Aus: Palme, H.-J.: Computer im Kindergarten - Was Kinder am Computer spannend finden und wie Erzieherinnen damit umgehen können. München: Don Bosco Verlag 1999

Computer im Kindergarten

Hans-Jürgen Palme

 

Seit Anfang der 90-er Jahre gibt es von Seiten der multimedialen Entwicklungen deutliche Signale an die Pädagogik. Für Pädagogen und Pädagoginnen ist es an der Zeit, sich umzustellen. Ihre Zielgruppe, die Kinder, kommen zumeist mit multimedialen Erfahrungen in den Kindergarten. Anders als bisher ist der Computer als Medium nicht allein ein Spiel- und Unterhaltungsgerät, sondern kann als Lernhilfe genutzt werden wie das Bilderbuch und die Bauklötze. Ein solches Medium kann auf Dauer nicht einfach so abgetan werden. Die pädagogische Auseinandersetzung hat sowohl die Erfahrungen der Kinder mit der Welt, die ihnen vorgegeben ist, einzubeziehen wie auch die didaktischen Möglichkeiten, die z.B. Edutainment-Titel bieten. Wer die Kinder verstehen und ihnen zeitgemäße Spiel- und Lernangebote bieten will, der kommt um die Auseinandersetzung mit den virtuellen Spiel- und Lernwelten nicht herum.

Wenn wir von der pädagogischen Herausforderung von Multimedia im Hinblick auf die Kindertagesstätten sprechen, so sind hierfür die wichtigsten Grundlagen die Bedürfnisse der Kinder. Das Bedürfnis der Kinder kann vor allem als Wunsch definiert werden, sich kindgemäß im ihren vorgegebenen Welten zurechtzufinden. Die beste und effektivste Form dafür ist das Spielen. Doch wer glaubt, dass Kinder nur spielen, der irrt. Spielen ist die erfolgreichste und nachhaltigste Form des Lernens. Kinder lernen spielerisch Regeln, Inhalte, vielfältige Verhaltensmöglichkeiten, Sich-Durchsetzen oder Sich-Zurücknehmen, Körperbeherrschung und den Umgang mit Gefühlen.

Wenn wir heute vom spielerischen Lernen mit dem Computer sprechen, so beinhaltet dies das gesamte Spektrum, das Spielen insgesamt bedeutet. Kinder spielen nicht nur am und mit dem Computer. Der Computer bietet Möglichkeiten, als bereicherndes Element dem positiven Spiel der Kinder zu dienen. Der Computer im Kindergarten ermöglicht den Kindern, gemeinsam und aktiv die multimedialen Welten zu entdecken und zu erforschen, in ihnen zu spielen und zu lernen. Wenn wir als Pädagogen den richtigen Rahmen setzen, dann können die computerisierten Spiel- und Lernwelten ein bereicherndes Element sein für das kindgerechte Spielen.

Der Einsatz des Computers in Kindergarten steht im sozialen Kontext und somit in einem gruppendynamischen Spiel- und Lernzusammenhang. Im Kindergarten wird nicht allein mit dem Computer gespielt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich, dass den Kindern gerade das gemeinsame Spielen mit den virtuellen Welten Spaß macht und sie dabei am allermeisten lernen. Der Einsatz von altersgemäßen computerisierten Spiel- und Lernprogrammen hat sich bisher insgesamt als bereicherndes Zusatzangebot im Kindergarten erwiesen. Gerade das soziale Miteinander, wie es für die kleinen Kinder nur der Kindergarten bieten kann, ist ein ideales Umfeld für ein Medium, das nicht allein passiv zu konsumieren ist, sondern eigene (Inter-) Aktionen fordert. Der Computer im Kindergarten wird nicht konsumierend von einzelnen Kindern genutzt. Im Gegenteil - die Gruppe erkundet, sucht und erlebt und lernt im gemeinsamen Spiel. So macht es eben am meisten Spaß.

Erfahrungen

Obwohl der Computer im Kindergarten noch pädagogisches Neuland ist, gibt es bereits eine Fülle an Erfahrungen und Erkenntnissen. Die im Folgenden zusammengestellten Ergebnisse basieren im Wesentlichen auf der Auswertung des Projekts Multimedialandschaften für Kinder des SIN - Studio im Netz e.V.

Die Praxis zeigt, dass der Computer im Kindergarten als kreativitätsförderndes und lernanregendes Medium eingesetzt werden kann. Der Computer ist bei den Kindern beliebt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Kinder am liebsten in Gruppen mit und am Computer spielen. Hierbei kamen jedoch das Spielen und Toben im Freien und die direkten "analogen" Spiele nicht zu kurz. In der Regel wird der Computer im Kindergartenalltag nicht mehr als zwischen 30 und 45 Minuten genutzt. Wie bei jedem anderen Spielzeug auch gibt es Zeiten, in denen die virtuellen Spiel- und Lernwelten überhaupt nicht oder kaum genutzt werden.

Die pädagogisch Verantwortlichen bewerten die bisherigen Erfahrungen mit dem Computern im Kindergarten größtenteils als positiv. Als übergeordnete erfreuliche Begleiterscheinung kann festgehalten werden, dass ein Computerprojekt im Kindergarten die fachliche Auseinandersetzung zum Thema Kinder und Medien generell vorantreibt und dass mit diesem Thema auch die Eltern inhaltlich erreicht werden können.

Das Interesse der Eltern am Thema "Computern im Kindergarten" ist erstaunlich hoch. Wer Aktionstage und Elternabende durchführt, kann mit einer hohen Beteiligung rechnen. Die Eltern nutzen die Aktionstage nicht selten dazu, mit ihrem Kind zusammen zu spielen und eigene Erfahrungen zu sammeln. Positive Bewertungen seitens der Eltern resultieren vor allem aus den interaktiven Möglichkeiten des Mediums.

Beobachtungen von Erzieherinnen und Meinungen von den Eltern

"Es fanden sich Kinder zusammen, die sich für das gleiche Spiel interessierten, die sonst wenig gemeinsame Interessen haben und selten miteinander spielen".

"Die Kinder haben sehr schnell den Mechanismus der Maus und somit das Erlangen von 'Aktivität' begriffen. Ich war erstaunt, wie gut die Auge-Hand-Motorik koordiniert werden konnte, auch bei Kindern, die noch keine Erfahrungen mit Computern hatten".

"Mir ist aufgefallen, dass die Kinder mit sehr viel Spaß und auch Konzentration am Computer gearbeitet und gespielt haben".

"Zeitlich vernünftig eingesetzt, können Computer eine große Bereicherung der Spiel- und Lernwelt unserer Kinder darstellen".