Bewegung in der großen Turnhalle des Sportvereins

Maria Hierl



Eine kindgemäße, entwicklungspsychologisch fundierte Bewegungserziehung im Kindergarten hat eine große Bedeutung für die weitere Entwicklung des Kindes. Über Bewegung werden vielfältige Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse über den eigenen Körper, die eigene Person, die Umwelt und über das Verhältnis zu dieser Umwelt gewonnen. Fehlende Erfahrungen in dieser Form können später nur schwer nachgeholt werden.

Innerhalb dieser handelnden und spielerischen Auseinandersetzung mit der Umwelt erlebt und erfährt das Kind sich selbst als wirkungsvoll. So erprobt es Möglichkeiten der Materialbeherrschung, erkennt eigene Stärken und Schwächen und vermag sich selbst besser einzuschätzen und zu akzeptieren. Es setzt sich mit anderen auseinander; sein Körper dient dabei als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Es lernt im Spiel, seine Bewegungen zu beherrschen und zu kontrollieren. Nebenbei erwirbt es auf diese Weise auch mehr Wissen über sich selbst. Bewegungserziehung verfolgt das Ziel, Kinder zu befähigen, sich über Bewegung mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen, mit den räumlichen und materialen Gegebenheiten ihrer Umwelt auseinander zu setzen.

Jeden Mittwoch Nachmittag gehen aus unserem Kindergarten 3 - 4 Erzieher mit 25 - 35 Kindergartenkindern (aus allen 4 Gruppen) für zwei Stunden in die Turnhalle der Hauptschule. Hier bieten sich an:

  • Bewegungsspiele - damit sind die situativen Bewegungstätigkeiten der Kinder gemeint, die sich aus unterschiedlichen Spielsituationen ergeben und die sie meist selbst arrangieren (Fangspiele, "Pferdchenspielen", aus Decken Höhlen bauen usw.).
  • Bewegungsangebote - darunter werden die Bewegungsmöglichkeiten zusammengefasst, die durch räumliche Gegebenheiten und das Zur-Verfügung-Stellen von Geräten wahrgenommen werden können (oder auch nicht). Sie sind zwar mit den Erziehern vorbereitet, werden aber von den Kindern entsprechend ihrer Interessen und Bedürfnisse ausgewählt. Es handelt sich um offene Bewegungsangebote, bei denen Erzieher anwesend sind, diese sich aber nach Möglichkeit nicht in das Spiel der Kinder einmischen (Freispiel).
  • Bewegungserziehung - angeleitete, betreute Bewegungszeiten, die von der Erzieherin zwar vorgeplant werden, aber doch auch offen für die Ideen und Interessen der Kinder sind.

Wir möchten einen Einblick in die Organisation und den Ablauf dieser Stunden geben: Wöchentlich findet mit den Kindern eine Vorbesprechung in der Kindergarten-Turnhalle statt.

Hier regen wir die Kinder an, sich aktiv an der Gestaltung zu beteiligen. Dadurch wird die aktuelle Bedürfnislage der Kinder ermittelt und fließt so in die Gestaltung ein. Die Materialien -

  • Alltagsmaterialien: z.B. Bierdeckel, Zeitungspapier,
  • Standartgeräte: Turnhalle- Langbänke, Weichbodenmatten, Kasten,
  • psychomotorische Übungsgeräte: Schwungtuch, Rollbrett,

- bereiten die Kinder gemeinsam mit uns vor und werden miteinander in ein Auto der Mitarbeiterinnen verladen. Die Kinder werden dadurch zur Selbstverantwortung angehalten (nur was ich hergerichtet und eingeladen habe, mit dem kann ich spielen bzw. arbeiten). Wir Erzieher wollen lernen, Konsequenzen aus dem Verhalten der Kinder zu akzeptieren und auszuhalten (z.B. wenn sie sich für das Mitnehmen von Spielmaterialien nicht verantwortlich fühlen, haben wir keine dabei).

Ein Großteil der Kinder geht zu Fuß mit uns 2-3 Erziehern in die Turnhalle. Die Gruppenleitung sagt, wenn es Zeit zum Anziehen ist. Die Kinder kümmern sich auch hier inzwischen schon meist selbst darum, dass sie ihre Turnsachen dabei haben.

Im Unkleideraum treten die Kinder in engeren Kotakt zueinander (kleiner Raum); jeder braucht Platz (Rücksichtnahme). Die Kinder ziehen sich selbständig um; den kleineren Kindern geben wir oder auch die größeren Kinder Hilfe. Das soziale Miteinander kommt automatisch in Gang. Vertrauen soll geschaffen werden.

