Spieglein, Spieglein ... Linkshänder - Rechtshänder - linke Hemisphäre - rechte Hemisphäre?

Barbara Perras

 

Männer denken logisch, linear, zeitlich und analytisch, also mit der linken Gehirnhälfte - Frauen dagegen denken emotional, musisch, künstlerisch, räumlich und natürlich mit der rechten Gehirnhälfte. Warum können dann Frauen angeblich schlechter einparken, was dem räumlichen Denken mit der rechten Hemisphäre widerspricht, und sind verbal gewandter, was eigentlich der linken ("männlichen") Seite zugesprochen wird. Viele Erkenntnisse der Forschung während der letzten 15 Jahre wurden allgemein vereinfacht und einseitig dargestellt.

"Das menschliche Gehirn, das äußerlich aus zwei fast spiegelgleichen Hälften besteht, ist asymmetrisch organisiert. Das Sprachvermögen ist gemeinhin links zuhause, räumliche Fähigkeiten dagegen rechts" (http://science.orf.at/science/news/82385). Diese Spezialisierung des Gehirns mit einer bevorzugten Hand konnte ansatzweise auch bei Primaten festgestellt werden. "Demnach muss sich die neurobiologische Basis für die Entwicklung der Händigkeit sehr früh, etwa vor fünf Millionen Jahren entwickelt haben, schließen die Forscher" (http://www.wissenschaft.de/wissen/news/247157.html).

Unsere Nervenbahnen (mehr als 95%) kreuzen beim Eintritt ins Gehirn: Die rechte Körperseite wird von der linken Gehirnhälfte gefühlt und gesteuert, und die rechte Hemisphäre ist mit der linken Körperseite verbunden. "Bei 95% der Rechtshänder befindet sich das Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte. Bei Linkshändern ist es aber nicht genau umgekehrt - rund 70% haben das Sprachzentrum auf der linken Seite, die restlichen 30% haben ihr Sprachzentrum auf beiden Seiten. Bei Linkshändern scheinen die Funktionen nicht so eindeutig auf eine Gehirnhälfte beschränkt zu sein. Ähnliches beobachten Forscher auch bei Frauengehirnen im Vergleich zu Männergehirnen" (http://www.wdr.de/tv/service/gesundheit/inhalt/20050314/b_4.phtml?).

Vermutlich beeinflussen die Hormone kognitive Unterschiede zwischen Frauen und Männern, indem sie geschlechtsspezifische Hirnmechanismen nach sich ziehen. Diese Theorie konnte bei Personen, welche sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, und bei Tests mit Frauen am 2. (Tiefpunkt der Sexualhormone) und am 22. Tag des Monatszyklus (hoher Hormonspiegel an Östradiol und Progesteron) nachgewiesen werden (http://science.orf.at/science/news/82385).

Welche Konsequenzen können aus den Forschungsergebnissen für die moderne Pädagogik gezogen werden?

Rechte und linke Hemisphäre tauschen sich aus. Sie sind nicht nur mit den gegenüberliegenden Körperseiten, sondern auch über den so genannten "Balken" (corpus callosum) miteinander verbunden. Durch gleichzeitige Faserverbindungen mit dem Frontallappen wird entschieden, welche Aufgabe welcher Gehirnhälfte übertragen wird.

Für das Lesen und Schreiben macht es deshalb Sinn, nicht eine Seite zu überlasten, sondern Übungen einzubauen, welche einmal die rechte und dann wieder die linke Hemisphäre fordern: Kinder suchen aus vorgegebenen Wörtern alle heraus, welche denselben Buchstaben wie z.B. "a" oder "e" enthalten (Linkshirnaktivität). Anschließend schreiben sie die Wörter ab und wählen für das "A" eine rote und für das "E" eine grüne Schreibfarbe, während die anderen Buchstaben einheitlich blau oder schwarz geschrieben werden. Eine gute räumliche Übung ist es, die Wörter danach zu sortieren, ob die besonderen Buchstaben eher in der vorderen bzw. hinteren Hälfte des Wortes zu finden sind. Eine ähnliche Wirkung haben beim Lesen lernen Bilder, welche anstelle eines Hauptwortes in den Text eingefügt sind.

