Aus: TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 2001, Heft 3, S. 4-9

Kinder aus Migrantenfamilien - 'multicultural players' oder 'Kinder zwischen den Kulturen'? Kulturelle Vielfalt aus der Perspektive der Kinder - Ergebnisse eines Kinderbefragung

Karin Jampert, Anne Zehnbauer und Ulrike Berg


Migrantenkinder und ihre Familien sind im pädagogischen Diskurs wieder präsent. Maßnahmen zur Integration und Überlegungen, wie eine Chancengleichheit erreicht werden könnte, zeigen, dass auch nach 30-jähriger "Gastarbeiter- oder Ausländerpädagogik" in Fachkreisen die Problemsicht dominiert und vorhandene Konzepte viele Fragen offen lassen. Unsicherheiten der Fachkräfte und fehlende Hilfestellungen im Umgang mit komplizierten Aspekten, wie z.B. der Mehrsprachigkeit, führen dazu, einerseits Migrantenkinder pauschalisierend als Problem- und Außenseiterkinder wahrzunehmen, andererseits, wenn die größten Schwierigkeiten behoben sind (wie Verständigungsprobleme in der Anfangszeit), zur institutionellen Normalität zurückzukehren.

Das Projekt "Multikulturelles Kinderleben" hat mit einer Befragung von Kindern ohne deutschen Pass Ergebnisse zu ihrer Lebenssituation ermittelt, die der dominierenden Sichtweise von Erwachsenen das Erleben der Kinder entgegensetzen. Die Kinder aus unserer Untersuchung verfolgen, wie alle Kinder, in erster Linie Kinderinteressen, und diese zeichnen sich wenig durch ethnische oder nationale Merkmale aus. Dabei erfahren sie allerdings, dass manches, das ihren familiären Lebensalltag kennzeichnet, im sozialen Umfeld und in den Bildungsinstitutionen nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt wird.

In den folgenden Abschnitten stellen wir Ausschnitte aus unserer Untersuchung vor. Wir haben die Ergebnisse allgemeinen Aspekten der Arbeit in Kitas zugeordnet, um eine Verknüpfung zur Kita-Praxis herzustellen und die Relevanz für Fachkräfte aufzuzeigen. Am Ende jeden Abschnitts haben wir Fragen formuliert, die Anregungen zur Beobachtung von Kindern bzw. zur Reflexion des pädagogischen Alltags geben können.

Freundschaften in der Kita fördern und stützen

Freunde zu finden und zu haben ist für Kinder dieser Altersgruppe ein eminent wichtiges Entwicklungsthema. In der Gleichaltrigengruppe lernen sie, unterschiedliche Verhaltensweisen wahrzunehmen, Konflikte zu bewältigen, Interessenunterschiede auszuhandeln, und entwickeln damit soziale Kompetenzen. Diese sozialen Lernprozesse zwischen allen Kindern sehen Erzieherinnen häufig dann gefährdet, wenn sich Kinder gleicher ethnischer Herkunft in den Gruppen zusammenschließen.

Die befragten Kinder haben mehrheitlich ein vielfältiges und stabiles Netz an sozialen Kontakten unter Gleichaltrigen. Für ihre informellen Netze und ihre Freundschaften spielen Kindertageseinrichtungen und Schule eine bedeutende Rolle. Nahezu 60% aller von den Kindern genannten Freunde sind Institutionenfreunde; in der Schule besuchen Freunde meistens die gleiche Klasse. Aus Sicht der Kinder besteht die Attraktivität von Schule und Kindergarten zu einem großen Teil darin, dass man dort Freunde finden und treffen kann und oft mit den Freunden zusammen sein kann.

Für die Wahl ihrer besten Freunde nennen uns die Kinder Gründe, die ihrer Entwicklungsstufe entsprechen und die gemeinsame Aktivitäten als bedeutende freundschaftsstiftende Momente hervorheben:

Ich und U. haben uns im Hort kennen gelernt und weil wir uns auch gleich ganz gut verstanden haben, wir haben auch gleich Fußball gespielt.

Wir sollten schon gegenseitig etwas teilen. Wenn der andere z.B. eine schlechte Note hat, dann soll die andere ihr helfen in der Schule.

