Sucht- und Gewaltprävention im Kindergarten

Ute Koglin und Franz Petermann

 

Sucht und Gewalt stellen keine Phänomene dar, die man als Themen des Kindergartens vermutet. Es handelt sich um Phänomene, die mit erheblichen psychosozialen Beeinträchtigungen und Leid für die Betroffenen einhergehen und frühestens ab der mittleren Kindheit bzw. dem Jugendalter auftreten. Worauf begründen sich daher Ansätze zur Sucht- und Gewaltprävention im Kindergarten und was können wir damit für die Kinder erreichen?

Im weiteren werden Verbindungen zwischen frühen Verhaltensmustern und Problemen mit Sucht und Gewalt im Jugendalter beleuchtet. Dazu werden wissenschaftliche Studien vorgestellt, die aufzeigen, welche kindlichen und sozialen Merkmale mit einem erhöhten Risiko für dieses Problemverhalten einhergehen. Abschließend werden Ansätze der Sucht- und Gewaltprävention für Kindergartenkinder vorgestellt.

Probleme durch Sucht und Gewalt im Jugendalter

Der Konsum von Substanzen mit Suchtpotential ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Viele Kinder erleben den Konsum von Alkohol und Zigaretten als etwas Alltägliches in ihrer Familie. Vorgelebt wird ihnen dies durch ihre Eltern, andere Familienmitglieder oder Bezugspersonen, auf der Straße oder durch Medien wie Zeitung und Fernsehen. Alkoholkonsum ist soweit verbreitet, dass das Erlernen eines angemessenen Umgangs mit Alkohol nunmehr als Entwicklungsaufgabe des Jugendalters gelten kann (vgl. Glantz, 2002). Diese Annahme wird durch epidemiologische Studien gestützt, die erfragten, wie viele Jugendliche schon einmal Alkohol getrunken haben. Demnach trifft dies auf die meisten Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr zu (Holly, Türk, Nelson, Pfister & Wittchen, 1997). Es kann davon ausgegangen werden, dass zwischen 10% bis 20% der Jugendlichen Probleme durch den Konsum von Substanzen haben, das heißt von Substanzmissbrauch oder Abhängigkeit betroffen sind. Der Missbrauch von Substanzen wie Alkohol oder Drogen wird oft begleitet von weiteren Problemen wie Schulleistungsschwierigkeiten, Konflikte mit den Eltern oder Freunden und dem Gesetz, aggressiven oder kriminellen Verhalten, aber auch emotionale Probleme (Armstrong & Costello, 2002). Die Schwere der Problematik steht im Zusammenhang mit dem Alter, in dem Kinder oder Jugendliche erstmalig Alkohol oder Drogen konsumieren. Es zeigt sich, je jünger Kinder beim Erstkonsum sind, desto schwerwiegender ist später die Suchtproblematik (z.B. häufigerer Konsum, verschiedene Substanzen) und desto schwerwiegender sind auch die negativen Folgen durch den Konsum.

Unter Gewalt wird häufig eine besonders schwere Form aggressiven Verhaltens verstanden, die sich zumeist auf körperlich aggressives Verhalten bezieht. Sie ist damit Teil aggressiven Verhaltens, also Verhalten, dem eine Schädigungsabsicht unterliegt. Aggressives und gewalttätiges Verhalten kann auch mit delinquentem Verhalten wie Einbruch, Diebstahl oder Waffenbesitz einhergehen.

Aggressives Verhalten umfasst eine Anzahl heterogener Verhaltensformen und drückt sich in verschiedenen Entwicklungsstufen recht unterschiedlich aus (vgl. Petermann & Petermann, 2000). Bei den Ausdrucksformen aggressiven Verhaltens kann unterschieden werden, ob es sich um offen aggressives Verhalten (wie Schlagen oder Treten) oder verdeckt aggressives Verhalten (z.B. über andere schlecht reden) handelt. Des Weiteren kann reaktives Verhalten (Aggression als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung) von aktivem aggressiven Verhalten (zielgerichtet einem anderen etwas wegnehmen) abgegrenzt werden. Bei der emotionsgeleiteten Aggression prägen starke Emotionen von Wut oder Ärger das Verhalten, während bei der "erpresserischen" Aggression das Verhalten geplant und gezielt schädigend eingesetzt wird. Zuletzt kann auch feindselige Aggression mit dem Ziel eine bestimmte Person aus Rache zu schädigen von instrumenteller Aggression abgegrenzt werden, bei der der eigene Vorteil im Vordergrund steht.

