Rezension

Ulrike Barth und Thomas Maschke (Hrsg.): Inklusion. Vielfalt gestalten. Ein Praxisbuch. Stuttgart: Freies Geistesleben 2014, 809 Seiten, EUR 39,00 - direkt bestellen durch Anklicken

 

In dem Sammelband richten 48 Autorinnen und Autoren aus den verschiedensten Perspektiven und Professionen den Blick auf Inklusion. Die Publikation lebt von vielen Erfahrungsberichten. Es handelt sich dabei nicht um Rezepte, sondern um motivierende und mitreißende Erfahrungen, um Ermutigung zu inklusiven Schritten.

Wenn man ein Werk mit über 800 Seiten in Händen hält, dann ist man natürlich erst einmal "erschlagen". Durch die klare Gliederung des Sammelbandes in die verschiedensten Themenbereiche wird es aber den Leser/innen ermöglicht, sich die Bausteine ihres primären Interesses auszuwählen (um vielleicht mit Verzögerung dann doch vertieft einzusteigen).

Wenn Inklusion gelingen soll, dann muss die Gesellschaft Verantwortung dafür übernehmen. Auf Versprechungen müssen Taten, muss vor allem ein Umdenken folgen. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist schade, dass der Begriff Inklusion fast immer nur auf Inklusion von Menschen mit Behinderungen bezogen wird. Inklusion ist weit mehr! Alle sind wir gleich, alle sind wir verschieden! Dies reicht von der körperlichen Unversehrtheit bis zur Behinderung (und wer von uns ist nicht in irgendeiner Form behindert oder verhindert?), von der Hautfarbe bis zu Sprache und Kultur, von Religion und Weltanschauung bis zu individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Herausgeber/in und Mitautor/innen ist es gelungen, auf der Basis der Waldorfpädagogik ein weites Spektrum an Fragen anzugehen, richtungsweisende Anstöße für Lösungswege zu geben, theoretische Hintergründe aufzuzeigen - und dabei das Kind nicht aus dem Blick zu verlieren! Deutlich wird dies in einem Kernsatz: "Jedes Kind hat das Bedürfnis, in Beziehung zu sein und 'etwas gut zu machen' ... 'Etwas gut machen' bedeutet aber keineswegs ... das Erbringen von Leistung, sondern vielmehr das Gefühl des Kindes, etwas zu bewirken, zu genügen, angenommen zu sein, in Beziehung zu stehen" (S. 91).

Das Praxisbuch wird Pädagog/innen begleiten und unterstützen - von der Familienbildung, über die Kindertageseinrichtung bis zur Schule. Brüche werden so vermieden und Übergänge kaum spürbar. Die pädagogische Haltung der Inklusion lässt alles im Fluss bleiben. Inklusion wird somit klar zu einer Entwicklungsaufgabe in der Erziehung und in ihren Institutionen.

Inklusion meint immer alle. So wäre es auch falsch, von sogenannten Inklusions-Kindern zu sprechen: "Jedes Kind ist ein Inklusionskind, und von Inklusion kann erst dann die Rede sein, wenn man jedes einzelne Kind mit seiner Besonderheit, seiner individuellen Unverwechselbarkeit anschaut und ernst nimmt" (Braselmann, S. 134).

Ein mir besonders wichtiges Kapitel trägt die Überschrift "Inklusion ist Teamarbeit" (Balin/ Beese, S. 436 ff.) und bezieht sich auf den Schulalltag: "Das gemeinsame Ziel ist die Voraussetzung für den Beginn der Arbeit. Es ist gegeben durch den pädagogischen Auftrag, den die Lehrer haben. Bereitschaft und Mut sind erforderlich, sich auf einen Partner einzustellen, ihm Respekt und Vertrauen entgegenzubringen. In jeder Unterrichtsstunde offenbart man Stärken und Schwächen, die in der gemeinsamen Rückbesinnung auf den Unterricht betrachtet werden. Die Fähigkeit, Kritik auszusprechen und anzunehmen, verlangt nicht nur Übung, sondern auch Offenheit und Toleranz und wiederum Vertrauen, dass persönliche Stimmungen nicht relevant sind. ... Jeder Schulalltag birgt in sich unvorhersehbare Ereignisse, die gemeinsam getragen werden müssen" (S. 438).

Eine andere wichtige Aussage stammt von Thomas Maschke, der sich eines Zitats von Rudolf Steiner bedient. Es könnte und sollte wegweisend für längst überfällige Veränderungen im Schulsystem sein: "Ich ... beziehe mich dabei auf eine Formulierung Rudolf Steiners in einem pädagogischen Vortrag für junge Menschen, die lautet: 'Wirklich Mut, Mut, sich zu sagen: Das Leben der Welt muss in seinen Fundamenten neu gegründet werden.' ... Das Leben der Schulen muss in seinen Fundamenten neu gegründet werden. Das ist eine Zumutung. Aber es kann gleichzeitig auch eine Ermutigung sein, wenn sie dazu führt, konstruktiv Gewohntes zu hinterfragen und Neues zu wagen. Denn wir werden nicht umhin kommen, Schule zu entwickeln. Und: Schule entwickelt sich ständig, auch unabhängig davon, ob wir uns einer UN-Konvention verpflichtet haben oder nicht" (S. 584).

Der Anspruch der Verwirklichung von Inklusion ist und bleibt für Pädagogik und Gesellschaft eine kontinuierliche Aufgabe. Moderne und zeitgemäße Pädagogik heißt: Die praktische Umsetzung muss täglich neu erfunden werden!

Sind Sie neugierig geworden, in diesem Buch zu stöbern und sich der Inklusion anzunähern? Ich will hier nicht auf alle Inhalte eingehen, denn Ihre Neugierde auf Entdeckungen darf nicht verhindert werden! Nur noch eins: Das Praxishandbuch führt durch das ganze Leben unserer Kinder. Dies unterscheidet es von der vielen Literatur, die es zur Inklusion gibt. Viele neue Perspektiven werden sich Ihnen auftun!

Ingeborg Becker-Textor