Aus: kindergarten heute 1996, 26, Heft 6, S. 22-27

Hurra - bin ich ein Schulkind? Die schwierige Zeit der Einschulung aus der Sicht einer Grundschullehrerin

Gertrud Ennulat

 

Wenn beim Übergang in die Schule bei vielen Scheidungswaisen und Kindern aus getrennt lebenden Partnerschaften Trennungserlebnisse angerührt werden, dann geht das einher mit einem Wiederaufleben von Schuldgefühlen und starken Insuffizienz- und Ohnmachtserfahrungen. Wenn Papa und Mama auseinandergehen, die bisherige Welt zusammenstürzt, entsteht das Gefühl Ich bin schuld. Dieses neu entstehende Schuldgefühl hilft dem Kind, das innere Bild von Mama und Papa über die Zeit der Trennungsturbulenzen hinüberzuretten. So bleiben die inneren Garanten seines Lebens stabil. Durch dieses Wiederaufleben von Schuldübernahmetendenzen kann es schnell in der neuen Klasse, deren Gruppenstruktur noch durch Instabilität und starre Zuordnung gekennzeichnet ist, dazu kommen, dass es das in der Gruppe Abgewehrte, den Gruppenmüll auf sich nimmt. Damit ist ein schwarzes Schaf geboren, dem seine Färbung nicht gleich anzumerken ist, weil es diese Zuschreibung in einem lautlosen Leiden auf sich nimmt. Da es nicht laut gegen diese Dunkelseite protestiert, sondern unauffällig zuvorkommend um Zuwendung bemüht ist, jedem gut möchte, niemanden verletzen will, bei der Erzählung von den Schattenseiten des Lebens sich spontan die Ohren zuhalten muss, weil doch alles gut sein muss, jetzt wo es so geduldig trägt für die Gruppe, ist dieses schwarze Schaf gut getarnt.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Nun gibt es schwarze Schafe, die viel leichter zu erkennen sind, weil sie sich durch ihr Äußeres von der Gruppe der restlichen Kinder unterscheiden. Sie sind vielleicht weniger gepflegt in ihrem Outfit oder ihre Zähne stehen schief und geben dem kindlichen Lausbubengesicht einen Ausdruck, den die andern ablehnen. In einem anderen Fall kann es die Sprache sein, welche eine starke verwaschene Dialektfärbung zeigt und ein Kind in einer Gruppe, die nur gepflegtes Schriftdeutsch spricht, zum Außenseiter macht. Ästhetische und emotionale Gründe machen das schwarze Schaf inakzeptabel. Es fühlt die Ablehnung, erlebt sich als nicht normal, möchte am liebsten anders sein und lebt, sich entfremdet, außerhalb seines kindlichen Selbst. Auch diese Kinder tragen eine schwere Bürde an Schuld- und Minderwertigkeitsgefühl mit sich herum, die ergänzt wird durch ein Lebensgefühl, das stark von Angst geprägt ist, weil diese Kinder nicht mit dem größeren Ganzen der tragenden Gruppe verbunden sind.

Es mangelt an Kontaktfähigkeit

Das Auftreten des Schwarzen-Schaf-Komplexes macht deutlich, dass es in der Gruppe generell an Kontaktfähigkeit mangelt, denn die Kinder, die sich für o.k. halten, können sich nur dadurch stabilisieren, dass sie das nicht tolerierte Kind meiden, demonstrativ von ihm abrücken, es auslachen und ständig provozieren und hänseln müssen. Immer wieder wird sein Schulranzen, sein Mäppchen versteckt, weidet sich die Verursacherclique an seiner Hilflosigkeit und Ohnmacht. Der Blick auf das schwarze Schaf entlastet täglich neu vom eigenen nicht eingestandenen Insuffizienzgefühl.