Während im Kleinkind- und Kindergartenalter eher oppositionelles Verhalten auftritt, das sich beispielsweise durch häufige Wutanfälle, Nicht-Einhaltung von Regeln oder dem absichtlichen Verärgern von anderen äußert, umfasst das aggressive Verhalten im weiteren Verlauf auch schwerwiegenderes Verhalten mit körperlich aggressiven Handlungen gegenüber Menschen und Tieren und der Zerstörung von fremden Eigentum. Eine Störung des Sozialverhaltens liegt nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störung (ICD-10) der WHO bei einem anhaltenden Muster oppositionellen oder aggressiven Verhaltens vor, das über einen Zeitraum von sechs Monaten anhält und die Grundrechte anderer oder wichtige altersentsprechende Normen oder Gesetze verletzt.

Bei einer Reihe von Jugendlichen tritt das Problemverhalten über einen begrenzten Zeitraum auftritt und klingt im Heranwachsendenalter wieder ab. Gravierender und negativer ist der Entwicklungsverlauf, wenn das aggressive Verhaltensmuster bereits sehr früh, das heißt vor der Pubertät oder sogar schon vor dem Schuleintritt beginnt. Diese Kinder sind häufig von einer Reihe spezifischer Defizite und Probleme betroffen und wachsen in einem problembeladenen familiären Milieu auf.

Wie entstehen Sucht und Gewalt?

Probleme durch Sucht und aggressiv-gewalttätiges Verhalten im Jugendalter stehen häufig nicht unabhängig voneinander. Jugendliche, die Alkohol und Drogen konsumieren, zeigen vermehrt aggressiv-gewalttätiges und auch kriminelles Verhalten, und Jugendliche mit aggressiv-gewalttätigem Verhalten haben häufig auch Probleme mit Alkohol und Drogen. Da diese beiden Problembereiche relativ oft gemeinsam auftreten, wird auch von einem gemeinsamen Syndrom ausgegangen. Durch verschiedene Studien konnte aufgezeigt werden, dass bei diesen Jugendlichen gemeinsame Risikofaktoren oder ein gemeinsamer Entwicklungsverlauf für das Suchtverhalten und für das aggressiv-gewalttätige Verhalten vorliegt (Webster-Stratton & Taylor, 2001).

Früh auftretendes und stabiles aggressives Verhalten ist ein bedeutsamer Risikofaktor für Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Ein Beispiel für so eine Längsschnittstudie stellt die Pittsburgh Youth Study (Loeber, Stouthamer-Loeber & White, 1999) dar. In dieser wurden drei Gruppen von Jungen bis zum Jugendalter untersucht. Sie waren zum ersten Erhebungszeitpunkt durchschnittlich 7, 10 und 13 Jahre alt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich chronischer Konsum von Alkohol oder Drogen bei präadoleszenten und adoleszenten Jungen durch überdauerndes aggressives Verhalten (wie Diebstahl, Tragen einer Waffe oder Angriffe auf Personen mit Ziel, diese zu verletzen) vorhersagen lässt. Je stabiler dieses Problemverhalten war, desto stärker war der Zusammenhang zum Konsum von Alkohol oder Drogen.

Weitere Risikofaktoren, also Merkmale, die die Auftretenswahrscheinlichkeit von Problemen durch Alkohol oder Drogen erhöhen, fasst die Tabelle 1 zusammen. Diese Risikofaktoren lassen sich aufteilen in kind- und familienbezogene Risiken sowie Risiken des sozialen Umfelds. Sie stehen aber nicht unabhängig voneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig im Entwicklungsverlauf und begünstigen das Auftreten weiterer Risikofaktoren.

