Rezension

Felix Berth: Die Verschwendung der Kindheit. Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert. Weinheim, Basel: Beltz 2011, 208 Seiten, EUR 9,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Felix Berth, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, befasst sich in seinem Buch vor allem mit benachteiligten Kindern. So schreibt er im Vorwort: "Einer wachsenden Minderheit von Kindern in Deutschland geht es miserabel. Diese Kinder leben ungesund, ungefördert, unverstanden. Diese Kinder müssen mit viel größeren Risiken zurechtkommen als ihre wohlhabenden Altersgenossen in den schöneren Teilen der Republik. Diese Kinder starten mit Defiziten ins Leben, die sie später nicht mehr aufholen. Um sie müssen wir uns kümmern" (S. 8). Ansonsten werde sich eine chancenlose, frustrierte Unterschicht in Deutschland etablieren, in der aus Perspektivlosigkeit Gewalt entstehen könnte. Zudem ständen ihre Mitglieder nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, auf dem immer mehr Fachkräfte fehlten.

Im ersten Kapitel proklamiert Berth, dass die Klassengesellschaft zurückgekehrt sei: Die Unterschicht werde größer und das Einkommen ihrer Mitglieder sinke, die Mittelschicht bröckle ab, die Oberschicht würde wachsen und immer reicher werden. "Die Rückkehr der Klassengesellschaft trifft die Kinder am härtesten. Jedes sechste Kind in Deutschland lebt vom Geld der Sozialämter; in armen Städten wie Berlin, Bremerhaven oder Schwerin ist es bereits jedes dritte. Jedes zehnte Kind schafft nicht einmal einen Hauptschulabschluss" (S. 11). Diese Kinder hätten kaum Zukunftschancen. Sie bräuchten nicht mehr Sozialhilfe, sondern "Hunger auf ein selbstbestimmtes Leben" (Buschkowsky). Dieser "wächst, wenn Kinder eine Aussicht auf ein besseres Leben haben. Sie müssen erfahren, dass sich Anstrengung lohnen kann. Sie brauchen das Gefühl, Einfluss zu haben auf die eigene Zukunft. Sie müssen lernen, Motivation zu entwickeln und Frustration auszuhalten" (S. 14). Positive Eigenschaften und Bestrebungen würden aber in der frühen Kindheit grundgelegt - es nütze nicht, nur bessere Schulen zu fordern, denn bei Schuleintritt seien die Unterschiede zwischen Unterschichts- und Mittelschichtskinder bereits ausgeprägt.

Im zweiten Kapitel stellt Berth das "Perry-Preschool- Projekt" vor, das 1962 begann: Hier wurden 123 Kleinkinder aus den ärmsten Vierteln der Kleinstadt Ypsilanti in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine Hälfte (58 Kinder) konnte einen Vorschul-Kindergarten besuchen, die andere wurde nicht zusätzlich gefördert. In Nachuntersuchungen - als die Kinder von damals 15, 19, 27 und 40 Jahre alt waren, zeigte sich, dass die besonders geförderten Personen eher einen Schulabschluss erwarben, häufiger ein eigenes Einkommen hatten, mehr Geld verdienten, häufiger Eltern wurden und seltener kriminell waren. Und das "alles wegen ein bisschen Kindergarten"!

An dieser Stelle zeigt sich deutlich, dass Berth weder Sozialwissenschaftler noch Frühpädagoge ist. Ansonsten wüsste er, dass die Studie wissenschaftlich fragwürdig ist: Beispielsweise waren Versuchs- und Kontrollgruppe sehr klein und nicht repräsentativ zusammengesetzt. Auch hat sich die Versuchsgruppe nur im Vergleich zur Kontrollgruppe verbessert; ihre Mitglieder sind in hohem Maße sozial auffällig: 36% der in der Perry School geförderten 58 Kinder begangen bis zum 40. Lebensjahr Straftaten wie Diebstahl/Raub, 33% Gewalttaten, 2% Morde und 14% Drogendelikte; die Männer verbrachten im Durchschnitt 27 Monate und die Frauen 8 Monate im Gefängnis. Selbst wenn dies weniger Straftaten als in der Kontrollgruppe sind, ist dies wohl nur sehr begrenzt als "Erfolg" zu bezeichnen. Ferner stimmt keinesfalls Berths Vermutung: "Wäre [in Ypsilanti] im Jahr 1962 ein deutscher Pädagoge vorbeigekommen, hätte ihn das Perry-Preschool-Projekt wahrscheinlich nicht interessiert" (S. 27) - in den 1960er und 1970er Jahren befassten sich viele deutsche Pädagogen mit der so genannten "kompensatorischen Erziehung", mit deren Hilfe Benachteiligungen von Unterschichtskinder (wie z.B. der "restringierte Sprachcode") bereits in der frühen Kindheit ausgeglichen werden sollte.