Viele Kinder, die eingeschult werden, weisen vermehrt Defizite im sozialen Bereich auf. Ihre Fähigkeit, mit anderen Kindern einen kontinuierlichen mitmenschlichen Kontakt zu halten, zeigt Mängel und Schwächen. Ausgestattet mit einem labilen Selbstgefühl sind sie schnell bedroht, ihren Wert und ihre Orientierung zu verlieren. Überlastet durch ein zu früh begonnenes Selbstständig-sein-Müssen leben sie auf den ersten Blick wie kleine Erwachsene, funktionstüchtig mit differenzierten Terminplänen im Kopf, Tag für Tag viel unterwegs und nur wenig zusammen mit Mutter oder Vater. So sind sie gezwungen, sich selbst stark zu bemuttern und zu bevatern, die Zufuhr von emotionaler Ersatznahrung sich selbst zu besorgen. Angewiesen auf eine permanente Zuwendung von außen, sorgen sie auf vielfältige Weise, um sich gut und stark zu fühlen. Auf den ersten Blick fallen die Kuscheltiere auf, welche überall dabei sein müssen, um die emotionale Sicherheit eines Kindes zu stützen. Dazu gehört auch das lebenswichtige Trinkfläschchen, das aus keinem Schulranzen mehr wegzudenken ist und ab und zu für eine Überflutung des Ranzens sorgt. Die Allmutter Saftflasche, jederzeit greifbar, lässt den Lebenssaft fließen, ohne den Kinder heute verdursten. Wie war es früheren Kindergenerationen nur möglich, mit Trinkwasser aus dem Wasserhahn durch den Schulalltag zu kommen?

In ihrem Selbstwert geschwächte Kinder müssen viel agieren. Auf alles, was auf sie einströmt, müssen sie reagieren. Nur so halten sie der Flut von Reizen stand. Was gesehen wird, muss meist karikierend kommentiert werden. Alles wird nach außen abgeführt. Die Fähigkeit zur Introspektion, das Nach-innen-Nehmen und In-sich-Behalten, Aufschieben und Warten-Können müssen erst in einem geduldigen Lernprozess eingeübt werden.

Bei den Kindern eines ersten Schuljahres fällt auf, dass die beschriebenen Phänomene viel stärker auf Jungen als auf Mädchen zutreffen. Da in manchen Schulen das Zahlenverhältnis von Jungen und Mädchen sehr ungleich ist, Mädchen die Minderheit darstellen, kann durch die spezifischen Verarbeitungsmechanismen der Jungen schnell eine Atmosphäre permanenter Spannungsaufladung entstehen. Diese lautstark sich äußernde Dynamik macht die in der Minderzahl sich befindenden Mädchen zu braven, angepassten Vertreterinnen ihres Geschlechts, die erst ihr wahres Wesen zeigen können, wenn in einer Förderstunde Raum nur für sie geschaffen wird.

Der enorme Druck der täglich um ihren Wert kämpfenden Jungen, die, in ständigem Blickkontakt miteinander, sich vergewissern müssen, wo sie in der Gruppe stehen, muss sich von Zeit zu Zeit Luft machen. Alle gegen Jenny! hallt dann der Schlachtruf durchs Klassenzimmer und zeigt, woran es mangelt: Die Kinder können sich und den anderen nicht aushalten, wie sie sind. Schwäche muss bekämpft werden, keiner darf sich eine Blöße geben, negative Gefühle müssen negiert, überspielt und übersprungen werden, Größenphantasien verzerren die Wirklichkeit.

Nur andeutungsweise kann ich an dieser Stelle der Frage nachgehen, wer die Jungen in diese Verhaltensmuster treibt, die ihnen nicht gestatten, natürliche Kinder zu sein. Der Anfang beginnt im Alter der Primärerfahrungen und wird fortgesetzt im mangelnden ausdauernden Wahrnehmen des Kindes. Was das Kind im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung erlebt, darf es nicht nachhaltig genug erleben. So entsteht kein verlässlicher Spiegel im Gesicht des Gegenübers. Die Stimme des Kindes klingt nicht in einem vernehmbaren und lange dauernden Echo nach. Wenn Mutter oder Vater Gefühle und Stimmungen ihres Kindes nicht mehr akzeptierend wahrnehmen können, sie in der Kürze der Zeit beschneiden und darüber hinwegtrösten mit Hilfe von Sachleistungen, bilden sich diese Unsicherheitsformen in einem Kind aus.

