Erzieher/innen in Heimen

Harald Patzelt


Ausbildung und Beruf

Die Ausbildung erfolgt an einer Fachschule (in Bayern Fachakademie) für Sozialpädagogik. Der Persönlichkeitsbildung wird dabei als Grundvoraussetzung zum Erwerb sozialpädagogischer Handlungskompetenz große Bedeutung beigemessen. Nur durch eine breite Ausbildung kann fachliche und humane Kompetenz erworben werden als Grundlage für eine professionelle Kinder- und Jugendhilfe.

Der Beruf der Erzieherin/des Erziehers ist ein Beruf mit großer gesellschaftlicher Verantwortung. Er fordert und bereichert gleichermaßen. Es gibt kaum einen Beruf, der so vielschichtig und abwechslungsreich ist.

Geprägt wird die Tätigkeit durch die unmittelbare Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, durch die Einbeziehung der Eltern und Familien, aber auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Einrichtungen und Diensten (z.B. Beratungsstellen, Schulen, Kliniken, Jugendämter u.a.) sowie mit anderen Professionen innerhalb und außerhalb des Heimes (Heilpädagogen, Dipl.-Psychologen, Psychotherapeuten, Dipl.-Sozialpädagogen, Kinder- und Jugendpsychiater u.a.).

In diesem Beruf gibt es einen enormen gestalterischen Freiraum, der die Vielfalt unterschiedlicher Fähigkeiten und Ressourcen zum Einsatz kommen lässt.

Heimerziehung

Heimerziehung im Wandel

Heime sind heute nicht mehr die Waisenhäuser für elternlose Kinder, sie sind auch nicht mehr die Zucht- oder Fürsorgeanstalten früherer Zeiten. Heime sind heute differenzierte Erziehungshilfeeinrichtungen mit hohem professionellem Anspruch. Sie sind in der Regel mit anderen Einrichtungen, Institutionen oder Diensten (z.B. Schulen, Ausbildungsbetrieben, Beratungsstellen etc.) vernetzt und arbeiten mit multiprofessionellen Teams.

Heimerziehung zeichnet sich durch eine zunehmende Flexibilisierung ihrer Angebotsstrukturen aus. Dabei verschwinden mehr und mehr die Grenzen zwischen ambulanten, teilstationären und stationären Hilfen. So entwickelten sich aus der Heimerziehung heraus ausdifferenzierte Paletten von Erziehungshilfeangeboten:

  • Heilpädagogische und therapeutische Einrichtungen, die besondere Schutz- und Erfahrungsräume bieten.
  • Selbständige Wohngruppen innerhalb eines Heimgeländes oder Außenwohngruppen im Verbundsystem.
  • Kleinstheime und Familiengruppen, in denen Kinder und Jugendliche mit Erwachsenen zusammenleben.
  • Jugendwohngemeinschaften, in denen das Leben und die Entwicklung in der Gruppe der Gleichaltrigen im Mittelpunkt stehen.
  • Unterschiedliche Formen betreuten Wohnens für jungen Menschen.
  • Fünf-Tage-Gruppen, die in besonderer Weise die Eltern in den Erziehungs-/ Behandlungsprozess mit einbeziehen.
  • Qualifizierte Förderschulen und Berufsausbildungsstätten im Verbund eines Heimes.

(Aus: Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen der Heim- und Heilpädagogik in der Erzdiözese München und Freising, ohne Jahr).

Handlungsfeld Heimerziehung

Erzieher/innen können/müssen im Heim nicht nur ihre eigene Persönlichkeit einbringen wie in kaum einem anderen Arbeitsfeld, sondern auch ihre eigenen Fähigkeiten und Neigungen, die die Interessen anderer Mitglieder des Gruppenteams oder der gruppenübergreifenden Fachdienste ergänzen. So werden die Ressourcen sowohl der Erzieher/innen als auch der Betreuten genutzt.

