Dieser Artikel und die Geschichte "Die Traumdecke" sind dem Buch "Phantasien aus der Schatzkiste" von Mariele Diekhof (1998, 128 S., ISBN-3-9806228-0-0) entnommen und für diese Website modifiziert; mit freundlicher Genehmigung des "Pädagogik-Verlag MAWO" in Berlin.

Darstellendes Vorlesen

Mariele Diekhof

 

In einer entspannten Atmosphäre einer Geschichte zu lauschen, ist in unserer mit Reizen überfluteten Welt für die Kinder ein ganz besonderes Erlebnis. Das Gefühl, Mama, Papa oder die Erzieherin ganz nah bei sich zu haben, zu wissen, wir haben alle Zeit der Welt und nichts kann diese Idylle stören, ist etwas Wunderbares. Das Kind erfährt Nähe, Geborgenheit, kann sich fallen lassen, fühlt sich beschützt - auch wenn es abenteuerlich und aufregend zugeht im "Land der Phantasie."

Doch noch schöner, noch berauschender ist es, wenn wir das Erzählen mit Gegenständen ergänzen und so dem Kind die Möglichkeit geben, die Geschichte sensitiv zu erleben. Es spürt nicht nur die Nähe des Erzählers, sondern es fühlt, riecht, schmeckt und sieht; erlebt also die Geschichte mit allen Sinnen, spürt die ganz besondere Atmosphäre und nimmt sie in sich auf. Kein Film aus dem Fernseher, keine Geschichte von einer Kassette kann dem Kind ein so faszinierendes Erlebnis vermitteln.

Dieser Einklang von Geborgenheit und sensitivem Erleben ist ein wichtiger Baustein für die Entwicklung des Kindes; insbesondere für dessen Kreativität. Es erlebt, daß die Bedeutung auch der kleinen Gegenstände mehr sein kann als das zunächst Sichtbare. Diese Fähigkeit ist beim Kind noch viel ausgeprägter als beim später "rationalen" Erwachsenen. Wie schon beim Vorlesen und Betrachten eines Bilderbuches das Kind viel mehr "hinter den Bildern" sieht als der Vorleser, kann die Phantasie erst recht durch weitere Sinnes-Erfahrungen angeregt werden: Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen, Hören ...

Das Kind wird dies dankbar und "begierig" aufnehmen. Wir müssen ihm nur die Möglichkeit hierzu geben.

Darstellendes Erzählen - eine andere Form des Vorlesens

Ich habe den Unterschied noch deutlich vor Augen: Um einer Praktikantin zu zeigen, wie eine angenehme, spannende oder "verzauberte" Atmosphäre sich auf das Wohlbefinden und die Konzentration der Kinder auswirkt, habe ich dieselbe Geschichte zwei verschiedenen Kindergruppen erzählt. Beide Male saßen wir dabei im "Stuhlkreis".

Der ersten Gruppe erzählte ich die Geschichte ohne irgendwelche weiteren Vorbereitungen. Die Sonne schien ins Fenster, und die Kinder lauschten meinen Worten. Die Abenteuer der "Krähe Kora" schien sie zwar zu interessieren, doch das eine oder andere Kind schaute schon mal sehnsüchtig durchs Fenster auf das Spielgelände, wo sich schon einige Kinder der anderen Gruppen tummelten. In dieser Situation hatte ich nur meine Stimme, meine Gestik - "nur" mich, um die Kinder zu fesseln.

Am nächsten Tag saßen wir wieder beisammen, diesmal mit einer anderen Gruppe, damit ich den Unterschied demonstrieren konnte. Ich hatte den Raum abgedunkelt, in der Mitte des Stuhlkreises ein schwarzes Tuch ausgebreitet, etwas Erde draufgestreut und das Ganze mit ca. 10 brennenden Teelichtern eingekreist. Unter einem Tuch in meiner Nähe lagen die verschiedenen Dinge, die ich während des Erzählens einsetzen wollte (Klangkugel, bunte Federn). Schon beim Hereinkommen der Kinder zeigte sich ein Unterschied zum Vortag: Die Kinder gingen vorsichtig, fast andächtig zu ihren Stühlen. Die Atmosphäre, die ich geschaffen hatte, erzeugte offenbar eine gespannte Aufmerksamkeit und weckte die Neugier der Kinder.

