Aus: Elfter Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Stellungnahme der Bundesregierung zum Elften Kinder- und Jugendbericht). Bonn: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002, S. 9-10

Der Beitrag der Kinder- und Jugendhilfe in der Bildungsdebatte

Bundesregierung

 

Der Elfte Kinder- und Jugendbericht misst dem Thema Bildung einen hohen Stellenwert zu. Die Bundesregierung hat die drängenden Probleme im deutschen Bildungswesen frühzeitig erkannt und bald nach ihrem Amtsantritt das Forum Bildung initiiert. In diesem Forum Bildung, das mit dem Abschlusskongress im Januar 2002 erfolgreich zu Ende gegangen ist, haben Bund und Länder in Zusammenarbeit mit Verantwortlichen aus Wissenschaft und Gesellschaft zwölf Kernempfehlungen erarbeitet, die die notwendige strukturelle Innovation des deutschen Bildungswesen herbeiführen sollen. Bund und Länder werden die Umsetzung der Empfehlungen wissenschaftlich begleiten und 2004 einen ersten Umsetzungsbericht vorlegen. Dank der Empfehlungen des Forum Bildung sind Bund und Länder zudem sofort handlungsfähig vor allem auch in den Bereichen, die die internationale Leistungsuntersuchung PISA als besonders defizitär ausgewiesen hat. Dies ist insbesondere der Bereich der frühen Förderung in Kindergarten und Grundschule einschließlich einer Reform der Erzieher- sowie Lehreraus- und -fortbildung; PISA zeigt aber auch die Notwendigkeit, für Jugendliche und junge Erwachsene ohne Schul- und Berufsabschluss eine zweite Chance zu schaffen.

Die Aussagen des im Sommer 2001 abgeschlossenen Kinder- und Jugendberichtes sowie die im Januar 2002 vorgelegte Streitschrift des Bundesjugendkuratoriums ("Zukunftsfähigkeit sichern - für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe") reklamieren im Hinblick auf die immer rascheren technischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, der Debatte ein umfassendes Bildungsverständnis zugrunde zu legen, das über die Grenzen des formalen Bildungssystems (Schule, berufliche Ausbildung, Hochschule) hinausreicht. Insbesondere die informellen und die außerschulisch zu erwerbenden Bildungsbestandteile, die ganz wesentlich auch durch die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe vermittelt werden, müssen einbezogen werden. Bildung stellt sich dabei im Kontext einer Kultur des Aufwachsens und des lebenslangen Lernens dar.

Im Fokus der Bildungsdiskussion stehen heute zunehmend auch soziale Kompetenzen, Sprach- und Kommunikationskompetenz, eine demokratische Grundhaltung und entsprechende Organisations- und Problemlösungsfähigkeiten sowie eine Vielzahl weiterer Fertigkeiten und Fähigkeiten, die zum einen der umfassenden Persönlichkeitsentwicklung und der Lebenskompetenz dienen, zum anderen aber auch eine Voraussetzung zum Wissenserwerb und zur sinnvollen und sozial verantwortungsbewussten Anwendung des Wissens darstellen. Die Kinder- und Jugendhilfe leistet hier auf der Grundlage des § 11 Abs. 3 SGB VIII mit ihren vielfältigen außerschulischen Angeboten der kulturellen, politischen, gesundheitlichen, technischen und sportlichen Bildung einen herausragenden Beitrag und verfügt über umfangreiche Erfahrungen.

Die ca. 75.000 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, zu denen u. a. Kindertagesstätten, Jugendfreizeiteinrichtungen, Familienbildungsstätten und Beratungsstellen gehören, tragen einen wesentlichen Anteil der außerschulischen Bildung. Sie erreichen Kinder, Jugendliche, und oft auch deren Eltern, die dadurch befähigt werden, ihrem familiären Bildungsauftrag besser gerecht werden zu können. Im Bereich der Hilfen zur Erziehung wird im Rahmen der individuellen Hilfeplanung die Bildung als wesentlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung jedes jungen Menschen berücksichtigt. Im Bereich der verbandlichen, der sportlichen und der öffentlichen Jugendarbeit werden Teilhabe- und Gemeinschaftsfähigkeit entwickelt. Rund 12 Millionen Kinder und Jugendliche nutzen Jugendkunst- und Musikschulen, Kindermuseen, Jugendtheater und Literaturwerkstätten, Spielmobile, Medienprojekte und weitere Angebote. Diese zeichnen sich durch einen hohen Grad an Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten aus, sie fördern Kreativität und Eigeninitiative. Im Bereich des Bundesprogramms E & C können junge Menschen ein soziales Trainingsjahr absolvieren. Das Freiwillige Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr wurden um Modelle für ein Kulturelles Freiwilliges Jahr und ein Sportjahr erweitert.