Sie schenkt mir etwas, bringt mir deutsch bei und ich bringe ihr türkisch bei.

Die sind eigentlich von Freundinnen her, vom Inneren her fast alle gleich. Die sind die Freundinnen, die ich eigentlich immer schon gesucht habe und so.

Die Freundeskreise der Kinder, die sich in unserer Altersgruppe meist gleichgeschlechtlich und gleichaltrig zusammensetzen, sind häufig multikulturell. Knapp die Hälfte der 5- bis 11-jährigen Kinder haben Freunde aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Ethnisch homogene Freundeskreise werden nur von 6% unserer Kinder angegeben. Wie sich die Freunde jeweils zusammenfinden, hängt auch von den Gelegenheitsstrukturen ab: Die Kinder bauen die Kontakte auf, die ihnen sowohl die Einrichtungen als auch ihre Wohnumgebungen bieten.

Mein Freund S. ist serbisch und deutsch, und ich hab´ auch türkische Freunde; und der T., der ist auch in unserer Klasse, der kommt aus Rumänien.

Die meisten Kinder in unseren Gesprächen betonen, dass die Nationalität oder Herkunft für ihre Freundschaften keine Rolle spielt. Die Kinder stellen sogar selber eine Verbindung zwischen den erlebten kulturellen Stilen her, wie in den Plänen eines 9-jährigen Jungen für ein Kinderfest zum Ausdruck kommt:

Es gibt auch so türkisches Essen, die manche nicht kennen und so, die hätte ich den anderen vorgestellt.

Die Kinder, die weniger Freunde haben oder am Nachmittag keine anderen Kinder treffen, sind stärker in Familiensituationen eingebunden: Sie spielen häufiger mit ihren Geschwistern. Diese 15% der befragten Kinder pflegen jedoch in Kindergarten und Schule durchaus Kontakte zu anderen Kindern und haben dort auch beste Freunde. Manchen Kindern fällt es jedoch schwer, Freunde zu finden, ohne dass die Gründe dafür klar liegen:

Es ist nur gemein, dass ich nie richtige Freundinnen finde. Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben richtige Freunde gefunden, mit denen ich also richtig zusammen spielen kann, mit denen ich noch nie gestritten habe, die nicht neidisch sind immer oder eifersüchtig auf jemand anders.

Freunde im Herkunftsland spielen für Migrantenkinder eine emotional bedeutende Rolle - auch wenn sie sich nur einmal im Jahr sehen. Diese Verbundenheit mit dem Herkunftsland ihrer Eltern oder Großeltern in eigenständigen Beziehungen liegt für einige Kinder in der Sprache und den anderen Lebensgewohnheiten sowie dem erweiterten Spielraum in der Urlaubssituation.

Wie viele Freunde hast Du insgesamt?

Alle von meiner Klasse, es sind 12 Buben, glaube ich. Aber meinen besten Freund habe ich in Italien!

Ist es schwer, hier einen ganz guten Freund zu finden?

Ja, weil keiner ist Italiener und so nett!

Was ist für dich am wichtigsten bei einem anderen Kind?

Dass er weiß, was Italien ist, und dass er italienisch sprechen kann.

Glaubst du, dass es besser ist, wenn die Kinder aus dem gleichen Land kommen?

Nein, das ist nicht so wichtig!

Erzieherinnen können Freundschaften der Kinder unterstützen, indem sie vielfältige Kontaktmöglichkeiten schaffen und gemeinsame Aktivitäten für überschaubare Gruppen anbieten. Die Bedenken gegenüber sich abkapselnden ethnischen Gruppen können durch das ungebundene soziale Interesse der Kinder an Spielpartnern und Freunden zurücktreten. Vielmehr müssen Einrichtungen darauf achten, ob sie durch ihre Organisationsformen die Kontaktmöglichkeiten der Kinder beeinflussen.

Fragen für den Kita-Alltag:

  • Welche Spielkontakte und Beziehungen unter Kindern sind in der Einrichtung vorrangig - frei gewählte Spielpartner oder organisierte Gruppenaktivitäten?
  • Gibt es bestimmte feste Kindergruppen oder häufig wechselnde, an der jeweiligen Aktivität orientierte Spielgruppen?
  • Haben Kinder Möglichkeiten, intensive Spiele zu zweit oder zu dritt zu gestalten?
  • Welche Kinder spielen häufiger alleine?
  • Werden Kinder aus Aktivitäten ausgeschlossen und was sind möglicherweise Gründe dafür?
  • Wie finden stillere und scheue Kinder Spielpartner?