Ich begann mit den Worten: "Kennt ihr denn schon die Krähe Kora? Ihr seht sie sicherlich auch jeden Morgen auf dem schwarzen Feld hinter dem Kindergarten. Schaut! Damit ihr euch die Geschichte besser vorstellen könnt, habe ich hier in unserer Mitte das Feld aufgebaut. Ja, da spielt jetzt unsere Geschichte. Schaut gut hin und hört mir zu..."

Die Kinder, vom Licht der Kerzen, vom Aufbau der eigentlich eher kargen "Geschichtslandschaft" fasziniert, folgten mit gespanntem Interesse meiner Geschichte. Gesteigert wurde ihre Konzentration, ihre Faszination, durch das Einsetzen der Klangkugel und durch das Zeigen und Berühren der bunten Federn. In dieser Gruppe gelang es mir spielend, die Geschichte für die Kinder zu einem großartigen Erlebnis werden zu lassen.

Aus diesem Beispiel wird deutlich, wie sehr sich die von dem Erzähler bzw. der Erzählerin geschaffene Atmosphäre auf die Kinder auswirkt. Ich habe festgestellt, daß die Phantasie der Kinder durch diese Art des Vorlesens sehr angeregt wird. Auch zeigt das Beispiel sehr schön, daß es die Kleinigkeiten, die einfachen Gegenstände sind, aus denen im Nu eine "große Sache" wird. Die Kinder lernen das sehr schnell. So habe ich zum Beispiel beobachtet, daß eine kleine Blüte, von einem Kind mitgebracht, Auslöser war für ein einstündiges intensives Spiel auf dem Teppich. Diese den Kindern eigene Fähigkeit nutzen und fördern wir mit den Geschichten in meinem Buch (Diekhof 1998). Entführen Sie die Kinder ins Reich der Phantasie...

Meine Schatzkiste möchte ich nicht mehr missen

In unserem Kindergarten befindet sich inzwischen in jeder Gruppe eine Schatzkiste. Sie wird für die Kinder unzugänglich aufbewahrt und immer aufs neue mit den verschiedensten Dingen gefüllt, die beim Erzählen der "Erlebnisgeschichten" eingesetzt werden.

Unsere Kisten sind aus Holz und haben einen aufklappbaren Deckel. (Maße: ca. 40x30x25cm). Zusammen mit den Kindern haben wir sie - in jeder Gruppe anders - kunterbunt bemalt (Natürlich kann auch ein stabiler Pappkarton diesen Zweck erfüllen.)

Zur Zeit befinden sich die wundersamsten Dinge in meiner Schatzkiste: Verschiedene Fingerpüppchen, Murmeln, Klangkugeln, Steine, Muscheln, eine Flöte, Paillettenstoff, Duftpuder, Sonne und Mond aus Filz, Zapfen, bunte Federn, kleine Holzfiguren, Teelichter, Meditationskerzen, goldene Knöpfe, bunte Schafwolle, eine Spieluhr, ausgeschnittene Blüten, eine Dose mit Karnevals-Glimmer und eine mit goldenen Sternen usw. usf. Ich könnte mir eine Kindergarten-Arbeit ohne diese Kiste, ohne das Darstellende Erzählen kaum noch vorstellen! Ständig kommen neue Dinge hinzu ... und ich ertappe mich immer häufiger dabei, daß ich in Kaufhäusern und auf Flohmärkten nach kleinen Dingen Ausschau halte, die eventuell einmal in einer meiner Geschichten zum Einsatz kommen könnten. Und umgekehrt ist es so, daß diese kleinen Dinge mich inspirieren, neue Geschichten zu erfinden und aufzuschreiben.

Sieben dieser Geschichten möchte ich Ihnen in meinem Buch (Diekhof 1998) vorstellen, außerdem dazu passende Fingerspiele, Bastelanregungen, Theaterstücke, Rezepte, Traumreisen, Abzählverse und Stuhlkreis-Spiele. Viel Freude dabei!

Vorbereitung für "Die Traumdecke"

Empfohlene Gegenstände für die Darstellung: goldfarbenes Tuch, Duftpuder, bunte Steine, Teelichter, Blüten beliebiger Blumen, Duftlampe (Tannenduft), Stoffreste je ca. 10x10 cm in rot, blau, gelb, grün, gold, weiß

Atmosphäre: Ein goldfarbenes Tuch wird ausgebreitet und mit Blüten, bunten Steinen und brennenden Teelichtern geschmückt. Es duftet nach Tanne. Der Raum sollte abgedunkelt sein.