Im dritten Kapitel wiederholt Berth viele Aussagen aus dem ersten Kapitel - dass in Deutschland viele Kinder arm und benachteiligt seien, dass es im letzten Jahrzehnt zum "sozialen Zerfall der Republik" gekommen sei, dass die Einkommensungleichheit größer geworden wäre. Wohlhabende Eltern würden ihre Kinder in besonders gute Kindertageseinrichtungen und Privatschulen schicken und ihnen dadurch bessere Bildungschancen mitgeben. Kinder aus der Unterschicht würden von ihren Eltern kaum gefördert, wären schlecht ernährt und hätten oft Übergewicht, würden öfters rauchen, seien häufiger verhaltensauffällig und psychisch gestört. Erneut wird "Hunger auf ein selbstbestimmtes Leben" vermisst.

Im vierten Kapitel wird dann anhand eines konstruierten Fallbeispiels der Lebensweg eines in die Unterschicht geborenen Kindes skizziert. Solche Kinder hätten keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da "simple Jobs" immer mehr verschwinden würden. Selbst einen Ausbildungsplatz bekämen sie nicht - rund eine halbe Million Jugendlicher und Heranwachsender befänden sich deswegen in einem Übergangssystem, das dem Staat vier bis fünf Milliarden Euro pro Jahr koste.

Dann setzt sich Berth mit der Familienpolitik auseinander (fünftes Kapitel). Er beklagt, dass 41 Milliarden Euro für den Familienlastenausgleich zur Verfügung ständen, aber nur 55 Milliarden für Schulen - obwohl sie "das Wichtigste [sind], was die Republik der jungen Generation anbietet" (S. 63). Bei der Kindertagesbetreuung würde sogar richtig gespart; hier gäbe Deutschland nur 0,8% des Bruttoinlandsprodukts aus, Dänemark aber 2,2%, Schweden 2,0% und Frankreich 1,6%. Ferner kritisiert Berth, dass viele familienpolitische Leistungen wie der Kinderfreibetrag nur Besserverdienenden zugute kämen - arme Familien würden noch nicht einmal von einer Erhöhung des Kindergeldes profitieren, da dieses auf andere Sozialleistungen angerechnet würde.

Im sechsten Kapitel geht es um die Geburtenrate - sie sei z.B. in Schweden viel höher als in Italien, obwohl Letzteres ein "familialistisches" Land sei. Der Grund: In Schweden hätten sich die Frauen emanzipiert und könnten Familie und (Vollzeit-) Erwerbstätigkeit vereinbaren, da es ein gutes Kinderbetreuungssystem gäbe und Männer im Haushalt mithelfen würden. Laut Berth war die alte BRD "familialistisch", während die DDR auf die Berufstätigkeit von Müttern setzte, aber nur ein qualitativ unzureichendes Kinderbetreuungssystem vorhielt und Väter nicht aus der traditionelle Rolle löste. Erst seit 2007 würden in ganz Deutschland Kinderkrippen ausgebaut.

Dann befasst sich Berth mit den Erkenntnissen der Hirnforscher über die Bedeutung der frühen Kindheit (siebtes Kapitel): Schon Säuglinge seien sehr lernbereite und lernfähige Wesen; dasselbe gelte für Kleinkinder. Ohne Förderung (Beispiel: rumänische Waisenkinder) würde aber ihr Potenzial verkümmern. Negativ sei, wenn Kleinkinder zu wenig Erfahrungen machen könnten oder ängstlich wären.

