Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Amalie Krüger

Manfred Berger

 

Folgerichtig vermerkte Diana Krüger (1999, S. 2 ff.) in ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit:

"Der Kindergarten ist das Werk von Frauen. Sie trugen den Kindergartengedanken Friedrich Fröbels, der 1840 in Blankenburg/Thüringen den ersten Kindergarten der Welt stiftete, hinaus in alle Länder und arbeiteten an seiner Ausgestaltung. Dabei fiel bedauerlicherweise das Wirken der ersten Kindergartenpionierrinnen der Vergessenheit anheim. Als Beispiel dafür mag Amalie Krüger gelten, die mit zu den ersten von Friedrich Fröbel selbst ausgebildeten Kindergärtnerinnen gehört. Sie wirkte als praktisch tätige Kindergärtnerin oder als Ausbildnerin junger Mädchen und Frauen zu Kindergärtnerinnen u. a. in Zürich, Hamburg, Halle und Berlin. Die Hauptstadt des Königreichs Preußen verließ Amalie Krüger, nachdem sie dort das 20-jährige Jubiläum als Kindergärtnerin gefeiert hatte ... Amalie Krüger betrachtete den Kindergarten, ganz im Sinne Friedrich Fröbels, als eine familienergänzende und -unterstützende Institution, die 'nicht Trennung, sondern beglückende Einigung in das Familienleben bringt und das ganz ohne Unterschied bei Reich und Arm' (Krüger 1849, S. 3) ... Ferner war für sie der Kindergarten eine 'sociale Begegnungsstätte', in der die Kinder neben 'Arm und Reich, Vornehm und Gering, Katholik, Protestant und Jude glücklich nebeneinander sind, eins durch das Andere sich entwickelnd, eins durch das Andere sich bildend, eins durch das Andere sich erstarkend' (Krüger 1849, S. 3) ... Sie sah in der spielerischen Tätigkeit des Kindes die Möglichkeit der Persönlichkeitsentwicklung. Für die Kindergärtnerin hatte das gemeinsame kindliche Spiel hohen Wert, da es die geistigen, sittlichen und körperlichen Kräfte des Kindes zur Entfaltung bringt. Als Spielmittel setzte Amalie Krüger die Fröbelschen Spielgaben ein, die sie in folgende fünf Gruppen einteilte:
'1. Körper: Würfel, Walze, Kugel, Quader;
2. Flächen: Quadrat, Rechteck, Dreieck, Sechseck;
3. Lineares: Späne, Stäbchen, Ringe;
4. Punktförmiges: Perlen, Knöpfe und
5. Formlose Stoffe: Ton, Sand, Wasser.' (Krüger 1849, S. 3)...
Für Amalie Krüger war insbesondere das weibliche Geschlecht dazu prädestiniert, 'so ganz die Kleinarbeit, die das Zusammenleben mit Kindern abverlangt, zu erfüllen und trotzdem einer höheren Idee zu dienen' (Krüger 1849, S. 4)'".

Johanna Sophie Amalie erblickte am 5. April 1816 in Celle das Licht der Welt. Ihre Eltern waren der Kaufmann und Zuckerfabrikant Ernst Christian Rudolph Krüger und Johanne Juliane Amalie Krüger, geb. Lechel, die für die damalige Zeit "nicht nur sehr gebildet, sondern auch politisch aufgeschlossen und liberal war" (Krüger 1999, S. 5). Das Mädchen wuchs im Kreis von sechs Geschwistern in gutsituierten Verhältnissen auf. Die Beziehungen der Kinder zu Vater und Mutter waren von herzlicher Art. Als Amalie 13 Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Halle. Dort baute der Vater eine gut florierende Zuckerfabrik auf. Das große Areal des Fabrikgeländes war "Tummel- und Spielplatz für die Kinder der Umgebung. Bei Krügers gab es viele Tiere und eine Turnanstalt für die Mädchen",(Münchow o. J., S. 79). Im Jahre 1844 ging die Zuckerfabrik in Konkurs. Kurze Zeit darauf starb Herr Krüger im Juli 1844 - er wurde 56 Jahre alt.

"In dieser Situation beschließt Amalie Krüger, Kindergärtnerin zu werden. Es sind vermutlich mehrere Umstände, die sie zu diesem Entschluss führen. Amalie Krüger ist 30 Jahre alt. Ebenso wie viele ihrer Zeitgenossinnen, ist sie nicht durch eine Ehe finanziell abgesichert. Indes gibt es für Frauen ihres Standes kaum Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu verdienen. Eine der wenigen schicklichen Tätigkeiten ist der Beruf der Kleinkindererzieherin. Dieser Beruf kann Amalies Lebensunterhalt sichern" (Münchow 2001, S. 108 f).

