Rezension

Kurt Gerwig: KiTas kleinkindgerecht bauen und ausstatten. Anregungen und Tipps für die Neu- oder Umgestaltung. Kaufungen: AV1 Film 2009, DVD, 70 Min., EUR 28,00 (zuzüglich Versandkosten). Nur erhältlich bei AV1 Film + Multimedia, Pfalzstraße 10, 34260 Kaufungen, Fax: 05605/70219, Email: krippenfilm@AV1.de


Um es gleich vorweg zu sagen: Diese DVD bietet bei weitem mehr als der Titel verspricht: Im Grunde geht es hier um Krippenpädagogik - unter besonderer Berücksichtigung des Raumes (und der dort enthaltenen Materialien) als dritter Erzieher. Jede Architektin/jeder Architekt, der eine Kinderkrippe oder Kindertageseinrichtung bauen soll, und jeder Träger bzw. jede Kita-Leitung, der/die eine Kinderkrippe, eine Krippengruppe oder die Aufnahme einer größeren Anzahl von unter dreijährigen Kindern in altersgemischte Gruppen plant, sollte sich die DVD ansehen.

Kurt Gerwig besuchte mit seiner Kamera vier Kinderkrippen in ganz unterschiedlichen Gebäuden, mit andersartigen Raumkonzepten sowie mit verschiedenen Möbeln und Materialien. Mal aus der Ferne, mal aus der Nähe filmte er die Räume und deren Ausstattung. Zugleich nahm er einfühlsam auf, wie sich Babys, Ein- und Zweijährige in den Räumen bewegten und die dort vorhandenen Gegenstände nutzten.

Besonders gelungen sind die Interviews mit den vier Kita-Leitungen, einzelnen Erzieherinnen und der Wissenschaftlerin Kornelia Schneider vom Deutschen Jugendinstitut. Sie verdeutlichen zentrale Grundsätze einer modernen Krippenpädagogik - dass unter Dreijährige kompetente Kinder sind, dass man ihnen viel zutrauen kann, dass sie Akteure ihrer selbst sind und dass die Krippe für sie ein Lebens- und Bildungsraum ist.

Babys, Ein- und Zweijährige erfahren die Welt über ihren Körper und ihre Sinne. Je besser also der sie umgebende Raum gestaltet ist, je vielfältiger und reichhaltiger die dort enthaltenen Materialien sind, umso mehr werden Selbsttätigkeit und Selbstbildung gefördert. Die Art des Gebäudes und der Ausstattung beeinflussen somit die Bildungschancen der Kinder. So sollten die Innen- und Außenräume ihnen viel Platz und ganz unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten bieten, müssen die Materialien sie herausfordern und bei Desinteresse ausgetauscht werden, sollten auch Naturerfahrungen (z.B. mit den vier Elementen) möglich sein.

Besonders gut sind die Szenen, in denen die Kita-Leitungen die Räume zeigen und erklären, was sie sich bei deren Gestaltung gedacht haben. Man sieht

  • Vorräume, aus denen die Garderoben verschwunden sind, damit die Kinder hier spielen können,
  • Gruppenräume mit Holzeinbauten, Treppen, Podesten und schiefen Ebenen,
  • Verkehrswege und Aktionsinseln,
  • in harmonischen Farben gestrichene Wände, warme Fußböden, sehr helle oder indirekt beleuchtete, kuschelige Räume,
  • niedrige Regale, sodass auch Ein- und Zweijährige an die Fächer kommen,
  • herunter klappbare Tische, in der Höhe verstellbare Sitze, Lichtwürfel usw.
  • Spielsachen wie Bälle, bunte Tücher, Puppen, Kartons, Fahrzeuge, Ballons etc.,
  • Materialsammlungen in großen Bonbongläsern,
  • Wellness- und Ruheräume zum sich Zurückziehen, Entspannen, für die Babymassage etc.
  • vielfältige Schlafmöglichkeiten (Bettchen, Höhlen und Podeste, unter denen die Bettsachen verstaut sind und auf denen die Kinder mittags schlafen),
  • Ateliers und Nassräume, in denen Ein- und Zweijährige an Kachelwänden, auf an die Wand befestigten Blättern oder an Staffeleien malen, aber auch Kunstbücher zur Inspiration nutzen können,
  • Bademöglichkeiten und speziell für unter Dreijährige gestaltete Klos,
  • Wasserspiellandschaften - drinnen und draußen,
  • "Restaurants", wo sich unter Dreijährige am Büffet bedienen oder an Tischen sitzend von Porzellantellern essen und aus Gläsern (kein Plastik!) trinken,
  • einen zentralen Wickelraum, von dem aus man in andere Räume blicken kann,
  • Eigentumskisten und Portfolios,
  • ein Eltern-Kind-Zentrum (als Teil einer Kita), in denen Aktivitäten für Eltern und Kinder angeboten werden,
  • Außengelände mit Hügeln, unterschiedlich beschaffenen (Schleich-) Wegen, Verstecken, Nischen, Kletterbäumen, Röhren etc.,
  • u.v.a.m.

Zum Schluss werden noch die Interviewpartner gefragt, was bei der Planung neuer Kinderkrippen beachtet werden sollte.

Fazit: ein höchst sehenswerter Film!

Martin R. Textor