Rezension

Sönke Held, Tanja Pütz: Montessori. Von Kindern und Wissenschaftlern erklärt. Frühe Bildung. DVD, 75 Minuten. Freiburg: Herder 2014, EUR 26,99 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Der Film wurde von Sönke Held, Regisseur und Produzent, und Tanja Pütz erstellt, Professorin für "Erziehung und Bildung im Kindesalter" an der Fachhochschule Kiel. Ein Schwerpunkte von Tanja Pütz ist die Reformpädagogik. Sie arbeitet außerdem als Theoriedozentin in Montessori-Ausbildungskursen.

Dieser Film erscheint in einem Augenblick, in dem eine falsch verstandene Bildungseuphorie Auswüchse treibt wie nie zuvor. Ohne Rückbesinnung auf Erkenntnisse und Erfahrungen der pädagogischen Klassiker - und hier besonders der Reformpädagogen und der gesamten pädagogischen Bewegung Vom Kinde aus - entstanden und entstehen Förderprogramme in den Köpfen von Erwachsenen, die glauben, sie wüssten, was man Kindern wie "eintrichtern" kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden oft zu wenig für die Nutzer (Eltern, Erzieher/innen) aufbereitet, und so kommt es zu Fehlinterpretationen. Ein Beispiel sind die Zeitfenster in der kindlichen Entwicklung. Sie sind bedeutsam, aber sie sind auch nicht nach Ablauf einer bestimmten Zeitspanne sofort und für immer geschlossen.

Wenn man in "alten Methoden" stöbert, dann stößt man auf ungeahnte Schätze. So kommt dieser Film genau zu einem Zeitpunkt, an dem noch eine Kehrtwende möglich ist, eine Besinnung auf die Ressourcen des Kindes und eine Korrektur der Auswüchse und einseitig im Sinne von Lehrplänen interpretierter Bildungspläne.

In ausgezeichneter Weise führt der Film in die Entwicklung des Kindes ein, in ein Bildungsverständnis, das alle Kinder mitnimmt. Er gibt "Anleitung" und Impulse für das erzieherische Verhalten im Bildungsprozess. Der Aufbau des Filmes orientiert sich nicht nur an der Montessoripädagogik, sondern nimmt den Menschen als einzigartiges Wesen von der Schwangerschaft bis ins Alter ins Visier. Die Filmszenen sind eindrucksvoll und sprechen auch ohne Worte, wie ein sehr gutes Bilderbuch. Wer diesen Film (mehrfach) betrachtet und auf sich wirken lässt, der wird ein ganz neues Verständnis von Bildung entwickeln und mit der Sichtweise Montessoris auf Kinder ein- und zugehen.

Sönke Held und Tanja Pütz ist es gelungen, in 13 Kapiteln Theorie und Praxis, Entwicklungspsychologie und Hirnforschung, Beobachtung und Reflexion, Ko-Konstruktion und Partizipation, aktives Tun und sanfte Führung verständlich und spürbar zu machen. Die Bilder berühren den Betrachter. Sie überrollen ihn nicht mit Informationen, sondern machen ihn nachdenklich, einfühlsam, vorsichtig, lassen das Verständnis für jedes einzelne Kind wachsen.

Reizüberflutung erstickt unsere Kinder, immer neue Förderprogramme verunsichern und überfordern Erzieher/innen und Eltern. So ist die Ruhe, die von den Filmsequenzen ausgeht, besonders wohltuend. Das Kind braucht Ruhe (und nicht nur das Kind!), damit sich Neues im Gehirn "setzen" kann, verarbeitet wird. Nachbesinnung ist Teil einer Förderung.

Ganz deutlich wird in dem Film, dass das Kind keine "Knetmasse" ist, die man beliebig formen kann. Vielmehr braucht es seine vorbereitete Umgebung, die sich an seinem Entwicklungsstand und seinen Entwicklungsschritten orientiert. Ressourcenorientierung ist unverzichtbar - und nicht die Herstellung von Produkten zur Befriedigung der Eltern oder als Nachweis für die Schule. Hier hilft der Film, Erzieher/innen stark zu machen - zum Wohle der Kinder.

Selbstbestimmung, ganzheitliche Erziehung, Inspiration, Neugierde, individuelle Bewegung und vieles mehr prägen eine Pädagogik nach Montessori. Wenn ein Kind neugierig sein darf, so macht das glücklich und aufnahmebereit, unterstützt seinen Forschergeist und macht es mutig für Fragen an den Erwachsenen. Unausgesprochen kommt der wohl wichtigste Satz des Kindes bei Montessori zum Tragen: Hilf mir, es selbst zu tun! Der Film ist ein ausgezeichnetes Mittel, damit die Erwachsenen im Umfeld des Kindes diese Maxime endlich verstehen lernen. Der Fokus des Filmes richtet sich auf Lernprozesse und deren Bedeutung für den Bildungsverlauf im Leben des Kindes. Die Rolle, oder besser die Haltung der Erwachsenen, muss deshalb immer wieder reflektiert werden.

Würde der Film in der pädagogischen Ausbildung eingesetzt und Schritt für Schritt mit den Studierenden "erarbeitet", dann könnte man der unreflektierten Koffer- und Leistungspädagogik den Boden entziehen. In der Elternarbeit, gemeinsam mit den Eltern betrachtet und diskutiert - vielleicht sogar ausschnittsweise in einem Elterngespräch -, würde er viele Elternratgeber überflüssig machen und die Bindung, die Beziehung und das Verständnis der Eltern für ihr Kind verbessern.

Dem Film wünsche ich viele neugierige Betrachter, die mit seiner Hilfe ihre Haltung überdenken und unsere Kinder in eine bessere Zukunft begleiten. Es wird dann ihnen und den Kindern besser gehen; sie werden zufriedener und glücklicher sein!

Ingeborg Becker-Textor