Vernetzung und Öffnung zur Kinderkultur

Die Zeit, die Kinder außerhalb von Schule und Kindertageseinrichtungen verbringen, spielt sich für viele unserer befragten Kinder jenseits von Vereinen und Angeboten der Kinderkultur sowie den Familienwohnungen ab. Weniger als die Hälfte der Kinder besucht am Nachmittag einen Sportverein, ein musisches Angebot oder andere Kurse für Kinder.

Die Spielplätze sind für die meisten Kinder die Orte, an denen sie ihre Freunde, meist in größeren Gruppen, treffen. Unabhängig von Alter und Geschlecht verbringen durchschnittlich 84% der Kinder hier ihre gemeinsame Freizeit. Und auch ohne Freunde geht immerhin gut die Hälfte der Kinder regelmäßig auf den Spielplatz. Auf dem Spielplatz lernt man auch neue Freunde kennen, trifft sich zufällig oder gezielt und hält den Kontakt zu Freunden aus der Schule, die in der Nachbarschaft wohnen. Interessant ist, dass ebenso die wohnungsnahen Höfe wie die Schulhöfe für die Treffpunkte und Spielaktionen der Kinder in den Stadtvierteln wichtig sind.

Manche Kinder beklagen sich über die unzureichend ausgestatteten Spielplätze und die wenig attraktiven Möglichkeiten, die ihnen das Stadtviertel bietet. Auch die Eltern wünschen sich am vordringlichsten bessere Spielmöglichkeiten in allen drei Stadtvierteln. Die Unzufriedenheit steigt insbesondere bei den älteren Kindern unserer Untersuchungsgruppe, wie uns z.B. ein 10-jähriger Junge erzählte:

Und seid ihr dann mehr bei euch gegenseitig zu Hause oder seid ihr auch oft draußen?

Draußen nicht so oft als drinnen!

Und warum?

Weil wir nicht so Lust haben. Außerdem zu zweit macht das nicht so viel Spaß...

Ja, wir hatten schon einen Spielplatz. Aber den finde ich gar nicht mehr so gut, weil da ist nur so eine Kletterwand, die ist sehr klein für mich und ihn. Ja, aus dem Alter sind wir raus. Das wäre so was für Zweitklässler oder so was.

Erzieherinnen können durch die Öffnung der Kindertageseinrichtungen das Angebot für die Kinder erweitern und mehr Zugang zu kulturellen Angeboten schaffen. Sie könnten z.B. überlegen, wie weit sie ihre eigenen Außenanlagen als Spielräume im Stadtviertel zur Verfügung stellen oder durch Vernetzung mit anderen Angeboten die Spiel- und Lernmöglichkeiten für Kinder verbreitern können.

Fragen für den Kita-Alltag:

  • Welche Spielmöglichkeiten und Spielräume bieten die Wohnumgebung und das Stadtviertel für die Kinder in den unterschiedlichen Altersstufen?
  • Welche Aktionsfelder haben Grundschulkinder vor allem in den Ferienzeiten?
  • Welche Angebote im Stadtviertel könnten in die Kindertageseinrichtung integriert oder mit der Arbeit der Einrichtung vernetzt werden?
  • Von welchen Angeboten der Vereine in der Umgebung könnte die Kindertageseinrichtung profitieren?

Sprachenvielfalt - eine Herausforderung für die Kita

Die sprachlichen Fähigkeiten von Migrantenkindern sind aktuell wieder ein Thema, das viele Fachkräfte in Kindertagesstätten beschäftigt. Besonders schwierig ist die Anfangssituation, in der es zwischen Erzieherinnen und Kindern kein gemeinsames Verständigungsmedium gibt. Die Erzieherinnen erleben, wie Kinder sich verschließen und die Rolle eines stummen, passiven Beobachters einnehmen oder sich mit einem Spielpartner mit gleicher Muttersprache zurückziehen.

