Aus: DIE ZEIT, http://www.zeit.de/2001/11/Kultur/200111_sm-kindheit.html, (c) DIE ZEIT 11/2001

Eia und Popeia ist nicht genug. Wie viel Bildung schulden wir Kindern? Darf Bildung überhaupt sein in den ersten sieben Jahren? Donata Elschenbroich hat darüber neu nachgedacht

Susanne Mayer

 

Sie leben mitten unter uns. Wir sehen sie auf dem Bürgersteig, wo sie zwischen den Passanten auf die Knie gehen und, Nase am Boden, die Fugen zwischen den Betonplatten inspizieren. Es sind jene Wesen, die sich auf einer Autoeinfahrt verstohlen Kies in den Mund stopfen, um den Geschmack zu prüfen. Sie zerrupfen Spinnen, statt zum Abendessen zu kommen, sie wälzen sich schreiend am Boden, wenn jemand versucht, sie daran zu hindern, in Wasserlachen zu springen, um die Verdrängung der Materie zu testen. Und nehmen dabei keinerlei Rücksicht auf den Preis der neuen Schuhe. Die Rede ist von Kindern.

Kinder sind ermahnungsresistent, wenn sie die Welt erforschen. Sie sind besessene, rücksichtslose Entdecker oder, wie die Kinderforscherin Donata Elschenbroich mit kleiner Verbeugung in ihrem Buch über das Weltwissen der Siebenjährigen schreibt: "hochtourige Lerner". Ihr Untertitel verrät, dass es in diesem Buch nicht nur um freundliche Beobachtungen geht: Wie Kinder die Welt entdecken können, das klingt nach Ratgeber, verspricht Vorschläge für die aufregenden Exkursionen der kleinen Abenteurer auf einen weißen Kontinent - und lässt so anklingen, dass wir, die Eltern der Kinder, Erzieher, Lehrer, ein wenig Nachhilfe in dieser Sache gut gebrauchen können.

Donata Elschenbroich, Mitglied des Münchner Jugend-Instituts, beschreibt einen Skandal. Sie sieht eine Nachlässigkeit in unserem Umgang mit dem Wissensdurst der kleinen Kinder, gut möglich, dass ihr Buch, das in dieser Woche in die Buchhandlungen kommt, selber als Skandal wahrgenommen wird. Versucht die Wissenschaftlerin doch in höflichen Worten einen Kanon vorzustellen, der im Detail auflistet, was Kinder erfahren und gelernt haben sollten - nicht erst in der Schule, sondern schon vorher, in den wichtigen Jahren zwischen Krabbeln und Einschulung. Ein Kanon!

Beispiel: Zwei Sternenbilder kennen. Etwas repariert haben. Ein chinesisches Zeichen schreiben können. Mehrere Tage im Wald verbracht haben. In einen Bach gefallen sein. Einen Erwachsenen belehrt haben. Zwei Essen kochen können. Ein Gedicht von Puschkin aufsagen ...

Wie bitte? Puschkin? Na, dann eben Hölderlin. Und bitte auch drei Rätsel und ein Lied in Ausländisch und auch sonst noch viel mehr, seitenlang.

Es ist eine Denkübung, ein Spiel, das Kapitel für Kapitel aufgenommen und weitergedreht wird. Leichthändig, aber nicht ohne Ernst. Mit Grund! Denken wir darüber nach, was unsere Kinder lernen sollten, so denken wir über nichts weniger als über die Zukunft nach. Wie soll die Welt sein, in die unsere Kinder hineinwachsen, ist dann zu fragen, und wie müssen wir die Kleinen ausstatten, damit sie sich später darin einrichten können? Es geht Donata Elschenbroich darum, welches Bild vom Kind wir haben. Besser gesagt: Es geht ihr darum, mit uns ein Bild vom Kind zu entwickeln. Was sollten Kinder beherrschen, um diese Zukunft, über unsere Visionen hinaus, zu formen, bitte, dann nach ihren eigenen Wünschen? Solche Fragen reißen ein erschreckend weites Feld auf. Mag sein, dass dies der Grund ist, warum viele sich solche Fragen am liebsten gar nicht stellen, die Eltern, die zu erledigt sind vom anstrengenden Alltag, die gestressten Erzieher oder gar die Politiker, die das Wort Zukunft gerne mit Wahlperiode verwechseln.