Erzieher/innen brauchen Handlungskompetenz in verschiedenen Bereichen, z.B. im musischen Bereich (Werken und Gestalten), im musikalischen Bereich (Singen, Musizieren), im sportlichen Bereich (Spiel und Sport). Sie brauchen Kenntnisse und Fähigkeiten im Theater- und Rollenspiel, im erlebnispädagogischen Bereich (Klettern und Kanufahren, Zeltlager u.a.m.), um Kindern Erfahrungen zu vermitteln, die die Stärkung der Persönlichkeit und die Erweiterung der sozialen Kompetenz zum Ziel haben, d.h. die Entwicklung der Fähigkeit, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Bedingungsstrukturen

Heimerziehung ist ein außerordentlich komplexes und zugleich ein von Heim zu Heim sehr unterschiedliches Arbeitsfeld, das geprägt ist von

  • den besonderen Aufgabenstellungen,
  • den konzeptionellen Rahmenbedingungen und Strukturen (auch Raum- und Behandlungsangebote etc.),
  • den Traditionen,
  • den Zielen und Vorstellungen von Einrichtungsträgern und Auftraggebern,
  • der Qualität der Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen und Diensten (Vernetzung),
  • den gesetzlichen Vorgaben (z.B. Kinder- und Jugendhilfegesetz im SGB VIII) und den Ausführungsbestimmungen der Länder,
  • der Betriebserlaubnis, der Heimaufsicht und der Entgeltvereinbarung,
  • den Mitarbeitern und deren unterschiedlichen Qualifikationen,
  • dem sehr unterschiedlichen Klientel (Symptomatik, Grad der Schwierigkeit, Alter, Lebenserfahrungen, Familienhintergrund u.a.),
  • den sich ändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wer Heimerziehung als Berufsfeld wählt muss wissen, dass es eine "Hilfe auf Zeit" ist. Er muss auch wissen, dass "Liebe zum Kind" für eine qualifizierte Hilfe allein nicht ausreicht - auch nicht die Bereitschaft, Kindern und Jugendlichen Heimat bieten zu wollen.

Das berufsspezifische Merkmal liegt in der Verknüpfung von fachlicher, methodischer, sozialer und personaler Kompetenz.

Erzieher/innen

Persönliche Voraussetzungen für Erzieher/innen

Die Komplexität und Verschiedenartigkeit individueller und familiärer Notlagen erfordert von den Erzieher/innen im Heim neben der beruflichen Kompetenz ein hohes Maß an persönlicher Reife, Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, integrative Fähigkeit, Reflexionsfähigkeit, persönlichen Einsatz, Belastbarkeit, Flexibilität, Kreativität, ein breites Spektrum an Interessen und nicht zuletzt auch Gelassenheit und Humor. Heimerzieher/innen müssen ihre eigene Person als grundlegenden Faktor im Erziehungsprozess der Kinder wahrnehmen und steuern können. Dazu gehört auch, dass sie ihr pädagogisches Handeln begründen, überprüfen und verändern, sowie Außenstehenden erklären können.

Anforderungsprofil

Mit der Weiterentwicklung der Heimerziehung, bei der die Differenzierung, Individualisierung und die soziale Integration im Mittelpunkt stehen, haben sich auch die beruflichen Anforderungen an die Erzieher/innen verändert.

"Kinder und Jugendliche zu betreuen, zu bilden und zu erziehen, erfordert Fachkräfte,

  • die jedes Kind in seiner Personalität und Subjektstellung sehen;
  • die die Kompetenzen, Entwicklungsmöglichkeiten und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in den verschiedenen Altersgruppen kennen und entsprechende pädagogische Angebote machen können;
  • die als Person über ein hohes pädagogisches Ethos, menschliche Integrität sowie gute soziale und persönliche Kompetenzen und Handlungsstrategien zur Gestaltung der Gruppensituation verfügen und im Team kooperationsfähig sind;
  • die aufgrund eigenen Bildungsstandes und didaktisch-methodischer Fähigkeiten die Chancen von ganzheitlichem und an den Lebensrealitäten der Kinder und Jugendlichen orientiertem Lernen erkennen und fördern können;
  • die in der Lage sind, sich im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, wie auch mit Erwachsenen einzufühlen, sich selbst zu behaupten und Vermittlungs- und Aushandlungsprozesse zu organisieren;
  • die als Rüstzeug für die Erfüllung der familienergänzenden und -unterstützenden Funktion über entsprechende Kommunikationsfähigkeit verfügen;
  • die aufgrund ihrer Kenntnisse von sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen die Lage von Kindern, Jugendlichen und ihrer Eltern erfassen und die Unterstützung in Konfliktsituationen leisten können und
  • die Kooperationsstrukturen mit anderen Einrichtungen im Gemeinwesen entwickeln und aufrecht erhalten können;
  • die in der Lage sind, betriebswirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen, den Anforderungen einer zunehmenden Wettbewerbssituation der Einrichtungen und Dienste und einer stärkeren Dienstleistungsorientierung zu entsprechen."