Auch die Kinder empfinden den Einstieg in die Institutionen als sprachliche Herausforderung. Fortschritte in der Eroberung ihrer Umwelt, gemeinsame Aktivitäten mit anderen und die Verfolgung ihrer Interessen waren bislang an ihre Erstsprache gekoppelt, die ihnen in ihrer neuen Situation plötzlich unbrauchbar und nutzlos, manchmal auch störend, erscheint. Die Kinder erleben sich darüber nicht nur sprachlos, sondern auch handlungsunfähig und orientierungslos. Sie fühlen sich in der Kita in ihrer bereits erreichten Selbstständigkeit zurückgeworfen, die zu weiten Teilen mit ihrer Sprache verbunden ist.

Kannst du dich noch erinnern, wie das war, als du in den Kindergarten gekommen bist?

Ja, weil ich habe mich erst mal blamiert, weil die dann gelacht haben.

Die anderen Kinder?

Ja, weil dann habe ich mich geschämt.

Weil du kein Deutsch konntest?

Ja!

Obwohl den Kindern die deutsche Sprache aus der Öffentlichkeit vertraut ist, stellt sich ein aktiver Gebrauch oftmals erst mit Eintritt in die Institutionen ein. Dann allerdings ändert sich auch der sprachliche Umgang in der Familie. Neben 50% der Kinder, die mit ihren Eltern nur in der Erstsprache sprechen, verwenden weitere knapp 50% für die Kommunikation mit Mutter und Vater den Sprachenwechsel (d.h. die Erstsprache und die deutsche Sprache werden abwechselnd oder gemischt verwendet). Im Gespräch mit den Geschwistern nimmt der Sprachenwechsel mit 56% einen noch höheren Stellenwert ein.

Sprachliche Vielfalt gehört zum normalen Lebensalltag der Kinder. Der Anforderung, die aus ihrem Umfeld an sie gestellt wird, sich mehrsprachig zu entwickeln, kommen alle Kinder nach. Wie tiefgreifend ihre Sprachentwicklung voranschreiten wird und welche Motivation zum sprachlichen Fortschritt die Kinder entwickeln, hängt von erwachsenen Sprachvorbildern sowie von Unterstützungs- und Förderangeboten ab.

Das Wohlbefinden der Kinder und ihre wachsende Lust an Aktivitäten mit anderen sind mitentscheidend für ihr Interesse, sich der neuen Sprache zuzuwenden und sich ihrer altvertrauten Sprache weiter zu bedienen. Der Einbezug der Muttersprache in die Kita kann hier eine wichtige Brücke darstellen. Im Gespräch mit den Kindern zeigten viele von ihnen eine hohe Lernbereitschaft und Lust, sich mit anderen Sprachen zu befassen:

Was ist deine Lieblingssprache?

Türkisch. Ich lerne ja Deutsch. Wenn ich auch Französisch und Englisch lerne, dann könnte das auch meine Lieblingssprache sein. Aber es ist nicht viel Unterschied bei Deutsch und Türkisch. Ich mag auch Deutsch - kein Problem.

Wie ist es denn, wenn du etwas singst oder wenn du träumst?

In der Schule singen wir ja deutsch. Aber zu Hause hören wir türkische Musik. Ich verstehe alles, bei Deutsch und bei Türkisch. Also für mich ist das kein Problem.

Und in welcher Sprache ist dein Lieblingslied?

Das ist in Deutsch. Ein Weihnachtslied.

Mit der Verwendung ihrer verschiedenen Sprachen wächst bei den Kindern eine Kompetenz heran, die sie befähigt, flexibel und kreativ mit ihren Sprachkenntnissen umzugehen. Je nach Situation und Gesprächspartner bzw. gemäß ihrem emotionalen Befinden oder auch themenabhängig benützen sie die für sie passende Sprache. Sie wissen auch, dass diese Kompetenz, über die sie verfügen, nicht alle Kinder besitzen. Dies veranlasst sie je nach Beziehung einerseits zu einem rücksichtsvollen Einsatz der Sprachen, andererseits aber auch zum bewussten Ausschluss von anderen mithilfe ihrer sprachlichen Fähigkeiten.

