"Volksverbundene, deutsche, nationalsozialistische Kinder". Zur Kindergartenerziehung in den Jahren der Nazi-Diktatur (1933-1945) - aufgezeigt am Beispiel der Stadt München

Manfred Berger

 

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die Nationalsozialisten strebten von Anfang an nach einer Instrumentalisierung der Jugend. Damit setzte auch eine grundlegende Umorientierung für die außerfamiliäre Erziehung der noch nicht schulpflichtigen Kinder ein. Man betrachtete den Kindergarten als "Notbehelf" und nicht mehr, wie in den Jahren der Weimarer Republik, als eigenständige pädagogische Einrichtung, die für alle Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren offen zu sein hat und Kinder aller Stände aufnimmt. Des weiteren wurden Theorien zur kindlichen Entwicklung, die die Individualität und Eigenständigkeit des Kindergartenkindes betonten, außen vorgelassen. Der Kindergarten avancierte zum politischen "Vehikel", in dem die nationalsozialistische Menschenführung Priorität hatte:

"Wie die Erziehung im nationalsozialistischen Deutschland selbst, ist auch der Kindergarten ein wesentlich politisches Erziehungsmittel, in dem alle Grundsätze nationalsozialistischer Menschenführung ihre Verwirklichung finden."1)

Der damalige bayerische Innen- und Kultusminister sowie stellvertretende Ministerpräsident, Adolf Wagner (seit 1923 Mitglied der NSDAP), umriss auf einer am 11. Januar 1937 durchgeführten Tagung im Kindergärtnerinnenseminar der Stadt München die "Aufgaben des nationalsozialistischen Kindergartens" mit folgenden Worten:

"Da der Nationalsozialismus das Hauptgewicht der Erziehungsarbeit wieder in die Familie verlegt, muß die teilweise Überbewertung der pädagogischen Aufgaben des Kindergartens abgelehnt werden. Der Kindergarten im neuen Staat hat vor allem auch der gesundheitlichen Ertüchtigung zu dienen und folgende Aufgaben zu bewältigen: Erleichterung der Arbeit der Mütter kinderreicher Familien, Erziehung einziger Kinder in der Kindergemeinschaft, Erfassung der Kinder aus politisch gefährdeter Umgebung, Betreuung der Kinder, deren Mütter im Erwerbsleben stehen, und Mitarbeit in all den Fällen, wo die häusliche Erziehung unzulänglich ist."2)

Anstelle des bis 1933 zumindest in Ansätzen vorhandenen Versuchs einer wissenschaftlich begründeten Kindergartenerziehung trat die nationalsozialistische Weltanschauung und Propaganda, die nun das Ziel der Kindergartenpädagogik bestimmte. Diesbezüglich hob der Leiter des Schuldezernats, Josef Bauer, dem sämtliche Kindergärten der Stadt München unterstellt waren, auf einer am 14. Juni 1939 in der "Herrnschule" durchgeführten Fortbildungsveranstaltung zum Thema "Erziehung und Weltanschauung" die Verantwortung des Führers und der Partei in Erziehungsfragen hervor. Genannter griff in seinem Vortrag insbesondere die katholische Kirche und ihre "Weltanschauung" an:

"Die Führung von Kindergärten ist eine Aufgabe der Menschenführung und damit im wesentlichen eine Aufgabe der Partei. Was bedeutet dies für Sie als Kindergärtnerin der Stadt München?
Adolf Hitler hat das Leben des deutschen Volkes gerettet mit seinen Grundsätzen, mit seiner Weltanschauung und wir sind überzeugt, daß diese Grundsätze und diese Weltanschauung das Leben des deutschen Volkes für die kommenden Jahrtausende erhalten wird. Warum gerade das Leben des deutschen Volkes erhalten werden soll? Weil es vom Schöpfer eine heilige Mission erhalten hat.
Adolf Hitler wäre sein Werk nicht gelungen, wenn nicht seine Weltanschauung stärker und richtiger gewesen wäre, als jede andere vorher. Deshalb hat auch niemand anderer ein Recht über die Erziehung zu bestimmen als Adolf Hitler oder der Nationalsozialismus. Darüber müssen Sie sich im klaren sein!
Sagen Sie nicht, daß diese Revolution der Erziehung in Deutschland schon abgeschlossen ist. Ich glaube, daß wir erst am Anfang stehen! Es berührt mich immer peinlich, wenn Erzieher mangelndes Vertrauen zur Führung spüren lassen oder wenn sie in anderer Weltanschauung noch vollständig befangen sind. Über solche wird die Geschichte hinweggehen. Sie dürfen Ihrem Schicksal dankbar sein, daß augenblicklich der Menschenmangel auf allen Gebieten herrscht.
Das Ziel der Erziehung wird vom Nationalsozialismus bestimmt, vielleicht auch die Methode der Erziehung. Was soll am Ende der Erziehung stehen? Der nationalsozialistische Mensch, der Mensch, der vollständig mit der nationalsozialistischen Weltanschauung vertraut ist und deshalb alle Eigenschaften hat, die wir von einem deutschen Menschen verlangen müssen... Die Erziehung ist in der Lage, einen gewissen Typ von Menschen zu erziehen, auch schon rein körperlich im äußeren Auftreten, z.B. im preußischen Offizierskorps. Genau so hat es die römische Kirche verstanden, einen besonderen Typ von Mensch zu erziehen, und das ist so stark, daß ein Mensch, der lange im geistlichen Beruf war und austreten wollte, seine Erziehung nicht verleugnen kann, sein ganzes Leben lang nicht. Gewisse Dinge sind da, die bringt er sein Leben lang nicht mehr weg. Gehen Sie in eine Adolf Hitlerschule, die zeigen eine bestimmte Haltung, die Vorbild sein wird für die Haltung des deutschen Menschen. Ein Mensch, der durch Erziehung eine bestimmte Haltung bekommen hat, kann nicht mehr geändert werden.
Es gibt eine Weltanschauung, die da glaubt, daß man durch Gebete und religiöse Verrichtungen das Schicksal beeinflussen könnte, daß man vielleicht auch den Herrgott veranlassen könnte, Gesetze, die er selber gemacht hat, für den einzelnen, der fleißig betet auszuschalten oder nicht wirksam werden zu lassen. Nicht das Beten, sondern die ehernen Gesetze des deutschen Volkes haben geholfen! Wenn wir nicht selbst an unsere Weltanschauung glauben, werden wir andere auch nicht in dieser Weltanschauung erziehen können und werden sie nicht überzeugen können...
Wir als Erzieher sollen Revolutionäre der nationalsozialistischen Bewegung sein und können es nur sein, wenn unser Glaube an die nationalsozialistische Weltanschauung uns so tief durchdringt, daß wir uns jederzeit gebunden fühlen, dieser Allgemeingültigkeit und unbedingte Herrschaft zuzuerkennen."
3)

Friedrich Fröbel, der 1840 in (heute Bad) Blankenburg den Kindergarten stiftete, wurde selbst von "seriösen" Wissenschaftlern als "völkischer Erzieher" ausgewiesen. Kein geringerer als der namhafte Psychologe Oswald Kroh (Professor von 1938 bis 1942 an der Münchener Universität) sagte in einer Fortbildung für die Kindergärtnerinnen der Stadt München im Jahre 1938 über Friedrich Fröbel:

"Der Rang eines großen völkischen Erziehers gebührt ihm auf jeden Fall. Selbst tief eingebettet in völkisches Wesen, durchdringt er aus der Einheit seiner Grundanschauungen den ganzen Bereich der völkischen Lebenswirklichkeit mit tiefem Blick für organische Formen und echte Gehalte in der Absicht, dem deutschen Volke die Einheit der Haltung, die Innerlichkeit des Wesens, die Kraft des Einsatzes und die Fruchtbarkeit der schöpferischen Leistung zu erhalten und wiederzugeben, zu der er aus göttlichem Willen berufen ist."4)