Im achten Kapitel referiert Berth die Erkenntnisse des Ökonomen und Nobelpreisträgers James Heckman. Dieser berechnete anhand des Perry-Preschool-Projekts, dass "jeder investierte Dollar ... der Gesellschaft einen Nutzen [brachte], der zwischen sieben und zwölf Dollar liegt" (Heckman, zitiert nach Berth, S. 106). Pro im Perry-Preschool-Projekt geförderten Kind summiere sich der Betrag auf 150.000 Dollar - beispielsweise durch das Zahlen von mehr Steuern, das Einsparen von Sozialleistungen und die geringere Kriminalität. Und all das, obwohl die Kinder nur zwei Jahre lang für zweieinhalb Stunden pro Vormittag in der Perry Preschool betreut wurden! Allerdings kostete diese Betreuung pro Kind und Monat knapp 1.000 Dollar (gerechnet in Preisen des Jahres 2000), da in jeder Gruppe vier akademisch ausgebildete Lehrer 24 Kindern zur Verfügung standen. In der ersten Stunde konnten die Kinder zwischen Angeboten in vier verschiedenen Räumen wählen, in der zweiten Stunde machten jeweils zwei Lehrer "eine Art Unterricht" mit jeweils der Hälfte der Gruppe. Ferner wurden einmal pro Woche die Mütter daheim aufgesucht und dann oft das Thema eines Vormittags wieder aufgegriffen. "Plausibel ist: In der Perry Preschool entwickelten sich die Kinder am besten, deren Eltern sich engagiert am Nachmittagsunterricht beteiligten und häufig Anregungen der Pädagogen aufgriffen" (S. 117). Sogar der Intelligenzquotient der geförderten Kinder stieg zunächst an; mit 10 Jahren konnte aber kein Unterschied zur Kontrollgruppe mehr festgestellt werden.

Nach all diesem Hype ist es nicht verwunderlich, dass Berth schreibt: "Deshalb ist es plausibel, dass eine Perry Preschool in einem deutschen Armutsviertel trotz der Resignation vieler Eltern ein Erfolgsmodell wäre" (S. 120). Nur wo findet Berth in Deutschland ein Armutsviertel, in dem wie in Ypsilanti 58% der (nicht geförderten) Kinder bis zu ihrem 40. Lebensjahr zu Dieben und Räubern, 48% zu Gewalttätern und 5% zu Mördern wurden, in dem 34% wegen Drogendelikten verhaftet wurden und Männer im Durchschnitt (!) 45 Monate inhaftiert waren? Vielleicht sollte man aus einer Studie über gerade einmal 58 Kinder, die vor nunmehr 50 Jahren in der Perry Preschool gefördert wurden, nicht den Schluss ziehen, man hätte nun das Erfolgsmodell entdeckt. Und sollte Berth etwa entgangen sein, dass auch in "deutschen Armutsvierteln" rund 90% der Kinder einen Kindergarten besuchen - für mehr Stunden pro Tag und für einen längeren Zeitraum als die Kinder an der Perry Preschool? Und von diesen Kindern werden bis zu ihrem 40. Lebensjahr mit Sicherheit weniger Straftaten begangen werden als von den im Perry-Preschool-Projekt geförderten Kindern!

Im neunten Kapitel verweist Berth darauf, dass auch beim "Abecedarian-Projekt" in den 1970er-Jahren und in sieben anderen amerikanischen Projekten, die aber nicht genannt werden, positive Ergebnisse für geförderte im Vergleich zu nicht geförderten Kleinkindern erzielt wurden - bis hin zu einem dauerhaft erhöhten Intelligenzquotienten, wenn die Förderung bereits mit einem Jahr einsetzte: "Daraus lässt sich eine wichtige Erkenntnis über den richtigen Zeitpunkt für die Unterstützung gewinnen: Je schwieriger eine Familie ist, umso früher braucht ein Kind Schutz" (S. 125). So fordert Berth ein "Frühwarnsystem", durch das solche Familien möglichst schon bei der Geburt ihrer Kinder ausfindig gemacht werden. Inzwischen gäbe es in Deutschland wohl rund 200 Modellprojekte, aber noch kein bundesweites Screening.

Im zehnten Kapitel spricht sich Berth noch deutlicher für die gezielte und besondere "Förderung der Schwächsten" aus. Diese würden von exzellenten Förderprogrammen bei weitem mehr profitieren als Kinder aus Mittelschichtsfamilien, die bereits zu Hause gute Lernchancen und viel kulturelles Kapital vorfänden. Dies belegt Berth anhand des IHDP-Programms und der NICHD-Studie aus den USA.

