Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Gisela Hundertmarck

Manfred Berger

 

Gisela Hundertmarck wurde am 20. Mai 1930 als Jüngste von drei Schwestern in Duisburg geboren. In Witten an der Ruhr legte sie 1950 an einem Mädchengymnasium das Abitur ab:

"Die Mutter wollte allen Töchtern die Bildungschancen zukommen lassen, die ihr selbst als ältestem Mädchen mehrerer Geschwister versagt worden waren. Nachdem der Vater von Gisela Hundertmarck 1947 gestorben war, konnte sich die Mutter noch intensiver für den Lebensweg ihrer Töchter engagieren. Finanziell gesehen gab es allerdings wenig Spielraum, weil die Witwen- und Waisenrenten damals sehr klein waren, so daß jedes Familienmitglied für den eigenen Lebensunterhalt mitsorgen musste" (Ulshoefer 1986, S. 113).

Und so entschloss sich Gisela Hundertmarck nach dem Abitur für die verhältnismäßig kurze Ausbildung zur Gymnastiklehrerin an der renommierten Gymnastikschule Schwarzerden in Gersfeld an der Röhn. Nach der zweijährigen Ausbildung blieb Gisela Hundertmarck insgesamt sieben Jahre als Unterrichtende an der Schule. Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Bildungsinstitution wurde eine Chronik der Schule publiziert, für die Gisela Hundertmarck das Vorwort schrieb (vgl. Schwarzerden/Rhön e.V. 1989).

Von 1961 bis 1963 absolvierte sie in Kassel die Jugendleiterinnenausbildung am Evangel. Fröbel-Seminar, das von Erika Hoffmann, der großen Fröbelforscherin, geleitet (1951 bis 1966) wurde und die das Interesse ihrer Schülerin für die Kleinkinderpädagogik und den Begründer des Kindergartens weckte und förderte. Über Friedrich Fröbels Bedeutung für die heutige Zeit vermerkte Gisela Hundertmarck:

"Er (Friedrich Fröbel; M.B.) bleibt den Kindern vielleicht weniger schuldig als wir es heute tun, wo wir ihnen zwar viele rationale Erklärungen, Freiräume und Erfahrungsmöglichkeiten geben, aber die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, wie wir sie selbst für uns zu beantworten versuchen, meistens aussparen. Wir können heute nicht mehr Fröbels Weltanschauung teilen, aber die Beschäftigung mit seinem Werk kann anregen und in unseren Überlegungen weiterführen, zum Nachdenken über unsere Einstellung zum Kind bringen" (Hundertmarck 1982, S. 123).

Auf Anraten von Erika Hoffmann studierte Gisela Hundertmarck zunächst in Göttingen (bei Heinrich Roth) und dann in Tübingen (bei Andreas Flitner) die Fächer Psychologie, Soziologie und Pädagogik. Ihr Studium schloss sie 1969 mit der Promotion ab. Für ihre Dissertation hatte sie das Thema "Soziale Erziehung im Kindergarten" und als Methode ihrer pädagogischen Forschung die teilnehmende Beobachtung gewählt:

"Als Ergebnis beschreibt sie, wie Kinder im Kindergarten soziales Verhalten erlernen, daß bereits kleine Kinder Gefühle von Sympathie und Antipathie füreinander haben, wie notwendig eine pädagogisch versierte Gruppenerzieherin ist. Sie beschreibt aber auch die institutionellen Bedingungen, wie räumliche Ausstattung in ihrem Einfluß auf soziales Verhalten" (Ulshoefer 1986, S. 115).

Die Veröffentlichung ihrer wissenschaftlichen Arbeit war seinerzeit ein wichtiges Korrektiv innerhalb der Kindergartenpädagogik, die in ihrer intellektuellen Förderung zu erstarren drohte. Demgegenüber stellte Gisela Hundertmarck, wie schon angedeutet, die soziale Erziehung und emotionale Sicherheit in den Vordergrund der Kindergartenarbeit. Dazu dekretierte sie in ihrer erfolgreichen Publikation:

