Rezension

Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta, 2. Aufl. 2011, 355 Seiten, EUR 20,00 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Der Hirnforscher Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie an der Universität Bremen, befasst sich seit mehr als zwölf Jahren mit dem Transfer neurowissenschaftlich-psychologischen Wissens in den Unterricht an Schulen. Dabei musste er feststellen, dass "die heute vorliegenden pädagogisch-didaktischen Konzepte wenig hilfreich für die Unterrichts- und Bildungspraxis sind" (S. 16) und deshalb jeder Lehrer sich selbst erarbeiten müsse, wie für ihn optimales Lehren funktioniert: "viele Lehrer, viele Unterrichtskonzepte!" (S. 15). Die Schulverwaltung, die Lehrerausbildung an Hochschulen und Länderinstituten sowie die Lehrerschaft würden in einem übereinstimmen: dem weitgehenden Ignorieren der empirischen Erkenntnisse von Psychologie und Neurobiologie. Erst seit wenigen Jahren gäbe es eine Bewegung hin zu einer "Neuropädagogik/ Neurodidaktik", die aber oft zu kurz greife (z.B. sich zu wenig mit Entwicklungs-, Persönlichkeits-, Emotions- und Motivationspsychologie sowie Bindungsforschung befasse) oder unzulässige Schlüsse aus noch nicht gesicherten Forschungsergebnisse zöge.

In seinem Buch stellt Roth die psychologisch-neurobiologischen Grundlagen und Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Unterricht vor. In der ersten Hälfte seines Werks befasst er sich mit den schulischen Bildungszielen, die seines Erachtens weit über die Wissensvermittlung und die Förderung kognitiver Fähigkeiten hinaus reichen, also z.B. auch Persönlichkeitsbildung und die Ausbildung sozialer, motivationaler und emotionaler Kompetenzen beinhalten sollten. Roth geht dann ausführlich auf Begriff, Aufbau und Entwicklung der Persönlichkeit und deren neurobiologischen Grundlagen ein, wobei er besonders die Bedeutung von frühkindlichen Einflüssen und Bindungserfahrungen betont. Er befasst sich mit Emotionen und Motiven, mit verschiedenen Formen des Lernens und mit der Gedächtnisbildung, mit dem Bewusstsein und der Aufmerksamkeit, der Intelligenz und (Hoch-) Begabung sowie der Bedeutung von Schlaf, Emotion und Vertrauen für die Gedächtnisleistung.

In der zweiten Hälfte seines Buches beschreibt Roth Faktoren, von denen der Schulerfolg abhängt. Er geht auf die sprachliche Kommunikation ein, der Grundlage des Lehrens und Lernens. Dabei beschreibt er die neuronalen Grundlagen des Sprechens, Hörens, Verstehens und Lesens, aber auch geisteswissenschaftliche Konzepte von Verständnis und Bedeutung, Modelle der Informationsverarbeitung und Vorstellungen des Konstruktivismus. Roth skizziert aktuelle didaktische Konzepte, die aber aufgrund ihrer Einseitigkeit und anderer Mängel nur wenig Einfluss auf die Unterrichtspraxis hätten. So fordert er eine intensive Kooperation zwischen Didaktikern, Psychologen und Neurobiologen, um die Grundlagen für "bessere Schule, bessere Bildung" zu schaffen. In seinem Schlusskapitel trägt Roth hierfür relevante Aspekte aus seinem Buch zusammen, bevor er in seinem Ausblick nochmals auf den Zusammenhang zwischen Bildung und Persönlichkeit eingeht und die Bedeutung von Motivation, Fleiß und Wiederholung hervorhebt.

Im Anhang des Buches finden sich noch eine Beschreibung von Aufbau und Funktion des menschlichen Gehirns, Tipps zur Verbesserung der eigenen Gedächtnisleistung, ein Literaturverzeichnis sowie ein Sach- und ein Personenindex. Das Buch ist trotz seines wissenschaftlichen Charakters gut zu lesen. So kann es nicht nur Erziehungswissenschaftlern und Didaktikern, sondern auch Lehrern und Eltern wärmstens empfohlen werden.

Martin R. Textor