Der aller erste Kontakt mit der großen Halle war noch vorsichtig und behutsam. Unser Ziel war es, erst einmal diesen Raum über die so genannten Grundtätigkeiten, d.h. Grundformen der Bewegung wie z.B. das Gehen, Laufen, Springen, Klettern, Schieben usw. erfahren zu lassen. Sich mit der Größe des Raumes vertraut machen, sich zurecht zu finden.

Durch die Raumwahrnehmung gelingt es:

  • Raumlinien (senkrechte, waagerechte, diagonale),
  • Raumrichtungen (vorwärts, rückwärts, seitwärts/oben - unten, vorne - hinten, rechts - links),
  • Raumwege (gerade, rund),
  • Raumausdehnungen (Größen, klein - groß / schmal - breit; Höhen, hoch-tief; Entfernungen, kurz-lang),
  • Raumlagen (Positionen zwischen dem Kind und Objekten, wie vor, hinter, neben einem Kasten zu stehen) zu erkennen und zu unterscheiden.

Wichtige Voraussetzungen der Raumwahrnehmung sind die vestibuläre (Gleichgewicht; Schwerkraftempfindung), kinästhetische (Bewegungsempfindung), visuelle (Sehen, z.B. Figur-Grund-Unterscheidung und Formkonstanz), akustische (Hören) Wahrnehmung, die Muskeltonuskontrolle (An- und Entspannung), die Augenkontrolle (Fixieren, Zusammenspiel beider Augen), das Körperschema (Körperkenntnis, Körperorientierung) und die Seitigkeitssicherheit (Symmetrie der Hände und Füße).

Beim Orientieren im Raum wird ein gefestigtes Körperschema von innen nach außen übertragen. Das Gefühl für den eigenen Körper (seine Beherrschung) ist wichtige Grundlage und stabiler Bezugspunkt für die Orientierung im Raum und die Voraussetzung für die Übertragung des Körperschemas auf den Raum oder Körperraum (Bewegungs- und Handlungsplanung).

Eine sichere Wahrnehmung der Raumlinien unterstützt die Handlungsplanung und sichert die Zielorientierung, z.B. beim Verhalten in Bewegungslandschaften. Sie beeinflusst das Selbstbewusstsein und ist eine wichtige Grundlage für Bewegungssteuerungen und Zielorientierungen, wie im Straßenverkehr (Orientierung) oder beim Rechnen.

Eine sichere Wahrnehmung der Raumrichtungen und Raumwege unterstützt die Handlungsplanung und fordert die Zielorientierung durch Nachahmen von Bewegungen, Werfen und Schießen in Ziele. Sie beeinflusst ebenfalls das Selbstbewusstsein und ist eine wichtige Grundlage für Bewegungssteuerungen und Zielorientierungen wie im Straßenverkehr oder als Ausgangspunkt (Anfang) beim Schreiben, Lesen, Zeichnen und Rechnen. Kinder können sich Räume aneignen.

Die Raumausdehnung unterstützt zusätzlich die Handlungsplanung und die Zielorientierung im Hinblick auf die Richtung zwischen Mitspielern, die richtige Einschätzung der Entfernung.

Das erste Bedürfnis der Kinder beim Betreten der Turnhalle ist das Laufen. Wenn alle vom Umkleiden angekommen sind, treffen wir uns auf ein abgemachtes Zeichen (Klatschen) auf den Bänken oder Matten zur Besprechung. Die Kinder überlegen sich den Platz, wo sie die verschiedenen Materialien aufbauen wollen. Regeln werden von den Kindern und Erziehern gemeinsam gefunden und je nach Bedarf geändert. Dabei geht es darum, die Gefahren an Geräten richtig einzuschätzen oder auch, dass Rücksicht genommen wird. Ist alles vorbereitet, kommen alle noch mal zusammen und suchen sich die erste Spielsituation aus.

Zum Schluss geben wir den Kindern noch ca. 10 bis 15 Min. Zeit zum Fertigspielen. Dann helfen alle wieder beim Wegräumen und später beim Hinauftragen der Sachen. Auf unser Zeichen (Klatschen) kommen wir zur Abschlussrunde zusammen. Hier können die Kinder allen mitteilen, was ihnen viel Spaß gemacht hat oder was ihnen nicht gefallen hat.

Während der Spiel- und Ausprobierzeit ist es den Kinder stets möglich, sich zurückziehen zum Ausruhen. Sie geben uns Bescheid, wenn sie die Turnhalle verlassen wollen (Toilette, Trinken).

Beim Anziehen sind dann manche Eltern zur Stelle, um mitzuhelfen. Die meisten werden direkt von der Turnhalle abgeholt. Mit dem Rest marschieren wir zurück in den Kindergarten.

Autorin

Maria Hierl, Kinderpflegerin, Motopädagogin, Mitarbeiterin im Städt. Kindergarten Parsberg