"Internationale Lernprozesse können gerade beim kleinen Kind nicht isoliert gesehen werden; wesentliche Vorraussetzung für die Wirksamkeit des Lernens sind vielmehr die emotionale Sicherheit des Kindes und seine freudige Bereitschaft, sich um etwas zu bemühen - sei es, ein Puzzlespiel zu Ende zu legen, eine Schleife am Schuh zu binden oder in der Gruppe ein neues Lied zu lernen. Alle Inhalte der Kindergartenarbeit wie Spiel, häusliche Tätigkeiten und Gartenarbeit, Werken, Singen, Gymnastik, Übungen zur Sprach- und Denkentwicklung üben die beste Wirkung auf das Erleben des Kindes und auf seine Entwicklung aus, wenn es sich frei und sicher fühlt und seiner Umwelt aufgeschlossen und mit Wißbegierde gegenübersteht. Die Voraussetzungen dafür sind tragfähige Beziehungen der Kinder zu ihren Erziehern und zu ihren Altersgenossen, und so ist die Sozialerziehung für die gesamte Bildungsarbeit des Kindergartens von grundlegender Bedeutung" (Hundertmarck 1969, S. 129).

Nach dem Studium kehrte Gisela Hundertmarck als Lehrende an das Evangel. Fröbel-Seminar nach Kassel zurück, übernahm aber 1971 einen Lehrauftrag an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Darmstadt sowie1975/76 eine Professur für Erziehungswissenschaft (mit Schwerpunkt Vorschulerziehung) an der Universität Münster. Über ihre kurze Zeit als Hochschuldozentin und ihren weiteren Berufsweg ist nachzulesen:

"'Ich merkte aber, daß man an der Uni vielleicht noch mit einem Forschungsauftrag in das Geschehen hineinkommt', begründete sie rückblickend ihre Entscheidung, nach drei Semestern auf die weitere Universitätslaufbahn zu verzichten, daß jedoch 'die spannendsten und interessantesten Fragen dort nicht entschieden werden, sondern in den Ministerien mit den Spitzenverbänden'. Nicht nur die geringen Möglichkeiten zur Mitgestaltung der sozialpädagogischen Praxis, sondern auch Rivalität und Feindseligkeiten zwischen konkurrierenden Gruppen führten zur raschen Entscheidung, die Leitung eines Referates im Rheinland-Pfälzischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport in Mainz zu übernehmen. Hier war sie seit 1977 als Referentin bzw. Ministerialrätin zuständig für Tageseinrichtungen für Kinder und für die Aus- und Fortbildung sozialpädagogischer Fachkräfte" (Lost 1999, S. 70).

Daneben engagierte sich Gisela Hundertmarck noch in der "Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörde", im Fachausschuss "Soziale Berufe" beim "Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge", im Fachgremium der "Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe" sowie im "Pestalozzi-Fröbel-Verband", dessen Vorsitzende sie von 1974 bis 1983 war. Zusätzlich zu ihrer beruflichen Tätigkeit war sie noch publizistisch tätig. Zusammen mit Helgard Ulshoefer gab sie 1972 beim Kösel-Verlag ein vielbeachtetes dreibändiges Lehrwerk über "Kleinkindererziehung" heraus. Dieses schloss damals eine Forschungslücke innerhalb der Kleinkinderpädagogik, zumal die Herausgeberinnen großen Wert auf eine fachübergreifende Darstellung der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (wie Soziologie, Psychologie Medizin, Rechtswissenschaft u.a.) legten:

"In Abweichung von traditionellen, fachorientierten Lehrbüchern wurde eine problemorientierte Darstellung gewählt, da im Bereich der Kinderforschung und -pädagogik nur Ansätze und Betrachtungsweisen, die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen vereinigen, dem komplexen Gebiet der Sozialisation von Kindern gerecht werden können. Diese Darstellung soll außerdem Ansätze für projektorientiertes Studium bieten und dazu beitragen, den Studierenden die Integration verschiedener Fächer zu erleichtern" (Hundertmarck/Ulshoefer 1972, S. 8).

