Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Baronin Adele von Portugall

Manfred Berger

 

Im Alter von 82 Jahren starb am 6. Juni 1910 in Neapel Baronin Adele von Portugall. Sie war eine der unermüdlichsten Vorkämpferinnen der Fröbelschen Erziehungslehre, die sie weit über die Grenzen Deutschlands hinaus trug:

"Im Ausland hat Frau von Portugall ihre segensreiche Wirksamkeit entfaltet, die einen Zeitraum von über 40 Jahren umfasst. In französischer Sprache im Kanton Genf und in italienischer in dem volkreichen Neapel hat sie die Ideen des großen deutschen Kinderfreundes vielen jugendlichen Frauenseelen zum Verständnis gebracht, hat mit ihnen und durch sie eine grosse Zahl von Kindergärten ins Leben gerufen, in denen Fröbels Geist lebendig war, echte Pflanzstätten edlen Menschentums durch ebenso naturgemässe wie sinnige Kindheitspflege ... Im Anfang der 70er Jahre eröffnete sie einen Kindergarten in dem eben dem Deutschtum wiedereroberten Reichsland, in Mühlhausen im Elsass. Ein Ruf der Genfer Kantonalregierung führte sie wieder ins Ausland ... Sie wirkte in ungeschwächter Kraft bis weit über ihr 70. Lebensjahr hinaus für die Sache Fröbels, zuletzt 18 Jahre lang an einer von Frau Julie Salis Schwabe in Neapel gegründeten Volkserziehungsanstalt" (Klostermann 1910, S. 234 f.).

Die Baron hielt im Sommer 1904 in Jena sechs Vorträge über die Pädagogik des Kindergartenbegründers, die 1905 unter dem Titel "Friedrich Fröbel. Sein Leben und Wirken" in Buchform erschienen. Die Publikation gibt einen anschaulichen Einblick "in die genetisch-entwickelnde Methode Fröbels, in die Konzeption der 'Menschenerziehung' und der 'Mutter- und Koselieder', informiert über Gründung und Zweck des Kindergartens, kennzeichnet Fröbel als Lehrer, betont sein Anschauungsprinzip und gibt einen Abriß der Beschäftigungsmittel" (Heiland 1972, S. 38). Erst durch diese Veröffentlichung wurde der Name der Autorin und ihr pädagogisches Wirken auch in deutschen Fachkreisen bekannt.

Adelheid Johanna Emilie Hoburg erblickte am 30. April 1828 als drittes von fünf Kindern des Majors Karl Wilhelm Hoburg und seiner Ehefrau Johanna Wilhelmine (geb. Hendewerk) in Königsberg das Licht der Welt. Der strenge und rechtschaffende Vater wünschte sich seine Töchter für das Haus erzogen, und sie erhielten so die übliche Erziehung "höherer Töchter", mit Fremdsprachen, Klavier- und Gesangunterricht sowie Handarbeiten, die freilich ihren intellektuellen Fähigkeiten kaum gerecht zu werden vermochten.

Die Familie Hoburg übersiedelte 1845 nach Danzig. Mit 22 Jahren lernte Adele Hoburg den schlesischen Adeligen Baron Karl Reinhard von Portugall kennen, den sie ein Jahr später heiratete. Der Baron brachte einen Sohn, der jedoch bald nach der zweiten Heirat seines Vaters starb, mit in die Ehe. Bereits im Jahre 1858 starb der Baron. Die kinderlose Witwe übersiedelte nach Berlin. Dort besuchte sie, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, "Vorlesungen" der Baronin Bertha von Marenholtz-Bülow über die Fröbelschen "Mutter- und Koselieder". Daraufhin änderte sich das Leben von Adele von Portugall:

"Mit diesem Entschluß trat Adele von Portugall in eine neue Welt ein, eine geistige Welt, die sie in unentwegtem Streben nach Vervollkommnung sich ganz zu eigen machte, ohne dadurch irgendwie in Einseitigkeit zu verfallen. Unerwartet und unvorbereitet in die Bahn der Erziehung geworfen, entdeckte sie in sich gute Anlagen zu diesem Beruf, kam aber auch zu der Überzeugung, daß Tüchtigkeit darin nur durch Selbsterziehung zu erlangen sei ... Wir sehen nun die verwitwete, in unabhängigen Verhältnissen stehende Baronin im Frühjahr freiwillig Schülerin einer im Sinne Fröbels geführten Erziehungsanstalt für junge Mädchen werden. Sie verlebte den Sommer in Watzum, wo Henriette Breymann im elterlichen Pfarrhause im Verein mit den Ihrigen für weibliche Erziehung nach höchsten, selbstgesteckten Zielen wirkte ... Von der genialen Persönlichkeit Henriette Breymanns, die mit ihr im gleichen Alter stand, fühlte sie sich sehr angezogen ... Von den kurzen Sommermonaten wurden zwei durch den Besuch von Frau von Marenholtz ausgefüllt, die mit den reiferen Mitgliedern des Erziehungskreises in Watzum in allabendlichen Besprechungen Fröbels Menschenerziehung durchnahm. Frau von Portugall war durch eigenes Studium im Anschluß an Henriette Breymanns Stunden schon tief in dieses Hauptwerk Fröbels eingedrungen. Sie schreibt davon: 'Es entschloß sich mir eine ganz neue Welt, und obgleich ich schon 32 Jahre alt war, erlebte ich doch noch eine völlige Umgestaltung meiner Auffassung des Lebens und der Religion.' Ihr sicheres Urteil zeigte sich auch darin, daß sie sich zwar selbst 'je länger je mehr von der unendlichen Tiefe Fröbelscher Gedanken überzeugt, ja überwältigt fühlt', doch auch sich nicht darüber täuscht, 'daß seine Lehre, ehe sie ganz zur Geltung kommen kann, noch lange angefeindet und verkannt und erst späteren Generationen zu Nutzen und Heil angewendet werden wird'. Selbst dem anerkannt bezwingenden Einfluß der Frau Marenholtz verfällt sie nicht etwa blindlings, sondern beobachtet mit Betrübnis, wie diese in ihrem Übereifer, der Fröbelsache zum Siege zu verhelfen, sich besonders Männern gegenüber leicht in unlogische Schlüsse verwickelt und dadurch dem Ansehen ihrer Sache schadet. Adele selbst erkennt mit dem ihr eigenen Scharfblick, daß es zum Eindringen in Fröbels religiöse Anschauungen, die von den damals herrschenden völlig abweichend sind, einer gänzlichen Umstellung bedarf; sie verkennt aber auch keinen Augenblick, daß Fröbels Lehre ohne ihren religiösen Hintergrund eine taube Frucht ohne Kern ist" (Klostermann 1928, S. 97).