Ein wirkungsvolles Mittel, dem NS-Staat die Loyalität seiner Untertanen zu sichern, war der Aufbau einer emotionalen Bindung an Adolf Hitler. Bilder vom "Onkel Führer", die zu bestimmten Fest- und Feiertagen von den Kindern geschmückt wurden, sorgten für die allgegenwärtige Präsenz dieser moralischen Instanz. Diese wurde noch zusätzlich verstärkt durch nationalsozialistische Lieder, durch gebetsähnliche Verse und Sprüche, durch Bilderbücher und Märchen, durch (unwahre) Erzählungen über das Leben Adolf Hitlers und seinem Aufstieg zum Führer des deutschen Volkes, durch die Thematik der Spiele u.a.m. Nachstehender Wochenplan aus dem Jahre 1941 veranschaulicht die Instrumentalisierung der Kindergartenkinder:

"Beschäftigungen in der zweiten Märzhälfte des Jahres 1941

Montag

Bilderbuchbetrachtung: 'Eine wahre Geschichte'. Wir erzählen den Kindern vom Leben im Schützengraben.

Dienstag

Bewegungsspiele und -übungen unter Berücksichtigung der klimatorischen Faktoren Licht, Sonne, Luft und Wasser.
Die Kinder basteln Flugzeuge aus Kartonpapier (Bemalung in den Nationalfarben oder Buntpapierverzierung belebt das gebastelte Flugzeug).

Mittwoch

Wir betrachten die Tageszeitung: Die Kinder hören vom Leben unserer tapferen Soldaten an der Front. Sie sehen Bilder vom Kriegsschauplatz.
Die Kinder werden zum Spiel angeleitet: 'Startende Kampfflugzeuge'
Gemeinsam lernen wir:
Lieber Führer!
So, wie Vater und Mutter lieben wir dich.
So, wie wir ihnen gehören, gehören wir dir.
So, wie wir ihnen gehorchen, gehorchen wir dir.
Nimm unsere Liebe und Treue, Führer, zu dir.

Donnerstag

Was erlebt alles eine Feldpostkarte?
Wir vertiefen: Schwarz, weiß, rot, das sind unsere Farben.
Bewegungsspiele und -übungen: Wir sind kleine Soldaten und kämpfen für den Sieg Deutschlands.

Freitag

Märchen: 'Das tapfere Schneiderlein' (den Kindern werden die jüdischen Merkmale des Schneiderleins deutlich veranschaulicht).
Wir singen, musizieren und grüßen uns deutsch nach dem Lied 'Der General Bumbum':
Der General Bumbum, der reitet alles um.
Sein Streitroß ist von Leder, papiernen Hut und Feder,
Sein Säbel ist von Holz, er selber kühn und stolz.
Dort kommt er an mit Schnaufen.
Kam´rad nun laß uns laufen,
sonst bringt er uns noch um,
der General Bumbum!"
5)

Die nationalsozialistische Durchdringung der Kindergartenpädagogik verdeutlicht erneut folgender Textauszug aus der Jubiläumsschrift "Aus einem deutschen Kindergarten", herausgegeben zum 25. Gründungstag des städtischen Kindergärtnerinnenseminars in München-Bogenhausen:

"Volksverbundene, deutsche nationalsozialistische Kinder
'In deinem Volke liegt die Kraft.'
Adolf Hitler.
Dieser Leitgedanke und die frühe Kindheit - sollte es möglich sein, sie in einem Atemzug zu nennen?
Das Leben mit den Kindern bestätigt uns immer wieder das Wort von Hölderlin:
'Der Baum wie das Kind
suchet, was über ihm ist.'
Auffallend ist die Aufgeschlossenheit, die Freude der Kinder an allem, was wir bewußt als altes Volksgut immer im Kindergarten gepflegt haben: seien es unsere wunderschönen deutschen Märchen, die wie Kinderlied und Kinderreim ein Stück der Seele unseres Volkes und unserer Rasse sind, seien es Brauch und Feier der jahreszeitlichen Feste.
Die Verstädterung bedeutet an sich schon eine Gefahr der Entwurzelung aus der natürlichen Volksverbundenheit. Um so mehr sind wir bestrebt, unseren Kindern allen nur möglichen Ausgleich zu schaffen. Wir suchen Handwerker: Schuster, Schneider, Schlosser, den Bäcker in ihrer Werkstatt auf, beachten die mühevollen Botengänge des Briefträgers, der Zeitungsfrau, besonders die Arbeit der Putzfrau, um ihr nicht unnötig Mühe zu machen. Groß ist das Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Bauernhof am Stadtrand. Am liebsten gingen die Kinder jede Woche dahin. Wichtig wird es erzählt, wenn eines 'unsern Bauern' unterwegs getroffen und von jungen Schweinchen oder eben ausgeschlüpften Küken hörte. Er sagt uns an, wann Heuernte oder Kartoffelernte ist; da läßt die Bäuerin alle Kinder mittun. Wir brauchen kaum dann und wann ein Wort zu sagen, um die Achtung vor der Arbeit und ihrem Träger zu wecken.
Immer wieder sehen wir, wie alles, was vom Volkstum, vom Zeitgeschehen, von großen geschichtlichen Ereignissen her in die Lebenslust des Kindergartens schwingt, nur des Inneren Erfülltseins, des leisen Echos, des 'Dabeiseins' unsererseits bedarf, um von dem unglaublichen Ahnungsvermögen dieser jungen Menschenkinder aufgefangen zu werden. Die wißbegierigen Fragen, das bruchstückweise Erzählen unserer Kinder, welche die nationalen Feiertage, große Zeitereignisse durch allgemeine Beflaggung, Umzüge, Radiosendungen usf. auf ihre Weise miterleben, bieten in zwangloser Art Gelegenheit, ihnen von unserem Volk, unserem Vaterland und seinem Führer zu erzählen.
So jung die Kinder sind, menschliche Größe können sie, ebenso wie Göttliches, ahnend erfassen. Soweit manche Dinge und Zusammenhänge über ihren kleinen Kinderverstand hinausreichen mögen, ihre ahnende und fragende Seele fängt sie ein. Wie unbedingt gläubig nehmen sie das Wort von den Lippen, wenn wir ihnen in stillen Minuten über solch größere, höhere Dinge Antwort geben. Dabei spüren wir: Hier ist eine Welt ohne Phrase und Pose.
Oft geraume Zeit nachher sehen wir den Niederschlag solcher Eindrücke in den Kinderzeichnungen und frei gestalteten Spielen. Nach dem 9. November wird des öfteren die Feldherrnhalle aus großen Klötzen am Boden aufgebaut, Tannengrün für den Heldenkranz erfinderisch aus dem Garten von den Decktannen der Rosen geholt, in selbstgeordnetem Aufmarsch ziehen sie feierlich grüßend und singend mit Fahne und Trommelschlag daran vorbei.
Immer wieder entstand nach dem Festzug zum Tag der Deutschen Kunst das große Gebäude mit seinen tragenden Säulen in der Prinzregentenstraße. Am Geburtstag des Führers stellten sich zwei Buben mit Begeisterung und Wichtigkeit vor seinem Bilde auf 'als Ehrenpfosten' - wie sie sagten - und waren kaum zu bewegen, sich ablösen zu lassen zum Frühstück. Dasselbe geschah mit heiligem Ernst beim Tode unseres großen Hindenburg. Zum Tag der Arbeit hatte Hans sein Fahrzeug, den Roller, ebenso mit Tannengrün geziert, wie er es die Großen tun sah mit ihrem Fahrzeug.
So klein und unscheinbar die Gelegenheiten des täglichen Lebens sein mögen, sie werden zu einem Hinweis auf tapfere, mutige, ritterliche Art - auf deutsche Haltung. Wenn Manfred uns stolz erzählt, daß er jetzt schon beim Marschieren die Hände aus der Tasche und nicht mehr drinnen halte - daß er nun doch auch ein deutscher Mann werden könne -, und wenn ein Junge in einem auslanddeutschen Kindergarten nach dem Besuch des Zeppelin die Kindergärtnerin fragte, ob sein saubergefaltetes Schiffchen 'auch deutsche Wertarbeit' sei - so mag mancher lächeln, wir sehen darin das keimhafte Verständnis für unsere Bemühungen um die Erziehung des deutschen Menschen."
6)

