Praktische Sinnesförderung - ein Barfußpfad entsteht im Kindergarten

Mari-Luise Auernheimer und Hartmut Zern

 

1. Einleitung

Die Bedeutung der Sinnesförderung und der damit verbundenen aktiven Bewegung ist inzwischen in der Literatur ausführlich beschrieben (so z.B. von Kiphard, Frostig, Rumpf, etc.). In der Elementarpädagogik und in der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen hat die Sinnesförderung einen festen Platz. Wichtig war uns bei dem hier beschriebenen Projekt die Dokumentation eines direkt nachvollziehbaren und kostengünstigen Beispiels im Kindergarten, das für die Mitarbeiter dort ohne großen Aufwand möglich ist.

In den Fächern Bewegungserziehung und Pädagogik der Fachschule für Sozialwesen geht es darum, die Bedeutung der Sinnesförderung zu verdeutlichen und zu vermitteln. Wahrnehmung und Bewegung, das Erfahren und Erforschen der Umwelt und ihre aktive Bewältigung sind von großer Wichtigkeit für die Entwicklung der Kinder (siehe hier auch Lipp-Peetz, Hinze, Krahl, Deutscher Verein und Thiesen). Im Fach Werken/Gestalten können Objekte und Materialien hergestellt und bearbeitet werden, die diese Zielsetzung unterstützen und ergänzen. Dieser Tatsache trägt auch z.B. der Rahmenlehrplan der Fachschule für Sozialwesen Rechnung.

2. Das Projekt

Ausgangspunkt des Projektes war, dass wir als Schule den sozialen Einrichtungen, die sich an der Ausbildung unserer Schüler seit Jahren beteiligen, praktische Zusammenarbeit anbieten. So traten z.B. Mitarbeiterinnen eines Kindergartens mit der Bitte an unsere Schule heran, ob wir bei der Neugestaltung des Außengeländes der Einrichtung helfen könnten. In einer Reihe von Planungsgesprächen zwischen Lehrern, Schülern, Kindergartenpersonal und Ortsgemeindeverwaltung wurden folgende Ziele für dieses Projekt formuliert:

  • Die Schüler sollten Ideen und Vorschläge erarbeiten, wie man kostengünstig und mit einfachen Mitteln das Außengelände unter dem Gesichtspunkt der Sinnesförderung gestalten könnte.
  • Die Schüler stellen diese Ideen an einem Aktionstag im Kindergarten vor.
  • Die Schüler errichten an diesem Tag mit den Kindern zusammen einen Barfußpfad.

In der Schule waren die ca. 20 Schüler/innen und die Lehrer der Fächer Pädagogik, Werken/Gestalten und Bewegungserziehung an diesem Projekt beteiligt. In einem ersten Gespräch legten wir einen klaren zeitlichen Rahmen fest, in dem wir die genannten Ziele umsetzen wollten. Als letztes wurde die Aufgabenverteilung besprochen und festgelegt. Mehrere ganze Unterrichtstage, an denen der "herkömmliche" Stundenplan außer Kraft war, verwandten wir in der Schule darauf, zu planen sowie das Material herbeizuschaffen, zusammenzustellen und zu bauen, welches wir am Aktionstag benötigen würden.

3. Sinnesförderung nach Kükelhaus

Diese Möglichkeit der Sinnesförderung geht zurück auf Hugo Kükelhaus (1900-1984), einem Universalgelehrten, der als freier Schriftsteller, Bildhauer, Grafiker, Berater und Planer für organgerechte Bauweise im Klinik-, Heim- und Schulhausbau tätig war. Er entwickelte u.a. ein "Erfahrungsfeld der Sinne", das 1967 zum ersten Male auf der Weltausstellung in Montreal gezeigt wurde und später dann - vor allem in den 80er Jahren - zahlreiche Kindergärten, Heime, Schulen, Universitäten und Museen bei der "organgerechten Gestaltung" ihrer Einrichtungen beeinflusste.

