Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Marta Högemann

Manfred Berger

 

Marta Högemann und ihr Zwillingsbruder erblickten am 21. Februar 1923 in Freiburg/Br. das Licht der Welt. Der Vater, Johannes Högemann, war Buchhändler. Die Mutter, Josephine Högemann, geb. Scherer, war für Haushalt und die Erziehung der insgesamt vier Kinder verantwortlich. Sie starb, als die Zwillinge Marta und Peter 12 Jahre alt waren. Johannes Högemann und seine ältere Tochter Maria kamen am 27. November 1944 bei einem Luftangriff auf Freiburg/Br. ums Leben.

Nach Abschluss des Kindergärtnerinnenseminars in Freiburg/Br. arbeitete Marta Högemann von 1943 bis 1945 in Bad Reichenhall in einem Wehrmachtserholungsheim. Dort hatte sie vordergründig die Freizeit der 12- bis 16-jährigen Mädchen zu gestalten. Anschließend bildete sie sich zur Jugendleiterin weiter und übernahm nachfolgend die Stelle einer Referentin im Freiburger Erzbischöflichen Seelsorgeamt, Abteilung Frauenjugend. Zu ihrem Aufgabengebiet gehörte u.a. auch die Mitarbeit an der zentralen Führungszeitschrift "Die Jugendführerin" und an der Bundeszeitschrift "Der Brunnen". Die allgemeine Anerkennung ihrer Leistungen führte 1957 zur Berufung als Hauptschriftleiterin der größten katholischen Mädchenzeitschrift "Der Brunnen". Daneben war sie Vertreterin der Katholischen Jugend im "Zentralkomitee der Deutschen Katholiken".

Von 1963 bis 1988 war Marta Högemann Direktorin der Freiburger "Fachschule für Sozialpädagogik" der Diözese Freiburg: "Eine bewegte Zeit, in der sie sich mit großem Engagement für die Bildungsreform des Kindergartens wie auch für die Reform der Ausbildung zur Erzieherin auf Landes- und Bundesebene mit der ihr eigenen hohen pragmatischen Fachlichkeit für die Durchsetzung der notwendigen qualitativen Standards einsetzte. Als Mitbegründerin (1971 bis 1974; M. B.) des 'Freiburger Modellkindergartens' (aus dem Projekt wurden wertvolle pädagogische Erfahrungen für die weitere Entwicklung der Kindergartenarbeit gewonnen; M. B.) gab sie über die Landesgrenzen hinaus auch wichtige Impulse für Rahmenbedingungen und pädagogische Konzeptionen, die eine optimale Entwicklung und Förderung von 3- bis 6jährigen Kindern garantierten" (Seemann-Pfistner 1996, S. 583).

An entscheidender Stelle hatte Marta Högemann an der staatlichen Kindergartengesetzgebung mitgewirkt - vor allem durch ihre Mitgliedschaft in der sogenannten Trägerkonferenz beim Kultusministerium und als ständige Beauftragte bei Verhandlungen mit den Ministerien und staatlichen Behörden in Fragen der Ausbildungsinstitutionen für Erzieherinnen und Erzieher und der Kleinkinderpädagogik.

Im Jahre 1971 übernahm Marta Högemann zusätzlich zur Schulleitung die verantwortliche Redaktion der im Herder-Verlag in Freiburg/Br. erscheinenden Fachzeitschrift "kindergarten heute", die sich unter ihrer Verantwortung zu einer der profiliertesten und auflagestärksten Fachzeitschriften (mit über 42.000 Exemplaren) der Kindergarten- (Tagesstätten-) -pädagogik entwickelte. Die Fachzeitschrift gehört noch heute zum festen und unverzichtbaren Bestandteil der Arbeit in ungezählten Kindergärten und anderen pädagogischen Institutionen. Als Marta Högemann 1993 die Redaktion abgab, schrieb Armin Krenz (1993, S. 4) über ihre publizistischen Verdienste: "Frau Högemann ... hat wegweisend eine Zeitschrift konzipiert und ständig weiterentwickelt, die sich ihren festen Platz in der Kindergartenpädagogik geschaffen hat. Und daß es so ist, ist keine automatische Entwicklung der Zeit, sondern dem wirklich unermüdlichen Einsatz von Frau Högemann zu verdanken. Ob es um notwendige Absprachen mit Autorinnen und Autoren ging, ob es sich um die Schwierigkeit der Auswahl von Themen handelte oder ob es sich um den hohen Einsatz für eine berechtigte Aufwertung des Berufs von Erzieherinnen und Erziehern handelte: die Schriftleiterin hatte in Absprache mit ihrem Team zu entscheiden, zu erörtern, abzuwägen und zu planen, so daß kindergarten heute von unzähligen Fachfrauen und -männern regelmäßig 'heiß erwartet' wurde".