Das "völkische Leben" wurde in allen Münchener Kindergärten besonders gepflegt, wie folgender Textauszug aus dem "Jahresbericht 1934/35 der Städtischen Kindergärten Münchens", publiziert im "Zentralblatt" unter der Überschrift "Lebensnähe im Kindergarten", anschaulich belegt:

"Der innere Betrieb an den städt. Kindergärten (der Stand beträgt z. Zt. 51 Kindergärten mit 91 Abteilungen; erfaßt wurden lt. Monatsstatistik 3.333 Kinder) stand im Zeichen größter Lebensnähe. Jedes Ereignis, jeder Vorgang im Leben und Naturgeschehen, im Ablauf des Kirchenjahres, in wirtschaftlicher, völkischer und vaterländischer Hinsicht, soweit es nur irgendwie dem kindlichen Verständnis nahegebracht werden könnte, wurde ausgewertet für den Arbeitsplan und die Zielsetzung der Kindergartenarbeit...
Mit freudiger Bereitschaft nahmen unsere Kleinen an allem Anteil, was unser Volk in seiner ihm neu gegebenen Vaterlandsliebe und seinem völkischen Leben bewegte. Jede nationale Feier fand im Kindergarten ihren warmen Widerhall, und es war oft erstaunlich, welches Wissen heute unsere kleinen Knirpse bereits vom politischen Geschehen haben. Jeder nationale Gedenktag wurde zu einem Feiertag. Die Anlieferung des Führerbildnisses wurde in jedem Kindergarten zu einer überraschenden Feststunde. Fahnengeschmückte Straßen ließen die Kleinen schon erwartungsvoll in den Kindergarten kommen; der Tag der Arbeit, der Machtübernahme, Hindenburgs Heimgang, Schemms Tod, Heldengedenktag, fanden gebührende Beachtung und Auswertung. Ganz besonders ergriffen wurden unsere Kleinen von der Freude über das heimgekehrte Saarland und die Proklamation der Wehrmacht. Aber nicht nur in Feiern, sondern auch im Opfern für unsere Volksgenossen wurden unsere Kleinen geübt. Winzige Sparkassen wurden angelegt, Pfennigbeträge gesammelt und für das Winterhilfswerk gespendet und davon Blumen für das Kriegerdenkmal oder zum Empfang der im Schulhaus untergebrachten Saarturner besorgt. So wurde jede sich bietende Gelegenheit benützt, um die Kinderherzen aufzuschließen für das wechselvolle Geschehen, das unser ganzes Volk bewegt."
7)

Mit großem Aufwand feierte man die völkischen Fest- und Gedenktage mit dem Ziel: zur Förderung der "blutgebundenen Gläubigkeit" und anderer "deutscheigenen Tugenden". Dazu äußerte sich Bezirksschulrat F. Fikenscher am 12. Februar 1940 auf einer Fortbildungstagung für die Münchener Kindergärtnerinnen:

"Die völkische Feier gehört deshalb heute zum Rhythmus des Lebens im Kindergarten wie der Sonntag zur Werkwoche. Sie ist als Grundform volkhafter Bildung allgemein anerkannt; ihre politische Bedeutung und ihre erzieherischen Werte liegen offen zutage: Die Feier läßt das Kind unmittelbar, tief und nachhaltig Gemeinschaft erleben. Sie zwingt stimmungsvoll zur Stille, zur Besinnung, zur Andacht und zur blutgebundenen Gläubigkeit. Sie fordert Disziplin und Haltung, Anteilnahme und Hingabe, kameradschaftlichen Einsatz, Unterordnung und ehrliches Bekenntnis. Sie spricht den jungen Menschen in seiner Ganzheit an, wühlt vor allem sein Gefühl auf und rührt die irrationalen Kräfte seiner Seele. Sie regt die Phantasie des Kindergartenkindes an und weckt und prägt den wachsenden Willen."8)

