Aus: Kindergarten Magazin 1997, Heft 4, S. 14 - 15

Eine verblüffende Besinnlichkeit in der Adventszeit: Die Eiskerze

Michael Schnabel


Feuer und Eis: zwei unversöhnliche Gegensätze

Licht und Feuer sind für Kleinkinder faszinierend: In eine Kerze schauen oder das Prasseln und Sprühen des Feuers im Ofen beobachten, kann Kinder in den Bann nehmen. Eine Steigerung erzeugt die Überraschung: Feuer im Eis.

Eis ist ein Zeichen für Kälte, Starre und Abwehr. Wir haben in unserer Sprache viele Ausdrücke, die dies belegen: eiskalt, ein eisiges Lächeln, mit eisiger Miene, eisiges Klima, eisige Atmosphäre.

Bei der Eiskerze kommt zur Kälte, Härte und Starrheit des Eises das gegenteilige Element: das Feuer. Was dann entsteht, hat eine überraschende, übersinnliche und eigenwillige Wirkung. Die Anziehungskraft, die Wärme, das Wohlgefühl und die Geborgenheit der Flamme wird noch größer, wird gesteigert, wird noch lebendiger. Daher ist das Betrachten der Eiskerze so eindrucksvoll, wirkt so nachhaltig und bringt uns Besinnlichkeit und innere Tiefe.

Herstellung einer Eiskerze

Wenn es im Winter draußen sehr kalt geworden ist (ca. 4 - 6 Grad Celsius minus!), stellt man einen Eimer mit Wasser ins Freie. In der Nacht gefriert das Wasser so, dass es nicht total durchgefroren ist. Dann wird der Eisklotz aus dem Eimer gelöst und auf einen Teller gesetzt. Auf der oberen Seite ist die Eisschicht noch ganz dünn. Hier wird das Eis vorsichtig aufgeklopft und das restliche Wasser weggeschüttet. In die Öffnung wird eine brennende Kerze gestellt.

Praxistipp: Wenn es im Winter nicht so kalt wird, dann stellt man den Wassereimer in die Gefriertruhe oder in den Gefrierschrank.

Kerzenmeditation

Der Raum, in dem die Meditation stattfindet, ist abgedunkelt. Die Erzieherin stellt die Eiskerze auf den Tisch oder in die Mitte des Stuhlkreises. Alle Kinder sollen sehen können, wie das Licht der Kerze sich im Eis bricht und funkelt. Die Erzieherin spricht einige Sätze, die die Kinder zum Schauen und Beobachten anleiten: Wir beobachten jetzt zusammen unsere Eiskerze.

Die Kerze ist ganz eingehüllt mit Eis. Wir sehen aber dennoch, wie die Kerze durch das Eis leuchtet. Die Flamme steht ganz still und durchstrahlt die ganze Eishülle.

Im Eis vermehrt sich geradezu das Licht. Die Kerze ist lebendig: Sie flackert und lodert. Sie lässt das Eis unterschiedlich erstrahlen.

Die Kerze schenkt uns verschiedene Lichtfarben: Sie leuchtet rot, gelb, blau. Im Eis spiegeln sich auch noch andere Farben: Vielleicht sieht jemand orange, grün, violett?

Das warme Licht spiegelt sich im ganzen Raum Es lässt unsere Gesichter aufleuchten.

Die Eiskerze leuchtet und sie gibt uns das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Die Eiskerze lädt ein zum Singen und Erzählen.

Eine warme und angenehme Stimmung erzeugt Offenheit und beflügelt Phantasie und Kreativität; das wäre die beste Gelegenheit, um selbst Phantasiegeschichten zu erfinden. Die Erzieherin könnte hier erste Versuche wagen, indem sie vom Licht erzählt, das über einen zugefrorenen Teich wandert. "Wer ist das Licht?" "Wo geht das Licht hin?"

Bei einem einladenden Anfang sind bald einige Kinder bereit, weiter zu erzählen. So entsteht eine Geschichte, die alle zusammen erfinden und erzählen.