Von November 1846 bis Mai 1847 absolvierte Amalie Krüger in der Bildungs- und Erziehungsanstalt in Keilhau bei Blankenburg einen "Bildungskurs für Kindergärtner und Kindergärtnerinnen". Anschließend unterstützte sie Friedrich Fröbel in seiner Werbetätigkeit für den Kindergarten und betätigte sich als Kindergärtnerin in einem Kindergarten in Gotha. Ab Oktober 1848 nahm sie in Dresden an einem weiteren von Friedrich Fröbel durchgeführten Ausbildungskurs für Kindergärtnerinnen teil. Diesbezüglich schrieb Amalie Krüger an den Begründer des Kindergartens:

"Zu gut fühle ich, zu einer ordentlichen Kindergärtnerin gehört mehr als ein halbjähriges Studium. Andern, welche Mut besitzen, genügt vielleicht ein halbes Jahr, indessen ich glaube, lieber mehr als zuwenig lernen" (zit. n. König 1990, S. 93).

Frühzeitig brach Amalie Krüger den Ausbildungskurs ab und ging nach Hamburg - die Hansestadt war zu dieser Zeit ein Zentrum der Fröbelbewegung -, um dort den am 6. Februar 1849 zu eröffnenden Kindergarten zu übernehmen. Es war der "Kindergarten in Verbindung mit einer Vorbildungsschule, Gr. Bleichen 19" des jüdischen Ehepaares Wilhelm und Janette Beit. Amalie Krüger gewann "schnell die 'feinempfindenden Herzen der Kinder'. Diese verloren bald, wie sie selbst in einem Brief an Friedrich Fröbel vermerkte, ihre 'anfängliche Ungezogenheit' und zeigten schnell 'geistige Fortschritte' sowie ein enormes Interesse am Bauen mit den Fröbelschen Baukästen, am Zeichnen und Falten" (zit. n. Krüger1999, S. 10).

Trotz ihrer Erfolge verließ Amalie Krüger im April 1849 Hamburg, da sie insbesondere mit Wilhelm Beit immer wieder Schwierigkeiten hatte, nicht nur in pädagogischen Fragen. Ihr neues Aufgabengebiet wurde der in Zürich von Karl und Johanna Fröbel betriebene Kindergarten. Doch bereits nach acht Monaten kehrte die Kindergärtnerin wieder nach Hamburg zurück:

"Sie wird bei der Hochschule für Frauen, die am 1. Januar 1850 mit dem Unterricht beginnt, als Leiterin des Kindergartens angestellt. Zugleich übt sie im Kindergarten mit den Hochschülerinnen die praktische Anwendung Fröbelscher Beschäftigungsmittel - wird also nun selbst Ausbildnerin für Kindergärtnerinnen" (Münchow 2001, S. 126).

Den ersten Aufruf zur Gründung der Hamburger Hochschule für Frauen hatte Friedrich Fröbel mit unterzeichnet. Er wehrte sich aber heftig dagegen, seine eigenen Bestrebungen mit Karl Fröbel, einem Neffen und Schüler des großen Pädagogen, wie überhaupt mit irgendwelchen zeitgebundenen parteipolitischen Unternehmungen verquickt zu sehen. Bald wandte sich Friedrich Fröbel gegen die Hochschule. Er befürchtete, dass durch eine Erweiterung des Wissensstoffes der mütterliche Instinkt, das Ursprüngliche und Natürliche der Frauennatur vernichtet, jedenfalls beeinträchtigt und abgelenkt werden könnte. Dazu formulierte Friedrich Fröbel:

"Und was werden diese Hochschulen anderes Thun mit ihrem Zuvielerlei, mit ihrer bloßen Verstandesbildung und ihrem oberflächlichen Wortekram, den man sogar Philosophie nennt? Sie verderben mir alles, und ich sollte noch gar die Hand dazu bieten, dergleichen zu unterstützen? Das ist unmöglich" (zit. n. Krüger 1999, S. 18).