Die deutsche Sprache entwickelt sich zum wichtigsten Kommunikationsmittel mit den Freunden: 65% der Kinder sprechen mit ihren Freunden ausschließlich Deutsch, 26% kommunizieren mit ihnen im Sprachenwechsel und nur 7% verwenden ausschließlich ihre Erstsprache. Allerdings zeigen die Antworten der Kinder, dass viele ihre Erstsprache gerne verwenden. Dafür gibt es verschiedene Gründe, wobei die Sprachkompetenz oft ausschlaggebend ist:

Gibt es denn eine Sprache, die du besonders gerne verwendest?

Ja, Türkisch.

Kannst du sagen, wieso du die besonders magst?

Weil da verstehe ich, was ich sage. Bei Englisch manchmal nicht, bei Deutsch manchmal auch nicht. Wenn ich Türkisch rede und auch der andere, dann verstehe ich, was er sagt.

Der Spracherwerb von Kindern aus Migrantenfamilien unterscheidet sich vom Spracherwerb eines einsprachig aufwachsenden Kindes und kann insofern nicht am gleichen Maßstab gemessen werden. Für Kitas ist es wichtig zu überlegen, wie ein sprachliches Klima hergestellt werden kann, das signalisiert, dass alle Sprachen der Kinder einen Platz haben.

Eine Präsenz der Erstsprachen ist allerdings zu unterscheiden von einer systematischen sprachlichen Unterstützung der Kinder, die sich in mehrsprachigen Einrichtungen auf die deutsche Sprache konzentrieren wird. Konzeptionen von Einrichtungen mit mehrsprachigen Kindern sollten bei Überlegungen zur Sprachförderung immer im Auge haben, dass die Kinder in ihrer emotionalen, kommunikativen und intellektuellen Entwicklung von beiden Sprachen geprägt werden.

Fragen für den Kita-Alltag:

  • Welche Sprachen verwendet das Kind in der Einrichtung und welche Sprache/n werden in der Familie gesprochen?
  • Bemühen wir uns im Team, alle Ausdrucksformen der Kinder zu verstehen, um ihnen zu zeigen, dass uns ihre Botschaften wichtig sind?
  • Wie können sich Kinder und Erwachsene ohne deutsche Sprachkenntnisse in unserer Einrichtung orientieren und welche Möglichkeiten haben sie, sich zu betätigen?
  • Gibt es Kinder mit gleicher Muttersprache, die sich gerade in der Anfangszeit um Neulinge kümmern können?
  • Welche Gelegenheiten bietet der Tagesablauf für ruhige und intensive Gespräche zwischen den Fachkräften und den Kindern?
  • Finden die Kinder (sprachliche) Anknüpfungspunkte und Verbindungen zu ihrer Erstsprache in der Kita: vertraute Musikkassetten, eventuell Bilderbücher mit bekannten Figuren und Geschichten?

Kulturelle Vielfalt in der Kita - ein entscheidendes Signal für Eltern

Zusätzlich zu den Kinderangaben haben wir in unserer Untersuchung von den Eltern Informationen zu ihrer Lebenssituation erhalten. Die meisten Familien pflegen einen engen Kontakt zu Verwandten, und zwar sowohl in Deutschland als auch im jeweiligen Herkunftsland. Gemeinsame Aktivitäten im Familienkreis sind ein regelmäßiger Bestandteil der Freizeitgestaltung, und die jährliche Fahrt ins Herkunftsland gehört bei 80% der Familien selbstverständlich zur Ferienplanung dazu. Der Bezug zum Herkunftsland der Familie ist bei vielen Kindern mit emotionalen Erlebnissen verknüpft, und drei Viertel der Kinder haben dort Freundschaftsbeziehungen. Dieser enge Kontakt bietet vielen Eltern Halt, was jedoch nicht mit einer ethnisch motivierten Aus- oder Abgrenzung gleichgesetzt werden kann.

Den Angaben der Kinder über ihre Freizeitgestaltung ist die Offenheit der Familien gegenüber den - meist multikulturellen - Freundschaften zu entnehmen: 70% der Kinder besuchen sich mit ihren Freunden gegenseitig zum Spielen, Lernen und Feste-Feiern zu Hause.

