Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Emmy Bergmann

Manfred Berger

 

In ihrer Diplomarbeit schreibt Doris von Hatzfeld (2000, S. 5) treffsicher: "Während Clara Grunwald in der gegenwärtigen Literatur zur Geschichte der Montessori-Pädagogik große Beachtung findet, ist demgegenüber ihre um zehn Jahre jüngere Schwester Emmy Bergmann noch völlig vergessen. Dabei hatte sie durchaus beachtenswerte Leistungen erbracht, die seinerzeit die Montessori-Pädagogik in Deutschland voranbrachten und innovativ bereicherten".

Emmy Bergmanns Wirkungsbereich für die Montessori-Pädagogik lag in Freiburg/Br.. Dort eröffnete sie im Mai 1925 in ihrer Wohnung ein Montessori-Kinderhaus. Dieses wurde von ca. 20 nicht schulpflichtigen Jungen und Mädchen besucht. Zusätzlich betreute die Ärztin und Pädagogin noch einige vom Schulbesuch zurückgestellte Kinder, mit dem Ziel, diese "auf den Stand der Normalschule zu bringen" (zit. n. Hatzfeld 2000, S. 34). Ihre Einrichtung erfüllte damit auch die Funktion eines Schulkindergartens, der Kinder aufnahm, "die wegen ihrer 'körperlichen Beschaffenheit', 'geistigen Veranlagung' oder 'Entwicklungshemmung' als 'schulunreif' diagnostiziert und darum zu ihr geschickt" (zit. n. ebd.) wurden. Die freie Beschäftigung mit den Montessori-Materialien spielte für diese Jungen und Mädchen eine wichtige Rolle, da "gerade sie für die von der Schule zurückgestellten Kinder von besonderer Bedeutung sind:

  • die Fehlerkontrolle, ohne dass die Montessori-Lehrerin eingreifen muss;
  • die Isolierung der einzelnen Eigenschaften wie: Breite, Länge, Höhe, Farbe, Gewicht, Form...;
  • die Variationsbreite des Materials, das verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten zu verschiedenen Altersstufen zulässt;
  • die Heilfaktoren des Materials" (zit. n. ebd., S. 53).

Entschieden wandte sich Emmy Bergmann gegen die vielen negativen Äußerungen, die insbesondere dem Montessori-Material entgegengebracht wurden. In einem Beitrag strich sie den unbezweifelbar großen Vorteil, den das Montessori-Material beispielsweise beim Schreiben und Lesen bietet, geschickt heraus:

"Schon aus meinen wenigen Beispielen wird uns klar: Kaum zwei Kinder bringen die gleichen inneren Voraussetzungen für den Schreib-Lese-Unterricht mit; jedes Kind behält, jedes erfaßt und versteht in einem ganz anderen Tempo, ja, für jedes einzelne geistige und mechanische Element der Schreib-Lese-Fähigkeit gelten und herrschen in jedem Kinde andere Gesetze... Maria Montessori hat uns eine wundervolle Lösung dieser Schwierigkeiten gezeigt; ihr Material gibt uns die Möglichkeit, das Kind vom Lehrer unabhängiger als bisher zu machen, es viel stärker auf seine eigene Kraft zu stellen" (Bergmann 1927, S. 11).

Im Jahre 1927 gründete sie in Freiburg/Br. einen Zweigverein der "Deutschen Montessori-Gesellschaft e.V." mit Sitz in Berlin (die von ihrer Schwester Clara Grunwald gegründet und präsidiert wurde), mit dem erklärten Ziel, die "Montessori-Methode in Freiburg i. Br. und darüber hinaus zu verbreiten und durchzusetzen". Emmy Bergmann selbst leitete den Verein. Er war der dritte regionale Zusammenschluss der Montessori-AnhängerInnen nach Berlin (1919) und Jena (1925). Zwei Jahre später rief sie die erste "Montessori-Volksschule" Badens ins Leben, die überwiegend von dem Kinderhaus entwachsenen Kindern besucht wurde. Über die neue Art der Schulpädagogik berichtete die Gründerin in einem längeren Aufsatz:

"In der Montessori-Schule wird kein Kind gehetzt, weil die Klasse weiter muß; keines zu Tode gelangweilt, weil es immer und immer warten muß. Ist dies nicht ein Gewinn, der für die seelische Gesundheit unserer Kinder unendlich viel bedeutet? Wird nicht ein Kind um sein Bestes gebracht, wenn es gern noch an einer Stelle verweilen möchte, wenn es das Bedürfnis hat, eine Sache noch einmal durchzudenken und sich zu üben, und doch weiter muß? Muß es dann nicht unruhig und unbefriedigt werden?... Noch ein weiteres Problem ist in der Montessori-Schule gelöst, das die übliche Schule niemals lösen kann: das Kind hat Perioden des geistigen Ausruhens, des scheinbaren geistigen Stillstandes, ebenso, wie dies jetzt vom körperlichen Wachstum bekannt ist. Die Klassenarbeit kann darauf keine Rücksicht nehmen; der Lehrer reagiert auf solche naturgemäßen Perioden des Ausruhens sehr oft mit dem Urteil 'faul' und gibt schlechte Noten... In der Montessori-Schule gibt es keine Zeugnisse, keine Versetzungen im üblichen Sinne. Hier wird der Arbeitswille, die Arbeitsfreudigkeit des Kindes anerkannt, jede Arbeit, die mit dem Bemühen, das Beste zu geben, geleistet wird. Die Arbeit wird nicht abgeurteilt nach ihrem äußeren Erfolge, vor allem nicht nach dem Verhältnis, in dem sie zur Arbeit der anderen steht. Aber das Kind erlangt die wertvolle Erkenntnis, daß jede Arbeit ihren Lohn und ihren Wert in sich selbst trägt, und daß die innere Befriedigung über die Arbeit das höchste Glück ist, daß der Mensch erringen kann. Peter Altenberg sagt: 'Man könnte sagen, erziehen heißt: organischem Wachstum lauschen. Aber diese anderen wollen biegen, knicken, beschneiden, zerdrehen, brechen, zerstören.' Wollen wir es nicht als unsere Aufgabe ansehen, dem Leben zu lauschen?" (Bergmann 1925, S. 166 ff.).

