Warum geben Sie Ihr mongoloides Kind in einen normalen Kindergarten?

N.N. (Der Bericht wurde von Ingeborg Becker-Textor erbeten und bearbeitet)

 

Ich bin gebeten worden, niederzuschreiben, warum ich mein Kind in einen normalen Kindergarten gebe. Als die Bitte an mich ging, habe ich mich sofort zu einer Antwort bereit erklärt. Jetzt jedoch, während ich beginne zu schreiben, wird mir die Komplexität, die hinter der Tatsache steht, daß A. in einem normalen Kindergarten ist, bewußt. Um aufzuzeigen, wie es dazu kam, muß ich weit ausholen.

Die Geburt eines Kindes löst allgemein Freude aus, auch wenn eine erstgebärende Mutter hilflos ist, sie bekommt schnell Rat und Hilfe von erfahrenen Frauen. Wie anders sieht es aus, wenn ein behindertes Kind geboren wird! Die Mutter eines behinderten Kindes ist ratlos, erschüttert, verzweifelt - im besten Fall - liebend und hoffend auf eine neue Möglichkeit weiterzuleben.

Ich wollte von Anfang an mit den Aufgaben, die mit diesem mir anvertrauten Kind nun einmal gestellt waren, nicht allein bleiben. Der Leiter des Heilpädagogischen Seminars, der mir schon vorher bekannt war, ebnete mir den Weg zu der Mutter eines anderen mongoloiden Jungen. Sie wiederum verwies mich an eine gute Ärztin und machte mich bekannt mit der Einrichtung der Lebenshilfe. Das waren die ersten Stationen, die uns halfen.

A. war während der ersten drei Monate seines Lebens in einer Kinderklinik. Dort konnte ich ihn dreimal täglich besuchen. Endlich konnte ich ihn nach Hause holen. Zur gleichen Zeit stand auch die Ärztin in unserer Wohnung und ermunterte mich, dieses Kind wie ein normales Kind zu ernähren und anzunehmen. Diesen Rat empfinde ich auch heute noch als den klügsten. Normal ernähren heißt für sie nicht die Fertigkost, sondern frisches Getreide, Gemüse, Obst, Milchprodukte, wenig oder kein Fleisch in den ersten 3 Jahren. Mit dieser Kost ist A. ein schlankes, kräftiges, zähes Kind geworden. Ich schreibe dies, weil ich glaube, daß es gerade bei mongoloiden Kindern wichtig ist, sie richtig zu ernähren, damit sie nicht plump werden. Die Lebenshilfe betreute uns mit der Frühförderung für behinderte Kinder: Es kamen Krankengymnastin und Heilpädagogin ins Haus, und gelegentlich fuhr ich in die Einrichtung, um A. der dortigen Ärztin und dem gesamten Team der Frühförderung vorzustellen. Für alle Menschen, mit denen ich über A. sprechen konnte und kann bin ich überaus dankbar. In meinen Augen ist die wichtigste Funktion der Frühförderung die Hilfe für die Eltern. Die technischen Hilfen, wie Griffe bei der Krankengymnastik, die Anregungen der Heilpädagogin, wären schnell gesagt und beigebracht, aber eine Mutter kann nur mit einem Kind arbeiten, wenn sie selber Mut und Hoffnung hat. Die zutiefst verstörten Eltern aufzufangen, ist sicher eine schwere Aufgabe, die ohne eine Frühförderung nicht möglich ist.

A. wuchs und entwickelte sich stetig, aber langsamer als andere Kinder. Ich bekam mein Problem langsam in den Griff. A. war mein Kind, er wurde von allen Bekannten, Verwandten und Freunden akzeptiert. Das half mir, in schwierigen Situationen weiterzukommen. Ich nahm ihn überall mithin und war bereit, Erklärungen abzugeben, wenn sich die Leute erstaunt zeigten.

Zwei Dinge blieben problematisch:

  1. A.'s Vater hatte es sehr viel schwerer, sich mit der Behinderung abzufinden.
  2. Jedes Mal, wenn ich in die Einrichtung der Lebenshilfe fuhr, kam ich deprimiert zurück. Die Einrichtung ist außerordentlich schön und zweckmäßig ausgestattet, die Mitarbeiter bis zur Aufopferung bemüht, aber die Anhäufung geistigbehinderter Kinder, die "Ghettosituation" bedrückte mich. Mir drängte sich immer mehr der Gedanke ins Bewußtsein, daß ein schwachbegabtes Kind in der Umgebung noch schwächerer und auffälliger Kinder nicht die beste Förderung erfahren könnte. Ich machte diese Bedenken gegenüber dem Team der Frühförderung laut. Eigentlich mußte ich dankbar sein, daß es Einrichtungen für behinderte Kinder gibt, aber es blieb das Bohren nach einer anderen Lösung.

Ich hatte mit meinem Mann beschlossen, nach der Geburt unseres Kindes halbtags weiterzuarbeiten, damit eine gewisse Finanzgrundlage gewährleistet blieb. Das bedeutete, daß ich A. in eine Kinderkrippe für 4 1/2 Stunden pro Arbeitstag gab. Dort wuchs er mit anderen Kindern von seinem 5. Lebensmonat an auf. Diese Kinderkrippe war eine außerordentlich gute "Aufbewahrung", konnte jedoch eine spezielle Förderung für ein behindertes Kind nicht leisten, die oblag mir - mit Unterstützung der Frühförderstelle. Für A. hatte der Aufenthalt dort jedoch den unbezahlbaren Vorteil, daß er von Anfang an mit Kindern, d.h. mit gesunden Kindern, aufwuchs und sich in eine Gruppe einordnen mußte.