Im elften Kapitel argumentiert Berth, dass das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld kontraproduktiv wäre, da es wohl vor allem von sozial schwachen Eltern beansprucht werden würde - und deren Kinder dann nicht mehr in den Genuss einer frühzeitigen Kinderbetreuung kämen, von der gerade sie besonders profitieren würden. Durch die Abschaffung des Ehegattensplittings könnten aber genügend Mittel zur Bekämpfung von Kinderarmut und für den Ausbau der Kinderbetreuung frei gesetzt werden.

Das zwölfte Kapitel widmet Berth der "Abrechnung" mit "kommerziellen Kindergärten", und zwar am Beispiel des Unternehmens "ABC Learning", das 2007 rund 2.200 Kindertageseinrichtungen in Australien betrieb und im Jahr 2008 Insolvenz anmeldete. Dieser Vorfall reicht ihm, um "gewerbliche Kitas" generell abzulehnen. Ob die 2% der Kindertageseinrichtungen in Deutschland mit einem privaten Träger sich vielleicht durch besondere Qualitäten auszeichnen, interessiert ihn nicht - sie können wie die des australischen Unternehmens nur schlecht sein...

Im dreizehnten Kapitel geht Berth erneut auf den seit 2007 beschleunigten Ausbau der Kinderkrippen in Deutschland ein. Er konstatiert, dass davon vor allem Mittelschichtsfamilien profitiert hätten - egal ob man Hamburger, Stuttgarter oder Münchner Kinderkrippen betrachte: Kinder mit Migrationshintergrund würde man dort nur selten antreffen. Insbesondere in Ostdeutschland seien jedoch die Personalschlüssel zu schlecht. Es müssten also einerseits mehr benachteiligte Kleinkinder aufgenommen und andererseits die Qualität der Kinderkrippen verbessert werden.

Im vierzehnten Kapitel proklamiert Berth dann die "richtige Politik": Für diejenigen 15% aller Kinder, die am Rande der Gesellschaft stehen, sollten Vorschulen wie die Perry Preschool geschaffen werden. Dann würden sie dank des guten Personals und der besonderen Elternarbeit später besser in der Schule sein, höhere Einkommen erzielen, seltener kriminell und drogenabhängig werden. Deshalb sollte in Deutschland ein Programm wie das amerikanische "Head Start" aufgelegt werden, das etwa eine Million Kinder aus armen Familien erreiche - wobei Berth ignoriert, dass trotz Headstart die Unterschicht in den USA noch schneller wächst als in Deutschland und sich ihre soziale Lage rasant verschlechtert. Aber auch die finanzielle Förderung von Kindertageseinrichtungen in Ortsteilen mit erhöhtem Armutsrisiko müsse laut Berth verbessert werden, wie dies seit September 2011 in München praktiziert werde: Etwa 50 Millionen Euro sollen nun pro Jahr in Kindertageseinrichtungen in "schwachen Quartieren" fließen und dort bessere Rahmenbedingungen ermöglichen. Ansonsten dürften die Elternbeiträge nicht zu hoch werden und sollten bei sozial schwachen Familien entfallen.

Auch im fünfzehnten Kapitel wiederholt Berth erneut, dass eine möglichst früh beginnende Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien in exzellenten Kitas wie der Perry Preschool deren Lebenschancen verbessern würde. Der Staat müsse dort Hilfe leisten, wo sie den maximalen Nutzen habe, anstatt Geld nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen. Dagegen würden sich aber die Eltern der Mittel- und Oberschicht wehren. "Doch sie übersehen, dass ihre Kinder es nur dann besser haben werden, wenn der soziale Zusammenhalt in diesem Land nicht weiter erodiert" (S. 192). Der soziale Sprengstoff müsse entschärft, Bildungsgerechtigkeit hergestellt und Deutschland wieder zu einer "Aufsteigerrepublik" (Laschet) werden. "Wenn unser Land daran scheitert, wird die neue Klassengesellschaft zementiert. Dann verschleudern wir unseren Wohlstand. Wir haben die Wahl" (S. 192 f.).

Das leicht lesbare Buch endet mit einem kommentierten Literaturverzeichnis. Die von Berth präsentierten Erkenntnisse sind nicht neu, sondern werden in der Fachöffentlichkeit seit 50 Jahren diskutiert. Aber vielleicht trägt das Buch dazu bei, dass sie wieder verstärkt von (Kommunal-) Politikern aufgegriffen werden.

Martin R. Textor