Die kursiv-Hervorhebungen bezeichnen die Stellen, an denen sich die Erzählerin mit den Gegenständen oder Klängen usw. an die Kinder wendet.

Die Traumdecke - Eine besinnliche Geschichte aus dem Land der Träume

Ziemlich weit von hier, in einem kleinen Städtchen am Rande eines tiefen, dunklen Waldes, da wohnte einmal ein kleines Mädchen mit seinen Eltern. Die Familie war sehr arm und sie hatten gerade genug Geld, um nicht zu verhungern. Vater, Mutter und Lisa, so hieß das Mädchen, wohnten alle drei in einem kleinen Häuschen, durch dessen schiefe Fenster der Wind pfiff. Doch das machte ihnen nicht soviel aus. Sie waren froh, ein Dach über dem Kopf und ein warmes Bett zum Schlafen zu haben. Lisa besaß nur wenige Spielsachen, aber auch das störte sie nicht so sehr. Sie war dennoch ein fröhliches Kind. Es gibt im Garten und im Wald draußen genug zum Spielen, dachte sie. Und so war Lisa oft stundenlang unterwegs und spielte mit Tannenzapfen und Wurzeln, mit Laub und Erde, mit Moos und Steinen.

"Wenn ihr tief einatmet, dann riecht ihr vielleicht auch den Wald?"

Ihre kleine Lumpenpuppe war natürlich immer dabei. Sie hatte knallrotes, zerzaustes Haar und sah ziemlich frech aus. Außer dem Püppchen besaß Lisa nur noch einen kleinen verbeulten Ball, den sie vor langer Zeit einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Eines Tages, an Lisas fünftem Geburtstag, kam die Großmutter zu Besuch. Lisa freute sich sehr, denn ihre Großmutter wußte immer die schönsten und spannendsten Geschichten zu erzählen. Als sie dann alle gemütlich am Küchentisch beieinander saßen, da überreichte Großmutter der Lisa ein dickes Paket. Lisa bekam große, glänzende Augen, als sie das Papier abgewickelt hatte und sie eine kunterbunte flauschige Decke in ihren Händen hielt. "Oh, Großmutter", flüsterte sie andächtig, das ist die schönste Kuscheldecke, die ich je gesehen habe." "Ja", sagte die Großmutter, "ich habe lange Zeit Stoffreste gesammelt, um daraus eine Traumdecke zu deinem Geburtstag zu nähen." "Eine Traumdecke?" Lisa besah sich die Decke näher. Sie schillerte in den Farben blau, weiß, rot und grün, gelb und gold.

Und schon nach wenigen Tagen wußte Lisa, warum Großmutter diese Decke "Traumdecke" genannt hatte. Ja, stell dir vor: Lisa träumte - mollig in die Decke eingekuschelt - die schönsten Träume, sobald sie ihre Augen schloß. Und das ganz Besondere daran war, daß Lisa sich ihre Träume aussuchen konnte! Kuschelte sie sich nämlich mit ihrem Kopf auf die blaue Stelle in der Decke, so konnte es sein, daß sie vom blauen Meer träumte.

Erzähler zeigt den Kindern ein blaues Stück Stoff

Im Traum hört sie das Rauschen der Wellen und das eifrige Kreischen der Möwen. Manchmal träumt sie sogar davon, wie sie sich in einen Delphin verwandelt und in die wunderschöne Unterwasser-Welt hinabgleitet. Sie sieht dann schillernde Fische vorbeiziehen. Algenfäden wiegen sich hin und her. Manchmal ziehen sogar gefährliche Haie ganz nah an ihr vorbei. Doch Lisa hat keine Angst. Im Traum kann ja nix passieren.

Besonders gerne träumt Lisa davon, auf einer dicken, bauschigen, schneeweißen Wolke zu reiten. Dazu stupst sie ihre Nase vor dem Einschlafen auf die weiße Ecke ihrer Traumdecke. Die Wolken sehen dann aus wie Pferde. Lisa sitzt bequem auf dem Rücken eines der Wolken-Pferde und schaut stolz auf die Erde hinunter. Huuii - das ist ein schönes Gefühl! Neulich, als sie ihre Nase wieder einmal auf ein weißes Fleckchen ihrer Decke gelegt hatte, da träumte sie, daß duftender Schnee vom Himmel herabrieselt.