Weit über die Hälfte aller Eltern, so berichtet Elschenbroich, kümmert sich nicht gezielt um Bildungserfahrungen ihrer Kinder in jenen Jahren, die Entwicklungspsychologen für die entscheidenden halten. Keine Kunst, keine Musik. Nie einen Nagel eingeschlagen. Und dann ist sie auch schon vorbei, die kostbare Zeit der ersten Jahre.

Kindergarten, Vorschule, Einschulung. Nun wird die frühe Wildheit in Form gebracht. Kinder, die noch gestern rasend wie Fauvisten malten, sieht man jetzt nicht selten Entchenschablonen umschnippeln. Konnte man sie als Zweijährige kaum hindern, Tante Ottis Handtasche auf der Suche nach Neuem umzustülpen, sich von hohen Mauern zu stürzen oder auf schwankende Bäume emporzuklettern, trotten sie nun in vielen deutschen Kindergärten Tag für Tag zur Sandkiste und spielen, was Erzieherinnen nicht selten am liebsten ist, mit Sand und nichts als Sand.

Singen? Neue Spiele lernen? Alte Spiele, die man früher noch auf der Straße hüpfte? Mit solche Vorschlägen laufen engagierte Eltern häufig schmerzhaft auf. Womöglich schon ein bisschen Englisch üben, wie es die Hirnforschung heute empfiehlt? Oder gar ein kleiner Physikversuch? Oh, das sind gefährlich Anstöße in einem Land, in dem zwar Eltern gerne abgewatscht werden, weil sie die Brut angeblich vor der Glotze parken und Medien höhnisch vom verzweifelten Kampf der angeblich Erziehungsberechtigten gegen den Pokémon-Schrott und Diggimon-Plastikmonstern berichten. Aber doch auch nichts so sehr Verdacht erregt wie der ach so falsche Ehrgeiz von Mama oder Papa, das Kind möge in seiner Kindheit etwa Sinnvolles tun!

Ein Dogma der deutschen Kindergartenkultur heißt "Freispiel". Das bedeutet, dass Kinder sich am besten frei vom Einfluss der Erwachsenen entfalten, dass alles im Spiel und "nur aus den Kindern" komme. Das wird gerne ganz fundamentalistisch vertreten, na, da muss man am Elternabend wenigstens keine unangenehmen Fragen befürchten wie die, was eigentlich gemeint ist, wenn im Kindergartengesetz etwas vom Bildungsauftrag steht.

Ja, was könnte gemeint sein? An diesem Punkt setzt Elschenbroich ein. Sie bemerkt, dass die Frühpädagogik in Deutschland noch in den allerersten Kinderschuhen steckt. Elschenbroich hat sich in der Welt umgesehen, in England, wo die Denkmuster der Kinder in Early Excellency Centres erforscht und wissenschaftlich begleitet und befördert werden, wo in diesen Tagen eine Initiative Sure Start lanciert wurde, die Eltern der Kleinsten mit in Fördermaßnahmen einbezieht. Es sind Mustereinrichtungen innovativer Pädagogik wie jene Kindergärten in der Reggio Emilia, Italien, wo jedes Kind seine Staffelei hat und von Künstlern unterrichtet wird.

Elschenbroich war in Japan, wo Kindergärtnerinnen den gleichen Status haben wie Professoren (während sie in Amerika niedriger bezahlt werden als Parkwächter). Sie hat Ungarn bereist, wo ein Kindergartenkind in den ersten eineinhalb Jahren schon über 60 Lieder gelernt hat, weil die Ungarn schon lange wissen, was in Deutschland mittlerweile durch zwei umfassende Studien belegt ist, dass das Ohr, die Feinmotorik, das tiefe Luftholen sowie die Schwingungen zwischen den Menschen durch nichts so sehr gefördert werden wie durch Musik.