Tabelle 1. Risikofaktoren für Störungen durch Substanzkonsum

Kindliche Risiken Familiäre Risiken Risiken des sozialen Umfelds
· Genetische Prädisposition
· Physiologische Auffälligkeiten: Vermehrt niedrig frequente Wellen im EEG, veränderte Neurotransmitteraktivität
· Schwieriges Temperament: Irritabilität, mangelnde Verhaltenshemmung
· Verhaltensstörungen: aufsässiges, aggressiv-dissoziales Verhalten, emotionale Probleme
· Geringes Selbstwertgefühl
· Schulische Probleme
· Ablehnung durch Gleichaltrige
· Freunde mit massivem Problemverhalten
· Dysfunktionale Eltern-Kind-Interaktionen: inkonsistente Erziehungspraktiken, geringe Supervision, körperliche Bestrafung, Misshandlung
· Familiäre Konflikte
· Scheidung der Eltern
· Psychische Störung der Eltern: Alkohol- oder Drogenmissbrauch und -abhängigkeit, Depression
· Kriminalität des Vaters
· Geringe Schul- oder Berufsausbildung der Eltern
· Finanzielle Probleme
· Negatives Wohnumfeld: hohe Kriminalitätsrate, geringe Qualität nachbarschaftlicher Beziehungen
· Leichte Verfügbarkeit von Alkohol und Drogen
· Ungünstige Gesetze und Normen: niedrige Altersgrenze, niedrige Preise für alkoholische Getränke

Beschrieben wurden solche Entwicklungsverläufe von Forschergruppen, die Kinder über einen langen Zeitraum begleiteten und wiederholt untersuchten (Glantz, 1992; Webster-Stratton & Taylor, 2001). Der negative Entwicklungsverlauf kann bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter beginnen. Anfangspunkt bildet ein Kind mit einem schwierigen Temperament, das heißt z.B. mit einer hohen Irritabilität und dem häufigen Ausdruck negativer Emotionen wie Ärger. Es trifft auf ein ungünstiges familiäres Milieu, in dem das schwierige Temperament des Kindes nicht aufgefangen werden kann. Die Eltern sind mit dem Verhalten des Kindes überfordert und reagieren unsensibel oder sogar ablehnend auf das Kind. Früh bauen sich Interaktionsprobleme zwischen Kind und Bezugspersonen auf. Im weiteren Verlauf führen diese zu einer Stabilisierung von Verhaltensproblemen des Kindes. Im ungünstigen Fall erlernt das Kind einen Interaktionsstil, der überwiegend auf feindseligem, aggressivem oder erpresssicherem Verhalten basiert. Dieses Verhaltensmuster des Kindes kann dazu geeignet sein, im familiären Rahmen zu "überleben". Trifft so ein Kind jedoch auf Gleichaltrige, besteht die Gefahr, dass es von anderen Kindern abgelehnt wird, weil es angemessene soziale Fertigkeiten, die ein gemeinsames Spielen ermöglichen, nicht gelernt hat.

Durch die Ablehnung von Gleichaltrigen hat ein Kind noch weniger Gelegenheit, soziale Fertigkeiten aufzubauen. Häufig treten bei diesen Kindern auch Beziehungsprobleme zu neuen Bezugspersonen wie Erziehern/innen und Lehrern/innen auf. Das problematische Verhalten des Kindes kann dadurch weiter stabilisiert werden, und zusätzliche Probleme wie Schulleistungsprobleme können auftreten. Der Anschluss an ebenfalls abgelehnte Gleichaltrige ist ein weiterer Faktor, der mit einer Verstärkung der Verhaltensprobleme im Zusammenhang steht. Im Jugendalter haben die Kinder so ein ausgeprägtes Problemmuster erworben, was sich neben aggressiv-gewalttätigem Verhalten auch durch kriminelles Verhalten, emotionale Probleme, Schulversagen und Alkhol- und Drogenkonsum auszeichnen kann. Dieses umfassende Problemverhalten ist ein Resultat aus sich gegenseitig verstärkenden Problemen, die mit zunehmendem Alter immer ausgedehnter werden.

Sucht- und Gewaltprävention im Kindergarten

Die Prävention von Sucht und aggressiv-gewalttätigem Verhalten greift die dargestellten Faktoren auf. Ausgehend von den bekannten Risikofaktoren werden die Kinder in den Bereichen unterstützt, von denen bekannt ist, dass gefährdete Kinder hier Defizite oder Beeinträchtigungen aufweisen. Es werden zudem Kompetenzen aufgebaut, die den Kindern dabei helfen können, Entwicklungsaufgaben und schwierige Lebensereignisse zu bewältigen. Damit setzt präventives Handeln die Kenntnis der normalen und der abweichenden Entwicklung voraus und legt ein Entwicklungsmodell zugrunde, das erklärt, warum eine bestimmte Förderung einen präventiven Effekt haben kann (Scheithauer & Petermann, 2002). Ansonsten kann die Gefahr bestehen, dass mit viel gutem Willen ein Programm umgesetzt wird, welches keinen oder sogar einen gegenteiligen Effekt aufweist.