Das, was Kindern bei ihren Besuchen in anderen Familien auffällt, hat in der Regel wenig mit kulturellen Unterschieden zu tun. Die Kinderperspektive hat ganz andere Kriterien, als eine kulturell geprägte Erwachsenenperspektive vermutet:

Wenn du bei deinem Freund zu Hause bist, ist es genauso wie bei dir oder kommt dir das manchmal anders vor?

Anders. Er hat einen Hasen. Das Haus ist kleiner. Er hat so viele Sachen rumliegen und so. Er nervt immer seine Schwester.

Glaubst du, dass es bei anderen deutschen Kindern anders ist?

Ja vielleicht. Weil manche müssen immer den Müll wegschmeißen, und manche Deutsche müssen das nicht machen.

Gastfreundschaft und Offenheit von Migrantenfamilien erleben auch Fachkräfte, die im Rahmen der Elternarbeit Hausbesuche durchführen. Das häusliche Milieu scheint Eltern Sicherheit zu geben, und die Besuche signalisieren ihnen ein Interesse an ihrer Lebenssituation. Umgekehrt gibt es von Migranteneltern keine große Beteiligung, wenn Elternabende oder Elterngespräche in der Institution durchgeführt werden. Die zentrale Rolle, die der Sprache im Kontakt zukommt, darf dabei nicht unterschätzt werden.

So lässt sich in unserem Projekt die unerwartet hohe Beteiligung an der Befragung u.a. auf unser mehrsprachiges Vorgehen zurückführen. Die Eltern haben unsere Bemühungen, ihnen alle Informationen mehrsprachig zukommen zu lassen, honoriert und diesem Vorgehen entnommen, dass wir Wert darauf legen, ihre Meinung und die ihrer Kinder zu erfahren.

Für Einrichtungen stellt sich die Frage, wie sie den Eltern entgegenkommen können, um in einen tatsächlichen Dialog mit ihnen einzutreten. Erfahrungen in Kitas mit der Zusammenarbeit mit mehrsprachigen Fachkräften belegen, dass diese als Ansprechpartnerinnen in der Einrichtung für viele Eltern kulturelle Nähe ausstrahlen und ihnen den Eindruck vermitteln, als Migranteneltern ernst genommen und anerkannt zu werden. Eine gemeinsame Sprache ist hier nicht die wichtigste Bedingung. Einer Fachkraft gegenüber, die selbst Migrationserfahrungen besitzt, fällt es vielen Müttern und Vätern leichter, sich in der deutschen Sprache zu äußern. Je monokultureller eine Einrichtung auf Eltern wirkt, desto größer ist die Hürde für die Eltern, besonders wenn sie nicht gut Deutsch sprechen.

Fragen für den Kita-Alltag:

  • Zeigen wir in den Angeboten für Eltern, dass wir Wert darauf legen, sie zu verstehen und verstanden zu werden?
  • Planen wir bei der Herausgabe von Informationen immer Übersetzungen mit ein?
  • Gibt es für Eltern unterschiedliche Möglichkeiten, sich zu informieren und zu beteiligen?
  • Wissen die Eltern, welche Schwerpunkte wir in unserer Arbeit setzen und weshalb?
  • Wissen wir, was die Eltern sich von der Kita für ihr Kind erwarten?

Kulturelle Aktivitäten der Familien verändern sich in der Migration

Neben der Sprache gibt es verschiedene Aspekte, bei denen unterschiedliche kulturelle Lebensweisen deutlich werden: die Musik, die zuhause gehört wird, die Kleidung oder insgesamt das Outfit, das gepflegt wird (wie z.B. Frisuren), das Essen und Trinken sowie natürlich die zahlreichen Festlichkeiten und Traditionen, die in den Familien mehr oder weniger gefeiert und gepflegt werden. In pädagogischen Kreisen war lange Zeit die Rede von "den ausländischen Kindern, die zwischen den Kulturen zerrissen werden". Relativiert hat sich diese Sichtweise über Erfahrungen, wie souverän die Kinder mit verschiedenen Lebensstilen und Erziehungsweisen zurechtkommen und umgehen. Der Wechsel zwischen den "zwei Welten" gelingt ihnen scheinbar mühelos.