Im Kindergarten sind Symmetriespiele gut geeignet, um beide Gehirnhälften zu fördern und zu vernetzen:

  • Ergänzen von gleichseitigen Bildern (z.B. Haus, Baum, Schmetterling),
  • Ergänzen von Details, welche sich im Kreislauf wiederholen (Blütenblätter, Sonnenstrahlen, Mandalas),
  • Ergänzen von Details, welche sich auf fortlaufenden Linien wiederholen (Grashalme, Dachziegel, Säulen),
  • Fertigstellen angefangener Reihen, bei denen sich die Linien kreuzen (Zäune, Ornamente, "Drachenschwänze", Stickbilder).

Diese Angebote beziehen sich nicht nur auf das Malen oder auf Arbeitsblätter, sie lassen sich auch mit anderen, auch großräumigen Materialien durchführen, z.B. Sonnenstrahlen mit Meterstäben um einen Kreis legen, Dachziegel mit Seilen und Klammern an eine Wäscheleine hängen oder auf kleinerem Raum mit Magneten und Büroklammern u.ä. arbeiten.

Großen Spaß haben die Kinder, wenn sie Spiegel zur Lösung der Aufgaben verwenden dürfen. Und noch mehr Freude haben sie, wenn ihnen zum freien Ausprobieren Spiegel (-folien) zur Verfügung stehen. Zerrspiegel, Wölb- und Hohlspiegel (konvex und konkav), aber auch einfache Löffel, bei denen das Bild auf der Innenseite Kopf steht, regen zu umfangreicheren Wahrnehmungen und verknüpftem Denken an. Dabei begegnen die Kinder ersten physikalischen Phänomenen.

In der Therapie mit Schlaganfallpatienten wird ein "Spiegeltraining" eingesetzt, um beispielsweise mit dem gesunden Arm die Bewegung des kranken Armes vorzutäuschen und die Bewegung indirekt zu aktivieren. Patienten mit amputierten Gliedern konnten die Phantomschmerzen reduzieren, wenn sie im Spiegel "vollständige" Glieder bewegten. Ähnliche Seitenerfahrungen machen Kinder, welche mit Spiegeln experimentieren: Auf dem Dach eines Spiegelhauses sitzend haben sie plötzlich vier Beine...

Durch die Bewegung der bevorzugten Hand wird die schwächere mit trainiert, und umgekehrt stärkt das Training der schwächeren Hand auch die dominante (eine Übung, welche z.B. Tennisspieler für sich nutzen). Diese Wirkung wird über die visuelle Begleitung intensiviert.

Kinder mit umfangreichen "Spiegelerfahrungen" entwickeln ein besseres Körperschema, sie kennen ihren Körper genau und erleben ihn bewusst. Neben der kognitiven Förderung stärken sie ihr Selbstbewusstsein. Im kreativen, phantasievollen und bewegten Spiel werden die Ganzheitlichkeit und die rechte Hemisphäre angesprochen. Die erlebte Symmetrie führt sozusagen automatisch zur Zusammenarbeit beider Gehirnhälften und zur Verbesserung der Planungsfähigkeit im Frontallappen.

Mit positiven Gefühlen unterlegtes Lernen im Kindergarten führt nicht zu einer Spaß- und Fungesellschaft mit Null Bock auf die Schule, sondern unterstützt Kinder, selbst aktiv Herausforderungen zu suchen und zu bewältigen. "Positive Emotionen sind offenbar auf der rechten Gehirnseite angesiedelt und negative auf der linken" (http://www.wdr.de/tv/service/gesundheit/inhalt/20050314/b_4.phtml?). Noch relativ unabhängig von Geschlecht und Hormonen entwickeln Kinder die Stärke, von der rechten zur linken Hemisphäre zu wechseln und bei logischen oder analytischen Misserfolgen zur rechten Basis zurückzukehren, um mit

  • künstlerischen,
  • musikalischen,
  • kreativen,
  • bewegten,
  • ganzheitlichen, synthetischen

Aktivitäten wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Eine Möglichkeit, welche in unserer (Lern-) Gesellschaft und vor allem in unserem Schulsystem mit den gekürzten oder oft ausfallenden Werk-, Kunst-, Musik- und Sportstunden viel zu wenig berücksichtigt wird.

Autorin

Barbara Perras, Erzieherin, Motopädagogin, ist seit 1. Januar 2006 Leiterin des Evang. Kindergartens Eckenhaid. Kontakt: Birkhof-mit7sinnen@t-online.de