In Anlehnung an die Risikofaktoren können sich Präventionsmaßnahmen sowohl an das Kind, die Eltern oder das soziale Umfeld richten. Zu den elterngerichteten Maßnahmen zählen beispielsweise Kurse zur Förderung der Erziehungskompetenz, aber auch zur familiären Interaktion und Partnerschaft. Die Elternkurse sind häufig lernpsychologisch orientiert und vermitteln Erziehungspraktiken, die auf eine Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung und eine Förderung positiven Verhaltens des Kindes abzielen. Gleichzeitig soll störendes Verhalten durch systematische Einführung und Anwendung von Regeln und Konsequenzen reduziert werden. Zu den Präventionen, die sich an das außerfamiliäre Umfeld des Kindes richten, zählen beispielsweise elterliche Netzwerke zur besseren Aufsicht der kindlichen Aktivitäten am Nachmittag oder der Einbindung von Eltern an Institutionen wie Kindergarten und Schule.

Im Kindergarten bieten sich kindorientierte Programme besonders an, die Risikofaktoren reduzieren und Kompetenzen der Kinder stärken. Hierzu wurden in den letzten Jahren auch in Deutschland einige Programme entwickelt oder adaptiert. Im Wesentlichen greifen diese Maßnahmen kindbezogene Risikofaktoren für aggressives Verhalten und Sucht auf. Dazu zählen besonders:

  • Defizite in der emotionalen Kompetenz,
  • Defizite in der sozialen Problemlösung,
  • geringe soziale Kompetenz sowie
  • erfahrene Ablehnung durch Gleichaltrige.

Defizite in der emotionalen Kompetenz beziehen sich auf geringere Fähigkeiten, eigene Gefühle oder die Gefühle anderer zu erkennen oder zu benennen, einen mangelnden eigenen mimischen oder gestischen Emotionsausdruck, ein geringes Emotionswissen oder eine geringe Fähigkeit, Emotionen sprachlich auszudrücken und besonders negative Gefühle wie Wut zu regulieren (Petermann & Wiedebusch, 2003). Wichtige Aspekte sind auch die Fähigkeit zur emotionalen Perspektivenübernahme (z.B. wie fühlt sich das andere Kind) und die Fähigkeit zur Empathie (d.h. das eigene Nachfühlen von Emotionen anderer). Defizite in diesen Bereichen sind für erfolgreiche und zufriedenstellende soziale Interaktionen von wesentlicher Bedeutung. Emotionen strukturieren das eigene Erleben und bestimmen oft unmittelbar die Reaktion auf andere. Kinder, die z.B. Schwierigkeiten haben, bei Spielkameraden Gefühle wie Angst oder Trauer wahrzunehmen, können ihre Handlungen schlechter auf ihren Spielpartner abstimmen. Wird ein neutraler Gesichtsausdruck als ablehnend wahrgenommen, ist eine wütende oder traurige Reaktion wahrscheinlich, die zu Konflikten beitragen kann.

Defizite in der sozialen Problemlösung können sowohl bei aggressiven Kindern, aber auch bei Jugendlichen mit Problemen durch Alkohol oder Drogenkonsum aufgezeigt werden. In diesem Sinne untersuchten z.B. Colsman und Wulfert (2002) den Problemlösungsstil von Jugendlichen im Zusammenhang mit einer Reihe von problematischen Verhaltensweisen. Die Jugendlichen wurden danach beurteilt, ob sie in Konfliktsituationen vermehrt vermeidende, unkooperative, selbstbezogene, kompromissorientierte oder kooperative Strategien zur Bewältigung einsetzten. Dabei zeigte sich, dass Jugendliche mit einem unkooperativen und selbstbezogenen Problemlösestil häufiger Alkohol oder Drogen konsumierten und physische Gewalt einsetzten. Colsman und Wulfert (ebd.) nehmen an, dass dieser unangemessene Problemlösestil sowohl dem Substanzkonsum als auch dem aggressiven und gewalttätigen Verhalten ursächlich zu Grunde liegt. Auch bei jüngeren Kindern mit aggressivem Problemverhalten können charakteristische Defizite in der sozial-kognitiven Problemlösung festgestellt werden. Sie interpretieren beispielsweise Handlungen anderer häufiger als ablehnend oder feindselig, ihnen fallen weniger und vermehrt aggressive Problemlösungen ein und sie bewerten die Konsequenzen aggressiver Handlungen positiver.