Scham trennt

Das schwarze Schaf entlastet von einem sehr unangenehmen Gefühl; es ist das Sich-Schämen. Scham bewirkt Trennung. Wer sich schämt, fühlt sich unverbunden, draußen allein, ohne Freunde. Frühere Kindergenerationen kannten den entsetzten Ruf des Vaters, der Mutter, der Kindergärtnerin: Pfui, schäm dich! Bedeckt von einem Schwall abgewehrter Emotionen, verurteilte der Schamrichter das gescholtene Kind. Mit gesenktem Kopf beugte es sich dem Urteil des Richters und zeigte so die Schwächung seines Stehvermögens an. Es sank förmlich in die Schamlöcher seines Mutterbodens und schämte sich, wurde klein und winzig, fühlte sich unwert wie der letzte Dreck, war nur noch ein kleiner Krümel, dem eigentlich kein Lebensrecht mehr zugestanden wurde.

Solche Schamgefühle sind nicht zum Aushalten, sie müssen abgewehrt werden. Am besten gelingt dies, wenn auch dieses Gefühl seinen Aufhänger im schwarzen Schaf gefunden hat. Deutlich wird, wie das innere kindliche Nicht-gut-Sein abgewehrt wird am Mitschüler, der Mitschülerin, die zur Entlastung beiträgt. Deutlich wird auch, wie beide Formen kindlichen Verhaltens sich brauchen, wie keiner ohne den andern ganz existent ist und wie alle in der Gruppe in ihrer sozialen Offenheit behindert sind, weil Berührungsängste die Gruppe bestimmen. Neben der will ich nicht sitzen! Muss es doch sein, rückt das so in die Enge getriebene Kind seinen Stuhl weit weg, um Distanz zu schaffen, weil es unter seelischen Druck kommt. Manchmal hilft es auch, ganz plötzlich dem ungeliebten Nachbarn den Stuhl unterm Hinterteil wegzuziehen, um sich zu zeigen: Ich kann mit dem machen, was ich will. Wenn er dann heulend am Boden liegt, geht es mir besser!

Heutige Elternpädagogik vermeidet den der schwarzen Pädagogik zugeschriebenen Satz Schäm dich! und nimmt das Gefühl des Sich-Schämens, das bei Kindern häufig auftritt, nicht wahr. Damit sinkt es ungespiegelt durch den Erwachsenen ins Diffuse ab; es wird weder ausgedrückt noch verarbeitet, bleibt auf diese Weise immer irgendwo bedrohlich in der Luft und muss vom Kind bekämpft werden.

Übergangssituationen konfrontieren mit Unerledigtem, lassen alte Ängste neu entstehen und bieten auf diese Weise auch die Chance für Umorientierungen und Neuanfänge. Zum Glück verläuft kindliche Entwicklung gespeist aus dem großen Wachstumspotential ihrer Natur, die zu bestimmten Zeiten bestimmte Entwicklungsschritte fordert.

Die Geschichte vom kleinen schwarzen Schaf - bäh, bäh, bäh

Was liegt näher, in einer Gruppe, die so stark in der Übergangszeit der Einschulung den Komplex des schwarzen Schafes konstelliert, als nach einer Möglichkeit der Bearbeitung zu suchen. Das Bilderbuch vom kleinen schwarzen Schaf, dessen Bilder vom Overhead-Projektor auf die weiße Wand projiziert wurden, brachte viel in Bewegung.

Das neugeborene kleine Schaf erkennt sein Anderssein in der Herde, schämt sich und läuft weg. Dieses Bild hatte für alle zuschauenden Kinder großen Aufforderungscharakter; es ging alle an, und die Gesprächsbeteiligung war sehr groß, die innere Beteiligung spürbar. Über diese Identifikationsfigur gelingt es, all die schmerzhaften Gefühle zu äußern, welche die Kinder in sich hatten. Auch die sonst so großen Schreier, die wortgewaltigen und coolen Jungen gelangen zu einer Annäherung an ihr inneres schwarzes Schaf und begleiten es voll mitleidendem Gefühl auf seinem einsamen Weg in den Wald.

Beim Malen gab es keine Hemmungen und Blockaden; das Bild des Schafes durfte dunkel und schwarz gemalt werden. Vielen war dieses Dunkel nicht genug, sie mussten das Tier auch noch schwarz übermalen, schraffierten das große Blatt schwarz, weil das Schaf sich doch volle Kanne schämt! So fand auch die Schamangst ihren Platz und hinterließ am Ende gelöste Kindergesichter.

