Rezension

David Eberhard: Kinder an der Macht. Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung. München: Kösel 2015, 300 Seiten, EUR 17,99 - direkt bestellen durch Anklicken

 

In der britischen Tageszeitung The Independent war zu lesen: "Eberhard hat eine Debatte entzündet: Wie viel Einfluss sollten Kinder in modernen Familien erhalten?" Das ist eine berechtigte Frage. Woran liegt es, dass Eltern sich kaum mehr trauen einzugreifen? Was führt dazu, dass Kinder kleine Könige und Königinnen werden, die allen auf der Nase herumtanzen?

In "Kinder an die Macht" wird beschrieben, wie Eltern wieder mehr Selbstsicherheit gewinnen können. 289 kurze Kapitel enthält dieses Buch, da der Autor jedem Gedanken einen eigenen Abschnitt widmet. Das kommt insbesondere geplagten Eltern entgegen, die oft nicht die Zeit finden, ein ganzes Buch auf einmal zu lesen.

Können Kinder wirklich zu kleinen Familientyrannen werden? "Bei uns und in vielen anderen europäischen Ländern, z.B. auch in Deutschland, begnügt sich der kleine Familienökonom nicht damit zu entscheiden, dass er im Bikini in den Kindergarten gehen wird. Zuhause am Küchentisch haben die Verhandlungen gerade erst begonnen. Nun sollen auch die Urlaubsziele festgelegt werden" (S. 28). "Im besten Fall findet heutzutage eine Familienkonferenz mit Abstimmung zum Thema statt. Das haben wir Eltern nämlich gelernt - wir müssen den Kindern zuhören" (S. 29).

Jedes der Kapitel regt an, die eigene Kindheit und das aktuelle eigene Elternverhalten zu reflektieren. Der Autor weist immer wieder daraufhin, dass so manches normative Klischee aus früheren Zeiten das Denken und Handeln von Eltern noch heute prägt.

Eberhard stellt auch aktuelle Aussagen in Frage und ermuntert, z.B. über die Bindungstheorie nachzudenken: "Kinder - wie alle anderen Menschen auch - konzentrieren sich auf den Menschen, der ihnen im Augenblick am wichtigsten ist. Es kommen aber noch andere Mechanismen ins Spiel, wenn es um die Qualität einer Beziehung geht. Wenn man eine Person nicht mag, kann man nur schwer etwas von ihr lernen" (S. 103).

Am Schluss schreibt Eberhard u.a.: "Und wie soll man nun damit umgehen, dass so viele Köche auf einmal in dem Topf der Kindererziehung rühren wollen? ... die Leute, die sich immer und überall einmischen wollen. Andere Eltern. Die Großeltern. Die Erzieherinnen und Erzieher sowie andere 'Experten', denen man im Alltag mit Kindern begegnet: Von der Hebamme über Kinderärzte bis hin zu Pädagogen in Schule und Hort. Darüber hinaus gibt es in unserem medienbeherrschten, globalen Leben eine Unzahl von Experten, die Bücher schreiben, an Talkshows teilnehmen oder in Zeitungen und Internetforen Fragen beantworten. Es gibt einfach ein paar Köche zu viel" (S. 290). Wie Recht er doch hat. Und Eberhard schrieb das Buch aus seiner Erfahrung als Psychiater und sechsfacher Vater...

Die vorliegende Publikation richtet sich an Eltern, sollte aber auch von Pädagog/innen gelesen und im Rahmen der Elternarbeit weiterempfohlen werden. Viele der Ausführungen eignen sich als Diskussionstext in Elterngesprächsrunden oder für das Entwicklungsgespräch. Das Buch wäre übrigens sehr geeignet für die Elternbibliothek einer Kita...

Habe ich Sie schon etwas neugierig gemacht? Das ist meine Absicht. Lesen müssen Sie das Buch aber selbst. Es ist wirklich lesenswert!

Ingeborg Becker-Textor