Soziale kompetentes Verhalten beinhaltet letztlich die beiden vorher genannte Aspekte der emotionalen Kompetenz und eine optimale soziale Informationsverarbeitung. Sie bezieht sich darüber hinaus aber auf weitere Aspekte. Caldarella und Merrell (1997) beschreiben soziale Kompetenz über die Kasten 1 dargestellten fünf Dimensionen.

Kasten 1. Dimensionen sozialer Kompetenz

  • Fähigkeiten zur Bildung positiver Beziehungen zu Gleichaltrigen (u.a. anderen helfen oder andere loben können),
  • Selbstmanagementkompetenzen (wie Konflikte bewältigen oder die eigene Stimmung regulieren),
  • akademische Kompetenzen (auf die Anweisungen der Erzieherin hören; um Hilfe bitten)
  • kooperative Kompetenzen (Anerkennung sozialer Regeln; Angemessene Reaktionen auf Kritik zeigen) und
  • positive Selbstbehauptung und Durchsetzungsfähigkeiten (Gespräche oder Aktivitäten beginnen).

Soziale Kompetenz ist jedoch nicht die Kehrseite von Verhaltensproblemen, denn auch ein beliebtes Kind kann gleichzeitig immer wieder durch störendes oder aggressives Verhalten auffallen.

Ablehnung durch Gleichaltrige ist ebenfalls ein bedeutsames Risiko für aggressives Verhalten und Substanzmissbrauch. Die Zurückweisung geht oftmals einher mit bereits bestehenden Verhaltensproblemen. Diese führen dazu, dass die Kinder beispielsweise Schwierigkeiten haben, sich angemessen am Spiel von Gleichaltrigen zu beteiligen (sich nicht an Spielregeln halten können oder nicht warten können, bis sie an der Reihe sind). Die Ablehnung der Gleichaltrigen führt im weiteren dazu, dass die Kinder immer weniger die Gelegenheit haben, soziale Kompetenzen aufzubauen, so dass der Entwicklungsrückstand zu anderen Kindern größer wird. Es ist entsprechend ein Wechselspiel zwischen Ablehnung durch Gleichaltrige und frühen Verhaltensproblemen zu beobachten. Die Kombination von früh auftretendem aggressiven Verhalten und Zurückweisung durch Gleichaltrige gehört zu den stärksten kindlichen Prädiktoren von chronisch aggressivem, delinquentem und gewalttätigem Verhalten (Coie, 2004). So weisen aggressive, aber nicht durch Gleichaltrige abgelehnte Kinder einen günstigeren Entwicklungsverlauf auf, verglichen mit aggressiven und abgelehnten Kindern.

Ausgewählte nationale Präventionsprogramme

Exemplarische Beispiele für nationale Präventionsprogramme, die diese Aspekte aufgreifen sind:

  • Ich kann Probleme lösen (IKPL; Beelmann, Jaursch, & Lösel, 2004),
  • Faustlos (Cierpka & Schick, 2004) und
  • Verhaltenstraining für Vorschüler (Koglin & Petermann, 2006; in Druck).

Alle Maßnahmen haben gemeinsam, dass sie von den Erzieher/innen der Kinder durchgeführt werden können. Sie können daher als alltäglicher Bestandteil in die Arbeit mit den Kindern integriert werden. Zudem richten sich diese Programme an alle Kinder einer Gruppe. Dadurch ist gewährleistet, dass alle Kinder von dieser Maßnahmen profitieren und nicht nur Kinder engagierter Eltern. Die Programme liegen in manualisierter Form vor, und es werden entsprechende Materialien zur Durchführung sowie Schulungen dazu angeboten. Die Programme sind ansprechend und kindgerecht gestaltet und wurden bzw. werden durch wissenschaftliche Begleitstudien hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überprüft. Inhaltlich unterscheiden sie sich durch den Schwerpunkt der Förderung.

