Rezension

Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. München: Kösel, 4. Aufl. 2011, 511 Seiten, EUR 19,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

"Kinder verhalten sich oft nicht so, wie es ihre Eltern von ihnen erwarten und sich wünschen: Babys weinen ohne Angabe von Gründen, sie haben wochenlang Koliken, und sie wollen partout nicht im eigenen Bettchen schlafen. Kleinkinder essen kein Gemüse, dafür Süßigkeiten ohne Grenzen, sie schlafen schlecht ein und wachen nachts regelmäßig auf. Sie bekommen aus heiterem Himmel Wutanfälle und lassen sich beim Sauberwerden endlos Zeit. Es hat sich eingebürgert, all das als ein Defizit der Kinder zu sehen ... Diesem Buch liegt eine andere Sichtweise zugrunde. Statt nach dem zu suchen, was unseren Kindern fehlt, fragt es nach den Vorteilen, die ein bestimmtes Verhalten bietet. Was bringt es dem Kind, so zu sein, wie es ist - und nicht anders? Also: Was hat das Kind davon, kein Gemüse zu essen? Was hat es davon, den Teller nicht leer zu löffeln? Was hat es vom Trotzen, was von dem Geschrei, wenn es alleine einschlafen soll? Kurz, dieses Buch nimmt an, dass Kinder gute Gründe haben, wenn sie ihre Eltern vor Rätsel stellen" (S. 11).

So leitet der Kinderarzt Herbert Renz-Polster sein Buch ein - und nennt gleich die Gründe für das skizzierte Verhalten von Kindern: "Sie haben diese Verhaltensweisen im Laufe der Evolution entwickelt, um besser mit ihrer Umwelt zurechtzukommen, in der sie über Hunderttausende von Jahren gelebt haben! Die von Charles Darwin begründete Evolutionstheorie geht ja davon aus, dass alle heutigen Lebewesen deshalb so aussehen, wie sie aussehen, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, weil sie mit diesen Eigenschaften in der Vergangenheit Erfolg hatten. Und das gilt auch für unsere Kinder. Dass sie in ihrer Entwicklung auf das uns Eltern einschlägig bekannte und oft frustrierende Repertoire setzen, hat einen einfachen Grund: Es hat ihnen im Laufe der menschlichen Geschichte geholfen, für das Leben gerüstet zu sein und sich erfolgreich zu Erwachsenen zu entwickeln! Dies ermöglicht eine radikal andere Sicht auf die Entwicklung des Kindes: Kindern fehlt es an nichts. Sie mögen unfertige Erwachsene sein - aber sie sind hundertprozentig dafür gerüstet, Kinder zu sein" (S. 11 f.).

In den folgenden Kapiteln erklärt Herbert Renz-Polster viele für Kinder typische Verhaltensweisen aus evolutionärer Sicht: das Bedürfnis nach einer langen Phase des Stillens, die Ablehnung von bestimmten Lebensmitteln (vor allem Salat- und Gemüsesorten) und die Bevorzugung des Süßen und Fetten, den Babyspeck, die geringe Nahrungsaufnahme bei vielen Kleinkindern, die Angst vor Dunkelheit und vor Monstern unter dem Bett, das Schreien von Babys, das Fremdeln u.v.a.m. Dabei geht er auch auf kulturelle Unterschiede ein, z.B. hinsichtlich des Stillens, des Beifütterns und des Schlafens. Er macht deutlich, dass Kinder alle vorgenannten Verhaltensweisen im Laufe der Evolution entwickelt haben, um besser mit ihrer Umwelt zurechtzukommen und für das Leben gerüstet zu sein. Sie dienten dem Überleben - selbst wenn sie heute nicht mehr in die moderne Welt hineinpassen.

Herbert Renz-Polster erörtert aus evolutionärer Sicht Probleme wie Abstillkonflikt, Geschwisterneid, Dreimonatskoliken, Trotz, Sauberkeitserziehung, Verwöhnung und Lügen und macht Vorschläge für den Familienalltag (z.B. bezüglich des Essens und Trinkens, des Stillens und Beifütterns, der Kleinkindernährung, der Einschlafbedingungen, des gemeinsamen Schlafes, des Verhaltens bei fortdauerndem Schreien, des Verhältnisses zwischen Bedürfnisbefriedigung und Zumutungen, der Stärkung von Bindung, der Entwicklungsförderung und der moralischen Erziehung). Und so ganz nebenbei werden auch noch die Evolutions- und die Bindungstheorie erklärt, wird das Verhältnis von Erbe und Umwelt austariert, wird auf Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeitserziehung eingegangen, wird die Bedeutung der Kindergruppe und von erwachsenen Miterziehern erörtert und aufgezeigt, was mit Erziehungskompetenz gemeint ist.

Jedes Kapitel wird mit einem schönen Farbfoto bzw. einer Gemäldereproduktion eingeleitet. Das leserfreundlich gelayoutete und verständlich geschriebene Buch ist vor allem Eltern von Babys und Kleinkindern zu empfehlen, aber auch Erzieher/innen, Kinderpfleger/innen und Tagesmütter. Auf der begleitenden Website http://www.kinder-verstehen.de finden sich weitere Informationen (insbesondere die meisten der etwa 600 Anmerkungen und Literaturhinweise) bzw. werden Fragen von Leser/innen beantwortet.

Martin R. Textor