Neben ihrem praktischen Einsatz hielt Emmy Bergmann ungezählte Vorträge zur Montessori-Pädagogik u. a. in Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Lörrach, Stuttgart und Ulm. Die örtliche Presse berichtete stets positiv über ihre Vorträge und lobte sie als "brillante und souveräne Rednerin" (Hatzfeld 2000, S. 76).

Als die Nazis an die Macht kamen, musste Emmy Bergmann ihr Engagement für die Montessori-Pädagogik sofort einstellen, war sie doch jüdischer Herkunft. Außerdem "passte die Montessori-Pädagogik nun nicht mehr in die neue Zeit", wie Emmy Bergmann sich rückblickend äußerte (zit. n. Hatzfeld 2000, S. 85).

Emmy erblickte am 15. September 1887 als sechstes von elf Kindern (einschl. der Kinder, die mehr oder weniger unmittelbar nach der Geburt starben) des "Leinen- und Weißwarenhändlers" Bernhard Grunwald und seiner Ehefrau Rosalie, geb. Aberle, in Berlin das Licht der Welt. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Clara durfte Emmy, nach dem Besuch der "Gymnasialkurse für Frauen", studieren. Sie entschied sich für das Studium der Medizin. Ihr Physikum legte sie 1909 in München, das Staatsexamen 1912 in Berlin ab. Nach dem Staatsexamen heiratete sie den (später international bekannten) Chemiker Max Bergmann (1886-1944). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Peter Gabriel (geb. 1915) und Esther Maria (geb. 1917). Februar 1912 promovierte Emmy Bergmann. Ihre Dissertation hatte zum Thema: "Über Psoriasis und Gelenkerkrankung". Im Jahre 1914 übernahm sie eine unbezahlte Assistentenstelle als Kinderärztin im "Kaiserin-Auguste-Victoria Krankenhaus" in Berlin.

Jedoch immer stärker interessierte sich Emmy Bergmann für pädagogische Fragestellungen, letztendlich mitbedingt durch ihre Schwester Clara Grunwald, die als Lehrerin und Montessoripädagogin in Berlin arbeitete, und ihre eigenen zwei Kindern. Darum absolvierte sie 1925, zusätzlich zu ihrem im Winter 1923/24 in Amsterdam besuchten Montessori-Lehrgang, das Lehrerinnenexamen. Ihr montessorisch/pädagogisches Wissen erweiterte sie zusätzlich in England, Italien und in der Schweiz. Sie hatte auch persönliche Kontakte zu Maria Montessori, die die Kinderärztin ermunterte, ihre Pädagogik praxisnah umzusetzen.

Im September 1922 übersiedelte die Familie Bergmann nach Freiburg/Br. und wohnte dort bis Februar 1934. Anschließend kehrte Emmy Bergmann mit den Kindern nach Berlin-Tempelhof zurück. Max Bergmann übersiedelte nach Dresden und emigrierte kurz darauf in die USA. Zuvor ließ sich das Ehepaar scheiden. Nachdem Emmy Bergmann 1939 die palästinische Staatsangehörigkeit erworben hatte, wanderte sie in das damalige Palästina aus. In der neuen Heimat betätigte sie sich wieder als Kinderärztin und Pädagogin, wobei sie sich insbesondere für die Montessori-Pädagogik einsetzte.

Nach ihrer Pensionierung (1953) lebte Emmy Bergmann in einem Kibbutz, "wo sie Kindern half, die sich nicht in die regulären Erziehungsrahmen einordnen ließen" (Krusen 2004, S. 105). Nach längerer schwerer Krankheit starb sie am 24. April 1972 in Hasorea (Israel).

Literatur

Bergmann, E.: Bericht über die Montessori-Arbeit in Freiburg i. Br., in: Montessori-Nachrichten 1925/H. 4

Dies.: Über Erziehung und Unterricht in der Montessori-Schule, in: Die Neue Erziehung, 1925/H. 3

Dies.: Psychologische Beobachtungen in der Montessori-Grundschulklasse, in: Die Neue Erziehung 1927/H. 7

Hatzfeld, D. v.: Clara Grunwald und Emmy Bergmann. Zwei Schwestern im Einsatz (1919-1933) für die Montessori-Pädagogik. Ein Beitrag zur Geschichte der Montessori-Pädagogik in Deutschland, Augsburg 2000 (unveröffentlichte Diplomarbeit)

Krusen, S.: Familie und Freunde Clara Grunwalds, in: Hansen-Schaberg, I./Ritzi, Ch. (Hrsg.): Wege von Pädagoginnen vor und nach 1933, Baltmannsweiler 2004, S. 99 ff.