Je näher nun der Termin kam, der einen Wechsel in den Kindergarten nötig machte, hörte ich wiederholt von A.'s Vater, daß er es nicht ertragen könnte, wenn A. im Bus eingesammelt und nunmehr nur noch mit behinderten Kindern spielen würde. Er hatte bereits begonnen, A. gern zu haben. Dieser Bus wurde für mich wie eine Drohung: Er durfte nicht kommen. Wir entschlossen uns in Übereinstimmung mit der Lebenshilfe, A. erst mit 4 Jahren in einen Kindergarten zu geben und ihn eine weiteres Jahr in der Kinderkrippe zu lassen.

Es gibt erziehungsbewußte Eltern, die ihre Kinder bei einem Kindergarten ihrer Wahl anmelden. Ich hätte A., wenn es ein normales Kind gewesen wäre, im Waldorf-Kindergarten angemeldet. Ich erinnerte mich an die Konzeption dieser Kindergärten und wagte dort eine Anfrage. Ich bekam eine Absage: Das Konzept, normale und schwachbegabte Kinder zusammen aufwachsen zu lassen, konnten die Erzieherinnen nicht aufrecht erhalten. Die vielen verhaltensgestörten Kinder, die bereits in dem Kindergarten aufgenommen waren, würden ein integratives Konzept unmöglich machen.

Der Zufall wollte es, daß ich mit einem Evangelischen Kindergarten Kontakt aufnehmen konnte, der sich bereit erklärte, A. aufzunehmen. Die Voraussetzung war, daß ich ein Jahr lang einmal in der Woche vor Beginn der Aufnahme A. einen Nachtmittag zum Eingewöhnen brachte.

Dann zog A. in den Kindergarten ein. Von 12.00 -16.30 Uhr. Er ging anfangs nachmittags, da zu der Zeit weniger Kinder zu betreuen sind und die Förderung für ihn besser gewährleistet war. Nach der Eingewöhnung folgte der Wechsel auf den Vormittag, damit er sich an die größeren Gruppen und den Rhythmus am Morgen gewöhnen kann, der für die Schule nötig sein wird.

Mit dem Einzug in den Kindergarten ist für mich eine große Belastung weggefallen. Ich habe die Gewißheit, daß nicht ich allein dem Kind alles beibringen muß, sondern ihm viele Anregungen geboten werden. Er hat feste Beziehungen zu normalen Kindern, bald feste Freunde, die sich für ihn einsetzen und seine besten "Lehrer" sind. Sie wissen um A.'s Behinderung, werden davon aber nicht abgeschreckt. Sie spielen mit großem gegenseitigen Gewinn zusammen, und die Kinder unterrichten mich regelmäßig über A.'s Fortschritte. Das leitet A. zur Nachahmung des Spielverhaltens normaler Kinder an.

A. ist ein Kind, das auch zuhause selbständig und phantasievoll spielt. In den Kommentaren beim Spielen erkenne ich häufig die Kindergartensituation wieder. Dadurch höre ich, wie sich sein Sprachschatz erweitert, wie er bemüht ist, die richtige Artikulation fertig zubringen. Es gibt eindeutig Kinder, die ihm als Vorbilder dienen, denen nachzueifern er bemüht ist. Sie spielen die gleiche Rolle für ihn und seine Entwicklung wie die Erzieher. Es ist der Verdienst dieser Erzieher, die ein Klima geschaffen haben, wo ein miteinander von gesunden und behinderten Kinder möglich ist. Ist dieses Klima da, dann ist der direkte Einfluß von Kind zu Kind nicht zu überschätzen für die Entwicklung eines behinderten Kindes.

Für keine Menschengruppe ist es gut in ein Ghetto verwiesen zu werden. Behinderte Kinder sollten nicht nur mit behinderten Kindern aufwachsen. Zu einer angeborenen Behinderung kommt leicht eine neue: eine soziale Behinderung (mangels Kontakten zum gesellschaftlichen Umfeld). Woran sollen sich die behinderten Kinder ausrichten? Durch meine Erfahrungen bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, daß ein behindertes Kind, das grundsätzlich gemeinschaftsfähig ist, die Möglichkeit haben sollte, gemeinsam mit normalen Kindern aufzuwachsen und nach Möglichkeit einen Regelkindergarten zu besuchen. Denn ich meine zu wissen, daß das Kind durch das Kind mehr angespornt wird und leichter durch es lernt, als durch die Anregungen eines Heilpädagogen. Und auch das normale Kind macht einen Lernprozess mit, den es in gleicher Weise als Erwachsener nicht nachholen kann. Es lernt Behinderung als Vorkommnis im Leben zu akzeptieren und ihr auf eine normale Art und Weise zu begegnen.

Wir haben Krankenhäuser, Altersheime, Siechenheime, Gefängnisse, Nervenheilanstalten, Behindertenheime - Stätten, wo jeder die Möglichkeit hat das ihm zu nahekommende Leid "abzugeben". Aber das ist nur scheinbar so, denn morgen bin ich krank, alt, siech, lasse mir etwas zu schulden kommen, verliere meine Nerven, werde angefahren und ich werde "abgegeben", und meine, daß ich nun wertlos bin, weil ich nie gelernt habe, daß mir diese Dinge im Leben begegnen können, daß ich, wenn sie mir begegnen, weiter ein wertvolles Leben in der menschlichen Gemeinschaft leben kann.

Ich bin sehr dankbar, daß ich die Möglichkeit habe, mein Kind unter normalen Kindern aufwachsen zu sehen. Das ist der Verdienst des Teams dieses Kindergartens. Wie sieht es aber für den weiteren Weg aus? Wird es eine Schule geben, die die gleiche Offenheit und Bereitschaft hat, einem behinderten Kind eine Chance einzuräumen?