Um einer "Feier ihren gewünschten Erfolg zu sicher", sollten folgende Grundbedingungen berücksichtigt werden:

"1. Der Leitgedanke der Feier muß schlicht und klar in Erscheinung treten.
2. Die Feier muß ihr eigenes Gesicht und charakteristische Gepräge tragen.
3. Jede Feier muß stilvoll und stimmungsgerecht gestaltet werden.
4. Jede Feier muß gemeinschaftsumfassend und gemeinschaftsformend sein."
9)

Wie sah nun eine "völkische Feier" in der Praxis aus? Hilde Murschhauser, Kindergärtnerin am Seminarkindergarten der Stadt München, berichtete über dem Verlauf der Feier zum 9. November, jenen Tag im Jahre 1923, als Adolf Hitlers Putschversuch mit Marsch auf die Münchener Feldherrnhalle scheiterte:

"Auch die kleine Schar vom Kindergarten durfte den 9. November feiern und erleben. Noch begeisterter als sonst kamen die Kinder als Hitlerjungen und Hitlermädchen in den Kindergarten; noch strammer als sonst grüßten sie 'Heil Hitler!' Schon die erste Stunde im Kindergarten brachten etwas Besonderes. Aus schönem roten Drachenpapier durfte jedes Kind ein Hakenkreuzfähnchen arbeiten. Wie schafften die Kleinen mit Begeisterung, wie regten sich die Hände, und welcher Stolz dann auf die Fahne! Jedes Spielzeug, jede Puppe blieb im Kasten, ganz von selbst; eine andere Stimmung war im Kindergarten - feierlich und fast ernst. Brachten sie die Hitlerjungen und Hitlermädchen mit? Haben es die Fähnchen gemacht? Es war eben 9. November!
Wir saßen alle beisammen vor unserer schönen Hitlerecke. Die willensstarken, gütigen Augen des Führers blickten auf uns. Und viele große, fragende Kinderaugen schauten hinauf zum Bild. Es war ein feierlicher Augenblick, als ich einen frischen Lorbeerkranz unter das Bild des Führers hängte. Ein ganz besonderes tüchtiges Kind, ein schneidiger, kleiner Hitlerjunge, durfte ein Silberband um den Kranz schlingen. Für den Kleinen war das ein großer Augenblick - seine ernsten und doch so freudestrahlenden Augen zeigten das. - Und dann erzählte ich von den Männern, die für uns erschossen worden sind - damit es uns gut gehen möge - damit wir und Deutschland leben mögen; ich erzählte von Hitler, von seinem Kampf, von seinem Mut, von seinen großen Taten. Dann zeigte ich ein Bild von der Feldherrnhalle, vom Mahnmal, von jenem denkwürdigen Platz, den wir Deutsche nie vergessen werden. Und im Zimmer wurde es immer stiller, die Kinderaugen wurden immer größer. Es war so schön und so feierlich ernst bei uns im Kindergarten - gerade vielleicht deshalb, weil man die Herzen der Allerjüngsten so recht füllen kann mit Liebe zum Führer und zum Vaterland. Ich erzählte viel, aber die Kleinen wollten immer noch mehr wissen. Dann kam noch die Geschichte vom Hitlerjungen Quex. 'Ich werde auch einmal der Hitlerjunge Quex!' sagte am Ende der Erzählung ein kleiner Hitlerjunge. Und dann saß kein Kind mehr auf dem Stuhl. Stramm und still standen alle, die Hand erhoben, die Augen beim Führerbild. Aus vierzig Kinderkehlen erschallte das Lied 'Die Fahne hoch!' und dann das kleine Gebet. 'Lieber Gott, beschütz' mit starker Hand unsern Führer und das Vaterland!' - Die große Trommel wurde geholt. Mit seinem selbstgearbeiteten Fähnchen durfte jedes Kind der Trommel nachmarschieren. Unermüdlich hätten sie marschieren mögen!
So feierten wir im Kindergarten den 9. November. Es war nur der Kindergarten! Aber, ich möchte nie sagen, daß die Begeisterung, die Erwartung und die Freude bei einem nationalen Fest bei den Allerkleinsten geringer ist, als bei den Großen. Auch sie sind dessen schon inne, daß sie Deutsche sind - auch sie fühlen und wissen, daß ein großer Mann über uns steht - unser Führer!"
10)