Auch in unseren Interviews haben die Kinder den Eindruck vermittelt, dass ein kulturelles Nebeneinander für sie normal ist. Kulturelle Verschiedenheit erleben sie (noch) nicht als gegenseitigen Ausschluss. Über alle religiösen und traditionellen Erwachsenen-Grenzen hinweg werden Feste von Kindern geliebt und gefeiert. Oktoberfest und Ramadan, Fasching und Opferfest stehen in den Antworten der Kinder ganz selbstverständlich nebeneinander.

Kinder verbinden mit Kulturen und Traditionen noch keine tiefen Werte. Für sie stehen die unmittelbaren Erlebnisse und Freuden, die so ein Fest mit sich bringt, im Mittelpunkt. Ihre heranwachsende Identität umfasst unterschiedliche kulturelle Elemente ihres Erfahrungsbereichs, und die Kinder greifen von sich aus das für sie Attraktive heraus. Wichtig ist ihnen dabei z.B., ob ein Fest auch für die Freundin von Bedeutung ist oder ob sie am Geburtstag - wie so viele Kinder - ihre Freunde zu McDonald's einladen dürfen.

Nicht nur die Kinder, sondern auch die Familien zeigen eine Offenheit gegenüber Bestandteilen aus anderen Kulturen. Ein Beispiel ist der Kindergeburtstag, der mittlerweile auch für moslemische Kinder ein wichtiges Fest geworden ist. 94% aller Kinder - unabhängig von Nationalität und Religion - feiern ihren Geburtstag und laden dazu ihre Freunde ein. Manchmal geraten allerdings die Vorstellungen der Kinder über Kreuz mit den Interessen der Erwachsenen:

Bei meiner Geburtstagsfeier lade ich niemanden ein, weil ich es nicht darf. Meine Oma sagt immer, es geht keinen was an ... Und wir feiern auch manchmal, wenn etwas Schönes passiert ist, z.B. mein Opa kann jetzt Auto fahren. Dann feiern wir ein Fest. Wir feiern manchmal auch Hochzeiten. Da gibt es auch gute Tänze dabei. Da muss man sich die Hand geben und Schritte tanzen. Da gibt es viele Sachen zum Essen, Süßigkeiten, und man kann mit anderen etwas bereden, rausgehen.

Neben kulturellen Veränderungen in den Familien lässt sich unseren Daten allerdings auch entnehmen, dass Akzeptanz und Interesse für spezielle kinderkulturelle Angebote in den Familien nicht weit verbreitet sind. Auf die Frage nach einer Teilnahme an sportlichen, musischen und anderen Aktivitäten haben insgesamt nur 45% der Kinder positiv geantwortet. Dem entgegen steht der Wunsch von vielen Kindern, einer Aktivität nachzugehen. Eine wichtige Funktion der Kita könnte darin bestehen, den Eltern die Wichtigkeit solcher Angebote zu vermitteln und ihnen über sachliche Informationen Vertrauen und die nötige Sicherheit zu geben.

Fragen für den Kita-Alltag:

  • Inwieweit kann das multikulturelle Erleben der Kinder in der Einrichtung zum Ausdruck kommen (z.B. in künstlerischen Gestaltungsprozessen, in musischen Elementen aus verschiedenen Kulturen)?
  • Ist die Institution offen für die Entwicklung alternativer kultureller Aktivitäten (Vermischung verschiedener kultureller Elemente im Alltag)?
  • Was bedeuten kulturelle Ereignisse für uns Erwachsene und was für die Kinder?
  • Welche kulturellen Aktivitäten, die Kindern wichtig sind, lassen sich in die Kita integrieren, bzw. über welche Angebote in der Region sollten alle Eltern informiert sein?

Kurzinformation zum Forschungsprojekt

Das Projekt: "Multikulturelles Kinderleben in unterschiedlichen regionalen Bezügen" des Deutschen Jugendinstituts (München) wurde gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Laufzeit: Januar 1997 bis Dezember 2000). Methoden: Standardisierte Haushaltsbefragung von 1.208 5- bis 11-jährigen Kindern ohne deutschen Pass in je einem multikulturell geprägten Stadtviertel in München, Köln und Frankfurt. Ergänzende Einzel- und Gruppeninterviews mit Kindern.

Veröffentlichungen siehe: http://www.dji.de - Forschung - Abteilung Kinder und Kinderbetreuung - Abgeschlossene Projekte - Multikulturelles Kinderleben (http://cgi.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=89)