Der Kinderkurs "Ich kann Probleme lösen" (IKPL; Beelmann, Jaursch, & Lösel, 2004) besteht aus 15 Einheiten, die zwischen 45 und 60 Minuten dauern. Es gibt altersmodifizierte Übungen für Kinder zwischen 48 und 60 Monaten und Kindern über 60 Monaten. Der Fokus des Programms liegt neben dem Üben der Basisemotionen deutlicher auf dem Erlernen von Strategien zur sozialen Problemlösung. Die Kinder werden angeleitet durch Handpuppen, die mit ihnen eine Reihe von alterstypischen Konflikten wie z.B. den Streit um ein Spielzeug oder einen Platz durchspielen. Die Einheiten bauen aufeinander auf und üben mit den Kindern Schritt für Schritt, einen Streit zu erkennen, Handlungsalternativen zu finden, deren Konsequenzen zu bewerten und sich vor diesem Hintergrund für eine Lösung zu entscheiden. Wesentlich ist, dass den Kindern nicht vorgegeben wird, was sie tun sollen, sondern dass sie Denkstrategien lernen, mit denen sie zukünftig eigenständig Probleme lösen können. Gleichzeitig haben die Kinder die Möglichkeit, neue Problemlösungen im Modell- oder Rollenspiel zu üben.

Das Faustlos Programm von Cierpka und Schick (2004) ist eine Adaptation des amerikanischen Curriculum Second Step und besteht aus 28 Lektionen, in denen mit den Kindern besonders emotionale Kompetenzen wie Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut gefördert werden. Handpuppen dienen den Kindern ebenfalls als Motivation und Identifikationsfiguren. Dazu gibt es eine umfangreiche Sammlung von Fotos, die verschiedene Emotionen und Konflikte aus dem Kindergartenalltag abbilden und in der Gruppe besprochen werden.

Das Verhaltenstraining für Vorschüler (Koglin & Petermann, 2006) ist ein kompetenzorientiertes Programm zur Prävention aggressiven Verhaltens und Förderung von Kindern zwischen vier und sechs Jahren. Formal besteht es aus 25 Einheiten, die über 13 Wochen (zwei bis dreimal pro Woche) im Kindergarten von der Erzieherin durchgeführt werden können.

Das Programm zielt ab auf die Förderung von:

  • kursbezogenem Verhalten,
  • emotionalen Kompetenzen,
  • sozial-kognitiven Problemlösefähigkeiten und
  • sozialen Fertigkeiten.

Zur Vermittlung der Inhalte werden eine Reihe von Methoden verwendet, die die Kinder motivieren und unterstützen sollen. Dazu wurde das Verhaltenstraining in eine Rahmengeschichte über zwei kleine Meerkinder und ihren Abenteuern eingebettet. Das gesamte Training wird begleitet von einer Handpuppe (Finn - der Delfin), die den Kindern Geschichten erzählt, zu Spielen motiviert und sie bei der Bewältigung der Aufgaben unterstützt. Weitere Methoden sind positive Verstärkung für kursbezogenes Verhalten, Modell- und Rollenspiele, Bildergeschichten, Gesprächsrunden, Spiele (Bewegungsspiele, Brettspiel) u.a.

Zusammenfassung und Ausblick

Der Kindergarten bietet einen geeigneten Rahmen für präventive Programme und fördert Kinder in einer Entwicklungsphase, in der viele soziale und emotionale Kompetenzen erworben werden. Zudem kann angenommen werden, dass sich aggressives Verhalten von Kindern ab der mittleren Kindheit zunehmend verfestigt. Entsprechend sollten Präventionsmaßnahmen frühzeitig, das heißt vor dem Auftreten der Probleme stattfinden (Tremblay, LeMarquand & Vitaro, 1999). Somit stellt die Zeit vom Kindergarten an bis in die ersten Schuljahre hinein eine besonders günstige Zeitspanne dar, Verhaltensstörungen effektiv vorzubeugen.