Der nationalsozialistische Kindergarten stellte das "gesunde und arische Kind" in den Mittelpunkt seiner Erziehung. So schrieb die Leiterin eines Kindergartens des Münchner Stadtteils Pasing in einem Rechenschaftsbericht an die Gauleitung von München-Oberbayern:

"Jüdischen und erbkranken Kindern gilt in unserem Kindergarten nicht unsere Fürsorge, sondern den gesunden, tüchtigen und wertvollen deutschen Kindern. Ihnen soll der Kindergarten zur Blutsheimat werden. Somit ist unsere Arbeit Dienst am Kinde und damit zugleich Dienst an deutscher Familie und am deutschen Volk. Darum hüten und fördern wir: Ordnung, Zuverlässigkeit, Pflichttreue, äußere und innere Sauberkeit, Gewissenhaftigkeit, Sinn für Wagemut und eine gewisse Härte."11)

Ferner legte man gesonderten Wert auf die Erziehung der Jungen zu den wehrhaften Tugenden. Dazu konstatierte Josef Bauer in schon genannter Fortbildungsveranstaltung:

"Gerade die Knaben müßen frühzeitig genug die Tugenden, die wir am erwachsenen wehrhaften Manne schätzen erlernen wie Entschlossenheit, Mut, Ausdauer, Kameradschaft, Treue, Opfersinn u.a.m. Diese Mannestugenden werden vielleicht einmal später dringend benötigt, wenn andere Weltanschauungen den Nationalsozialismus bedrohen."12)

Wie schon vermerkt, wurden die Erziehungsziele von den Nazi-Machthabern postuliert und dekretiert. Diese setzten die in der Praxis stehenden Kindergärtnerinnen - sicher mehr oder weniger - in die Tat um. Jedenfalls gab es keinen öffentlichen "pädagogischen Diskurs", wurde nicht über Sinn und Zweck der vorgeschriebenen Erziehungsziele dialogisiert. Ein Zeichen für die totale Instrumentalisierung der Kindergartenkinder und ihrer Erzieherinnen während der Jahre 1933 bis 1945.

Anmerkungen

1) zit. n. Berger, M.: Vorschulerziehung im Nationalsozialismus. Recherchen zur Situation des Kindergartenwesens 1933 - 1945, Weinheim 1986, S. 37 ff.

2) zit. n. Mitschrift von Auguste Schimon. Genannte war von 1926 bis 1966 als Kindergärtnerin in München, seit 1931 bis zu ihrer Pensionierung am Seminarkindergarten des Städt. Kindergärtnerinnenseminars in München-Bogenhausen tätig. Die Originalmitschriften von Auguste Schimon sind im Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen, archiviert.

3) zit. n. Mitschrift von Auguste Schimon

4) zit. n. Mitschrift von Auguste Schimon

5) zit. n. Berger, M.: 150 Jahre Kindergarten. Ein Brief an Friedrich Fröbel, Frankfurt 1990, S. 78 f

6) Schneider, R./Schimon, G.: Aus einem deutschen Kindergarten, Berlin 1941, S. 48 ff.

7) Zentralblatt Jhg. 1935/36, S. 161 f.

8) zit. n. Schlesinger, J.: Die Entwicklung der Münchener Kindergärten in den Jahren 1933-1945, München 1992 (unveröffentl. Diplomarbeit), S. 39.

9) ebd., S. 40

10) zit. n. Berger, M.: "Volksverbundene, deutsche, nationalsozialistische Kinder". Kindergartenerziehung in den Jahren der NS-Diktatur, in: Landeshauptstadt München (Hrsg.): Wie wir werden, was wir sind. Zur Geschichte der Erziehung in München, München 2001, S. 115

11) zit. n. Schlesinger, J.: a.a.O., S. 83

12) zit. n. Mitschrift von Auguste Schimon, a.a.O.