Rezension

Kurt Gerwig: Wie Kinder zu(m) Wort kommen. Sprachförderung im Alltag. Kaufungen: AV1 Film 2012, DVD mit 16-seitigem Booklet, 78 Min., EUR 32,00 (zuzüglich Versandkosten). Nur erhältlich bei AV1 Film + Multimedia, Pfalzstraße 10, 34260 Kaufungen, Email: pf@AV1.de

 

In diesem vom Land Brandenburg geförderten Film von Kurt Gerwig geht es um Sprachförderung - aber nicht im Sinne kompensatorischer Maßnahmen, sondern in der Form von Dialogen im Familien- und Kita-Alltag. In den 53 Sequenzen des Filmes kommen vor allem die Psycholinguistin Dr. Anna Winner (zugleich fachliche Begleitung des Films), die Sprachwissenschaftlerin und Dipl. Kleinkindpädagogin Simone Beller sowie der Professor Dr. Wolfgang Tietze zu Wort.

Im ersten der beiden Hauptteile des Filmes wird die Sprachentwicklung thematisiert. Diese verlaufe am besten, wenn beim Kind die Sehnsucht nach Verständigung bzw. die Lust am Sprechen geweckt wird - indem Erwachsene ihm Zeit zum Sprechen lassen, ihm zuhören und im Blickkontakt bleiben. Behandelt werden u.a. Beginn und Verlauf der Sprachentwicklung, Worterwerb, Symbolverständnis, der Unterschied zwischen Wort und Begriff, die Verbindung von Bewegung und Sprechen, die Bedeutung der Autonomie des Kindes und die große Bandbreite in der Sprachentwicklung bei 0- bis 3-Jährigen.

Im zweiten Hauptteil geht es um die Sprachförderung in Kitas. Betont wird, dass alle Kinder einer Sprachförderung bedürfen - und zwar im bzw. durch den Dialog mit den Fachkräften. So sollten diese viel mit den Kindern sprechen, Interesse an deren Denken und Fühlen zeigen, deren Handlungen sprachlich begleiten (aber auch eigene Handlungen am Kind, wie z.B. das Wickeln), offene Fragen stellen und aktiv zuhören. Anstatt Fehler der Kinder zu korrigieren, sollten deren Aussagen umformuliert werden - ansonsten würde der Dialog gestört. Betont wird die Bedeutung von Spiel und Rollenspiel, von Bilderbuchbetrachtung und Literacy-Erziehung sowie von Reimen und anderen Aktivitäten zur Unterstützung der phonologischen Bewusstheit. In spielzeugfreien Phasen und in Waldkindergärten (in denen es ja kaum Spielsachen gibt) würde eine besonders intensive Kommunikation stattfinden. Weitere Themen sind z.B. Dialekt, Zusammenarbeit mit Eltern, Dokumentation kindlicher Äußerungen und Umgang mit Sprachauffälligkeiten.

In einem kurzen dritten Teil geht es um Perspektiven aus fachpolitischer Sicht: Anna Winner und Simone Beller sehen die derzeit praktizierten Sprachstandsfeststellungsverfahren eher kritisch; Wolfgang Tietze fordert stattdessen Beobachtungsbögen für Alltagssituationen. Letzterer spricht sich auch gegen die "Paketpädagogik" - die Sprachförderprogramme - aus. Die Fachleute plädieren stattdessen für eine intensive Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte (inkl. eines Coachings), sodass diese zu besseren Sprachmodellen werden und die Chancen für eine Sprachförderung im Kita-Alltag besser nutzen. Zudem bräuchten Erzieher/innen mehr Zeit für die Kommunikation mit Kindern. Der Film endet mit einem kurzen Resumee von Kurt Gerwig.

Dieser Film macht deutlich, dass Sprachförderung in der Alltagskommunikation erfolgt - und nicht durch besondere Förderprogramme, da diese der Art und Weise kindlichen Lernens zu wenig entsprechen. Inzwischen liegen ja auch erste Evaluationsstudien von Wissenschaftler/innen vor, in denen eine geringe Effektivität solcher Programme nachgewiesen wurde. Das wird niemanden verwundern, der den Film von Kurt Gerwig gesehen hat. So sollte er eine weite Verbreitung in der Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften finden; er eignet sich aber auch für die Elternarbeit.

Martin R. Textor