Rezension

Peter Flosdorf: Heilpädagogische Beziehungsgestaltung. Grundlagen und Konzepte für den Einzel- und Gruppenbezug. Freiburg: Lambertus, 2. Aufl. 2009, 165 Seiten, EUR 14,80 - direkt bestellen durch Anklicken

 

In dieser Handreichung für die Ausbildung von Sozial- und Heilpädagog/innen will Peter Flosdorf "Grundlagen, Anregungen und Konzepte zur Verbesserung metakommunikativer Kompetenzen und eine flexible und zugleich zielorientierte Gestaltung fördernder Beziehungen vermitteln" (S. 9). Der Autor kann dabei auf jahrzehntelange Erfahrungen als Leiter eines überregionalen Beratungs- und Behandlungszentrums mit Erziehungsberatung und einer Fachakademie für die Ausbildung von Heilpädagog/innen zurückgreifen. Und so weiß er auch, dass man mit Hilfe eines Buches die vorgenannten Kompetenzen nicht erwerben kann: "Diese können nicht theoretisch gelernt, sondern nur in Selbsterfahrung und Supervision angeeignet werden. Entsprechend strukturierte Trainingsgruppen haben sich für ein prozessorientiertes Lernen als geeignet und hilfreich erwiesen" (S. 9). Das Buch kann also nur die theoretischen und methodischen Grundlagen liefern.

Im ersten Teil der Handreichung wird das Konzept der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung erläutert: Hier versteht sich der Erwachsene in seinem Sosein und Handeln "selbst als Medium der heilpädagogischen Beeinflussung: Er wirkt durch seine Person auf die Person des anderen und nimmt umgekehrt die Rückwirkungen im Handeln dieser Person wahr. ... Die heilpädagogische Beziehungsgestaltung lebt und verwirklicht sich so in der differenzierten Selbst- und Fremdwahrnehmung und der Vermittlung der in der Wechselseitigkeit sich erschließenden und potenzierenden Prozesse. ... Indem ich in der Begegnung bei meinem Gegenüber und zugleich bei mir selber die sich entwickelnden seelischen Akzentuierungen wahrnehme und dann angemessen mitteile, wirke ich fördernd auf den anderen durch meine Person" (S. 17).

Peter Flosdorf verweist darauf, dass sein Konzept der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung auf dem personalistischen Menschenbild von Martin Buber beruht. Dann stellt er das "Bewusstheitsrad" vor, das der Sensibilisierung in der Selbst- und Fremdwahrnehmung dient, und erläutert dessen Verwendung an einem Fallbeispiel. Nachdem Flosdorf den Inhalts- und Beziehungsaspekt in der Interaktion dargestellt hat, beschreibt, klassifiziert und operationalisiert er viele Variablen, die in der heilpädagogischen Beziehungsgestaltung von Bedeutung sind (z.B. Echtheit, Achtung, Nähe und Distanz, Empathie, Ressourcenorientierung, Verstärkung, Trösten, Erklären, Konfrontieren u.v.a.m.). Schließlich skizziert er anhand einer Tabelle die Phasen von heilpädagogischen Beziehungen.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Gruppe als soziales Lernfeld. Nach einem kurzen Überblick über theoretische und praktische Konzepte der Gruppenarbeit beschreibt Flosdorf ausführlich wichtige Wirkvariablen im Gruppenprozess: Führen und Leiten, Erarbeiten von (a) Zielen, Normen und Übereinkünften, (b) Aufgaben, Rollen und Rangstrukturen sowie (c) Selbstständigkeit und Gruppenbezogenheit, Bilden und Strukturieren von Gruppen und die Themenzentrierte Interaktion. Anhand einer Tabelle werden fünf Stufen der Gruppenentwicklung erläutert, bevor dann speziell auf typische Organisationsformen von Gruppen in der Heimerziehung eingegangen wird.

Im dritten und letzten Teil der Handreichung widmet sich Peter Flosdorf dem Training der Beziehungsgestaltung im Rahmen der Ausbildung an der Fachakademie für Heilpädagogik in Würzburg. Dieses erfolgt im Wechsel von Theorieeinheiten, Kleingruppenarbeit mit Übungen, Rollenspielen und Selbsterfahrungseinheiten. Flosdorf skizziert den Ablauf des Trainings und listet die in den sieben Trainingsphasen vorrangigen Inhalte auf. Dann stellt er tabellarisch die Phasen des Beziehungsprozesses und die jeweiligen heilpädagogischen Ziele und anschließend die benötigten Kompetenzen dar. Abschließend listet er noch Interventionsregeln auf.

Im Anhang des Buches befinden sich Arbeitspapiere für das Training der Beziehungsgestaltung (z.B. zu Prinzipien der Agogik, zu Erziehungsstilen, zum Feedback), Aufgaben für Arbeitsgruppen sowie der "Sokratische Eid" für Lehrer/innen und Erzieher/innen, wie er von Hartmut von Hentig verfasst wurde.

Fazit: Das Buch von Peter Flosdorf vermittelt Grundlagen für das Training heilpädagogischer Beziehungsgestaltung im Einzel- und Gruppenbezug. Es verdeutlicht, dass Qualität in der Erziehungshilfe vor allem auf wirksamen und förderlichen Beziehungen beruht - und dass dabei der Person der Heilpädagogin bzw. des Heilpädagogen die entscheidende Rolle zukommt.

Martin R. Textor