Die Frauenhochschule betreffend, geriet Amalie Krüger schon im Vorfeld der Planungen mit Friedrich Fröbel in Konflikt, der schließlich verbittert und enttäuscht der ehemaligen Schülerin seine Zuneigung entzog. Nicht lange existierte die erste Hochschule für Frauen. Sie wurde bereits am 1. April 1852 Opfer der stärker einsetzenden Reaktion (vgl. Krüger 1999, S. 16 ff.). Damit hatte auch Amalie Krüger ihren Arbeitsplatz und ihre materielle Lebensgrundlage verloren. Jedoch ab 1854 konnte sie wieder in Hamburg die Leitung eines Kindergartens übernehmen.

Im Jahre 1860 übersiedelte Amalie Krüger nach Berlin. Angeworben wurde sie von den beiden Fröbelanhängerinnen Lina Morgenstern und Bertha Freifrau von Marenholtz-Bülow. In Berlin übernahm sie die Leitung des am 1. Juni 1860 eröffneten Kindergartens des "Frauenvereins zur Beförderung der Fröbel'schen Kindergärten" (ab 1874 "Berliner Fröbelverein"). Zugleich bildete sie, zusammen mit der um zehn Jahre jüngeren Ida Seele, am vereinseigenen Kindergärtnerinnenseminar junge Mädchen und Frauen in halbjährigen Kursen zu Kindergärtnerinnen aus. Amalie Krüger und Ida Seele, Friedrich Fröbels "Lieblingsschülerin", zeichneten für die Stunden "Theoretisch-praktische Vorführungen der Spiel- und Beschäftigungsmittel" verantwortlich. Über ihr Wirken in Berlin ist nachzulesen:

"Sie ist bestrebt, Fröbels Vorstellungen in ihrem Berliner Kindergarten umzusetzen und im Kindergärtnerinnenseminar an junge Schülerinnen weiterzugeben. Allerdings muss sie erleben, dass dies in Berlin und angesichts der allgemeinen Diskussion um die Ziele und Inhalte des Kindergartens sehr schwierig ist. Geldmangel und die daraus resultierende Unzulänglichkeit der Kindergartenlokale sowie insbesondere der Richtungsstreit innerhalb der 'Berliner Fröbelbewegung' belasten auch Amalie Krügers Situation ... Amalie Krüger verliert in dieser Zeit nicht den Mut. Sie bleibt in Berlin. Als Lehrerin kann sie vielen Kindergärtnerinnen ihr Verständnis der Fröbelpädagogik vermitteln. Unter ihren Schülerinnen ist z. B. Marie Wollmann, die am 1. Mai 1863 den ersten Kindergarten in Amalies Heimatstadt Halle eröffnet" (Münchow 2001, S. 132 f).

Im Jahre 1881 kehrte Amalie Krüger nach Halle zurück. Dort starb sie am 3. Februar 1903 im Alter von 86 Jahren. Ihr Tod wurde bedauerlicherweise von der deutschen Fröbel- und Kindergartenbewegung so gut wie nicht wahrgenommen. Nur in Hamburg würdigte man die Verstorbene kurz in einem Nachruf als eine "Meisterin der Kleinkindererziehung" und starke "pädagogische Persönlichkeit", die ein Leben lang nur "für die Ideen ihres Meisters thätig war" (zit. n. Krüger 1999, S. 25).

Literatur

Berger, M.: Frauen in sozialer Verantwortung: Amalie Krüger, in: Christ und Bildung 2002/H. 1, S. 35

Krüger, D.: Amalie Krüger (1816-1903) und ihr Wirken im Geiste Friedrich Fröbels - aufgezeigt anhand von Dokumenten aus dem Nachlass der Familie Krüger. München 1999 (unveröffentl. wissenschaftl. Hausarbeit)

König, H. (Hrsg.): Mein lieber Herr Fröbel! Briefe von Frauen und Jungfrauen an den Kinder- und Menschenfreund. Berlin 1990

Krüger, A.: Ein Urteil über die Fröbelkindergärten. In: Die soziale Reform 1849/Nr. 1

Münchow, K.: Amalie Krüger - eine der ersten Kindergärtnerinnen. In: Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt (Hrsg.): Anfänge des Kindergartens. Band 2, Bad Blankenburg 2001

Dies.: "Ich will, ich muß mitarbeiten am herrlichen Neubau der Zukunft". Amalie Krüger aus Halle - eine der ersten Kindergärtnerinnen. In: Aszakies, Ch./Zarend, Ch./Münchow, K. (Hrsg.): "Wie hältst du's mit der Rebellion?" Frauen zwischen Aufbruch und Anpassung in Halle des 19. Jahrhunderts, Halle o J.