GEW-Hauptvorstand, Postfach 900409, 60444 Frankfurt am Main