Kükelhaus beschäftigte die Frage, wie der Mensch wieder zur bewussten Wahrnehmung seiner Organe befähigt werden könnte, um mit sich selbst in Einklang zu kommen. Er erkannte es als notwendig, "in unmittelbarer Berührung - hautnah - mit den großen Erscheinungen der als göttlich erkannten und anerkannten Natur und mit ihren Gesetzmäßigkeiten zu kommen, weil es dieselben Gesetzmäßigkeiten sind, nach denen sich auch der Mensch bildet". So formulierte er: "Was uns erschöpft, ist die Nichtinanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Organe, ist ihre Ausschaltung, Unterdrückung, was aufbaut, ist Entfaltung".

Sein Erfahrungsfeld der Sinne - ausgestattet mit über 35 Stationen, Geräten, Versuchsanlagen, soll dem Besucher Auskunft darüber geben, wie z.B. "das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, die Haut fühlt, die Hand tastet, die Fuß greift, das Blut pulst, die Lunge atmet...". Der Besucher muss bei den vielfältigen Stationen des Erfahrungsfeldes selbst tätig werden, sich selbst in Bewegung setzen, um die Erscheinungen zu erzeugen, um mit ihnen umzugehen. Er wird durch das Gefühl gestärkt, eine Wanderung durch sich selbst, durch seinen Leib und seine Organe angestellt zu haben, denn Ereignis wird nur das, was man sich zu eigen gemacht hat. Und er wird dadurch bestärkt, das Erlebte nicht wieder absinken zu lassen.

Kükelhaus möchte den Menschen wieder zur bewussten Wahrnehmung seiner Organe befähigen, um mit sich selbst in Einklang zu kommen. Dabei gelangt der Mensch auch zu der Erkenntnis, dass die Wahrung der Gesetze, Regeln und Bedingungen der eigenen Natur den Menschen befähigt, in den Erscheinungen der äußeren Natur die gleiche Gesetzlichkeit wahrzunehmen und zu wahren.

Kükelhaus sprach von einer "Schule des Gehens": Es wird ein Barfußpfad errichtet, bei dem sich Materialien mit starken Reizen abwechseln mit solchen mit schwachen Reizen. Diese "Schule des Gehens" soll auf vielfältige Weise dazu anregen, alle Funktionszusammenhänge des "aufrechten Ganges" besonders auszubilden. Vor allem wird der Gang aus dem bestimmten Kontakt der Füße mit den verschiedensten Materialien bestimmt. Die Füße selbst werden, indem sie sich verschiedensten Materialstrukturen anpassen, sie zunächst erprobend ausmachen, außerordentlich angeregt. Dies ist keineswegs nur für die Fußmuskulatur wichtig, denn Nervenbahnen verbinden die Fußsohlen mit allen Organen des ganzen Körpers und leiten die belebende Wirkung zu ihnen weiter. Diese "Massage" wirkt auf feinste Weise in die Tiefen des gesamten Organismus.

4. Der Barfußpfad - der Aktionstag im Kindergarten

Nach diesen Vorgaben wurde der Barfußpfad von Eltern der Kindergartenkinder, den Kindergartenerzieherinnen, von Schüler/innen der Fachschule und von den Kindergartenkindern errichtet. Die Vorbereitungsarbeiten, wie das Ausheben des Bodens, das Setzen von Randsteinen und die Befestigung des Untergrundes, wurden von Eltern erledigt und waren bis zum Aktionstag abgeschlossen. Die Schüler/innen besorgten und organisierten die verschiedensten Materialien: z.B. Kopfsteinpflaster, Sand, große Holzscheiben, Moos, Dachziegel, Korken, Basaltsteine, Rindenmulch, Tannenzapfen, Sägemehl, Bachsteine und Teichfolie für eine ausgedehnte Stelle zum Matschen. Unter großer Beteiligung der Kinder wurden die verschiedenen Materialien am Aktionstag in die vorbereiteten Felder des Barfußpfades eingebracht, die Räume zwischen den einzelnen Pflastersteinen sowie der Baumscheiben, der Bachsteine etc. mit Sand ausgefüllt. Rindenmulch und Moos wurden festgetreten, die Dachziegel genau verlegt. Die Teichfolie wurde zugeschnitten und zum Schluss wurde der gelbe Sand im "Matschloch" kräftig mit vielen Eimern Wasser zu richtigem Matsch verrührt. Nach ca. zwei Stunden war der Barfußpfad fertig, so dass die Kinder bis zum Mittag noch genügend Zeit hatten, den Pfad auszuprobieren, von ihm vollends Besitz zu ergreifen.