Erzähler zeigt den Kindern das weiße Tuch

Ist das nicht herrlich? Ihr möchtet doch sicher wissen, wie der Schnee geduftet hat. Na, dann streckt doch mal eure Hände aus. So schön dufteten die Schneeflocken, die um Lisa herum in der klaren Winterluft tanzten.

Erzähler läßt Duftpuder auf die Hände der Kinder rieseln

Letzte Woche, als Lisa sich mal wieder so richtig gemütlich in ihre Traumdecke einkuschelte, da legte sie ihren Kopf kurz vor dem Einschlummern auf eine grüne Stelle der Decke. Was glaubt ihr wohl, wovon die kleine Lisa da träumte?

Erzähler zeigt den grünen Stoff

Stellt euch vor: Lisa verwandelte sich in einen grünen Grashüpfer und hüpfte fröhlich über eine saftig grüne Sommerwiese. Unterwegs begegneten ihr einige Marienkäfer und unzählige andere kleine Krabbeltiere. Alle waren sehr nett zu ihr, und im Traum konnte unsere Lisa leicht die Tiersprache verstehen. So hielt sie mit allen Tieren, die ihr begegneten, ein kleines Pläuschchen. Schön, nicht?

Als sie neulich, an einem Sonntag, ihre Nase auf die rote Farbe in ihrer Decke legte,...

... der rote Stoff wird gezeigt

...da hatte sie einen sehr spannenden Traum. Du wirst es nicht glauben - aber sie sah einen feuerspeienden Vulkan vor sich! Glühende dunkelrote Funken flogen durch die Luft und rote Lavamasse wälzte sich über das Land. Wunderschön sah das aus, und der Lisa wurde beim Anblick der Funken ganz warm.

Niemals könnte sich Lisa von ihrer Traumdecke trennen. "Träumen ist sooo schön", sagte sie oft zu ihrer Mama - und ich kann sie gut verstehen. Schaut mal!

Erzähler holt den gelben Stoff hervor

Diese Farbe befindet sich auch in der Decke. Was glaubst du wohl, wovon Lisa träumt, wenn sie ihren Kopf auf die gelbe Farbe legt? Ja, richtig! Von der warmen Sonne! Davon träumt sie am liebsten, wenn es draußen regnet und stürmt und die dicken Regentropfen an die Fensterscheiben prasseln. Dann kuschelt sie sich ganz tief in ihre Decke und träumt davon, im gelben Sand zu liegen und die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut zu spüren.

Doch den schönsten Traum träumt sie, wenn sie sich auf die goldene Farbe legt.

Die Kinder betrachten den goldenen Stoff

Das klappt nicht immer so, aber wenn Lisa Glück hat, dann träumt sie vom goldenen Traumland. Dort sind die Farben besonders leuchtend. Der Sand schimmert golden und die Steine glitzern wie Glas. Vögel mit einem Federkleid, so bunt wie ein Regenbogen flattern durch die lauwarmen Lüfte. Sie setzen sich auf die Zweige der silbrig glänzenden Bäume und zwitschern die schönsten Melodien. Schau dort zur goldenen Decke: Siehst du die wunderschönen Blumen und Steine? Vielleicht kannst du dir nun Lisas Traum ein wenig besser vorstellen?

Möchtest du auch von den wundersamen Dingen träumen? Dann versuch es doch einmal. Lisa gibt dir gerne ein kleines Stückchen von ihrer Decke ab.

Jedes Kind bekommt ein Stückchen Stoff

Vielleicht erzählst du mir morgen, wie es im Reich der Träume gewesen ist ...

Literatur

Diekhof, M.: Phantasien aus der Schatzkiste. Berlin: Pädagogik-Verlag MAWO 1998

Weitere Leseproben

http://www.kitabuch.de

Kontakt

M. Diekhof, Email: mariele@kitabuch.de

Im Raum Berlin/Brandenburg führt die Autorin Seminare für ErzieherInnen und Fachpersonal zu den Themen Projekte, Geschichten und Kreativitätserziehung durch. Anfragen auch telefonisch unter: 030/85602157.