Ihre Ausbildung vervollständigte die Baronin in Gotha an dem hiesigen Lehrerinnen- und Kindergärtnerinnenseminar. Anschließend arbeitete sie als Kindergärtnerin zuerst in Gotha und ab 1861 in Manchester. Im Herbst 1863 kehrte sie nach Berlin zurück und unterstützte aktiv Baronin Bertha von Marenholtz-Bülow, die gerade mit Unterstützung des "Berliner Frauen-Vereins" den ersten Volkskindergarten gegründet hatte. Weitere Gründungen erfolgten, nachdem sich Bertha von Marenholtz-Bülow noch im selben Jahr vom "Berliner Frauen-Verein" wegen programmatischer Differenzen getrennt und einen eigenen Fröbel-Verein etabliert hatte, den "Verein für Familien- und Volkserziehung". Zugleich übernahm Adele von Portugall die Unterrichtung junger Ausländerinnen, die in Berlin einen "Fröbel-Kurs" besuchten. Schließlich kam es zu Konflikten zwischen den beiden adeligen Frauen. Daraufhin übersiedelte Adele von Portugall im Jahre 1864 nach Genf. Dort gründete und leitete sie eine allumfassende Erziehungs- und Bildungsinstitution, die zuletzt außer dem Kindergarten vier Elementarklassen für beide Geschlechter, vier höhere Klassen für Mädchen, Fortbildungskurse in Fremdsprachen und wissenschaftlichen Fächern, vereint mit allgemeiner Pädagogik und Einführung in die Theorie und Praxis des Kindergartens, umfasste. Leider musste die private Institution nach acht Jahren erfolgreicher Arbeit aus finanziellen Gründen seinen Betrieb einstellen.

Nach fast zweijährigem Engagement für den Aufbau von Kindergärten im Sinne Fröbels in Mühlhausen, kehrte die Baronin von Portugall wieder nach Genf zurück. Ihr Auftrag war, die Umgestaltung der Kleinkinderschulen des Kantons Genf in Fröbelsche Kindergärten. Im Jahr 1884 übersiedelte die Baronin nach Neapel und übernahm die Aufsicht und Leitung des bekannten "Instituto Froebeliano", dem sie 18 Jahre vorstand. Über die weit über die Grenzen Italiens bekannte Anstalt schrieb Adele von Portugall in ihrer unveröffentlichten Autobiographie:

"Der Kindergarten, welcher, wie überall, Kinder von 3 bis 6 Jahren aufnimmt, teilt sich in zwei Theile, der eine unentgeltlich (Volkskindergarten), der andere bezahlend. Dasselbe gilt von der Elementarschule. Jeder Kindergarten hat drei Abtheilungen und jede der Elementarschulen vier Klassen. Kindergarten und Elementarschule sind verbunden durch drei parallele Übergangs- oder Vermittlungsklassen, in welche Kinder nach vollendetem 6. Lebensjahr eintreten ... Die Knaben verlassen die Anstalt im 11. bis 12. Jahre, die Mädchen hingegen setzen ihr Studium der Scuola superiore fort, machen mit dem 17. bis 18. Lebensjahr ihr Staatsexamen und treten dann in das Fröbelseminar, wo sie praktisch und theoretisch zu Kindergärtnerinnen gebildet werden" (zit. n. Berger 1995, S. 160).

Bis ins hohe Alter blieb die Baronin aktiv tätig für Fröbel und seine Idee des Kindergartens. Sie referierte auf zahlreichen Tagungen und Kongressen, u. a. in Italien, Deutschland, Österreich, England und Frankreich.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch. Frankfurt 1995

Heiland, H.: Literatur und Trends in der Fröbelforschung, Weinheim 1972

Klostermann, H.: Adele von Portugall, in: Kindergarten 1910, S. 233 f

dies.: Adele von Portugall geb. Hoburg, in: Kindergarten 1928, S. 93 ff. und 1929, S. 49 ff.

Portugall, A.: Friedrich Fröbel. Sein Leben und Wirken, Leipzig 1905