Und ihre Nachfolgerin in der Redaktion, Christine Merz, resümierte über Marta Högemanns Verdienste für "kindergarten heute": "23 Jahre hat Marta Högemann die Geschicke der Zeitschrift kindergarten heute geleitet - sie war mit dem Herzen dabei. Immer wieder fasziniert und angerührt von Kindern, ihren Ideen, ihrer Kraft und ihrer unverblümten Originalität, war sie überzeugt davon, daß es eine der wichtigsten Aufgaben sei, sich für das Wohl der Kleinsten in unserer Gesellschaft stark zu machen. Sie sah deren Schutzbedürfnis und Bildbarkeit und versuchte zusammen mit Erzieherinnen, Einfluß auf ihr Lebensumfeld zu nehmen" (Merz 1996, S. 3).

Nachdem sie die Schriftleitung abgegeben hatte, setzte sich Martha Högemannn noch einmal für die Belange der Erzieherinnen, dabei nicht die wenigen Männer im Kindergarten vergessend, und Kinder ein. Mit Engagement übernahm sie die Herausgabe der im Herder Verlag erschienenen Reihe "Erzieherin heute". Diese stellte sie unter das Motto: "Soviel Theorie wie nötig - soviel Praxisnähe wie möglich". Dabei wurden Themen behandelt wie: "Schulfähigkeit?", "Offene Planung im Kindergarten", "Aggressionen im Kindergarten", "Sexualität kein Tabu", "Was Kinder brauchen" und "Von Kindern lernen - mit Kindern leben". Sie selbst bereicherte die Reihe durch ihre Schrift "Erzieherin - kein Beruf wie jeder andere". Darin hatte sie treffsicher den Beruf der Erzieherin als Beruf mit hohen Ansprüchen beschrieben und in diesem Zusammenhang die pädagogisch/ psychologische Bedeutung des kindlichen Spiels mit folgenden Worten hervorgehoben:

"Das Spiel ist die Tätigkeit der Kinder
Vielleicht hängt das geringe Ansehen, das der Beruf der Erzieherin hat, nicht zuletzt damit zusammen, daß viele Leute eine falsche Vorstellung von der Bedeutung des Spiels haben. 'Jetzt hat der Jan den ganzen Tag wieder nur gespielt', sagt seine Mutter am Nachmittag zu seiner Erzieherin. 'Können Sie nicht bitte dafür sorgen, daß er morgen auch etwas 'Richtiges' macht?' Eine sehr positive Feststellung: 'Das Kind hat den ganzen Tag gespielt', wird abgewertet, denn das Spiel ist ja nichts 'Richtiges'. Außerdem denken viele Erwachsene, daß das Spielen-Können Kindern angeboren sei und daß es den Erzieherinnen gut gehe, denn sie würden beim Spiel ja nur dabeisitzen.
Das Spiel ist die Tätigkeit der Kinder. Es ist ihre Weise, die Welt zu erobern, Erfahrungen zu machen, zu lernen. Aber die Kinder tun dies auf ihre Weise. Sie verarbeiten im Spiel ihre Erlebnisse, die fröhlichen und die belastenden. Sie lassen ihre Phantasie spielen und denken sich vieles aus, sie erproben ihre Fähigkeiten immer wieder, und immer mit Lust und Freude. Die Kinder können im Kindergarten gar nichts Besseres tun als zu spielen" (Högemann 1995, S. 37).

In Anerkennung ihrer hohen Verdienste innerhalb des kirchlichen Bereichs erhielt Marta Högemann 1961 auf Vorschlag des Erzbischofs von Freiburg Hermann Schäufele von Papst Johannes XXIII. das Ehrenkreuz "Pro Ecclesia et Pontifice" und wurde darüber hinaus mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Nach längerer Krankheit erlag Marta Högemann am 14. Oktober 1996 in Freiburg/Br. ihrem schweren Krebsleiden.

Literatur

Högemann, M.: Erzieherin - kein Beruf wie jeder andere, Freiburg/Br. 1995

Krenz, A.: Herzlichen Dank an Frau Högemann, in: kindergarten heute 1993/H. 12, S. 4 f.

Merz, Ch.: Ein Leben für Kinder! Wir trauern um Marta Högemann, in: kindergarten heute 1996/H. 11-12, S. 3 f.

Seemann-Pfistner, M.: Marta Högemann, in: Jugendwohl 1996/H. 12, S. 583