In der Bildungsdebatte kommt insbesondere auch den vor der Schulzeit liegenden Kindheitsjahren eine wesentliche Bedeutung zu. Bildungsforschung und Entwicklungspsychologie belegen, dass gerade in dieser frühen Lebensphase eine hohe Aufnahmebereitschaft und Erkundungsdrang vorhanden sind und grundlegende Dispositionen für späteres Lernverhalten gelegt werden. In dem Modellversuch "Zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen", den das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zusammen mit den Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein von 1997 bis 2000 durchführte, wurde der Bildungsbegriff für den Vorschulbereich neu definiert. Danach heißt Bildung gerade im frühen Kindesalter nicht Belehrung. Vielmehr erobern sich Kinder die Welt durch Neugier, Experimentieren und Gestalten selbst. Den Erwachsenen kommt dabei die Aufgabe zu, die Lebensumwelt des Kindes anregend zu gestalten, die Aktivität des Kindes herauszufordern, ihm die nötige Sicherheit zu geben und es dabei zu unterstützen, "eigensinnig" seinen Interessen zu folgen.

Es kommt daher ganz wesentlich darauf an, diese wichtigen vorschulischen Bildungsangebote für alle Kinder verfügbar zu machen. Kindern, die keine Tageseinrichtung besuchen können, werden Bildungschancen vorenthalten. Die im Elften Kinder- und Jugendbericht geforderte "öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen" muss sich hier sehr konkret erweisen. Die Bereitstellung eines bedarfsgerechten Angebotes im Krippen-, Kindergarten- und Hortbereich muss daher nicht allein unter Erziehungs- und Betreuungs-, sondern ebenso unter Bildungsgesichtspunkten von Ländern und Gemeinden in allen Regionen Deutschlands angestrebt und verwirklicht werden.

Um die Debatte über die Kinderbetreuung weiter voranzubringen, hat sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für eine Beteiligung Deutschlands an der geplanten Vergleichsstudie der OECD über frühkindliche Bildung und Erziehung entschieden. Die Studie soll Ende 2002 durchgeführt werden und hat eine Analyse des gesamten Systems der Kinderbetreuung in den beteiligten Ländern zum Ziel.

Ein Anliegen der Bundesregierung ist auch die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildungsmöglichkeiten auf allen Ebenen. Durch die Reform der Ausbildungsförderung hat sie die soziale Zugangsgerechtigkeit zu den Bildungsangeboten wesentlich verbessert. Seither erhalten mehr als 80.000 junge Menschen zusätzlich Anspruch auf Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG).

Ganz wesentlich dienen die Angebote der außerschulischen Bildung zur gesellschaftlichen Integration nicht nur der deutschen, sondern insbesondere auch der Kinder und Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Wenn von den 3- bis 4-jährigen Kindern aus Migrantenfamilien lediglich jedes zweite den Kindergarten besucht, so werden wichtige Chancen zur Sprachvermittlung vertan. Mit der Kinderbetreuung können auch Angebote zum Spracherwerb für Mütter und Familien verbunden werden. Außerschulische Bildung muss und kann einen unersetzbaren Beitrag zur Integration und zum interkulturellen Zusammenleben leisten. Die öffentlichen und die freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe sind aufgerufen, ihre Angebote unter diesem Gesichtspunkt inhaltlich und strukturell weiterzuentwickeln.

Wenn sich schulische und außerschulische Bildung einer Kultur des Aufwachsens verpflichtet fühlen, die emotionalen, sozialen und künsterisch-ästhetischen Dimensionen des Menschseins und die daraus resultierenden informellen Fähigkeiten und Fertigkeiten neben dem traditionellen Schulwissen als notwendige und gleichwertige Bildungsbestandteile akzeptieren, wird die Zusammenarbeit und Verzahnung der beiden Systeme über die erfolgreichen Einzelbeispiele hinaus besser zu realisieren sein. Der gesellschaftliche Wandel in allen Lebensbereichen verlangt bereits von jungen Menschen komplexe Kompetenzen, zu deren Erwerb schulische und außerschulische Bildungssysteme gleichermaßen und koordiniert beizutragen haben.