Durch eine Prävention aggressiven Verhaltens können wahrscheinlich auch Alkohol- und Drogenprobleme verhindert werden. Einschränkend gibt es bislang aber kaum Studien, die tatsächlich ein geringeres Auftreten von Alkohol- oder Drogenproblemen im Jugendalter durch eine frühe Prävention im Kindergarten aufzeigen, da diese sehr zeit- und kostenintensiv sind. Aktuell liegen uns jedoch empirische Ergebnisse vor, die einen Zusammenhang zwischen frühen Verhaltensproblemen und Alkohol- und Drogenkonsum im Jugendalter abbilden. Die Entwicklungsmodelle betonen besonders Defizite in der sozialen Problemlösung und emotionalen Kompetenz bei Kindern mit erhöhtem Risiko für dieses Problemverhalten sowie Probleme durch die Ablehnung durch Gleichaltrige. Es ist daher sinnvoll, diese Bereiche als Basis präventiven Handelns gegen Gewalt und Sucht auf der Ebene des Kindes anzusprechen. Diese Ergebnisse sollten uns ermutigen, soziale und emotionale Kompetenzen bei jungen Kindern gezielt zu fördern. Damit können wir ihnen Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung täglicher Anforderungen des sozialen Miteinanders, aber auch zur erfolgreichen Überwindung belastender Lebensumstände mit auf ihren Weg geben.

Literatur

Armstrong, T.D., & Costello, E.J. (2002). Community studies on adolescent substance use, abuse, or dependence and psychiatric comorbidity. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 70, 1224-1239.

Beelmann, A., Jaursch, S. & Lösel, F. (2004). Ich kann Probleme lösen. Soziales Trainingsprogramm für Vorschulkinder. Universität Erlangen-Nürnberg: Institut für Psychologie.

Caldarella, P. & Merrel, K.W. (1997). Common dimensions of social skills of children and adolescents: A taxonomy of positive behaviors. School Psychology Review, 26, 264-278.

Cierpka, M. & Schick, A. (2004). Faustlos. Ein Curriculum zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und Gewaltprävention. Göttingen: Hogrefe.

Coie, J.D. (2004). The impact of negative social experiences in the development of antisocial behavior. In J.B. Kupersmidt & K.A. Dodge (Eds.), Children's peer relations (pp. 243-267). Washington DC: American Psychological Association.

Colsman, M., & Wulfert, E. (2002). Conflict resolution style as an indicator of adolescents' substance use and other problem behaviors. Addictive Behaviors, 27, 633-648.

Glantz, M.D. (2002). Introduction to the special issue on the impact of childhood psychopathology interventions on subsequent substance abuse: Pieces of the puzzle. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 70, 1203-1206.

Holly, A., Türk, D., Nelson, C.B., Pfister, H. & Wittchen, H.U. (1997). Prävalenz von Alkoholkonsum, Alkoholmißbrauch und -abhängigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zeitschrift für Klinische Psychologie, 26, 171-178.

Koglin, U. & Petermann, F. (2006). Verhaltenstraining für Vorschüler: Ein Programm zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenz. Göttingen: Hogrefe (in Druck).

Loeber, R., Stouthamer-Loeber, M. & White, H.R. (1999). Developmental aspects of delinquency and internalizing problems and their association with persistent juvenile substance use between ages 7 and 18. Journal of Clinical Child Psychology, 28, 322-332.

Moffitt, T.E. (1993). The neuropsychology of conduct disorder. Development and Psychopathology, 5, 135-151.

Petermann, F. & Petermann, U. (2000). Aggressionsdiagnostik. Göttingen: Hogrefe.

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Scheithauer, H. & Petermann, F. (2002). Aggression. In F. Petermann (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie und -psychotherapie, 5. korrigierte Auflage (S. 187-226). Göttingen: Hogrefe.

Tremblay, R.E., LeMarquand, D. & Vitaro, F. (1999). The prevention of oppositional defiant disorder and conduct disorder. In H.C. Quay & A.E. Hogan (Eds.), Handbook of disruptive behavior disorders (pp. 525-555). New York: Kluwer Academic/ Plenum.

Webster-Stratton, C. & Taylor, T. (2001). Nipping early risk factors in the bud: Preventing substance abuse, delinquency, and violence in adolescence through interventions targeted at young children (0-8 years). Prevention Science, 2, 165-192.

Autoren

Dr. Ute Koglin, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls Klinische Psychologie der Universität Bremen, Leiterin des Biopsychologischen Labors des Lehrstuhls Klinische Psychologie der der Universität Bremen

Prof. Dr. Franz Petermann, Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen; Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie der Universität Bremen und Leiter der Psychologischen Kinderambulanz der Universität Bremen

Adresse

Dr. Ute Koglin
Prof. Dr. Franz Petermann
Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen
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