Andere Kinder mussten ihr schwarzes Schaf hinter dicken Mauern eines Burgverlieses einsperren, viele bewaffnete Wachen davor stellen, immer darauf bedacht, es ja nicht sichtbar zu machen. Auf diese Weise drückten sie ihre Beschämung aus, die sie als etwas Trennendes, Einzusperrendes erlebten, mit der in Konflikt zu kommen bedrohlich ist.

Durch das Malen wurde viel Emotion freigesetzt, welche die Kinder bewegte. Immer wieder mussten sie ihr Bild zeigen, erzählen, wie es dem schwarzen Schaf geht. So ergibt sich manches Zweiergespräch, das die Chance bietet, vom Bild aus die Brücke zum Kinder-Ich zu betreten. Am Ende kann die Auflösung der Projektion gelingen in dem Satz: Du, einmal, da war es bei mir auch so.

Das schwarze Schaf kehrt zurück - Der Waschbär bleibt ein Waschbär, muss kein Stinktier mehr sein

Wenn diese Prozesse innerhalb der neuen Klasse ablaufen und wahrnehmend und aufnehmend begleitet werden, kann ein vom Kindergarten in die Schule gejagtes schwarzes Schaf sein Fell wechseln. Der zuvor von allen gemiedene Junge, mit dem niemand zu tun haben wollte, entpuppt sich als ein sehr sensibles, helles, fühlendes Kind.

Jenny, das Mädchen, das von Ängsten der Eltern gejagt wurde, weil ihm alles zuphantasiert, zugesprochen und delegiert wurde, was Bestandteil ihrer Ängste war, bringt einen Waschbär mit, ein Geburtstaggeschenk. Kaum hat sie das Klassenzimmer betreten, wird das Kuscheltier von einigen Jungen ihrer alten Kindergartengruppe zum Stinktier umbenannt, ihr weggenommen und in einer wilden Jagd durchs Klassenzimmer geworfen. Die Jungen handelten nach ihrem alten Verhaltensmuster, waren darauf bedacht, dass dieses Mädchen innerhalb der ihnen bisher vertrauten Rollenzuweisung blieb. Doch gelang auch ihnen im Rollenspiel, beim Malen, die Annäherung an ihr abgewehrtes schwarzes Schaf.

Am Ende dieser sehr virulent verlaufenen Einschulungsphase stellt sich die Frage, inwieweit der bisher übliche Modus der Einschulung dazu beiträgt, solche Tendenzen zu fördern, und ob es vielleicht Möglichkeiten gibt, diese Leidenswege Kindern zu ersparen.

Kooperation zwischen Kindergärten und Grundschulen

Die Verwaltungsvorschrift des Kultusministeriums vom 18.11.1993 gibt den Rahmen vor, in dem sich das Kind vom Kindergarten in die Schule bewegt. Während dieser wichtigen Zeit steht Kooperation an erster Stelle. Dadurch soll ein möglichst bruchloser Übergang vom Kindergarten in die Schule ermöglicht werden. Er ist das übergeordnete Ziel in der Zusammenarbeit beider Institutionen. Mit der Forderung nach einem möglichst bruchlosen Übergang weiß der Gesetzgeber offensichtlich um die Schwierigkeiten, die Kinder erleben können, wenn ihr altes System Kindergarten zusammenbricht, sie zunächst aus diesem Rahmen fallen, ohne sich gleichzeitig im neuen Rahmen der Schule schon orientieren zu können. Wenn die Forderung nach der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Bisherigen erfüllt ist, treten mit Sicherheit weniger kindliche Ängste auf, die sich, wie gezeigt, im Schwarzen-Schaf-Syndrom zeigen. Das vom Gesetzgeber gewünschte Ineinander der beiden Einrichtungen Schule und Kindergarten während der Phase der Einschulung wird meiner Erfahrung nach formell korrekt meist nur an äußeren Faktoren umgesetzt.

Zwar hat das Oberschulamt in jeder Schule einen Lehrer zum Beauftragten für die Kooperation von Kindergarten und Schule bestimmt, der für diese Arbeit auch einige Stunden Deputatsermäßigung erhält, doch reichen seine Besuche, Gespräche m.E nicht aus, solange sie sich darauf beschränken, die Listen der Schulanfänger in den einzelnen Kindergärten zu erstellen, diese an die Schule weiterzureichen und die Besuche der Kindergartengruppen in der Schule zu organisieren.