(Aus: Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden, 1997).

Aufgaben/Tätigkeiten

Heimerzieher/innen nehmen den gesamten Erziehungs- und Gruppenalltag in den Blick. Sie eröffnen den Kindern und Jugendlichen neue und z.T. korrigierende Erfahrungsräume. "Dazu gehört die Schaffung von Möglichkeiten zum Erwerb lebenspraktischer Fähigkeiten genauso wie die Realisierung von Angeboten im kulturellen und erlebnispädagogischen Bereich oder die Entwicklung von Unterstützungsstrategien im Bereich schulischer und beruflicher Bildung" (Aus: Almstedt 1998, S. 365).

Heimerziehung zielt heute darauf, eine familienunterstützende und familienergänzende Hilfe zu leisten mit der Perspektive, Kinder und Jugendliche in ihre Familie zu reintegrieren. Deshalb ist die Arbeit mit den Eltern und Familien zum Bestandteil erzieherischer Tätigkeit geworden, ebenso die Zusammenarbeit mit der Schule und dem sozialen Umfeld.

"Die zentrale Aufgabe von Heimpädagogik besteht nicht in erster Linie im Aufbau und in der Pflege einer exklusiven Beziehung von einem Erzieher und einem Kind/Jugendlichen, sondern in der Gestaltung eines Zwischenraumes, in dem sich verschiedene Beziehungen kreuzen und überlagern. ... Das erfordert einen kontinuierlichen Dialog aller Partner und schließt notwendige Auseinandersetzungen mit ein" (Aus: Schwabe, 1991, S. 344).

Die Aufgaben der Erzieher/innen werden aber auch bestimmt durch die Zielsetzung der Einrichtung in der sie tätig sind, z.B. Psychotherapeutisches Heim, Mutter-und-Kind-Heim, Kinderdorf etc.

Dienstverhältnis/Rahmenbedingungen

Bezahlung

Die Erzieher/innen stehen in der Regel im Angestelltenverhältnis. Die Bezahlung erfolgt nach dem Bundesangestelltentarif (BAT) oder vergleichbaren Bestimmungen, z.B. den Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) des Deutschen Caritasverbandes, des Diakonischen Werkes oder anderer Anstellungsträger. Dazu kommen die sogenannten "Heimzulagen" (das sind Zuschläge für die Arbeit zu ungünstigen Zeiten) sowie Schichtzulage, Wochenend- und Feiertagszuschläge etc.

Erweiterung beruflicher Kompetenz

In der Heimerziehung werden Erzieher/innen im hohem Maße konfrontiert mit ungewohnten Ereignissen, unterschiedlichen Anforderungen und Widersprüchen, bei deren Bewältigung sie auch an persönliche, fachliche oder einrichtungsbezogene Grenzen stoßen können. Als Hilfe und Unterstützung ist heute Supervision/Praxisberatung in den meisten Einrichtungen selbstverständlich, ebenso regelmäßige Fort- und Weiterbildungen.

Literatur

Almstedt, M.: "Veränderte Heimerziehung - veränderte Erzieherausbildung". Anforderungen an die Qualifikation der ErzieherInnen im Bereich der Heimerziehung. unsere jugend 1998, Jg. 50, Heft 8, S. 365

Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen der Heim- und Heilpädagogik in der Erzdiözese München und Freising: "Heimerziehung lohnt sich." Ohne Jahr

Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden: Kommission Kindertagesstätten, Tagespflege, Erziehung in der Familie - Sitzungsprotokoll vom 6./7.11.1997 in Erfurt

Schwabe, M.: "Was leistet die Pädagogin/der Pädagoge im Heim?" unsere jugend 1991, Jg. 46, Heft 8, S. 344

Autor

Harald Patzelt
Überregionales Beratungs- und Behandlungszentrum Sankt Joseph
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