Ein deutsches Menschlein wird erwartungsgemäß 4000 wache Stunden seiner Kindheit im Kindergarten verbringen, worauf es seit 1996 ein juristisch verbrieftes "Recht" hat - aber welche Erfahrungen wird es da machen? Das Kindergartengesetz entstand aus der Diskussion um die Legalisierung der Abtreibung, viel Hirnschmalz wurde auf die Frage verwendet, wie Öffnungszeiten sein müssen, um die Berufstätigkeit einer Mutter zu ermöglichen. Von 8 bis 18 Uhr? Reicht 14 Uhr? Für die Stunden dazwischen fehlen weitgehend die Konzepte, und so hat Donata Elschenbroich in ihrem Buch einfach mal die Diskussion eröffnet: in 150 Gesprächen mit Erfindern, Grundschuldidaktikern, Großeltern, Physikern, Teenies, Eltern, Medizinsoziologen oder Spielpädagogen überlegt, was zu tun wäre. Diese Gespräche bilden, in Auszügen, das Rückgrat des Buches. Sie sind Resümee eines Forschungsprojektes, das in den Jahren 1996 bis 1999 mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert wurde.

Kinder, gibt da Rolf Oerter, Entwicklungspsychologe an der Universität München, zu bedenken, stünden den Erwachsenen keineswegs in Denkfähigkeit nach, höchstens in der Masse des erworbenen Wissens. Artur Fischer, Erfinder von Konstruktionsbaukästen für Schüler, überlegt, ob Eltern nicht ein wenig Angst zeigten, ihre Kinder könnten sie zu viel fragen. "Was als kindgemäß angesehen wird, das ist oft unterfordernd", sagt der Grundschuldidaktiker Wolfgang Einsiedler. Nur Zulassen oder Entwicklung ermöglichen, das sei nicht genug: Entwicklungsstimulierend müsse der Umgang mit Kindern sein! Die Leiterin der Kinder-Akademie Fulda, Gabriele König, berichtet von wundervollen Erlebnissen, die Kinder im Unterricht durch Experten hätten, Handwerker, Wissenschaftler, Künstler: "Die Kinder erfahren die Aura von Meisterschaft."

Elschenbroich fragt vorsichtig: "Was wir nicht tun, ist das eine Unterlassung, ist das Vernachlässigung?"

Fragen, vortasten, versuchshalber erwägen, den Horizont umkreisen. Die Tonart des Buches ist die der Vorsicht, des Zubedenkengebens. Weshalb das Fragezeichen geradezu inflationäre Verwendung findet. Ist es genug, nach den Ferien in der Kleingruppe über das Reisen zu plaudern, oder sollten, wie Wolfgang Einsiedler meint, handfeste Mitbringsel auf den Tisch, vielleicht der Grundstock für eine Steinsammlung, die dann naturkundlich studiert wird? Gibt es nicht schon zu viele Kuschelecken in den Kindergärten, wäre es nicht angebracht, mal ein Herbarium anzulegen? Sollte ein Kind am Einschultag schon ein Lied in einer fremden Sprache singen können?

Die Leser beobachten Flugübungen von Experten über ungewissem Terrain. Für manchen Geschmack bewegt sich die Diskussion vielleicht zu sehr in den Wolken. Landungen in der Realität des Alltags sind dann hart. In einer wohl situierten Zone zwischen Frankfurt und Darmstadt, berichtet Elschenbroich, stellte eine Lehrerin fest, dass Kinder gerade mal drei Obstsorten benennen können: Äpfel, Bananen, Orangen. An solchen Punkten bricht - endlich, möchte man sagen - auch mal handfester Ärger durch. Elschenbroich schreibt: "Das ist Kinderarmut in Deutschland, relative Kinderarmut, nicht auf den ersten Blick kulturelle Unterernährung. Zu den Tafeln der globalisierten Alltagskultur nicht vorgelassene Kinder."