Weitere Materialien und Angebote zur Sinnesförderung an diesem Tag waren z.B. Tastkästen, Klangspiele, Wurfsäckchen, Laufdosen, Stelzen, Wackelbretter, Baumscheiben, u.v.a.m.

5. Fazit

Der Tag verlief wie geplant, und die Schüler und Kinder waren mit Begeisterung bei der Sache. Der Barfußpfad wurde fertig und rege von allen Beteiligten genutzt, ebenso die anderen Materialien und Ideen zur Sinnesförderung. Besonderen Anklang fand das Matschloch am Ende des Barfußpfades. Es gab ein intensives Miteinander zwischen Schülern und Kindern.

Insgesamt ist zu sagen, dass wir in recht kurzer Zeit ein Projekt in die Praxis umgesetzt haben, bei dem sehr konkret zwischen Schule und Kindergarten kooperiert wurde. Es ist nicht das erste Projekt dieser Art an unserer Schule. Immer wieder stellen wir hierbei fest, dass auch mit relativ geringen Mittel bei guter Zusammenarbeit konkrete Projekte zu realisieren sind. Es müssen keineswegs immer kostenintensive Maßnahmen sein.

Die Fachschüler haben eine intensive Verknüpfung von Theorie und Praxis erlebt; sie konnten die Vorteile von Planung und Teamarbeit in einer Ernstsituation konkret erfahren. Die Schüler der Fachschulklasse entwickelten während und nach dem Projekt ein hohes Ausmaß an Engagement und Motivation. Kinder und Kindergartenpersonal bekamen neue Anregungen für einen aktiven Umgang mit den körperlichen Sinnen.

Besonders motivierend für die Schüler war auch, dass nach diesem Projekt viele Anfragen von anderen sozialpädagogischen Einrichtungen und Schulen kamen, ob wir nicht auch dort beratend und ausführend tätig werden könnten. Die Schüler sahen sich hier zu recht plötzlich in einer Expertenrolle - für die Schule eröffnete sich die Funktion eines "pädagogischen Dienstleiters" im kommunalen Umfeld. Diese neuen Aspekte schulischen Arbeitens sind sicherlich langfristig weiter zu bedenken und auszubauen.

Literatur

Ayres, A.J.: Bausteine der kindlichen Entwicklung, Springer Verlag, 1984

Kiphard, E.J.: Motopädagogik, Verlag modernes Lernen, 1983

Mertens, K.: Lernprogramm zur Wahrnehmungsförderung, Verlag modernes Lernen, 1984

Köhler; B./Reber, H.: Kinder machen Fußgymnastik, Enke Verlag, 1991

Rumpf, H.: Über den zivilisierten Körper und sein Schulschicksal, in: PÄDAGOGIK, Heft 6, 1996

Kükelhaus, H./zur Lippe, R.: Entfaltung der Sinne, Frankfurt 1982, Fischer Verlag

Thiesen. P.: Wahrnehmen, Beobachten, Experimentieren, Beltz Verlag Weinheim, 2001

TPS-EXTRA, 1996, Luther Verlag

Autor/in

Mari-Luise Auernheimer
Fachschulen für Sozialwesen
Kreuznacher diakonie
Ringstr. 65
55543 Bad Kreuznach

Hartmut Zern, Dipl. Pädagoge
Fachschulen für Sozialwesen
Kreuznacher diakonie
Ringstr. 65
55543 Bad Kreuznach

Website: http://www.fsw-kreuznacherdiakonie.bildung-rp.de/
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