Graphomotorische Förderung durch Motopädagogik im Kindergarten

Barbara Perras-Emmer

 

"In diesem Prozess geht es um die Aneignung jener sprachlichen Grundfertigkeit über motorische Handlungen, Sprache in solche graphischen Zeichen umzusetzen, die für die schriftliche Verständigung notwendig sind" (Michael Wendler, Motologe aus Marburg, Abschlusskurs zur Zusatzqualifikation Motopädagogik Nov. 1999 in Parsberg).

Im Rahmen der Motopädagogik werden alle Voraussetzungen, die für das Schreibenlernen notwendig sind, auf ganzheitlicher Basis angesprochen: die Mundmotorik und das Sprachgefühl, das Hören und Sehen, die Wahrnehmung (Figur-Hintergrund-Wahrnehmung), das Denken, die Emotionen und das Sozialverhalten, der Tastsinn, Grob- und Feinmotorik, das Gleichgewicht und die Verknüpfung der beiden Gehirnhälften.

Vorschulkinder müssen Grundelemente unterscheiden können, z. B. lang - kurz, aber auch Veränderungen und Überkreuzungen. Erkennt ein Kind nicht, dass eine 8 nicht aus zwei einzelnen Kreisen, sondern aus einer Überkreuzbewegung entsteht, hilft es nicht, es verbal darauf hinzuweisen oder stur zu üben. Natürlicherweise im kindlichen Freispiel enthaltene Betätigungen können hier spielerisch aufgegriffen werden und der gezielten Förderung dienen: Vor- und Nachlegen von Zeichen mit Seilen oder Meterstäben, zuerst nach sicht- und spürbarer Vorlage, dann mit verbundenen Augen mittels Tasten und später nach vorgelegten Aufzeichnungen. Dabei kann auch beobachtet werden, ob das Kind bereits eine manuale Dominanz, d. h. eine bevorzugte Händigkeit entwickelt hat. Rechtshänder haben es bereits bei der Wahrnehmung leichter, da sie von links nach rechts "lesen", so, wie auch unsere Schrift aufgebaut ist. Linkshänder "tasten" das Bild ähnlich einem Kopierer oder Scanner zuerst von rechts nach links ab und versuchen es anschließend anders (richtig) herum. Sie kommen zwar zum gleichen Ergebnis, brauchen dazu jedoch mehr Zeit.

Trotzdem sollen Linkshänder keinesfalls umtrainiert werden, sondern in ihrer Fertigkeit = Schnelligkeit gefördert werden. Wenn Linkshänder zum Gebrauch der rechten Hand gezwungen werden, nehmen sie in unbeobachteten Augenblicken wieder die linke Hand. Es ist für sie unlogisch, die "schlechtere" Hand zu nehmen, wo sich doch die linke Hand im gleichen Maß der Förderung der rechten verbessert. Deshalb trainieren Spitzensportler (Tennis, Fußball usw.) auch die Gegenhand bzw. das Gegenbein, um die bessere, bevorzugte Seite noch mehr zu fördern!

Zusammenfassend muss also die Lateralität, die Wahrnehmung und die Geschicklichkeit beobachtet und gefördert werden. Die Entwicklung dieser Bereiche geschieht normalerweise von selbst und muss aufmerksam durch die Erzieher beobachtet werden. Das geschieht durch freie und strukturierte Beobachtung, Diagnostik und Förderphase: Welche Hand bevorzugt das Kind, wo beginnt es ( auf dem Blatt), wie ist seine Atmung und Anspannung, über welche graphomotorische Fähigkeiten verfügt es?

Die Spiegelschrift, die bei jedem Kind einmal während der Kindergartenzeit auftritt, ist auf die Entwicklungsgeschichte der Menschen zurückzuführen: Die Natur fertigt normalerweise immer eine Kopie, um das Überleben zu sichern: So gab es z. B. bei den Birkenfaltern, die normalerweise weiß sind, um sich auf den weißen Birkenstämmen tarnen zu können, schwarze Mutanten. Bei starker Luftverschmutzung wie im Ruhrgebiet hatten nun die schwarzen auf den verrußten Stämmen die größere Überlebenschance. Im Rahmen der veränderten Kindheit tritt diese Phase der gespiegelten Wahrnehmung bei unseren Kindern relativ spät ein, früher wurde sie im Alter von 3 bis 4 Jahren festgestellt. Wichtig ist, dass in dieser Zeit dem Kind nicht mitgeteilt wird, dass es falsch wahrnimmt, um das Vertrauen in das eigene Können nicht zu erschüttern. Mit dem Wissen der Eltern um eine biologische Entwicklungsphase der Kinder können sie diese Zeit mit spielerischer Wahrnehmungsförderung überbrücken, ohne Ängste hinsichtlich der Schulreife zu entwickeln.