Im Hinblick auf die Zunahme der Gruppengrößen im Kindergarten, der Klassenstärke in der Grundschule und dem Anwachsen kinderfeindlicher Lebensbedingungen muss eine intensive Kooperation in Form direkter Gespräche zwischen Erzieherinnen, Erziehern und Erstklasslehrerinnen erfolgen. Hospitationen stellen eine wertvolle Hilfe dar bei der wichtigen Entscheidung, ob ein Kind reif ist, eingeschult zu werden. Notwendig ist es, die unterschiedlichen Aufgabenbereiche und Arbeitsweisen der beiden Institutionen kennen zu lernen. Nur dann lässt sich für ein Kind die Prognose stellen, dass es voraussichtlich den Anforderungen des Schulalltags genügen kann. Auf diese Weise wird auch dem Entstehen des Sündenbocksyndroms in der Beziehung von Kindergarten und Grundschule vorgebaut. Dann wird eine negative Zuschreibung Wie kann der Kindergarten nur so ein Kind schicken! nicht mehr nötig sein, da die Grundschullehrerin die Realität des Kindergartens von ihren Besuchen her kennt.

Wenn die Einschulungsphase schulpflichtiger Kinder wirklich verändert wird, wie aus Presseberichten zu entnehmen ist, dann rollt eine Welle von Kindern eines Jahrgangs in die Schulen, von denen viele, wenn sie nach dem alten Modus geprüft worden wären, noch nicht eingeschult worden wären. Was hilft es dem Fünfjährigen, der bereits lesen kann, eine schnelle Auffassungsgabe besitzt, wenn er als kleinstes Kind in einer Riesenklasse mit 30 Kindern sitzt und um sein körperlich-seelisches Überleben in diesem Kinderhaufen kämpfen muss? Eltern, die solches bei ihrem Kind derzeit erleben, sagen erschrocken: Ja, wenn wir das gewusst hätten!

Für die zukünftigen Erstklasslehrkräfte bedeutet es eine Hilfe - bei aller zusätzlichen Belastung - sich bei Hospitationen im Kindergarten auf die neuen Kinder einzustellen, sie im Kindergartenalltag zu beobachten und kennen zu lernen. So kann auch für die Lehrerinnen die Härte der Einschulungsphase gemildert werden. Häufig ist es ja so, dass diese eine 4. oder 2. Klasse abgeben und sich vom Entwicklungsniveau der Erstklässler weit entfernt haben. Hospitationen ermöglichen die Annäherung an das einzuschulende Kind in seiner ganzen Wesenhaftigkeit.

Wenn Gespräche frühzeitig geführt werden, können auch die für einige Kinder dringend benötigten Hortplätze angefragt werden, müssen nicht erst die wichtigen Wochen der Einschulungsphase verstreichen, bis diese Kinder versorgt sind.

Allerdings bedeutet die Umsetzung dieser Forderungen, dass die Grundschule die Verteilung der Lehraufträge für die ersten Klassen frühzeitig beschließt und damit das alljährlich ablaufende stressfördernde Ich krieg die 1. Klasse, ich krieg sie nicht beendet.

Viel Nervenkraft könnte gespart werden, wenn Schulleitungen die Verteilung der ersten Klassen so regeln, dass bereits bei der Anmeldung das Kind seine Lehrerin kennen lernt. Dann könnte es organisch in die Schule hineinwachsen. Schließlich vollziehen sich alle Wachstumsprozesse bei Kindern über den mitmenschlichen Bezug. Auf der anderen Seite würde dies auch zur Angstminderung bei den immer älter werdenden Grundschullehrerinnen führen.

Das Kind, das den Kindergarten verlässt, hat ein Recht darauf, dort so anzukommen, dass es erleben kann Ich bin am rechten Platz, was wir hier machen, kann ich leisten. Aus dem Umgang mit Kindern weiß jeder, wie lösend das Du, ich kenn dich! sein kann in einer neuen Gruppe. Wenn viele Kinder der 1. Klasse am Einschulungstag diesen Satz sagen können, kann von Anfang an in einer Atmosphäre miteinander gelernt werden, die geprägt ist durch viel Neues, in die aber auch das Bisherige integriert ist.