Lange wurde (und wird noch immer) innerhalb der Kindergartenpädagogik diskutiert ob die Förderung und Erziehung von Kindern in altersgemischten oder in gleichaltrigen Gruppen die günstigere und erfolgreichere sei. Schon 1978 plädierte Gisela Hundertmarck für altersgemischte Gruppen, nicht ohne die negativen Auswirkungen zu übersehen:

"Die differenzierte Gruppenarbeit ist besonders gut in der altersmäßig gemischten Gruppe durchzuführen. Hier haben die Kinder in viel höherem Maß als in der Jahrgangsgruppe unterschiedliche Erfahrungen, einen anderen Entwicklungsstand, andere Interessen und Fähigkeiten. Die Kinder regen sich gegenseitig an, helfen und trösten einander, sie lernen es, gemeinsam Konflikte zu lösen. Die Kinder sind weniger abhängig vom Erwachsenen, der damit wiederum mehr Zeit gewinnt, um in Situationen, in denen einzelne Kinder allein nicht weiterkommen, zu helfen und weiterführende Wege zu zeigen. Natürlich darf aus dieser Beschreibung nicht geschlossen werden, daß sich in einer altersgemischten Gruppe die positiven sozialen Beziehungen von selbst ergeben. Man kann sich leicht auch eine Entwicklung vorstellen, die negativ verläuft: Die Größeren tyrannisieren die Kleineren, die Kleinen fürchten die Großen und sind überfordert, während die Großen sich langweilen. Der Umgang der Kinder untereinander hängt erheblich davon ab, wie die pädagogischen Mitarbeiter den Kindern begegnen und wie sie das Verständnis der Kinder füreinander wecken" (Hundertmarck 1978, S. 134).

Aus gesundheitlichen Gründen ging Gisela Hundertmarck 1990 in den Ruhestand. Zusammen mit ihrer Freundin lebte sie zurückgezogen in Poppenhausen/Rhön, blieb aber weiterhin in Wort und Schrift, insbesondere für die Kindergartenpädagogik tätig. Gisela Hundertmarck starb am 1. Dezember 1997. Beigesetzt wurde die Verstorbene am 5. Dezember auf dem Friedhof von Poppenhausen unter großer Anteilnahme von Vertreter/innen der sozialpädagogischen Fachwelt.

Literatur

Berger, M.: Ein Leben für die Sozialpädagogik. Zum Tod von Gisela Hundertmarck, in: Unsere Jugend 1998/H. 5

ders.: Ein Leben für die Kindergartenpädagogik. In memoriam Gisela Hundertmarck, in: Wissenschaft und Praxis im Dialog 1998/Nr. 69

Ebert, S.: Zum Tod von Gisela Hundertmarck - ein Nachruf, in: Mitgliederrundbrief des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes, Januar 1998

Hundertmarck, G.: Soziale Erziehung im Kindergarten, Stuttgart 1969

dies.: Die Gruppe im Kindergarten, in: Mörsberger, H./Moskal, E./Pflug, E. (Hrsg.): Der Kindergarten, Bd. 2, Das Kind im Kindergarten, Freiburg 1978

dies./Ulshoefer, H. (Hrsg.): Kleinkindererziehung. Lehrbücher für Sozialpädagogen, Band 3, Institutionen der Kleinkinderziehung, München 1972

dies.: Zur Wiederkehr des 200. Geburtstages von Friedrich Fröbel, in: Deutscher Caritasverband e. V. (Hrsg.): Caritas '82. Jahrbuch des Deutschen Caritasverbandes, Freiburg 1982

Lost, Ch.: Mitmenschlichkeit und Zusammenarbeit. Zu Persönlichkeit und Lebensleistung von Prof. Dr. Gisela Hundertmarck (1930-1997), in: Auernheimer, R. (Hrsg.): Erzieherinnen für die Zukunft. Berufsprofil im Wandel, Hohengehren 1999

Narowski, C.: Worte zur Trauerfeier für Gisela Hundertmarck, in: Mitgliederbrief des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes, Januar 1998

Schwarzerden/Röhn e.V. (Hrsg.): Chronik der Schule Schwarzerden. Geschichte einer Frauensiedlung in der Rhön 1927-1987, Gersfeld-Bodenhof 1989

Ulshoefer, H.: Ein Berufsleben für die Sozialpädagogik - Gisela Hundertmarck, in: Kaiser, M./Oubaid, M. (Hrsg.): Deutsche Pädagoginnen der Gegenwart, Köln 1986

o.V.: Gisela Hundertmarck: 'Ich habe großes Glück gehabt'. Ein Gespräch über eine höchst erfolgreiche Berufskarriere, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1996/H. 1