Fehlende Bildungserlebnisse. Nicht gestillter Bildungshunger. Dies ist kein Bericht über die deprivierten Kindheitszonen in Sanierungsgebieten. "Bewahrpädagogik" kann sich auch in den großen Kinderzimmern der Vorstadtvillen abspielen. Von der Infantilisierung des Umgangs mit Kindern ist die Rede, davon, wie junge Menschen mit Heißa und Hopsasa gelangweilt werden. Und vielleicht gerät manchmal bei allen freundlichen Erwägungen zu sehr in den Hintergrund, was Elschenbroich eigentlich ausloten will: "Wie der ,Ruck' von einer wissensfreien Kindheit zu einem interessanteren und abenteuerlichen Bildungsmilieu aussehen könnte."

Wir treffen zwei strahlend wissbegierige Geschwister und müssen miterleben, wie sich die Schule als Bremsklotz für ihren Wissensdrang erweist, das ergibt traurige Beispiele von Kinderneugier, die sich in Ermattung, Enttäuschung, Resignation verwandelt. Der Bildungsweg wird da zur "Pflichtstrecke", auf die ein Kind gezwungen wird, um es endlich, hier zitiert Elschenbroich den italienischen Schriftsteller Giorgio Manganelli, "auf eine schwer fassbare Weise verletzt zu verlassen".

Es kann nicht als Entlastung empfunden werden, wie Emanuel Weinert, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychologische Forschung im Gespräch mit Elschenbroich anführt, dass vielleicht 90 Prozent der Erziehung in den ersten Lebensjahren einfach durch das geschieht, was in der Welt des Kindes da ist. Denn die Umwelt der Kinder sind ja wir. Und was wir, die Eltern, die Kommune, die Gesellschaft, ihnen an Umwelt bieten. Da stellen sich unangenehme Fragen, gerade auch für die Eltern.

Leben wir mit unseren Kindern an Orten, an denen es gut ist, ein Kind zu sein? Was ist überhaupt ein Zuhause in unseren flexiblen Zeiten, fragt Elschenbroich: "Kann man Kindern zu einem postmodernen Heimatgefühl verhelfen, kann man ihnen ein fliegendes Nest flechten?", und sie drückt damit keineswegs auf die Tränendrüsen: "Die Fähigkeit, sich selbst einen umfriedeten Raum zu schaffen, seine Heimat selbst erfinden zu können, würde so zu einem Teil des Weltwissens von Kindern", schlägt sie mutig vor.

Heimat als Flöte üben. Oder: Mit sich allein im Lesesessel. Ist das genug?

Nachbarschaft als die Leute von einem Stockwerk drüber oder drunter. Und die alte Frau, die ein paar Straßen weiter wohnt, gehört schon nicht mehr dazu, weil der Parcours über Fahrradwege und durch rasende Autos lebensgefährlich ist, weshalb womöglich alle Kinder die Geschichten aus Bullerbü so lieben (und die Eltern sie so gerne vorlesen). Was in Bullerbü auf fiktionaler Ebene vorgelegt wird, ist ja dies: dass Wissen, als Wissen von der Welt, nur als ganzkörperlicher Austausch erfahren werden kann. Wenn man in den Bach fällt. Oder mit dem Fahrrad in den Zaun rast. Wenn man sich bei der alten Frau nebenan mal von seinen Eltern ausruhen kann, neben dem Ofen, mit Plätzchengeschmack auf der Zunge.

Nun, dies ist ein Buch, dessen Lektüre zu zwanghaften Handlungen verführen kann:

Wenn man auf der letzten Seite angekommen ist, möchte man sofort die Autorin anrufen, um das Gespräch mit ihr weiter und weiter zu führen, so viele Fragenzeichen stehen ja noch im Raum.

Man überlegt, wie man die Entbindungsstationen der städtischen Krankenhäuser überreden könnte, jeweils ein Exemplar in die obligate Tüte mit den Penaten-Pröbchen zu stecken, als Pflegeartikel zur guten Elternschaft.

Und man fragt sich, ob man selber wirklich alles getan hat, damit die Kinder die Flügel ausbreiten.

Literatur

Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen Wie Kinder die Welt entdecken können; Verlag Antje Kunstmann, München 2001